Fachwerk, Salz und dicke Kissen

Auf dreifacher Zeitreise durch Bad Sooden-Allendorf

Text und Fotos: Rainer Heubeck

„Frau Holle“, davon ist Brigitte Jacobi überzeugt, „war keineswegs nur eine bettenschüttende alte Tante, sie hatte vielmehr mythische Kräfte und wurde verehrt.“ Wenn sich eine junge Frau in dem Wasser des Frau Holle-Teichs am Hohen Meissner gebadet hat, förderte das meist ihre Fruchtbarkeit. So jedenfalls sagt es die Legende, und die wird in Bad Sooden-Allendorf eifrig weitererzählt.

Bad Sooden-Allendorf - Brigitte Jacobi als Frau Holle

Stadtführerin Brigitte Jacobi als Frau Holle

„Bei uns im Ort gibt es insgesamt vier Frau Holles, ich bin eine davon“, gesteht Stadtführerin Brigitte Jacobi, die zum Rundgang durch die Salzstadt natürlich ein dickes weißes Kopfkissen zum Ausschütteln mitgebracht hat. Gewohnt haben soll Frau Holle in der Hohlsteinhöhle am Hohen Meissner. In den Ort Kitzhammer soll sie die bösen Mädchen verbannt haben, nachdem sie diese in Katzen verwandelt hat. „Böse Jungs hingegen hat sie in Kälber verwandelt“, ergänzt Brigitte Jacobi, die einen blauen Rock, eine rote Weste und eine weiße Schürze trägt. Besondere Vorsicht, so versichert sie, sei in den Rauhnächten geboten, „denn da ziehen Wotan und Frau Holle mit den Seelen der Verstorbenen umher.“ Zu diesem Thema, so gesteht Brigitte Jacobi, sei aber Silvia Schaaf-Dormeier, eine der anderen drei Frau Holles des Ortes, noch besser informiert.

In Bad Sooden-Allendorf und in Hessisch-Lichtenau, beide in der Nähe des Hohen Meißners gelegen, wird viel Wirbel gemacht um Frau Holle, sogar ein eigenes Museum, das Holleum, hat man ihr gewidmet. Die Frau Holle-Sage wurde weltbekannt, weil sie von den Gebrüdern Grimm, die in Kassel lebten, in ihre Märchen- und Sagensammlung aufgenommen wurde. Ob sie sich tatsächlich am Hohen Meißner lokalisieren lässt, ist letztendlich unklar – auch die Hörselberge bei Eisenach werden zuweilen mit der Legende verbunden. Brigitte Jacobi glaubt daran jedoch nicht. „Die Gebrüder Grimm haben das Märchen nach Überlieferungen alter Bergbauern vom Hohen Meißner geschrieben“, so lautet ihre Überzeugung.

Bad Sooden-Allendorf - Gerhard Rademacher, der als „Siedemeister“ durch die Salzstadt führt

Gerhard Rademacher führt als „Siedemeister“ durch die Salzstadt

Weiß war nicht nur der Schnee, der auf die Erde fiel, wenn Frau Holles Kissen geschüttelt wurden. Weiß war auch die Substanz, die Bad Sooden bzw. Sooden und Allendorf einst zu einem reichen Flecken gemacht haben. Salz war lange Zeit das weiße Gold, das den Inhabern der Saline, den Pfännern, zu großem Wohlstand verhalf. Um Pfänner zu werden, musste man in eine solche Familie hineingeboren werden oder aber einheiraten. Insgesamt 2000 Menschen, inklusive der Holzmacher, hatten zu Hochzeiten in der örtlichen Saline gearbeitet. Das Salz, das aus dem Wasser unterirdischer Solequellen gewonnen wurde, ist mit Schiffen auf der Werra abtransportiert und bis Lübeck und Riga geliefert worden. Das berichtet der Rentner Gerhard Rademacher, der als „Siedemeister“ durch die Salzstadt führt. Er weiß, dass die Soodener Saline bereits das Römerlager Hedemünden beliefert habe und dass zu späterer Zeit zwei Drittel des Landeshaushaltes von Kurhessen von der Saline erwirtschaftet wurden. Während des Stadtrundgangs zeigt uns Rademacher den Kurpark, in dem früher mehr als vierzig Siedekaten standen. „In den Katen wurde Salz hergestellt, indem man das Wasser verdunsten ließ. Bei sechs- oder zwölfprozentiger Sole brauchte man da viel Brennstoff“, erklärte Rademacher, der darauf verweist, dass Sooden früher eine Art Ruhrgebiet für Allendorf gewesen ist. Die Siedekaten standen in einen Rondell. Um die Saline gab es einen Zaun, der Salzfrevel oder Salzschmuggel verhindern sollte. Insgesamt zwölf Personen waren pro Kate im Einsatz, um die Sole in den Siedepfannen Tag und Nacht am Köcheln zu halten.

Gradierwerk in Bad Sooden

Gradierwerk

Gerhard Rademacher zeigt uns auch das einzige Gradierwerk, das es in Bad Sooden, wo einst zweiundzwanzig dieser Gradierwerke gestanden hatten, noch bzw. genau genommen wieder gibt. Das 140 Meter lange und zwölf Meter hohe Gebäude, das auf ein Gradierwerk aus dem Jahr 1638 zurückgeht, das ursprünglich annähernd doppelt so lange war, wurde von 2000 bis 2003 nahezu neu wieder aufgebaut. Doch was ist das eigentlich, ein Gradierwerk? Einfach nur eine Holzbrücke, die unvermittelt in der Landschaft steht? Keineswegs, es ist ein intelligentes Verfahren, den Salzgehalt des Wassers zu erhöhen, indem man die Sole durch Wände aus struppigem Schwarzdorn rinnen lässt. Dabei setzen sich zum einen Verunreinigungen ab, zum anderen verdunstet ein Teil des Wassers, so dass sich der Salzgehalt erhöht. „Bei jedem Durchgang“, so erläutert Gerhard Rademacher, der eine blaue Siedemeisteruniform trägt, „steigt der Salzgehalt und drei bis vier Prozent, nach drei Durchläufen liegt er etwa bei 24 Prozent.“

Bad Sooden - Salzablagerung im Gradierwerk

Salzablegerungen

Natürlich macht man dies heute nicht mehr, um das Salz zu verkaufen, denn Solesalz ist längst nicht mehr konkurrenzfähig. Deshalb hat man im Jahr 1906 die Salzproduktion hier vollständig eingestellt. Doch dafür hat ein Aufenthalt in der Nähe des Gradierwerkes heute einen heilsamen Effekt. In den Sommermonaten werden in der Nähe Liegen aufgestellt – und ein bedachter Wandelgang ermöglicht es, die salzhaltige Luft auch bei Regenwetter trockenen Fußes zu inhalieren. Eine Wohltat für Pollenallergiker und Asthmatiker und für alle mit Bronchialproblemen und empfindlichen Atemwegen. „Wenn man fünf Mal um die Gradieranlage herumgeht und dabei ganz tief einatmet, dann spürt man den Effekt“, versichert Rademacher. Noch nicht genug vom Thema Salz? Ganz in der Nähe gibt es ein modernes Solebad, die Werratal-Therme, mit salzhaltigen Innen- und Außenbecken und einer Salzgrotte. Lohnend ist auch das Salzmuseum, das im Södertor untergebracht ist, und das nur an einigen Tagen pro Woche geöffnet hat.

Bad Sooden-Allendorf - schmucke Fachwerkhäuser im Ort Allendorf

Schmucke Fachwerkhäuser in Allendorf

Die reichen Pfänner lebten früher nicht in Sooden, sondern hatten ihre schmucken Fachwerkhäuser im Ort Allendorf, der inzwischen mit Bad Sooden in einer Gemeinde verbunden ist. In der Umgebung der Allendorfer St. Crucis-Kirche finden sich dreigeschossige Häuserzeilen mit schmucken Zwerchgiebeln, verspielten Erkern und mit kunstvollen Füllhölzern mit Eierstäben und Zahnleisten. Damit zeigten die Pfänner und Salzhändler einst ihren Reichtum. Die Fachwerkhäuser stammen aus der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. Die Fachwerkstile sind vielfältig, denn die Salzhändler brachten Einflüsse aus verschiedenen Regionen mit. Ein Spaziergang entlang von Kirchstraße und Marktplatz lohnt.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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