Idyllische Flüsse in Wales

Von Chepstow nach Hay-on-Wye

Text und Fotos: Franz-Josef Krücker

 

Wales - Gotische Bögen in Tintern Abbey

Wenn der muntere rote Drache an jeder Straßenecke auftaucht, wenn die Straßenschilder zweisprachig sind, dann ist es bald klar, dass man irgendwo die Grenze zwischen England und Wales überquert hat. Barrieren gibt es hier natürlich nicht, denn mit dem Act of Union 1536 wurden die beiden Königreiche zusammengefügt, aber es gibt durchaus eine kulturelle Grenze. Denn während die heutigen Engländer von den Angelsachsen und Normannen abstammen, sind die Waliser ein keltisches Volk, ist Walisisch eine keltische Sprache.

Das Grenzgebiet zwischen England und Südwales wird markiert von Offa’s Dyke, einem im 8. Jahrhundert errichteten Erdwall, der heute noch an einigen Stellen erkennbar ist und dessen Verlauf man auf einem Wanderweg folgen kann. Auch der Fluss Wye, der auf Walisisch Gwy heißt, stellt streckenweise die Grenze dar, weitere Wanderwege folgen dem Fluss Usk. Nur ab und zu kommt man durch kleinere Dörfer oder sieht einsam gelegene Höfe. Dafür aber zahlreiche Schafe, die an den Hängen weiden. Wir wollen uns mit dem Auto auf den Weg machen, auf einsamen Straßen ein sehr idyllisches, sehr abgelegenes Land zu erkunden.

 

Historische Marktstadt Chepstow

Brücke zwischen Wales und England über den Fluss Wye in Chepstow

Brücke zwischen Wales und England über den Fluss Wye in Chepstow

Direkt hinter der Brücke über die weite Mündung des River Severn liegt die historische Marktstadt Chepstow. An ihrem Rand ragt am Hochufer des Flusses Wye, der ein paar Kilometer südlich in den Severn strömt, eine Burg auf, deren Grundfeste die Normannen bereits im 11. Jahrhundert legten; sie ist damit eine der ältesten Steinburgen Europas. Der Wye fließt hier träge dahin, breit und braun, und windet sich um das auf einer Anhöhe gelegene Castle.

Wales - Der Himmel über Chepstow Castle

Der Himmel über Chepstow Castle

Schon die Römer hatten hier ein Kastell errichtet, das sie Gwent nannten, so heißt heute die südöstliche Grafschaft von Wales, während der Name Chepstow aus sächsischer Zeit stammt und schlicht „Marktstadt“ bedeutet. Die von mächtigen Rundtürmen beherrschte Burg erlangte im Bürgerkrieg Prominenz, wechselte mehrfach die Seiten zwischen Royalisten und Parlamentariern und diente von 1660 bis 1680 als Gefängnis für Henry Marten, den führenden Parlamentarier, der das Todesurteil für Karl I. unterschrieben hatte. Heute ist es hier friedlich, der Blick vom Turm streift über den Fluss auf die weiß gestrichene Eisenbrücke aus dem Jahr 1816, die von Wales hinüberführt nach England. Henry Marten hingegen ruht an einer unbezeichneten Stelle in der sehenswerten normannischen Pfarrkirche St. Mary.

 

Romantische Gotik in Tintern Abbey

Über die A466 verlassen wir die Stadt nach Norden, passieren bald die Pferderennbahn von Chepstow und gelangen in eine weite, flache, grüne Marschlandschaft, die von saftigen Wiesen geprägt ist. Bald wird das Gelände hügliger und waldiger, rechterhand taucht wieder der Wye auf, der in weiten Schwüngen durch die Gegend mäandert. Am frühen Morgen steigt sanft der Nebel auf. Nach etwa zehn Kilometern stoßen wir auf eine weitere gut erhaltene Ruine direkt am Flussufer, diesmal religiösen Ursprungs. Walter de Clare, ein normannischer Lehnsherr über diese Gegend, ließ bereits 1131 ein Zisterzienserkloster in Tintern errichten. Die zunächst bescheidenen Bauten wurden angesichts zahlreicher Spenden aus dem Adel beständig ausgebaut, bis schließlich im späten 13. Jahrhundert die schon kathedralenartige gotische Abteikirche das Bauprogramm erst einmal beendete.

Wales - Am Nachmittag erstrahlt die Fassade von Tintern Abbey im warmen Sonnenlicht

Am Nachmittag erstrahlt die Fassade von Tintern Abbey im warmen Sonnenlicht

Am späten Nachmittag taucht die sinkende Sonne die Westfassade in ein gelbliches Licht, das die feinen Schnitzereien im Sandstein besonders plastisch hervortreten lässt. So mancher vergleicht die Klosterkirche schon mit Westminster Abbey in London. Doch dem Gotteshaus waren nicht einmal zweihundert Jahre Lebenszeit vergönnt, denn nach dem Bruch Heinrichs VIII. mit der katholischen Kirche gehörte Tintern Abbey 1536 zu den ersten Abteien, deren Mönche eine Pension erhielten und von dannen geschickt wurden. Die Wertgegenstände der Abtei hingegen wanderten in die Schatulle des Königs, und dazu gehörte auch das Dach aus Blei, das eingeschmolzen wurde. Ab dann verfielen Kirche sowie die Nebenbauten, überwucherten mit Efeu und gediehen so – direkt neben dem Fluss Wye – zum perfekten Ziel romantischer Künstler. William Turner malte Tintern Abbey 1794.

William Wordsworth hingegen, der romantische Dichter aus dem romantischen Lake District, ging gerne mit seiner Schwester am Ufer des Wye spazieren, und ganze Generationen von Fans spekulieren darüber, ob Turner und Wordsworth sich in Tintern Abbey begegnet sind. Jedenfalls schrieb letzterer im Juli 1798 ein 159 Zeilen langes Gedicht, in dem er auch den Wye lobte:

O sylvan Wye! Thou wanderer through the woods,
How often has my spirit turned to thee!
(Oh, baumbestandner Wye! Du Wand’rer durch die Wälder,
Wie oft hat sich mein Geist Dir zugewandt!)

Wales - Gotische Bögen in Tintern Abbey

Gotische Bögen in Tintern Abbey

Zwei Dinge haben sich seitdem geändert. Der Wye ist nicht mehr so baumbestanden wie dereinst, und er ist viel romantischer als damals. Denn zu Wordsworths Zeiten war der Fluss noch eine ökonomische Ader: Seit der Römerzeit schon wurden auf ihm Holz, Steine und Erze aus Hereford und dem Forest of Dean an die walisische Küste transportiert.

Das Efeu allerdings ist weg, denn es krallt sich in Steine und Fugen und setzt letztendlich die gewagten gotischen Bögen der Gefahr des Einsturzes aus. Wie die Beine gewaltiger Spinnen stehen sie auf den Mauern, deren große Fenster als gewagtes architektonisches Unterfangen für das 13. Jahrhundert gelten müssen. Ohne Dach kommen sie noch besser zur Geltung, zeichnen sich als schwarze Schatten vor dem strahlend blauen Himmel ab.

Wales - Teepause in der Tintern Old Railway Station

Teepause in der Tintern Old Railway Station

In der gesamten weitläufigen Anlage wurden in den letzten Jahren Steine gesichert und befestigt, so dass Besucher nun mit Hilfe eines Plans sich über das Leben der Mönche zwischen Gebet, Arbeit, Essen und Schlafen orientieren können. Wir hingegen nehmen unseren Tee in der Tintern Old Railway Station einen guten Kilometer nördlich des Ortsausgangs in einigen ausrangierten Eisenbahnwaggons zu uns.

 

Royale Geburt in Monmouth

Weiter geht es über die B466, die hinter Llandogo den Wye überquert und auf englischer Seite verläuft; die Mitte des Flusses markiert hier tatsächlich die Grenze zwischen dem Land der Angelsachsen und dem Land der Freien, Wales. Das Tal ist hier wirklich sehr idyllisch grün, der Fluss plätschert munter vor den Hügeln dahin. Bei Redbrook wendet sich dann die Grenze nach Osten, während die Straße weiter nach Norden geht.

Wales - Munter plätschert der Fluss Wye dahin

Munter plätschert der Fluss Wye dahin

So gelangen wir in die Marktstadt Monmouth, heute über eine moderne Umgehungsstraße, früher passierte man die schmale Monnow Bridge aus dem 13. Jahrhundert, die einzige verbliebene befestigte Brücke des Landes. Von ihrem Oberbau konnten ungebetene Gäste mit siedendem Pech und anderen Unannehmlichkeiten beworfen werden. Macht man heute eigentlich nicht mehr. Eine lange Einkaufsstraße führt leicht gebogen und stetig bergan bis zum Marktplatz (Markt freitags und samstags), an dem einige der Notabeln des Städtchens auf sich aufmerksam machen. Sehr auffällig auf einer Säule in der Mitte Charles Stewart Rolls, der sich mit einem gewissen Herrn Royce, leider einem Engländer, zusammentat, um Motoren und Autos zu bauen. Dass er mit einem Flugzeugmodell gezeigt wird, hat wohl damit zu tun, dass er vier Jahre nach der Firmengründung mit einer solchen Maschine in den Tod stürzte.

Wales - Die Monnow Bridge bewacht den Zugang zur Marktstadt Monmouth

Die Monnow Bridge bewacht den Zugang zur Marktstadt Monmouth

Dann ist an der Markthalle noch König Heinrich V. zu sehen. Will man dem Dichter der Dichter, William Shakespeare (wer auch immer er gewesen sein mag), glauben, dann war er der König der Könige: Heinrich V., der am 9. August 1387 als Harry of Monmouth im Großen Turm der normannischen Festung in der walisischen Kleinstadt das Licht der Welt erblickte. Glaubt man noch einmal Shakespeare, so trieb sich Prince Hal, wie er von seinen Kumpanen genannt wurde, mit allerhand lustigen Weibern nicht nur in Windsor herum, sondern machte die Tavernen ganz Südenglands unsicher mit Spiel, Trank und Raufereien. Sobald er aber seinem Vater Heinrich IV. nachfolgte, löste er sich von Falstaff und der ganzen Bande und wandelte sich zum patriotischen, pflichtbewussten König. Er wandte sich im Krieg gegen Frankreich, eroberte dort weite Gebiete und galt ob seines Vorbildcharakters bei seinen Soldaten als sehr beliebt. 1415 errang er einen bedeutenden Sieg vor der Stadt Agincourt. Dieser steht auch in Shakespeares Drama Henry V. im Mittelpunkt, und der große Barde berichtet, die Waliser, zu erkennen an den Lauchstangen an ihren Hüten, hätten tapfer gekämpft. Der Marktplatz von Monmouth heißt heute wenig überraschend Agincourt Square.

Wales - Der spätere König Heinrich V. wurde in Monmouth geboren

Der spätere König Heinrich V. wurde in Monmouth geboren

Von der Burg stehen nur noch wenige Mauerreste, aber über die Priory Street gelangt man zur Pfarrkirche St. Mary’s und zu herrlichen Blicken über den Fluss. Doch es ist nicht der Wye, sondern der River Monnow, der sich im Süden der Stadt in den Wye ergießt. Der Fluss Wye macht von hier eine große Schleife nach England hinein, doch da wir in Wales bleiben wollen, werden wir erst später wieder auf ihn treffen.

 

Die „französische“ Burg: Raglan Castle

Wales - Raglan Castle: wehrhaft trotz französischer Türme

Raglan Castle: wehrhaft trotz französischer Türme

Im Eiltempo geht es über die gut ausgebaute A40 einer weiteren Burg zu, Raglan Castle. Sie steht frei in der Landschaft und wirkt schon auf den ersten Blick ganz anders als die Burg in Chepstow. Raglan erinnert mit den Türmen und Zinnen an Frankreich, und tatsächlich ist ihr Erbauer Sir William ap Thomas, der als walisischer Heerführer Heinrich V. bei seinen Eroberungen in Frankreich unterstützte und die Burg von Agincourt, bei der Heinrich einen entscheidenden Sieg errang, so ansehnlich fand, dass er sie hier in der nur leicht hügligen Landschaft nachbauen ließ. Die Burg diente dennoch der Verteidigung, vor allem der mit einem Wassergraben umgebene „gelbe Turm“, in den sich auch während des Bürgerkrieges die Royalisten zurückzogen und lange der Belagerung durch die Parlamentstruppen standhielten. Die meisten Mauern sind noch bis Dachhöhe erhalten, und man kann wunderbar in dem Gelände herumsteigen und die Aussicht auf die heute landwirtschaftlich geprägte Umgebung genießen.

 

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