Tour de Baroque

Sizilien, Sonne, Süden

Text und Fotos: Judith Weibrecht

 

Italien - Sizilien mit dem Fahrrad

Barock und griechische Antike, Fischerdörfer, Schluchten und Meer, Zitronen, Pistazien und Arrancini findet man auf dieser Radtour durch den Südosten Siziliens.

Italien - Sizilien, Straßenszene in Palazzolo Acreide

Straßenszene in Palazzolo Acreide

Taormina, ein Campingplatz in herrlicher Lage weit oben über dem Meer. Der Tag neigt sich dem Abend zu. Ein junger Mann baut ein Einmann-Zelt auf neben seinem Rad. Fahrrad? Irgendwann fasse ich mir ein Herz und gehe rüber. „Ja“, sagt er, „ich bin nach Sizilien gekommen, um hier mit dem Rad zu fahren, wenn es bei uns nicht mehr oder noch nicht so gut geht wegen des Klimas.“ Ich war sofort infiziert: Mit dem Fahrrad reisen. Das will ich auch! Gewissermaßen war dies die Initialzündung. Viele Jahre und viele Radreisen später sollte ich nun endlich wieder nach Sizilien zurückkehren und dort Rad fahren.

„Amuní!“, ruft Davide, was so viel wie „Andiamo!“ auf Sizilianisch bedeutet, los geht’s. Zur gründlichen Einweisung in Route, Sehenswürdigkeiten und Räder gehörte auch ein wenig sizilianischer Dialekt. Los geht’s in Palazzolo Acreide (1), einem der barocken Städtchen, von denen wir noch viele sehen werden. Wir schlendern durch die Gassen, noch in der festen Überzeugung, dass uns das, was Davide prophezeit hat, nicht passieren wird: „Ihr werdet zunehmen! Wir haben hier so viele Spezialitäten, so viel kann man gar nicht Rad fahren. Cannoli, Arrancini, Pistazien...“ In der „Trattoria Il Gallo“ am Marmortresen ist bereits Schluss mit den guten Vorsätzen. Die Scheiben der heißen Auslagen beschlagen von den frisch gemachten Pizzen, von Focaccia, und Arrancini, gefüllten Reisbällchen, mit Semmelbröseln ummantelt und frittiert. Die Nachbarschaft kommt herein, scherzt, lacht und kauft. Drei Kinder wollen ein Arrancine und bekommen es geteilt. Hinterm Tresen steht ein riesiger Alutank mit Wein. Es wird immer voller. Der Nachbar haut mir auf die Schulter. Fast weint der Kellner, als wir uns verabschieden und uns dem Städtchen widmen.

Italien - Sizilien - Chiesa di San Michele in Palazzolo Acreide

Chiesa di San Michele in Palazzolo Acreide

Palazzolo Acreide ist ein Landstädtchen und aufgrund seiner Bauten UNESCO Welterbe. Die Kirchen sind zahllos, das Rathaus bombastisch und aus gelblichem Kalkstein erbaut, der in der Abendsonne leuchtet. In den Gassen finden wir ein interessantes Museum der Volkskunst. Auf der Piazza del Popolo flanieren die Einwohner und machen bella figura. Es ist eine Barockstadt, genau wie Ragusa Ibla und Modica, wohin die erste Etappe durch Schluchten, vorbei an Olivenbäumen und fruchtbarem Ackerland, Mandarinen-, Zitronenbäumen und Kühen führt. Ländlich geht’s zu.

Italien - Sizilien - der Dom San Giorgio in Ragusa Ibla

Der Dom San Giorgio in Ragusa Ibla

Der Anstieg hinauf nach Ragusa Ibla (2) ist lohnend. Was für eine Pracht. Die vielen Kirchen und Paläste, vor allem aber der Dom San Giorgio, 1783 vom sizilianischen Barockbaumeister Gagliardi errichtet, erschlagen einen fast. Den Namen Gagliardi werden wir noch öfter hören. Schon in Mòdica (3), unserem heutigen Etappenziel, ist das der Fall. Unten im Tal auf dem Corso Umberto I., der sich auf einem einst zugeschütteten Fluss befindet, herrscht geschäftiges Treiben. Man promeniert an den Palazzi vorbei, deren Balkone von fantastischen Fratzen und Fabelwesen gestützt werden, und probiert die hiesige Spezialität: Schokolade. Abgesehen von den prachtvollen Bauten ist sie die Hauptsehenswürdigkeit. Die dunkle „Cioccolato“ geht auf ein Rezept der Azteken zurück, das die Spanier schließlich mit nach Mòdica brachten. Vom Geschmack her ist sie eher bitter. Beißt man hinein, knirscht es zwischen den Zähnen, denn der Zucker wir erst nach Erkalten der Kakaomasse zugefügt. Natürlich gibt es vor Ort ein Schokoladenmuseum für diejenigen, die mehr erfahren wollen.

Italien - Sizilien - Skurrile Balkonstützen (Fratzen und Fabelwesen) in Modica

Skurrile Balkonstützen (Fratzen und Fabelwesen)

Rechts und links vom Corso ziehen sich eng bebaute Gässchen steil die Hänge hoch. Über allem wacht der Uhrturm der ehemaligen Burg im Norden der Stadt und der Duomo San Giorgio mit seiner weit geschwungenen Freitreppe, der wahrscheinlich ebenfalls ein Werk von Galiardi ist.

Italen - Sizilien - Blick auf den Dom S. Giorgio in Modica

Blick auf den Dom San Giorgio in Mòdica

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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