Tour de Baroque

 

Durch das Tal eines ausgetrockneten Flussbetts radeln wir vorbei an Kleinbauern, Opuntien mit roten Früchten und blühendem Oleander gen Scicli (4). Außer durch seine Barockbauten ist die angenehme Stadt auch durch die Serie „Commissario Montalbano“ berühmt geworden, die hier verfilmt wurde. Doch der Ort ist bei Weitem nicht so überlaufen wie seine „großen“ barocken Schwestern. Beachtlich sind auch die vielen Keramikgeschäfte mit der hier typischen Töpferware in Gelb, Blau und Grün. Diese Kunst existiert auf Sizilien seit prähistorischen Zeiten. Stil und Motive sind bis heute beeinflusst aus der Zeit des maurischen Spanien. Auffällig oft werden teste di moro, „Mohrenköpfe“, als Pflanzgefäß verkauft. Einer Legende nach geht dies auf ein Mädchen aus Palermo zurück, das sich in einen Mann dunkler Hautfarbe verliebt hatte. Als dieser zu seiner Frau zurückkehren wollte, schnitt sie ihm kurzerhand den Kopf ab und benutzte ihn fortan als Pflanzgefäß. So hatte sie ihn immer bei sich.

Italien - Sizilien - an der Küste bei Scicli

An der Küste bei Scicli

Wir radeln mehr oder weniger an von fetten Agaven und Opuntien gesäumten Stränden entlang bis Pozzallo (5). Pozzallo ist ein größerer, hektischer Badeort mit einem mittelalterlichen Turm und einem kilometerlangen schönen Strand in einer Dünenlandschaft. Teils reichen die hohen Sanddünen bis an die Straße. November? Kaum zu glauben, denn wir werfen uns sofort in die Fluten des Mittelmeers. Weiter fahren wir zu diversen Feuchtgebieten, in denen sich Zugvögel aufhalten. Im Pantano Cuba entdecken wir gar durchs Wasser stelzende Flamingos. Auch kurz vor Noto erstrecken sich Dünen, Wälder und Feuchtgebiete: Im Naturreservat „Reserva Naturale Vendicari (6)“ finden Naturliebhaber all das. Durch Lagunenseen staken dort Reiher und Kraniche.

Italien - Sizilien - Zona della Marza (Feuchtgebiete): hier die Pantano Cuba mit Flamingos

Pantano Cuba mit Flamingos

Zum südlichsten Punkt Siziliens, den Isola delle Correnti (7), die südlicher liegen als Tunis, radelt man durch landwirtschaftlich bewirtschaftetes Gebiet oftmals zwischen den Plastikplanen der Treibhäuser, die für das Frühgemüse sorgen, das dann in Deutschland verkauft wird. Die Plastikwände mögen manchem nicht gefallen, genauso wie der Müll an den Straßenrändern. Immer wieder tauchen nun Schilder auf, die die Radroute als Teil des Projekts „Medinbike“ ausweisen. Glatt asphaltierte Radwege ohne Autoverkehr sollte man dennoch nicht erwarten. In Puncto Radtourismus gäbe es noch einiges zu tun. Doch auf den kleinen Nebenstraßen der von Biketeam prima ausgearbeiteten Route lässt es sich prima radeln. Schon an der Piazza dei due Mari in Portopalo (8) lockt ein Pizzastück mit den berühmten, schmackhaften Kirschtomaten aus Pachino und die nächste Aussicht aufs blaue Wasser.

Italien - Sizilien - Bei der ehemaligen Thinfischfabrik im Fischerdorf Marzamemi

Bei der ehemaligen Thinfischfabrik im Fischerdorf Marzamemi

Das Fischerdorf Marzamemi (9) beherbergte einst eine Tonnara, eine Thunfischfabrik. Darin sind heutzutage allerlei hübsche Geschäfte mit Souvenirs und Produkten der Region, Cafés und Restaurants untergebracht. Ein Highlight ist der Laden „Sapori della Terra e del mare Siciliana“ in einer Konservenfabrik mit Spezialitäten wie Thunfischkonserven, Tomaten aus Pacchino, Schokolade aus Mòdica, Pistazienpesto usw. Die grünen Nüsse sind hier allgegenwärtig und erfreuen sich bei Radfahrern in Form von Pistazieneis oder -keksen großer Beliebtheit.

Fluch und Segen

Italien - Sizilien - Blick über Noto und bis ans Meer

Blick über Noto und bis ans Meer

Barock pur: Noto (10)! Wie in all den Barockstädten stoßen wir auch hier auf die immer gleiche Jahreszahl: 1693. Fluch und Segen. Damals fand ein großes Erdbeben statt, das viele Gebäude im Val di Noto zerstörte. Infolgedessen baute man die Städte in barocker Pracht wieder auf. Von Kunsthistoriker Cesare Brandi wurde das imposante Noto als „Giardino di Pietra“, Garten aus Stein mit ca. 50 Kirchen und 15 Palästen bezeichnet. Am Corso Vittorio Emanuele reihen sich berühmte Bauten mit Verschnörkelungen und bauchigen Eisenbalkonen aneinander. An der Piazza XVI. Maggio treffen wir wieder auf Galiardi: Die Fassade der Chiesa San Domenico wurde von ihm geplant. Die Piazza dei Municipio ist die Hauptsehenswürdigkeit mit dem Palazzo Ducezio, heute das Rathaus, und der bombastischen Cattedrale San Nicolo mit ihren herrlichen Fresken im Inneren. Nebenan in der Via Nicolaci geht's steil bergauf in die Gassen der Oberstadt. Doch halt, am Palazzo dei Nicolaci finden sich unzählige Masken und Fratzengesichter, die die Balkone stützen. Genickstarre garantiert. Die ganze Stadt ist eine einzige Barock-Orgie in Pracht und Wollust, in der Punkt 18 Uhr die allabendliche Passegiata beginnt. Auf und ab, ein Schwätzchen mit Pistazieneis hier, ein Aperitivo dort. Achtung, letztere kommen oft mit einer Art Vorspeisenteller daher, der ein Abendessen überflüssig macht.

Italien - Noto in Sizilien - Balkone in der Via Nicolaci am Palazzo Nicolaci di Viladorata (Fratzen und Fabelwesen stützen die Balkone)

Balkone in der Via Nicolaci am Palazzo Nicolaci di Viladorata (Fratzen und Fabelwesen stützen die Balkone)

Die letzte Etappe führt über Land an Bäumen vorbei, an denen im November fette Orangen und Zitronen hängen, und an die feinen Strände von Fontane Bianche und Arenella. Das Finale findet in Syrakus (11) statt, in den engen Gassen der Insel Ortigia, der Insel der Wachteln, dem Kern der Stadt mit ihren engen Gassen, barocken Palästen, Kirchen und weiten Plätzen. Die Piazza Duomo ist gesäumt von prunkvollen Palazzi und dem Dom, der um den griechischen Athena-Tempel herum gebaut wurde. Auch der Athena-Tempel war einst auf einem älteren Heiligtum erbaut worden. So finden sich am und im Dom einige griechische Relikte wie z.B. der Altartisch. Einst war Siracusa in der Antike eine mächtige hellenische Stadt mit 500.000 Einwohnern.

Italien - Sizilien - Syrakus, Piazza Duomo mit Dom

Piazza Duomo mit Dom

In der Neapolis, der griechischen „Neustadt“, befindet sich der Parco Archeològico mit dem römischen Anfiteatro und dem Teatro Greco, das 15.000 Zuschauer fasste und einen Durchmesser von fast 140 Metern hat. Es war das größte Theater der Antike. Auch heute noch finden in den Sommermonaten dort Aufführungen statt. Dahinter liegen die Latomie, die ehemaligen Steinbrüche, in denen Sklaven schuften mussten, und das Ohr des Dionysos. Die Höhle diente der Sage nach Dionysos dazu, seine Feinde abzuhören. Tatsächlich ist die Akustik verblüffend und jedes noch so leise Geräusch wird laut. Wir flüstern: Addio Sicilia! Grazie! Es wird hundertfach verstärkt.

Italien - Sizilien, Syrakus - Neapolis, Teatro Greco, größtes Theater der Antike

Neapolis, Teatro Greco, größtes Theater der Antike

Sizilien kompakt

Reiseanbieter

Die beschriebene individuelle Radreise „Zwischen Canyons und barocker Baukunst“ www.biketeam-radreisen.de/radurlaub-veloreise-sizilien/ wird angeboten von Biketeam Radreisen, Lise-Meitner-Str. 2, 79100 Freiburg, Tel. 0761 - 556 559 29, E-Mail: info@biketeam-radreisen.de

Anreise

Bahn mit Fahrradmitnahme bis Genua (EC München – Verona mit Fahrradstellplätzen, weiter in Regionalzügen/Regionale veloce), ab da Fähre bis Palermo www.gnv.it, dort Regionale veloce bis Catania www.trenitalia.it Flüge ab verschiedenen deutschen Flughäfen nach Catania

Literatur

Thomas Schröder, Sizilien, Michael Müller Verlag, ISBN 9783956542268, Euro 24,90

Constanze Neumann, Gebrauchsanweisung für Sizilien, Piper Verlag, ISBN 9783492276030, Euro 15,00

Andrea Camillieri, diverse Kriminalromane mit Commisario Montalbano

Leonardo Sciascia, Der Abbé als Fälscher (historischer Krimi nach einer wahren Begebenheit)

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Gattopardo, Piper Verlag, 11 Euro

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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