Raus aus dem Strandkorb

Mit Kutter, Katamaran und Kogge unterwegs auf der Ostsee

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Mecklenburg - Ostseeküste - Strand in Kühlungsborn

Kein Wölkchen trübt den tiefblauen Himmel, die meisten der gelben Strandkörbe mit den weiß-roten Markisen sind weggedreht von der blau schimmernden Ostsee, deren Wasser flach wie ein Leinentuch wirkt. Es ist Mittagszeit und die Badegäste in Kühlungsborn wollen die wärmenden Sonnenstrahlen genießen, die um diese Zeit nicht vom Meer her leuchten, sondern aus Richtung Süden, also von der Landseite. Mehr als zwei Millionen Übernachtungen zählt der beliebte Badeort an der Ostsee jährlich. Die über vier Kilometer lange Strandpromenade, die Kühlungsborn Ost, das ehemalige Brunshaupten, mit Kühlungsborn West, dem ehemaligen Ort Arendsee, verbindet, zählt zu den längsten Uferpromenaden Deutschlands – und sie bietet einen freien, völlig unverbauten Blick auf die Ostsee.

Strand in Kühlungsborn

Badeurlaub hat hier lange Tradition, in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts kam der erste Badegast, um 1880 wurden Strandwege und öffentlichen Bäder gebaut, nach der Jahrhundertwende entstanden vom Jugendstil geprägte elegante Gästehäuser, von denen etliche noch heute erhalten sind. Später, in der NS-Zeit, war Kühlungsborn ein KdF-Bad, in den folgenden Jahrzehnten dominierten Ferienheime des DDR-Gewerkschaftsbundes. „Noch in den 80er Jahren hieß die Parole bei den Bauern, 'Schweine raus, Sachsen rein', denn damals wurde jedes Fleckchen genutzt, um Gäste unterzubringen“, berichtet Hanka Bolz. Sie führt regelmäßig Gäste durch Kühlungsborn und erinnert sich noch gut an die DDR-Zeit und den „sozialistischen Bäderwettbewerb“, in dem es darum ging, ob das im Landkreis Rostock gelegene Kühlungsborn oder das Seebad Binz auf Rügen die Bäder-Nase vorn hat.

Mecklenburg - Ostseeküste - Blick auf Kühlungsborg mit der Seebrücke vom Wasser aus

Blick auf Kühlungsborg mit der Seebrücke vom Wasser aus

Und Kühlungsborn heute? Ein langer Strand mit feinem Sand, der für jeden etwas bietet, vom barrierefreien Strandabschnitt über den FKK-Strand bis zum ausgewiesenen Hundebadestrand. Hier lässt sich entlang der Strandpromenade zur Seebrücke flanieren, im Café Röntgen ein Sanddorntörtchen verzehren und abends im angesagtesten Lokal des Ortes, dem Vielmeer, einen „Rucola Island“ oder eine der diversen Gin-Sorten probieren, die dort ausgeschenkt werden. Das alles ist schön, doch nur das zu genießen, wäre ein Fehler – denn wer an die Ostsee fährt, der sollte nicht nur baden, schlemmen und promenieren, sondern auch in See stechen.

Mecklenburg - Ostseeküste - Marina in Kühlungsborn

Die Marina nahe der Seebrücke

Dafür bieten sich in Kühlungsborn und entlang der gesamten mecklenburgischen Ostseeküste verlockende Möglichkeiten – sei es die Sonnenuntergangsfahrt auf der Hochseeyacht „Vielmeer Blue“ oder die 2-Stunden-Törn auf der „Viamar,“ dem Katamaran von Jan Grunwald, einem Kühlungsborner Segler und Skipper, der die Ostseeküste wie seine Segeljackentasche kennt: „Seit ich fünf Jahre alt bin, segle ich“, versichert der Mecklenburger, mit dem wir von Kühlungsborn aus Richtung Westen gestartet sind. Sein Katamaran ist extrem sicher und kippstabil und bietet bis zu zwölf Fahrgästen Platz. Mit seinen Passagieren unternimmt er 2-stündige Schnupper-Segeltouren ins Seebad Heiligendamm, aber auch richtige Tagestörns. Auf den Segelsport lässt Grunwald nichts kommen – und warum er die Freiheit und die Ruhe des Segelns so schätzt, das können wir gut nachvollziehen, als wir uns auf dem schwarzen Stofftuch, das auf der Vorderseite des Boots zwischen den beiden Rümpfen gespannt ist, ausstrecken und die wärmenden Sonnenstrahlen genießen.

Mecklenburg - Ostseeküste - An Bord des Katamarans Viamar

An Bord des Katamarans Viamar

Wir fahren Richtung Westen, vorbei am Seebad Rerik und am Salzhaff, bevor wir in Timmendorf anlanden. Nein, nicht am Timmendorfer Strand bei Lübeck, sondern in Timmendorf auf der Insel Poel – einer Insel, die zwar die siebtgrößte Insel Deutschlands ist, die aber von vielen Urlaubern links liegen gelassen wird, wenn sie sich auf den Weg machen Richtung Rügen. Was durchaus ein Fehler ist, denn Poel bietet Strände und Natur jenseits von Schickimicki-Atmosphäre und Massentourismus. „Ländlicher Badetourismus“, so Kurdirektor Markus Frick, ist für die Insel prägend. Ein Ehepaar, das wir am nächsten Tag bei unserer Fahrradtour treffen, erzählt begeistert, Poel sei zwar ausgesprochen flach, erinnere sie aber trotzdem an die Rhön, denn die Insel sei landschaftlich reizvoll und nicht überlaufen. „Seit wir hier auf Poel angekommen sind, haben wir uns noch keinen einzigen Tag gelangweilt“, versichern die beiden, und blicken hinaus auf die Wismarer Bucht.

Mecklenburg - Ostseeküste - Leuchtturm in Timmendorf auf der Insel Poel

Leuchtturm in Timmendorf

Im Hafen von Timmendorf begegnen wir bald darauf Uwe Dunkelmann. Statt mit einem schnittigen Katamaran holt er uns mit einem kleinen Fischkutter ab, der den Namen „Uschi“ trägt. Dunkelmann, der den Fischereibetrieb seiner Eltern übernommen hat, arbeitet mit Stellnetzen, nicht mit Schleppnetzen. Er fängt vor allem Schollen und Heilbutt – und das auch bei Wind und Wetter. „Bei Sturm herausfahren hat auch seinen Reiz, wichtig ist, dass man nicht gegen den Wind und das Meer ankämpft, sondern sich als eine Einheit versteht“, berichtet der leidenschaftliche Fischer, der in Boltenhagen auch eine Fischräucherei und einen Fischereihof an der Weißen Wiek betreibt – und der frühmorgens auch gerne Gäste mitnimmt, die den Fischfang einmal live erleben wollen.

Mecklenburg - Ostseeküste - Fischereihafen von Boltenhagen

Fischereihafen von Boltenhagen

Nicht weit von der Landidylle auf Poel und vom Familien-Badeort Boltenhagen entfernt, in der Hansestadt Wismar, treffen wir Peter Samulewitz. Der Mittsechziger ist zwar gertenschlank, aber dennoch ein 100-prozentiger Seebär. Für die Deutsche Seereederei war er lange Zeit auf dem Mittelmeer unterwegs und ist in verschiedenen afrikanischen Häfen angelandet. Seit einigen Jahren ist er nun Kapitän der Wissemara, eines Holzboots, das in mühevoller Kleinarbeit gebaut wurde – ganz nach dem Vorbild eines Schiffswracks, das 1999 nordwestlich von Timmendorf vor der Insel Poel geborgen worden war und das deshalb auch Poeler Kogge genannt wird.

Mecklenburg - Kogge Wissemara in der Hansestadt Wismar

Der Kogge-Nachbau Wissemara in der Hansestadt Wismar

Die Wissemara, an der mehrere Jahre gearbeitet wurde, verfügt über einen 32 Meter hohen Mast und über insgesamt 276 qm Segelfläche. „Mit Segeln zu fahren, ist etwas ganz anders, das musste ich auch erst lernen. Man muss sich sehr konzentrieren, gerade bei stärkerem Wind. Auch das An- und Ablegen ist nicht so ganz einfach“, gesteht Samulewitz, der regelmäßig 3-stündige Ausfahrten und mehrtägige Touren mit der Kogge unternimmt, die längst zum Wahrzeichen des Wismarer Hafens geworden ist. Eine Veranstaltung steht jedes Jahr ganz dick in seinem Kalender: die Hanse Sail in Rostock. Auf dem größten maritimen Volksfest Mecklenburg-Vorpommerns präsentieren sich alljährlich mehr als 200 Traditions- und Museumsschiffe – meist im Ferienmonat August. Vorbeischauen und mitsegeln lohnt sich, denn ein Ostseeurlaub hat viel mehr zu bieten als nur geruhsame Tage im Strandkorb.

Mecklenburg - Kogge Wissemara in der Hansestadt Wismar

Blick auf das Deck der Wissemara

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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