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Bremen
Wilhelm-Wagenfeld-Haus

Wilhelm Wagenfeld A bis Z
dauerhaft

Die Ausstellung "Wilhelm Wagenfeld A bis Z" nutzt die Ordnungsform des Alphabets und verbindet jeden Entwurf mit einem Begriff. So können die Objekte ganz neue Beziehungen eingehen – mal spielerisch, mal ernsthaft, mal unerwartet. Damit bietet die Ausstellung einen neuen Zugang zu Wagenfelds Werk, berührt aber zugleich zentrale Design-Themen des 20. Jahrhunderts. Einige Begriffe sind auch heute noch von zentraler Bedeutung ("nachhaltig"), andere spiegeln Designdiskurse des 20. Jahrhunderts wider ("materialgerecht"). Einige Objekte sind Einzelstücke ("Aladin-Kanne"), andere begegnen uns mehrfach, wie z.B. die berühmten Salz- und Pfefferstreuer "Max und Moritz" von 1952/53: Sie sind ein eindrückliches Beispiel für Wagenfelds Ringen um eine anonyme Form ("anonym"), tauchen aber auch unter dem spielerischen Begriff "spacig" auf. Schließlich gehörten die Streuer zur Erstausstattung des Raumschiff Enterprise, das ab 1968 in der gleichnamigen Science-Fiction-Serie durch das Weltall reiste.

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„Erfindung“ Wilhelm Wagenfeld: Salatseiher, 1956 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Jens Weyers

Der Weg durch das Haus ist vorgezeichnet. Neben den Exponaten, die wie die sogenannte Aladinkanne jeweils einem Buchstaben des Alphabets zugeordnet sind, finden sich in der Schau Saaltexte, O-Töne von Bremer Bürgern, die nicht nur „Max und Moritz“, Wagenfelds Gewürzsteuer, in ihrem Haushalt hatten, sondern auch eine Wagenfeldvase, die leider beim Abwaschen eine Beschädigung erfuhr und dennoch ein heiß geliebtes (Design)objekt blieb.

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"Aladin-Kanne" Wilhelm Wagenfeld: Teekanne, 1929 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Die Aladinkanne zeichnet sich durch eine sehr elegante Form aus, die durch die schwungvolle Linie zwischen Gusstülle und Henkel geprägt ist. Verdickte Sanduhrformen findet man in den Pfeffer- und Salzstreuern von Wagenfeld, die mit „Max und Moritz“ bezeichnet werden und in der Form durchaus Ähnlichkeiten mit den beiden bösen Buben aus den Bildgeschichten von Wilhelm Busch haben. Zum Vergleich findet man einen Entwurf von Eva Zeisel für Gewürzstreuer. Organisch, birnenförmig sind deren Entwürfe. Man könnte darin auch Mutter und Kind sehen. Dem Buchstaben A ist außerdem Wagenfelds Ascher aus Pressglas zuzuordnen. Aber auch Ascher aus Porzellan und Kristallglas sind ausgestellt. Eine Besonderheit ist der Kippascher aus Cromargan-Edelstahl und Glas. Funktional und platzsparend sind Wagenfelds Stapelascher. Übrigens ist auch das Design von dem „faltigen“ Ascher „Faktotum“ für die Vereinigten Glaswerke Wilhelm Wagenfeld zu verdanken.

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Bauhausleuchte" Wilhelm Wagenfeld, 1924 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021,
Foto: Jens Weyers

Die bekannte Bauhausleuchte – Wagenfeld verbrachte einige Zeit am Bauhaus – ist selbstverständlich in der sehr sehenswerten Schau zu finden. Zylinder und Kugel sind die Grundformen, aus denen der Designer seine Leuchte entwarf. Bei der Tischlampe MT 8 ist die Kuppel aus Opalglas, wie wir dem Beitext entnehmen können. Der Fuß besteht aus verzinktem Messing. Unter dem Buchstaben B finden sich auch kurze biografische Angaben zum Werdegang des in Bremen geborenen und in Stuttgart verstorbenen Designers. Zudem sehen wir die Familie Wagenfeld auf einem Foto mit der Aladinkanne, die Frau Wagenfeld in der Hand hält. Eigentlich war Wagenfeld, so können wir nachlesen, zunächst Industriezeichner, eher er Entwerfer für die Firma Schott & Gen Jenaer Glas wurde. Er arbeitete aber auch für die WMF und gründete schließlich eine eigene Werkstatt, als er in Stuttgart lebte.

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Farben" Wilhelm Wagenfeld: Glasobjekte (Vasen, Aschenbecher, Krug und Marmeladendose) © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Jens Weyers

Dass die Türklinken im Bundeskanzleramt auf Wagenfeld zurückgehen, wissen wahrscheinlich nur wenige. Der Entwurf stammt aus dem Jahr 1928. Tausende der Türklinke sind im Bundeskanzleramt verbaut worden. Im Wilhelm-Wagenfeld-Haus in Bremen findet man 45 dieser schlichten Klinken. Besteck wurde von Wagenfeld gleichfalls entworfen. Über Besteck sagte Wagenfeld 1958: „In Wahrheit erfordert wohl kaum ein Gegenstand so viel Feingefühl für Maß und Form wie gerade das Besteck.“

Betrachtet man das Besteck 783/83 so springt vor allem der Sardinen-Heber ins Auge. Zudem weisen Löffel und Gabel taillierte Griffe auf, sicher für die Handhabung sehr angenehm. Beim Weitergehen erfährt man unter anderem von Heide Mehnert aus Delmenhorst, dass Wagenfeld Designs hoch im Kurs standen, auch die Butterdose. Und für die Verlobung gab es auch Wagenfeld-Designs geschenkt, nicht nur gleich mehrfach „Max und Moritz“ .

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Musterstück" Wilhelm Wagenfeld: Eierbecher, 1953/54 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Jens Weyers

Beim weiteren Rundgang entdecken wir fotografiertes Design, unter anderem die Vasen mit Schliff. Wir nehmen den Beitext lesend zur Kenntnis, dass Wagenfeld die sachliche Produktfotografie schätzte. Sie sollte informieren und nicht in eine Hell-Dunkel-Inszenierung verfallen. Kaum bekannt ist, dass Wagenfeld durchaus eine künstlerische Karriere anstrebte. Einige Holzschnitte im Faksimile unterstreichen auch dieses Können des Entwerfers, der allerdings vor der Aufnahme am Bauhaus Druckstöcke und Radierungen vernichtete. Die ausgestellte Auswahl von grafischen Arbeiten wie „Im Café“ und „Die Toten leben“ zeigen Wagenfeld im Übrigen in der Nähe von Beckmann und Grosz, oder?

Für die WMF entwarf Wagenfeld Tabletts und Schalen aus Cromargan. 1958/59 entstand der Suppentopf mit zwei Henkeln und einem u-förmigen Deckelgriff. Bekannt ist nicht nur das Stapelgeschirr, gleichsam als Vorläufer von Tupperware, sondern auch die Wagenfeldschen Doppeldosen, u. a. aus Porzellan für das Unternehmen Fürstenberg. 1935 entstand aus Pressglas eine Keksdose, die zum Sortiment der Vereinigten Lausitzer Glaswerke gehörte. Zudem sehen wir eine Konfektdose in bläulichem Glas.

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"Cromargan" Wilhelm Wagenfeld für WMF © VG Bild-Kunst, Bonn 2021,
Foto: Jens Weyers

Gewiss der bekannte Designer des Phono-Unternehmens Braun ist Dieter Rams, dessen eckige Radio-Phono-Kombination TP1 neben dem organischen Entwurf Wagenfelds zu finden ist. „Combi“ von 1955 hatte etwas von einer Skulptur. Eigentlich schon in der Farbgebung der 1970er Jahre ist der knallorangene Salatseiher gehalten, der so konstruiert ist, dass man aus zwei Sieben eine Salatschleuder machen konnte. Form und Funktion in Reinform – das gilt insbesondere für diesen Entwurf aus den 1950er Jahren. Unter den Entwürfen finden sich auch die flache Kofferschreibmaschine mit Tastenmulden zur besseren Handhabung. Für den amerikanischen Markt konzipierte Wagenfeld schmale Butterdosen mit einer „kahnähnlichen“ Unterschale. Dass auch das Bordgeschirr der Lufthansa einst aus Plastik von Wagenfeld entwickelt wurde, erfährt der Besucher so nebenbei. Eine Zuckerzange in den Deckel der Zuckerdose zu integrieren, ist eine Idee Wagenfelds aus dem Jahr 1958 für die WMF. Zum Stichwort „gute Form“ entstand ein Trinkglasservice mit Gläsern, die teilweise tailliert sind und zudem einen Glasschliff besitzen.

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"Singlehaushalt" Wilhelm Wagenfeld: Tassenfilter, 1933 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Jens Weyers

Sehr einfallsreich war Wagenfeld in den Kriegsjahren, als keine Vasen mehr produziert werden durften. Er konzipierte Vasen so, dass sie gleichzeitig auch als Einmachgläser dienen konnten. Das Pergamentpapier wurde über die Vasenöffnung gelegt und am ausgestülpten Vasenrand mit Gummi oder Schnur befestigt. Rosenthal verdankt dem Designer eine Mokka-Kanne. Aus Plastik in Creme und Dunkelbraun schuf das Johannes Buchsteiner Plastikwerk 1956 eine von Wagenfeld entworfene Gießkanne.

Dass Wagenfelds Ideen in Abwandlungen auch von anderen Entwerfern genutzt wurden, ohne gleich Plagiate zu sein, zeigt die hervorragend konzipierte Schau im Weiteren. Dabei kann man Original und Kopie miteinander vergleichen, auch die stapelbaren Eierbecher. Hutschenreuther wandelte das Original einfach ab, schuf kantige statt runder Formen. Sehr clever konzipiert ist die Fett- und Magersauciere MT 50 mit zwei unterschiedlichen Gießtüllen links und rechts, 1924 am Bauhaus entstanden. Gerhard Marcks hat, welch überraschende Entdeckung, gemeinsam mit Wagenfeld an einer Kaffeemaschine gearbeitet. 1925 war dies. Dabei beschränkte sich Wagenfelds Mitwirken auf den Griff!

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"fliegen" Wilhelm Wagenfeld: Lufthansa-Bordgeschirr, 1955 © VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Jens Weyers

Eher schon Skulptur als Funktionsdesign – das sind die Wandleuchten Daphne, Como und Muschel, die 1953/54 das Licht der Welt erblickten. Nicht minder interessant sind die tropfigen Pendelleuchten, ebenfalls eine Idee von Wagenfeld. Schließlich endet der Gang von Design zu Design mit den Entwürfen, die in Wagenfelds Stuttgarter Werkstatt entstanden. Darunter ist eine Arbeitsplatzleuchte mit schwenkbarem Schirm.

Fazit: Diese Ausstellung ist ein Muss für alle, die sich für Design des 20. Jahrhunderts begeistern können.

© ferdinand dupuis-panther

Info
https://wilhelm-wagenfeld-stiftung.de/

 

 

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