Vom Waldmops zum Faustkeil

In Brandenburg an der Havel trifft Humor auf Geschichte

Text und Fotos: Helga Schnehagen

 

Brandenburg - Dominsel, Burgmühle, heute Wohnungen

Einst Burgmühle, heute Wohnungen auf der Dominsel

Um „Leben in der Bude“ braucht man sich in Brandenburg/Havel nicht zu sorgen. Dafür ist vor allem die Wirtschaft mit nur sieben Prozent Arbeitslosigkeit verantwortlich, seit Anfang 2021 unterstützt durch die Ansiedlung des neuen Bundesamtes für Auswärtige Angelegenheiten (BfAA). Dazu die Nähe zu Berlin, in dessen erweitertem Speckgürtel die quirlige Havelstadt mit ihren rund 72.000 Einwohnern noch attraktive bezahlbare Wohnungen bietet. Natürlich spielt auch der Tourismus mit Scharen von Radfahrern, die auf dem Havelradweg, der Tour Brandenburg und anderen Routen in Brandenburg/Havel Station machen, eine wichtige Rolle.

Brandenburg - 7-Seen-Tour, Möserscher See

Der Möserscher See auf der 7-Seen-Tour

Einen nachhaltigen Impuls setzte zudem wie erhofft die Bundesgartenschau Havelregion 2015. Dabei fand unter großer politischer Anteilnahme ein einmaliges zoologisches Ereignis statt: Im Zuge der Eröffnung wurden in Anwesenheit der damaligen Politprominenz die ersten acht ringelschwänzigen und mit Elchschaufeln gehörnten Waldmöpse in Brandenburg/Havel ausgewildert.

„Als Herr des Waldes durchstreifte der Mops einst Europa zwischen Ural- und Fichtelgebirge“, heißt es im Loriot-Sketch-Klassiker „Der wilde Waldmops“ von 1972 und weiter: „Ende des 16. Jahrhunderts galten die mächtigen Mopsschaufeln noch als beliebte Jagdtrophäe. Im Laufe des 17. Jahrhunderts hat man sie jedoch rücksichtslos zurückgezüchtet, da sich 14-Ender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten. Der Mops wurde gefahrlos und damit konsumgerecht. In Deutschland hat lediglich der scheue Waldmops die freiheitliche Würde seiner Vorfahren bewahrt.“

Brandenburg- Waldmops in Bronze

Waldmops in Bronze gegossen

Würdevoll vermehrt er sich seitdem in der Havelstadt. In Bronze gegossen, wird er voraussichtlich sogar seine zweibeinigen Mitbürger überleben. Das bewahrt ihn allerdings nicht davor, gemopst zu werden. Ein Exemplar aus dem Rudel ist bereits über Nacht unauffindbar verschwunden. Einem anderen wurde ein Ohr abgesägt, da dessen Berührung Glück verheißt. Der Tierschänder erhofft sich wohl, dass es einmal in seiner Tasche für dauernde Glückseligkeit sorgt. Eine Rückmeldung dafür gibt es nicht. Nachahmung jedoch ist strengstens verboten!

Als Vicco von Bülow am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geboren wurde, war ihm sein Weg als Karikaturist und Humorist nicht in die Wiege gelegt. Als Sohn einer preußischen Offiziersfamilie fielen seine ersten Blicke auf Kasernenmauern. Brandenburg war damals Garnisonstadt. Viccos Zeit in Brandenburg/Havel war kurz. Schon mit vier Jahren kam er in die Obhut seiner Groß- und Urgroßmutter in Berlin.

Brandenburg - Dom auf der Dominsel

Der Dom auf der Dominsel

Gerne erwähnte Loriot jedoch seine Geburtsstadt. Das ließ Gerda Arndt, die damalige Leiterin des Dommuseums, dem berühmt gewordenen Sohn der Stadt noch zu DDR-Zeiten eine eigene Ausstellung widmen. Als Loriot am 18. Mai 1985 zur Eröffnung in seine Geburtsstadt zurückkehrte, war das der Beginn einer dauerhaften Freundschaft. 1993 gründete er die Kultur fördernde Vicco-von-Bülow-Stiftung. Im Gegenzug wurde er Ehrenbürger der Stadt. Allein für die Rettung des Doms auf der Dominsel brachte er über eine Million Mark zusammen.

Brandenburg - Altstadt, Gotthardtkirche

Blick auf die Gotthardtkirche

Zu seinem 85. Geburtstag machte ihm die Brandenburger Bürgerschaft die restaurierte Nordkapelle in seiner Taufkirche St. Gotthardt symbolisch zum Geschenk. War die Restaurierung der Ölgemälde und Epitaphe in der reich ausgestatteten gotischen Hallenkirche doch im Wesentlichen mit Mitteln der Vicco-von-Bülow-Stiftung realisiert worden.

Brandenburg - Altstadt, Altstädtisches Rathaus mit Roland

Altstädtisches Rathaus mit Roland

Mit dem Waldmops setzte man dem Gönner posthum ein Denkmal. Der scheue Kerl dehnte sein Revier von der Altstadt auf die Neustadt und die Dominsel aus. Am 22.August 2016, an Loriots fünftem Todestag, wurde der 20. Waldmops am Brunnen vor dem Altstädtischen Rathaus mit der Rolandsfigur ins Leben entlassen. Heute bevölkern 26 der possierlichen Tiere die Havelstadt. Nach Stadtführer Dr. Christian Heise soll das Rudel auf dreißig begrenzt werden. Ob es gelingt und der Waldmops nicht eines Tages zur Plage wird, bleibt abzuwarten.

Brandenburg - Waldmops am Brunnen vor dem Altstädtischen Rathaus

Waldmops am Brunnen vor dem Altstädtischen Rathaus

Die Gartenschau hatte auch für den fristgerechten Abschluss der musterhaften Sanierung der mittelalterlichen Hansestadt (1310-1520) an der Europäischen Route der Backsteingotik gesorgt. Bereits 2008 hatte das Archäologische Landesmuseum im Paulikloster eröffnet. Die Mittel dazu lieferten die Europäische Union, der Bund sowie Land und Stadt Brandenburg.

Brandenburg - Neustadt, Paulikloster, Kreuzganghof und Turm

Das Paulikloster mit Kreuzganghof und Turm

Das Archäologische Landesmuseum gleicht einer Matrjoschka. Da sind zum einen die Bauten des 1286 gegründeten Dominikaner-Klosters selber. Nach seiner Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs und der völligen Rekonstruktion ab 2002, gehört es heute zu Norddeutschlands wenigen Bettelordensklöstern, die als Gesamtanlage glänzen können.

Brandenburg - bronzezeitliche Buckelamphore im Archäologischen Landesmuseum

Bronzezeitliche Buckelamphore

Dazu kommt eine vielschichtige Ausstellung: Eine Zeitleiste weist als Roter Faden chronologisch durch die Geschichte, beginnend bei den Jägern und Sammlern der Altsteinzeit. Die Vitrinen liefern dazu rund 10.000 ausgewählte Funde von Brandenburgs ältesten 50.000 Jahre alten Faustkeilen bis zu der 1991 entdeckten bronzezeitlichen Amphore aus Herzberg, deren Buckel-Zahl exakt einem Mond- bzw. Sonnenjahr entspricht, und die damit in ihrer Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra gleicht. Fast nebenbei erfährt man, dass die bisher frühesten Zeugnisse menschlichen Lebens in Brandenburg 130.000 Jahre zurück liegen. Erst 2013 kam im Braunkohletagebau Jänschwalde ein entsprechender eiszeitlicher Fundplatz ans Licht.

 

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