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Entdeckungen im achten Bezirk

Durch die Budapester Josefstadt

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Ungarn - Budapest - Denkmal

Wer die ungarische Hauptstadt Budapest besucht, spaziert durch das Burgviertel, besichtigt die Fischerbastei, kurt im Rudas-Bad, gönnt sich einen Opernbesuch oder flaniert am Donauufer entlang. So war das jedenfalls bisher. Manó Domján und Gyuri Baglyas wollen dies nun ändern. Die beiden jungen Soziologen führen Besucher durch die so genannte Josefstadt – den 8. Bezirk Budapests. Einen Stadtteil, der wegen seines teilweisen Verfalls, des hohen Roma-Anteils und seinem Ruf als ehemaliger Sündenpfuhl der Hauptstadt nicht gerade zu den besten Vierteln der Donaumetropole zählt. Der mehrstündige Spaziergang mit Manó und Gyuri durch den achten Bezirk jedoch zeigt, dass sich hinter Löchern in Hauswänden zuweilen schmucke Wohnungen und interessante Geschichten verbergen. Und dass das verrufene Viertel durchaus auch einige Prachtstraßen hat.

Ungarn - Budapest - Manó Domján und Gyuri Baglyas
Manó Domján und Gyuri Baglyas

Nicht zuletzt erfahren die Besucher, dass ungarische Unternehmer und Erfinder hier lebten, die nicht nur an der Erfindung der Streichhölzer und des Zeppelins beteiligt waren, sondern auch Brauereien zu Bonbonfabriken umfunktionieren konnten, Champagnerrezepte von Frankreich nach Ungarn schmuggelten – und sogar ein Wasser entwickeln wollten, das unendliches Leben versprechen sollte.

Ungarn - Budapest - Fassadendetail Brody Sandor-Straße
Fassadendetail in der Brody Sandor-Straße

Obgleich der 8. Bezirk bereits im Jahr 1777 von Maria Theresia gegründet wurde, begann sein Aufschwung erst im Jahr 1846, als das ungarische Nationalmuseum hier fertig gestellt worden war. Zwei Jahre später, im März 1848, wurde das Museum zu einem Zentrum des Aufbegehrens gegen die Vorherrschaft Österreich. „Dieser Aufstand der Ungarn ist zwar gescheitert, aber sie hatten dadurch eine Art ungarische Identität gewonnen – und sie waren stolz darauf, dass ungarische Architekten mit ungarischem Geld hier ein Nationalmuseum errichtet hatten“, erläutert Gyuri Baglyas. Kurz darauf wurde es schick, ein Haus hier zu haben – dadurch bezeugte man sein Ungarntum. Vor allem in der Brody Sandor-Straße reihen sich diese Bürgerpaläste fast nahtlos aneinander. In ihren Kellern freilich finden sich zum Teil noch alte Handwerksbetriebe und Schmiedewerkstätten.

Ungarn - Budapest - Schmied in der Brody Sandor-Straße
Schmied in der Brody Sandor-Straße

Direkt am Nationalmuseum beginnt der circa zweieinhalbstündige Rundgang mit Manó und Gyuri – die zu Beginn anhand einer Zeitleiste die mehr als 1000-jährige Geschichte Ungarns Revue passieren lassen, in der die beiden Weltkriege eine gewaltige Zäsur darstellten. Nach dem 1. Weltkrieg verlor Ungarn fast zwei Drittel des bisherigen Staatsgebiets. Festgelegt wurde dies in einem der Pariser Vorortverträge, dem Vertrag von Trianon. Durch diese Abtrennung ging Ungarn auch all seiner Süßwarenfabriken verlustig. Notgedrungen versuchte sich eine Brauerei darin, Bonbons herzustellen. Das Resultat war leider ungenießbar. Ein italienischer Süßwarenproduzent half den Ungarn schließlich aus der Misere – er ließ die misslungenen Bonbons einschmelzen, gab ordentlich Menthol dazu und fügte, um eine einheitliche Farbe zu erhalten, noch pechschwarze Kohle hinzu. Dies war die Geburt des Negro, einer Bonbonsorte, die bis heute in Ungarn äußerst beliebt ist.

Ungarn - Budapest - Nationalmuseum
Nationalmuseum

In der Brody Sandor-Straße steht auch Ungarns erstes Parlament, heute ist es der Sitz des italienischen Instituts. „Das Parlamentsgebäude ist im Jahr 1865 innerhalb von vier Monaten aufgebaut worden, weil die Habsburger das so angeordnet hatten“, berichtet Gyuri Bagylas. Um diesen ehrgeizigen Zeitplan einzuhalten, rückte der Baumeister mit 3000 Arbeitern an. Diese zogen das Gebäude, das heute noch auf dem 20.000-Forint-Schein, dem größten ungarischen Geldschein, abgebildet ist, in nur vier Monaten hoch. „Sie hatten keine Zeit einen Plan zu machen, aber nach vier Monaten, am 9. Dezember 1865, war es fertig“, erklärt Gyuri. Am 10. Dezember sollte das Parlament in dem Gebäude erstmals zusammentreffen, doch die Wände waren noch feucht, so dass es in das Nationalmuseum ausweichen musste.

Ungarn - Budapest - Parlamentsgebäude
Parlamentsgebäude

Rund um Nationalmuseum finden sich noch weitere bedeutsame Gebäude. Etwa das Haus eines Likör- und Hefefabrikanten, dessen Sohn im Keller eine Wasserrezeptur entwickeln wollte, die ewiges Leben garantieren sollte. Oder die Zentrale des ungarischen Rundfunks, ein Haus, das im Zweiten Weltkrieg in Nazihand war und das die US-Luftwaffe vergeblich zu zerstören versuchte. Oder der Festetics-Palast, ein schmuckes Anwesen einer der reichsten Budapester Familien. Heute ist hier eine deutsch-ungarische Universität untergebracht, in der sich Studentinnen und Studenten im altehrwürdigen Ambiente in europäische Studien vertiefen können. Und der Stadtpalast von József Törley, dem Mann, der das Geheimnis der Champagnerproduktion von Frankreich nach Ungarn brachte. Nahezu jedes Haus, jede Tafel und jeder Stein hier im noblen Teil des achten Bezirks, kann, so scheint es, eine eigene Geschichte erzählen.

Ungarn - Budapest - im Festetics-Palast
Im Festetics-Palast

Bei der Fortsetzung des Rundgangs machen Manó und Gyuri Halt an einer Gedenktafel für Karman Todor, einem in Ungarn geborenen Ingenieur und Wissenschaftler, dem die Welt etwa zwanzig bedeutsame Entwicklungen im Bereich Luft- und Raumfahrt sowie der Raketentechnik verdankt. Todor war so bedeutsam, dass nach ihm sowohl auf dem Mond wie auf dem Mars je ein Krater benannt wurde.

Ungarn - Budapest - Hinterhofhäuser mit Einschusslöchern
Hinterhofhäuser mit Einschusslöchern

Wenige Hundert Meter vom Nationalmuseum und vom Festetics-Palast entfernt verändert sich die Szenerie: An den Wänden finden sich Graffitis, und als die Gruppe kurz darauf einen Hinterhof betritt, klaffen an den Wänden zahlreiche Einschusslöcher, einige davon größer als eine menschliche Faust. Ein Teil dieser Schusslöcher stammt aus dem Januar 1945: Als die russische Armee die von den Deutschen beherrschte Stadt stürmte, kämpfte sie sich Haus für Haus vor. Die Schlacht um Budapest war eine der opferreichsten des Zweiten Weltkrieges: Hitler hatte seine Truppen angewiesen, keinesfalls aufzugeben, er wollte Zeit gewinnen für den Kampf um Berlin. „Elf Jahre später, im Jahr 1956, kamen die Russen wieder nach Budapest zurück. Sie hatten AK 47 Maschinenpistolen dabei und hatten den Auftrag, Revolutionäre zu suchen. Dort oben am Fenster, wo sich rund 100 Einschusslöcher finden, wohnte einer dieser Revolutionäre“, berichtet Gyuri, bevor er mit der Gruppe weiter spaziert zum Frank Zappa Cafe, einer Kneipe, in der Zappa vor gut zwei Jahrzehnten einmal gespielt haben soll, woran in der Bar ein überdimensioniertes Wandgemälde erinnert. „In der kommunistischen Zeit war diese Kneipe ein illegaler Treffpunkt für Oppositionelle“, erläutert Gyuri – und zieht flink eine Streichholzschachtel aus der Tasche. Denn Streichhölzer sind, man ahnt es, genauso wie der Hubschrauberrotor und Kugelschreiber, eine aus Ungarn stammende Erfindung.

Ungarn - Budapest - Wandgemälde im Frank Zappa Cafe
Wandgemälde im Frank Zappa Cafe

Nach einer kurzen Busfahrt erreichen wir die letzte Station des Rundgangs, die Tavaszmező utca. Dort residiert, in einem recht baufällig wirkenden Gebäude, das ungarische Roma-Parlament. Gleich nebenan wohnen Eva und Kalman Kiss, ein Roma-Paar, das seit Jahrzehnten im 8. Bezirk lebt. Eva und Kalman sind der Auffassung, dass sich die Josefstadt nicht nur zu ihrem Vorteil verändert hat. „Früher gab es hier viel mehr Hotels und Gaststätten, die Zigeunermusikern eine Auftrittsmöglichkeit anboten. Heute ist das alles schwieriger geworden“, berichtet Eva Kiss, deren Mann seit Jahrzehnten als professioneller Geigenspieler tätig ist – und mangels Engagements in Restaurants nun häufig in der Budapester Markthalle zu Fidel und Bogen greift. Roma, die sich als Musiker etabliert haben und die in Zeiten des Gulaschkommunismus ein gutes Auskommen hatten, dem sie noch heute hinterher trauern, sind nur eine von zahlreichen ethnischen Gruppen, die den 8. Bezirk zu Budapests Multikulti-Stadtteil machen. Darüber hinaus leben noch zwei weitere, nicht im Musikgeschäft tätige Roma-Gruppen hier, aber auch zahlreiche asiatische Einwanderer. „Leider gibt es viele Ungarn, die auf die Roma und auf die Einwanderer herabschauen und sie für Menschen zweiter Klasse halten. Mit unseren Stadtrundgängen wollen wir mit dazu beitragen, dass solche Vorurteile abgebaut werden“, sagt Gyuri, ein studierter Soziologe, der seine Abschlussarbeit über die in Budapest lebenden Roma geschrieben hat – und deswegen die ideale Besetzung ist, wenn es darum geht, Stadtführungsgästen einen Blick hinter die Kulissen des 8. Bezirks zu ermöglichen.

Ungarn - Budapest - Eva und Kalman Kiss
Eva und Kalman Kiss



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