Kakadus, Kängurus und Jahrtausende alte Fußabdrücke

Faszinierende Nationalparks im Südosten Australiens

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Australien - Skurriler Rastplatz im Niemandsland: Stillleben am Rande der Sandpiste, die von Mildura in den Mungo-Nationalpark führt

Wir sind auf dem Weg von Mildura, einer Kleinstadt am Ufer des Murray-Flusses, zum Mungo-Nationalpark. Dort hat man die ältesten Spuren menschlichen Lebens entdeckt, die bislang außerhalb des afrikanischen Kontinents lokalisiert werden konnten. Rund 40.000 Jahre alt sollen die Überreste der Mungo-Frau und des Mungo-Mannes sein, deren zum Teil eingeäscherten Gebeine 1969 bzw. 1974 gefunden wurden. Wem die Überbleibsel dieser australischen Ureinwohner gehören, der Wissenschaft oder den Aborigines, darüber gab und gibt es immer wieder Streit. Wie auch darüber, wem das Land des inzwischen zu einer Sandwüste mutierten Mungo-Sees zusteht, das den Kern des Nationalparks bildet. Für Graham Clarke, einen Aborigine vom Stamm der Paakantyi, der uns an diesem Tag begleitet, steht außer Frage, dass der Nationalpark den Aborigines gehören muss. „Unser Volk war schon seit vielen Generationen hier“, sagt er.

Australien - Nur über eine Sandpiste erreichbar: Der Mungo-Nationalpark

Nur über eine Sandpiste erreichbar: Der Mungo-Nationalpar

Graham Clarke will seine Gäste teilhaben lassen an der alten Weisheit der australischen Ureinwohner. „Wir Aborigines“, so sagt er, „haben weder die Uhr noch den Kalender erfunden, denn das ist nicht das Gesetz von Mutter Natur, sondern ein von den Menschen gemachtes Zeitkorsett – ich hingegen lebe in der Welt von Mutter Natur.“ Der weißbärtige Mann, der sich mit einem braunen Lederhut vor der gleißenden Sonne schützt, ist überzeugt davon, dass sich die Natur immer in Zyklen bewegt. Das können kurze Zyklen sein, wie bei Ebbe und Flut, aber auch lange Zyklen, wie bei den Jahreszeiten oder bei Klimaschwankungen. Die längsten Zyklen, so Clarke, dauern etwa 400.000 Jahre.

Australien - Auf der Suche nach Termiten im Baum: Graham Clarke kennt die Pflanzen und Tiere in der halbtrockenen Wüste

Auf der Suche nach Termiten im Baum: Graham Clarke kennt die Pflanzen und Tiere in der halbtrockenen Wüste

Natur ist keinesfalls nur etwas Idyllisches, hier in der Sandwüste leben auch Schlangen, Termiten und Skorpione. „Wie in vielen halbtrockenen Wüsten, sind die meisten Tiere hier vor allem in der Nacht aktiv“, sagt Graham Clarke. Er kennt die kleinen Löcher im Sandboden, in denen sich die Skorpione verstecken und er weiß, wie man einen Holzstamm von Termiten befreit, bevor man ein Didgeridoo daraus baut. Vor den Schlangen fürchtet er sich nicht. „Sie haben Angst vor den Menschen, am ehesten wird man gebissen, wenn man sich ihnen ganz bewusst nähert, etwa um sie zu töten oder zu fotografieren“, erläutert unser Guide, der nebenbei auch Musiker ist und mehrere selbstgebaute Didgeridoos besitzt.

Australien - Skurrile Sandformation im Mungo-Nationalpark

Skurrile Sandformation im Mungo-Nationalpark

Der 53-jährige Australier weiß auch, dass das Gebiet hier nicht immer eine Sandwüste war. „Vor ungefähr 15.000 Jahren ist der Mungo-See ausgetrocknet, damals haben mehrere Flüsse ihren Lauf verändert“, erklärt er. Zurück blieben neben viel Sand auch einige der ältesten Spuren menschlichen Lebens. In der Willandra-Seenregion, zu der der Mungo-Nationalpark gehört, wurden nicht nur der Mungo-Man und die Mungo-Lady entdeckt, sondern auch Hunderte von Fußspuren in den lehmigen Uferbereichen des früheren Sees, die zwischen 19.000 und 23.000 Jahre alt sind. Es sind die ältesten menschlichen Fußabdrücke, die jemals in Australien gefunden wurden. Kein Wunder, dass das faszinierende Gebiet, in dem Graham Clarke fast täglich mit Gästen unterwegs ist, zum UNESCO-Welterbe zählt. „In der Zeit vom November bis März, im australischen Sommer, kann es hier sehr heiß werden, manchmal sind es dann fünfzig Grad im Schatten, da mache ich dann eher Sonnenuntergangstouren, im australischen Winter hingegen bin ich mit meinen Gästen meist tagsüber unterwegs“, erläutert Clarke.

Australien - Imposante Sanddünenlandschaft: Der Mungo-Nationalpark zählt zum UNESCO-Welterbe

Imposante Sanddünenlandschaft: Der Mungo-Nationalpark zählt zum UNESCO-Welterbe

Wer den Mungo-Nationalpark zusammen mit dem Aborigine besucht, der stapft durch Sanddünen, klettert auf Sandhügel und durchschreitet Sandcanyons. Und er stoppt im sehenswerten Nationalpark-Besucherzentrum, das über archäologische Funde und geologische Besonderheiten informiert. Er erfährt aber auch, dass die Aborigines noch heute um ihre Identität kämpfen müssen. „Mit zwölf bin ich zusammen mit meinen Brüdern aus der Familie genommen worden und wir sind zu weißen Familien gebracht worden, die uns adoptiert haben. Dort musste ich sechs Jahre lang bleiben, erst mit 18 konnte ich wieder zurückgekommen“, erinnert sich Graham Clarke. „Dennoch konnte ich meine Tradition bewahren, denn ich habe viel von meinen Großeltern gelernt.“

Australien - Blick auf die „Wall of China“: Kilometerlange wallartige Sanddünen säumen den Rand des ausgetrockneten Mungo-Sees

Blick auf die „Wall of China“: Kilometerlange wallartige Sanddünen säumen den Rand des ausgetrockneten Mungo-Sees

Seit knapp zwanzig Jahren, so Clarke, versuchen die Nachkommen der Ureinwohner, ihr Land offiziell wieder zurückzubekommen. „Das hier ist meine Heimat, meine Großeltern lebten hier, ich bin einer der letzten direkten Abkömmlinge der Aborigines vom Darling-Fluss“, versichert er. Von seinen Großeltern hat er viel von der Bedeutung der Songline, der Dreamtime und den verschiedenen Totem erfahren, die im Leben der Aborigines eine Rolle spielen. Dazu hätte der 53-jährige noch viel zu erzählen, doch zuerst einmal erklimmt er mit uns wallartige Sanddünen am Rande des ausgetrockneten Mungo-Sees. Diese formen über mehrere Kilometer einen zerklüfteten Halbkreis und haben den Namen „wall of china“ bekommen. Wenn die Abendsonne ihr weiches Licht auf ihn legt, verzaubert der Sand das Auge normalerweise mit leuchtenden Ocker- und Brauntönen. Heute jedoch haben wir Pech, ein dunstiger Schleier hat sich vor die Sonne gelegt, so dass die Gelb- und Ockertöne nur matt schimmern. Dennoch fasziniert uns die Landschaftsformation ungemein: An vielen Stellen ragen pyramidenartige Sand- und Lehmhügel meterhoch empor. Sie wirken, als wären sie überdimensionierte, riesige Maulwurfshügel. Wir sitzen im Sand, genießen die Stille. Spüren die Wärme der Sonnenstrahlen auf unserer Haut, die gedämpft durch den Schleier dringt. Als wir eine Stunde später auf der Staubpiste zurück nach Mildura sind, fühlen wir uns, als würden wir von einer Zeitreise zurückkehren.

Die Weite Australiens: Auf dem Highway von Mildura nach Halls Gap

Die Weite Australiens: Auf dem Highway von Mildura nach Halls Gap

Am nächsten Tag erleben wir die Weite Australiens noch einmal deutlich, fahren knapp 400 Kilometer von Mildura bis nach Halls Gap. Die Fahrt auf einer meist schnurgeraden Straße durch eine eher gleichförmige Landschaft wird unterbrochen von einigen typisch australischen Sehenswürdigkeiten, etwa dem Big Lizzie in Red Cliffs. Der 45 Tonnen schwere Riesentraktor wurde ursprünglich per Dampfmaschine angetrieben. Seine wuchtigen Eisenräder sind speziell für den Einsatz in sandigem Gebiet konstruiert worden. In Brim halten wir an einem bemalten Silokomplex, der vom isländischen Street Art-Künstler Guide van Helten mit gigantischen Portraits versehen worden ist. Dieses Silo hat Tourismusmanager inzwischen zum Aufbau eines 200 Kilometer langen Silo-Kunstweges inspiriert. Und auch Kyle Lemon, unser Guide, versucht die lange Fahrt kurzweilig zu machen, indem er bei einem Stopp auf dem recht verkehrsarmen Highway eine kleine Didgeridoo-Einlage bringt – und zwar direkt auf der Fahrbahn.

Australien - Lassen sich nicht stören: Kängurus im Halls Gap Lakeside Tourist Park

Lassen sich nicht stören: Kängurus im Halls Gap Lakeside Tourist Park

Als wir den Halls Gap Lakeside Tourist Park erreichen, ist es bereits dunkel, deshalb sind wir am nächsten Morgen umso überraschter. Die baumreiche Mittelgebirgslandschaft der Grampians ist mit der wüstenähnlichen Sanddünenlandschaft des Mungo-Nationalparks nicht zu vergleichen. Während wir die nachtaktiven Tiere, die in der Sandwüste leben, nicht zu Gesicht bekommen haben, frühstücken wir in Halls Gap mit weißen Kakadus und grauen Wallaby-Kängurus. Kakadus, so erfahren wir, sind das Totemtier der Grampians. Kyle Lemon, unser Guide, hat Vogelfutter mitgebracht, und so kann er sich der Tiere kaum erwehren – ein Kakadu sitzt auf seiner rechten Schulter, zwei weitere auf seinem rechten Arm. Angst oder Scheu scheinen den Vögeln fremd zu sein.

Australien - Frühstück mit Kakadus: Morgenstimmung im Halls Gap Lakeside Tourist Park

Frühstück mit Kakadus: Morgenstimmung im Halls Gap Lakeside Tourist Park

Die Berglandschaft der Grampians ist vulkanischen Ursprungs, zahlreiche Wanderwege führen zu grandiosen Aussichtspunkten und Wasserfällen – und in kleinen Cafés, Restaurants und Kneipen im Ort Halls Gap speist man hervorragend, meist regional und biologisch inspiriert. Echte Aboriginestraditionen, wie im Mungo-Nationalpark, treffen wir heute nicht, doch in einem Kulturzentrum, dem Brambuk Aboriginal Cultural Centre, werden die Bräuche der Kooris bewahrt. Auch der Schöpfungsmythos der hiesigen Aborigines wird hier wiedergegeben. Eine phantastische Geschichte, in der Adler, Krähen, Frösche und Emus eine wichtige Rolle spielen und die mehr oder weniger plausibel erklärt, wie die hiesigen Landschaftsformationen zustande gekommen sind.

Australien - Vulkanisch geformte Gebirgslandschaft: Die Grampians, ein beeindruckender Nationalpark

Vulkanisch geformte Gebirgslandschaft: Die Grampians, ein beeindruckender Nationalpark

Wir fahren mitten durch den Grampians-Nationalpark nach Dunkeld, sehen uns kleine Unterkünfte an, direkt im Schatten des Mt. Sturgeon und des Mt. Abrupt, der beiden höchsten Berge im Süden der Grampians. Der schöne Blick lädt am nächsten Tag zu einem Morgenspaziergang ein. Es dauert nicht lange, bis ich die ersten Kängurus erspähe, die in der Umgebung grasen. Gemütlich hoppeln sie von dannen, als ich mich nähere. Eilig scheinen sie es dabei nicht zu haben. Auf den ersten Blick leben Menschen und Tiere hier problemlos und harmonisch zusammen. Doch es fällt auf, dass viele frisch angepflanzte Bäume und Sträucher von ihren Besitzern umzäunt wurden. Wären sie den hungrigen Kängurus ungeschützt ausgesetzt, hätten sie keine Chance, hochzukommen. Wildverbiss à la Australien. Und an den Straßenrändern sehen wir immer wieder Warnschilder. Wie in Deutschland vor Rehen, wird Down Under vor kreuzenden Beuteltieren gewarnt. Nicht ohne Grund, denn zu Unfällen kommt es häufig. „Allein in den letzten vier Monaten“, gesteht unser Busfahrer, „habe ich drei Kängurus überfahren.“ Auf unserer Fahrt ins rund 250 Kilometer entfernte Melbourne, es ist die Hauptstadt des Staates Victoria, bleibt eine solche Kollision glücklicherweise aus, und so erleben wir – nach etlichen Tagen in Australiens Naturparks – am Ende unserer Reise noch das urbane Australien. Es hat nur wenig gemein mit der gottverlassen Rest Area, mit den Tierknochen und kaputten Plastikstühlen, auf die wir wenige Tage vorher am Rande der Sandpiste Richtung Mungo Nationalpark gestoßen sind, nicht weit entfernt vom Murray River, dem australischen Mississippi.

Australien - Verkehrsschild

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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