Idyllische Flüsse in Wales

 

Hügel und Schafe im Brecon Beacons National Park

Wieder über die A40 ist bald Abergavenny erreicht, ein weiterer lebhafter Marktflecken mit Befestigungen aus römischer und normannischer Zeit. Von hier kann man gut den Brecon Beacons National Park erkunden. Der 1344 Quadratkilometer umfassende Nationalpark wurde 1957 begründet und gehört seit 2005 zu den UNESCO-Geoparks. Drei Bergformationen durchziehen ihn, von Westen nach Osten der Black Mountain, die Brecon Beacons und die Black Mountains mit dem 677 Meter hohen Aussichtsberg Hay Bluff. Die Namensdoppelungen sind etwas verwirrend, der höchste Gipfel ist hingegen sicher der Pen-y-fan mit 886 Metern Höhe. Zwischen den Bergzügen ist der Fforest Fawr zu finden, ein im Mittelalter stark bewaldetes Jagdgebiet. Heute sind die Abhänge jedoch weitgehend kahl, nur eine dünne Grasschicht bietet den Tausenden von Schafen Nahrung. Insgesamt sollen vier Millionen Schafe im Nationalpark leben, dazu nur 30.000 Menschen.

Wales - Wyetal - 4 Mio. Schafe, 30.000 Menschen

4 Mio. Schafe, 30.000 Menschen

Der Name des Parks verweist auf die beacons, Signalfeuer, die seit dem Mittelalter auf den Hügeln entzündet wurden, um Botschaften zu übertragen. Informelle Hauptstadt der Region ist das Marktstädtchen Brecon, das seinen Namen von einem Häuptling Brychan ableitet. Besucher fühlen sich angezogen vom dreieckigen Marktplatz, dem Welsh Whisky Centre, dem Jazz Festival im August und den stehenden Steinen in der Umgebung.

 

Einsame Höfe …

Wales - In den Brecon Beacons liegen nur kleine Ansiedlungen am Wegesrand

In den Brecon Beacons liegen nur kleine Ansiedlungen am Wegesrand

Die Marktplätze dienten nicht nur dem ökonomischen Austausch, sondern sie waren früher auch wichtige Kommunikationsorte, an denen sich Neuigkeiten verbreiteten, Geschäfte in die Wege geleitet wurden und Bekanntschaften geknüpft wurden. Die Einsamkeit des Lebens auf den Bauernhöfen beschrieb nicht zuletzt der aus Yorkshire stammende Romancier und Reisende Bruce Chatwin (1940–1989) in seinem Roman On the Black Hill (Auf dem Schwarzen Berg), der hier im Grenzgebiet auf einer alleinliegenden Farm spielt und verfilmt wurde. „Zweiundvierzig Jahre lang schliefen Lewis und Benjamin Jones Seite an Seite im Bett ihrer Eltern, auf einem Bauernhof, der unter dem Namen ‚Die Vision‘ bekannt war.“ So beginnt Chatwin seinen ersten Roman. Die Einsamkeit der Farmen in den Brecon Beacons hat die Bewohner zu eigentümlichen Gestalten gemacht: Die unzertrennlichen Jones-Brüder treffen auf Sam the Waggon, Morgan the Bailey, Watkins the Coffin und Jim the Rock, benannt nach ihren Berufen oder Höfen. Nur wenn sie zum Markt nach Hereford fahren, kommen sie mit der Realität draußen, im frühen 20. Jahrhundert, in Kontakt. Sie hören von den Toten des Ersten Weltkriegs, bewundern große Traktoren, Autos, Flugzeuge. Doch noch bringt nichts den immer gleichen Ablauf der Jahreszeiten und der Arbeit auf den Feldern und bei der Schafzucht ins Wanken. (Auf Englisch bei Vintage Classics, auf Deutsch als Fischer Taschenbuch).

 

… und einsame Klöster

Wales - Wenig Verkehr auf einer einspurigen Straße

Wenig Verkehr auf einer einspurigen Straße

Und genau in diese Einsamkeit brechen wir nun auf. Wir verlassen Abergavenny über die A465 nach Nordosten und biegen nach etwa sechs Kilometern in der Ortschaft Llanvihangel Crucorney links ab Richtung Llanthony. Nach einem Kilometer haben wir, so scheint es, alle Zivilisation zurückgelassen. Die Straße ist nur einspurig, selten kommt ein Bauernsohn mit seinem getunten Mazda oder einem Traktor entgegen, höflich sucht man dann die nächstgelegene Ausweichstelle und grüßt freundlich. Streckenweise führt die Straße direkt am munter dahinplätschernden Fluss entlang – es ist hier der River Honddu. Weiße Gatter versperren den auf den Wiesen grasenden Schafen den Weg, gelegentlich fällt der Blick auf ein aufgeforstetes Stück Wald oder auf einen Bauernhof.

Wales - Llanthony Priory ist heute eine geordnete Ruine

Llanthony Priory ist heute eine geordnete Ruine

Dann liegt in der winzigen Ortschaft Llanthony erneut eine Abteikirche am Wegesrand. Llanthony Priory war 1175 die erste Augustinerabtei in Wales, die wie Tintern nach der Auflösung der Klöster verfiel. Der romantische Dichter Walter Landor (1775–1864) ließ sich 1811 nach Streitigkeiten mit den Behörden und seiner Familie hier nieder, eckte jedoch auch mit den bäuerlichen Nachbarn an wie so viele seiner Nachfolger. Llanthony Priory ist heute eine frei zugängliche, gut befestigte Ruine, die so mancher für ein Picknick aufsucht. Das Haus des Priors hingegen wurde zu einem Hotel mit Kellerkneipe umgebaut. Wenn die Besucher am späten Nachmittag verschwunden sind, herrscht eine himmlische Ruhe, denn hier gibt es weder Internet- noch Handyempfang.

Wales - Llanthony Priory: Das Haus des Priors wurde zum Hotel umgewandelt

Llanthony Priory: Das Haus des Priors wurde zum Hotel umgewandelt

Das winzige Dorf Capel-y-ffin sieht noch genauso aus wie vor zwanzig Jahren: links ein weiß gestrichenes Bauernhaus, rechts die weiß gestrichene Friedhofsmauer, dahinter die weiß gestrichene Kapelle und in der Mitte auf einem winzigen Hügelchen die rote Telefonzelle. Eine junge Frau führt ihre Hunde aus.

Wales - Capel-y-Ffin

Capel-y-Ffin

 

Kahle Höhen

Die Straße geht nun doch etwas deutlicher bergauf, wir gewinnen an Höhe, die Vegetation wird kärglicher. Aus der Talsohle steigen wir langsam am Bergabhang in Höhen, in denen sich keine Bauernhöfe mehr befinden. Der Wind verweht die sparsamen Sträucher und Gräser, Schafe suchen Schutz hinter einem Felsbrocken. Drüben, auf der anderen Seite des Tales liegt massig und breit und steil der Hay Bluff, ein gewaltiger Hügel, der 677 Meter misst.

In Serpentinen führt die Straße wieder hinunter, und in ihrer Einsamkeit bietet sie heute eine lustige Szene: Es werden Werbeaufnahmen mit einem Radrennfahrer gemacht, der in seiner dünnen Kleidung zittert und sich schräg lehnend immer wieder dieselbe Kehre hinabfahren muss. Wir drängen uns ins Bild und nehmen auch die engen Serpentinen ins Visier, die zurück ins Tal, jetzt wieder des Flusses Wye, führen. Ziel ist Hay-on-Wye.

Wales - Große Einsamkeit am Berg

Große Einsamkeit am Berg

 

Die Bücherstadt Hay-on-Wye

Die an einem Berghang nur zwei Kilometer von der englischen Grenze gelegene Kleinstadt verlor immer mehr an Bedeutung, die jungen Leute zogen weg, in die Städte oder noch weiter. Dieses Phänomen kannte Wales schon in den fünfziger Jahren. Die Rettung nahte mit Richard Booth (1938–2019), der aus Hay-on-Wye eine weltweit bekannte Bücherstadt machte.

Am 1. April 1977 schlenderte Richard Booth in einem nachgemachten Hermelinmantel und mit einer Krone auf dem Kopf durch die Straßen von Hay-on-Wye. Er erklärte die gerade einmal 2000 Einwohner umfassende Stadt für unabhängig von Großbritannien, ernannte sein Pferd zum Premierminister, erhob seine Freundin April Ashley in den Adelsstand und gründete den Geheimdienst C.I.Hay. Richard Booth war nun endgültig der König von Hay.

Wales - Der Buchladen von Richard Booth

Der Buchladen von Richard Booth

Er war 1961 in die Stadt gekommen, als seine Familie ein Landgut in der Nähe erbte, kaufte noch das weitgehend in Ruinen liegende Hay Castle und richtete sich dort gemütlich ein, empfing seine Freunde zu extravaganten Partys. Dann reiste er nach Amerika, sah die riesigen gesichtslosen Einkaufszentren und wollte eine solche Entwicklung in seiner Heimat unbedingt verhindern. Gebrauchte Bücher hielt er für eine gute Ware, um Einkommen und Kultur zu verbinden. Die hübsche, aber unbedeutende Marktstadt Hay erschien ihm für dieses Unterfangen gut geeignet, und so kaufte er ganze Bibliotheken in Britannien und den USA, mietete leerstehende Scheunen in Hay und schuf so über Jahre die „Hauptstadt der Bücher“. Durch seinen Erfolg angelockt, kamen weitere Buchhändler, Ende der 1980-er Jahre gab es mehr als 30 Antiquariate in Hay, heute sind es etwa 20 und 20 weitere Händler, die über das Internet verkaufen.

Richard Booth war ein typischer britischer Exzentriker und gleichzeitig ein genialer PR-Mann. Seine Unabhängigkeitserklärung fand nicht umsonst am 1. April statt, und später sagte er sich auch noch von Wales los. Als 1977 sein Schloss, in dem er schlief, in der Nacht abbrannte, meinte er danach, er hätte Geräusche gehört, doch dachte er, das sei das zustimmende Gemurmel seiner Untertanen.

Richard Booth wurde am 12. September 1938 in Plymouth geboren. Seine Familie war sehr reich, aber ein guter Geschäftsmann war er nicht. So ging er auch in Hay Pleite, seit 2007 gehört der Buchladen, der seinen Namen trägt, nicht ihm, sondern einer amerikanischen Investorin. Richard Booth, der König von Hay, starb am 19. August 2019.

 

Die Zukunft im Alten

Selbst an einem normalen Werktag außerhalb der Ferienzeit schlendern zahlreiche Besucher durch die Straßen oder stöbern stundenlang in den Bücherkellern, lassen sich in Cafés nieder und erfreuen sich an der kleinstädtischen Idylle. Auch einige Antiquitätenläden haben sich angesiedelt, und an Souvenirs darf es nicht fehlen.

Wales - Addyman Books in Hay-on-Wye

Addyman Books in Hay-on-Wye

Anne Brichto, Miteigentümerin von drei Addyman-Buchläden in Hay, ist im Stress. Vor zehn Jahren war Hay nach ihrer Meinung die Erfolgsgeschichte schlechthin, doch jetzt kriselt es ein wenig. „Die jungen Leute wollen keine Buchhändler mehr sein“, sagt sie, auch wenn gerade vor ein paar Tagen ein neuer Laden in Hay eröffnet hat. Edel aufgemacht mit vielen Bildbänden und ganz ohne Kramkisten. „Wir müssen uns spezialisieren“, meint Brichto, „wir haben ja schon gegenüber den Krimibuchladen, und ohne Verkäufe über das Internet geht gar nichts mehr. Wir bleiben aber auf jeden Fall dabei.“

Das seit 1988 jedes Jahr Ende Mai, Anfang Juni stattfindende Hay Festival of Literature and Arts zieht rund 150.000 Besucher an und macht die walisische Bücherstadt noch bekannter. Und natürlich gehört Hay auch der internationalen Organisation der Bücherstädte an.

Und so trägt Hay auch weiterhin zu den walisischen Idyllen bei, die man direkt am Ufer des Flusses Wye genießen kann.

 

Weitere Informationen

www.visitwales.com/de

www.visitwales.com/destinations/south-wales/wye-valley-and-vale-usk/must-do-and-around-chepstow

www.nationaltrail.co.uk/offas-dyke-path

www.castlewales.com/tintern.html

https://cadw.gov.wales/visit/places-to-visit/tintern-abbey

www.tinternvillage.co.uk/page-5/page-46/

www.breconbeacons.org/

www.penguin.co.uk/books/1031378/on-the-black-hill/9780099769712.html

www.fischerverlage.de/suche?isbn=9783596160327&text=Chatwin

www.castlewales.com/llantho.html

https://cadw.gov.wales/visit/places-to-visit/llanthony-priory

www.llanthonyprioryhotel.co.uk/

www.hay-on-wye.co.uk/

https://hayfestival.com/home

www.hay-on-wye.co.uk/bookshops/

www.theguardian.com/books/2019/aug/22/richard-booth-obituary

www.hay-on-wyebooks.com/

https://en.wikipedia.org/wiki/Book_town

 

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