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Auch Nachts will die Sonne nicht untergehen

Der alte japanische Van von Nicholas, unserem Guide, schnurrt gemächlich über den Highway. Natürlich nie mehr als 55 Meilen pro Stunde. Aber die Klimaanlage läuft auf Hochtouren. Nun verbindet man Alaska ja gewöhnlich mit Eis, dabei bietet der Sommer jedes Wetter: Hitzewellen, Dauerregen und auch Frost. Doch heute sind es draußen angenehme 26 Grad, und die Sonne will nicht untergehen, auch nachts nicht. Ein seltsames Gefühl, wenn sie abends um 22 Uhr noch eine Kraft hat, als wäre es gerade 15 Uhr nachmittags.

Von der Verwirklichung eines Traums

Nicholas bringt uns der Lodge mit dem originellen Namen „Aurora Express-Forget-me-not-Lodge“. Sie liegt am Rande der arktischen Wälder von Fairbanks und ihre Lage auf dem Berg über dem Chena River ist umwerfend. Das Eisblau des Flusses glitzert zwischen den hochgewachsenen Fichten hindurch. Vor der Lodge liegen friedlich zwei Hunde und sonnen sich. Das blaue Holzhaus ist hübsch, doch die eigentliche Attraktion liegt einen Hang weiter unten: historische Waggons des Aurora Express´, alle von Susan, der Besitzerin der Lodge, 1994 im Originalzustand gekauft und in Gästezimmer verwandelt.

USA / Alaska / Fairbanks / Aurora Express
Hotel Aurora Express

Dass sie dabei ihrer Leidenschaft für Flohmärkte freien Lauf lassen konnte, sieht man deutlich, denn das Ergebnis ihrer innenarchitektonischen Verwirklichung ist etwas plüschig und nicht immer zeitnah zum Ursprungsjahr von 1950. Doch hat Susan sich hier mit ihrem Mann Mike einen Traum verwirklicht. Ein echter Traum, in dem ihr ihre Großmutter erschien, die ihr diesen Auftrag gab. Geträumt, getan. „My granma was great“, erzählt die mollige Mitvierzigerin mit ihrer rauchigen Stimme und zündet sich eine Zigarette an. „Sie hatte sieben Männer. Sechs hat sie überlebt. Der siebte ist mit einer Jüngeren und ihrer Nudistenkommune durchgebrannt.“

USA / Alaska / Fairbanks / Susan in Küche
Susan in der Küche

Im Winter kommt die Langweile

„ Im Sommer haben wir oft einundzwanzig Sonnenstunden am Tag. Aber er ist kurz, und im Winter kommt die Langeweile“, warnt Nicholas, als wir immer Susan hinterher durch die vielen Waggons und die sieben Zimmer ziehen. „Da denken sich die Leute gern Geschichten aus. Man darf nicht alles glauben.“ Wir erinnern uns daran, als Susan uns später in ihrer guten Stube vor einen ausgestopften, aufrecht stehenden Polarbären führt. Den habe sie selbst erlegt, versichert sie. Ihre Narben am Kopf sind noch gut zu sehen und ein Foto zu Füßen des Untiers dokumentiert die Bluttat. Die gebürtige Texanerin wirkt tatkräftig. Aber einen Bären? Außerdem stehen Eisbären und Grizzlys unter Naturschutz. Nachdem Susan den Triumph ausreichend genossen hat, erlöst sie uns von unserer Skepsis: in Wahrheit stamme er ebenfalls vom Flohmarkt und das Foto von einer Operation.

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