Der Klang der Stille

Im Elbsandsteingebirge

Text und Fotos: Dagmar Krappe

Das Elbsandsteingebirge besteht aus Sächsischer und Böhmischer Schweiz. Ein Touristenmagnet. Doch wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort unterwegs ist, der hört die Geräusche der Stille.

Elbsandsteingebirge - Blick von der Bastei auf den Kurort Rathen und den Tafelberg Lilienstein

Blick von der Bastei auf den Kurort Rathen und den Tafelberg Lilienstein

Wasser tropft. Vögel zwitschern. Blätter rauschen. Weit entfernt hämmert ein Sprecht. „Ganz schön laut hier, wenn man genau hinhört“, flüstert Nationalparkführer Ralf Schmädicke: „Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort wandert, kann die Stille wirklich spüren.“ Mit seiner Wandergruppe zieht er durch tief eingeschnittene Sandsteinschluchten im Wehlengrund. Will man den Himmel sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen, so hoch ragen die senkrechten Felswände des Elbsandsteingebirges empor. Auf ihnen leuchten grüngraue Moose und gelbe Schwefelflechten. Smaragdgrüne Buchenfarne wippen im sanften Wind. „Der Begriff Gebirge ist irreführend“, erklärt Schmädicke: „Es handelt sich um den Grund eines über 100 Millionen Jahre alten Kreidemeeres. Nachdem das Wasser abfloss, blieben mehrere hundert Meter hohe Sandschichten zurück, die verhärteten. Die Elbe und ihre Nebenflüsse fraßen sich ein.“ So entstand ein wundersames Labyrinth aus Quadersandstein mit zerfurchten Gipfeln, Toren, Fenstern und Tafelbergen, der heutige Nationalpark Sächsische und Böhmische Schweiz zwischen Dresden und dem tschechischen Decin.

Elbsandsteingebirge - Nationalparkführer Ralf Schmädicke mit Wandergruppe im Wehlgrund

Nationalparkführer Ralf Schmädicke mit Wandergruppe im Wehlgrund

Und diese Natur funktioniert eigenartig: Im Gegensatz zum richtigen Gebirge, herrscht im Sommer in den Tälern ein feuchtkühles Kellerklima. „In den Schluchten ist es bis zu acht Grad kälter als auf den warmen, trockenen Höhenlagen“, sagt Schmädicke: „Pflanzen- und Tierwelt haben sich diesem verdrehten Klima angepasst. Bäume wechselten von den Höhen in die Tiefe.“ Rotbuchen, Eichen, Fichten und Kiefern bilden den Mischwald. Auch Weißtannen vermehren sich seit einigen Jahren wieder. Einst trieben hier Raubritter ihr Unwesen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die romantischen Künstler, um die Natur zu zeichnen. Die beiden Schweizer Adrian Zingg und Anton Graff fühlten sich so sehr an die Landschaft ihrer Heimat erinnert, dass sie dieser Region den Namen „Sächsische Schweiz“ gaben. Wenige Jahrzehnte später entstand Caspar David Friedrichs Werk „Der Wanderer über dem Nebelmeer“, das heute in der Hamburger Kunsthalle hängt. Auf die Künstler folgten die Sommerfrischler und die ersten Fotografen. Beide kommen heute noch.

Elbsandsteingebirge - Morgens und abends ist es einsam auf der Basteibrücke

Morgens und abends ist es einsam auf der Basteibrücke

„Deshalb sollte man die meist überlaufene Basteibrücke, die sich durch die Bastei genannte Felsformation zieht, ganz früh am Morgen oder in den Abendstunden aufsuchen“, rät der Nationalparkführer: „Nur dann kann man das Gefühl, das die Romantiker beim Anblick der imposanten schroffen Gesteine einst hatten, nachempfinden.“

Elbsandsteingebirge - Basteibrücke

Basteibrücke

Im Mittelalter thronte dort die Felsenburg Neurathen, von der nur noch Mauerreste und Felskammern erhalten sind. Aufgrund steigender Besucherzahlen konzipierte man schon in den 1820er Jahren eine Holzbrücke zwischen den Felsnadeln. Rund 25 Jahre später entstand die heutige steinerne Brücke. Auch die Kleinstadt Wehlen entwickelte sich am Fuße einer Burg. Ein paar Überbleibsel des Schutzwalles gibt es noch.

Elbsandsteingebirge - Stadt Wehlen

Blick auf die Kleinstadt Wehlen

Nicht weit davon entfernt schwappt Elbewasser ans Ufer. Der über 120 Jahre alte Raddampfer „Pirna“ ist auf dem Weg von Dresden nach Bad Schandau. Neun alte Ladys gehören zur Flotte der „Sächsischen Dampfschiffahrt“. Während die großen roten Eisenschaufeln ins Wasser klatschen, zieht zwei Stunden lang Landschaftskino vorüber: Die Bastei und der Tafelberg Lilienstein, die beiden Wahrzeichen der Region, grüßen auf der rechten Elbseite. Kurz darauf mäandert der Fluss an der Festung Königstein, dem einst sichersten Ort Sachsens, vorbei. „Wie schmal die Elbe ist“, wundert sich ein Passagier aus Hamburg: „Bei uns ist sie über zweieinhalb Kilometer breit und hier nicht mal 100 Meter.“ Urplötzlich rauscht der Eurocity von Berlin nach Prag heran und durchbricht die magische Stille. Kurz darauf quietscht ein nicht enden wollender Güterzug aus der Gegenrichtung am linken Elbufer entlang. Dann ist wieder nur das Schlagen der Schaufelräder zu hören. Die klotzige Sandsteinkirche St. Johannis von Bad Schandau leuchtet im Abendlicht. Im 14. Jahrhundert gründeten Siedler einen Handelsplatz, die Sandaue. Unter slawischem Spracheinfluss wurde der Name zu Schandau. Seit 1800 ist das Städtchen Kurort, später folgte der Zusatz Bad. Wem die Entstehung des felsigen Skulpturengartens aus dem Grund des Meeres immer noch ein Rätsel ist, der kann sich im Nationalparkzentrum der Kleinstadt alles noch einmal per Computeranimation, an Hörstationen und in Filmen erklären lassen.

Elbsandsteingebirge - Schaufelraddampfer Pirna von 1898 steuert auf Wehlen zu

Der Schaufelraddampfer Pirna von 1898 steuert auf Wehlen zu

Warum nicht mal einen der Tafelberge mit dem Rad bezwingen? Mit einem Zaubermobil namens E-Bike, das Rückenwind aus der Steckdose verspricht, ist das auch für Flachlandtiroler kein Problem. Auf den letzten Metern geht es über gefühlt Hunderte von Treppenstufen zu Fuß weiter zum über 450 Meter hohen Plateau des Papststeins. Kein Tag für Maler oder Fotografen: Die benachbarten Gipfel recken sich nicht aus einem flauschigweißen Nebelmeer, sondern hüllen sich in einen schmutziggrauen Schlechtwettermantel. Also geht es in Windeseile wieder bergab und über den Elberadweg ins beschauliche Krippen. Caspar David Friedrich verbrachte 1813 einige Monate im Dorf und fertigte verschiedene Skizzen und Zeichnungen an, die später in sein berühmtes Ölgemälde einflossen.

Elbsandsteingebirge - Radeln auf dem Elberadweg bei Krippen

Radeln auf dem Elberadweg bei Krippen

Hinter der nächsten Biegung ist die fast 100 Jahre alte Fähre „Lena“ erreicht, die Radler und Wanderer ins Biorefugium Schmilka bringt. Rot, grün und gelb gestrichene Häuser drängen sich um ein plätscherndes Mühlenrad. Innerhalb von 25 Jahren hat der Cottbuser Visionär Sven-Erik Hitzer das einst trostlose Grenzdörfchen aufgehübscht und in eine Bio-Oase mit Hotels, Ferienwohnungen, Restaurants, Café und Brauerei verwandelt. Die marode Wassermühle aus dem 17. Jahrhundert ließ er nach einem alten Kupferstich rekonstruieren. Seitdem liefert sie das Mehl für seine Bäckerei.

Elbsandsteingebirge - Die fast 100 Jahre alte Fähre Lena nach Schmilka

Die fast 100 Jahre alte Fähre Lena nach Schmilka

Der letzte Tag ist der böhmischen Schweiz gewidmet. Im Touristendorf Hrensko warten an der Hauptstraße schon seit der Wende Gartenzwerge und Störche auf einen Käufer. Doch schon bald beginnt der Promenadenweg entlang des wilden Flüsschens Kamenice (Kamnitz). „Die Erschließung dieser idyllischen Schlucht ist Fürst Edmund Moritz von Clary und Aldringen Ende des 19. Jahrhunderts zu verdanken“, informiert Nationalparkführerin Kamila Liskova: „Er ließ Durchgänge in die Felsen sprengen und ein Stauwehr errichten. Besonders schwierige Stellen werden seit dieser Zeit mit Stocherkähnen durchfahren.“ Nur zwei Boote mit einer Handvoll Touristen begegnen sich an diesem Morgen in der Edmunds- oder Stillen Klamm. Dschungelhaft dichtes Grün bewuchert die steilen Felswände. Kahnfahrer Karel Ladik erkennt fast in jedem Felsvorsprung ein verwunschenes Lebewesen und gibt seine Anekdoten zum Besten. Petrus scheinen sie nicht zu gefallen. Schlagartig verdunkelt sich der Himmel. Als der Kahn am Ende der Klamm anlegt, klatschen erste dicke Tropfen ins Gesicht. Über verträumte Pfade und aufgeweichte breite Wege führt Kamila Liskova ihre Wanderer tiefer in den Wald hinein. Hügelauf und hügelab. Und niemand kann sagen, er habe das Prasseln des Regens in der Stille der Natur nicht gehört.

Elbsandsteingebirge - Wanderung durch die Edmundsklamm in Tschechien

Wanderung durch die Edmundsklamm in Tschechien

 

Informationen

Lage

Die Sächsisch-Böhmische Schweiz erstreckt sich entlang des Elbtals südöstlich von Dresden zwischen Pirna und dem tschechischen Decin.

Übernachtung

Hotel Elbresidenz
Bad Schandau
Tel. 0350 22 919 0
www.elbresidenz-bad-schandau.de
Modernes 5-Sterne Hotel direkt am Elbufer und am Marktplatz von Bad Schandau. Kostenfreie Nutzung der benachbarten Toskana Therme. Bei Zimmern mit Elbblick können bei geöffnetem Fenster entlang der Elbe fahrende Güterzüge die Nachtruhe stören. Ruhiger ist es zum Innenhof.

Berghotel und Panoramarestaurant Bastei
Lohmen
Tel. 035024 779-0
www.berghotel-bastei.de
4-Sterne-Hotel wenige Meter von der Bastei-Brücke entfernt. Panoramarestaurant mit Elbblick.

Essen & Trinken

Unbedingt probieren: Eierschecke (dreischichtiger Quark-Vanille-Kuchen) und Krautwickel (Kohlroulade mit Rot- oder Weißkohl, 2015 vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA zum kulinarischen Markenzeichen der Sächsischen Schweiz erklärt)

Landgasthaus Ziegelscheune in Krippen
Einst Ziegelei, dann Zollstation, schließlich Gasthaus mit Wintergarten und Terrasse direkt am Elberadweg. Regionale und saisonale Produkte.
www.ziegelscheune.de

Biorefugium Schmilka
Mühlenbäckerei, Braumanufaktur, Café, Gasthof mit Biergarten. Ökologisch angebaute und überwiegend regionale Zutaten.
www.schmilka.de

Restaurant U Forta (Zur Försterei), Hrensko – Mezni Louka
Tschechische Küche mit regionalen und saisonalen Lebensmitteln.
www.uforta.cz/de/

Ausflugstipp

NationalparkZentrum Sächsische Schweiz
Bad Schandau
www.lanu.de
Hier wird die Entstehung des felsigen Skulpturengartens aus dem Grund des Meeres per Computeranimation, an Hörstationen und in Filmen erklärt.

Fahrt auf der Elbe zwischen Dresden und Bad Schandau mit einem der neun historischen Schaufelraddampfer
www.saechsische-dampfschiffahrt.de

E-Bike-Radeln im linkselbischen Hinterland und auf dem Elberadweg
www.elberadweg.de

Allgemeine Informationen

Tourismusverband Sächsische Schweiz e.V.
Bahnhofstraße 21
01796 Pirna
Tel.: 03501 470147
E-Mail: info@saechsische-schweiz.de
www.saechsische-schweiz.de

Informationen zur Böhmischen Schweiz: www.ceskesvycarsko.cz

 

(Die Reise wurde vom Tourismusverband Sächsische Schweiz in Pirna unterstützt.)

 

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