Reisemagazin schwarzaufweiss

Böhmische Dörfer

Mit dem Fahrrad von Prag nach Dresden

Text und Fotos: Rainer Heubeck

Mittelalterliche Burgen, Weinberge am Ufer, beeindruckende Felsformationen, Radfahrerkirchen und fahrradfreundliche Unterkünfte: Eine Radreise entlang von Moldau und Elbe führt durch böhmische Dörfer und in zauberhafte sächsische Kleinstädte.

Elberadweg

Wenn die beliebtesten Radwege Deutschlands alljährlich auf der ITB Berlin vorgestellt werden, herrscht bei dieser Veranstaltung fast schon Langeweile: Über zehn Mal in Folge stand der Elberadweg auf dem Siegertreppchen. Doch ein Radfahrerparadies ist die Elbe keineswegs nur in Deutschland. Rund 364 Flusskilometer verlaufen durch Tschechien. Wer will, kann seine Tour fast direkt an der Elbquelle im böhmischen Riesengebirge beginnen. Deutlich populärer ist es, ein wenig zu „tricksen“ und die Fahrt auf dem Elberadweg am Ufer der Moldau zu starten – in der Goldenen Stadt Prag. Rund sechzig Fahrradkilometer sind es von dort bis nach Mělník, wo sich Moldau (Vltava) und Elbe (Labe) verbinden. Dabei können Radfahrer der Markierung des tschechischen Radfernweges Nummer 7 folgen. Die Strecke führt allerdings nicht durchgehend am Fluss entlang. Ab der Staustufe Klecany empfiehlt es sich, den Weg am Ufer für einige Kilometer zu verlassen, weil die Passage am Flussufer zu schmal und zu gefährlich ist. Statt dessen fährt man bergauf nach Klecany (Groß Kletzan) und über Vodochody (Wodochod) weiter nach Libčice (Libschitz).

Die Stadt Mělník (1), das Ziel der ersten Tagesetappe, ist ein wichtiger Weinort im Bierland Böhmen. Heute wird hier vor allem Müller-Thurgau und Silvaner angebaut. Im 16. Jahrhundert war Mělník für seine Rotweine berühmt, besonders für den Blauburgunder. Einem der größten Winzer der Region, Jiří Jan Lobkowicz, gehört das von Weinbergen umgebene Barockschloss, das über der Stadt thront. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick auf den Zusammenfluss von Elbe und Moldau.

Elberadweg - Tschechien - Die Stadtkirche Allerheiligen in Leitmeritz

Die Stadtkirche Allerheiligen in Leitmeritz

Knapp fünfzig Kilometer weiter, bei Leitmeritz (Litoměřice, 2), erhält die Elbe erneut Zuwachs – hier mündet die Eger (Ohře). Sie entspringt im Fichtelgebirge und fließt über Eger, Karlsbad und Saatz bis zur Weinstadt Leitmeritz. Wer regionale Weine verkosten möchte, für den empfiehlt sich ein Besuch der Gaststätte Hrad Litoměřice. Sie ist in einer renovierten gotischen Burg untergebracht, die vom Marktplatz aus in wenigen Minuten zu Fuß erreicht werden kann. Der fast zwei Hektar große Markt- bzw. Stadtplatz ist ohnehin ein absolutes Muss, er gilt als der schönste in ganz Böhmen. Das älteste Gebäude dort ist der 54 Meter hohe Stadtturm. Doch auch die Stadtkirche Allerheiligen, das gotische Rathaus und das ehemalige Salzamt sind überaus sehenswert.

Elberadweg - Tschechien - Im Stil der sächsischen Renaissance: Das Rathaus in Leitmeritz

Im Stil der sächsischen Renaissance: Das Rathaus in Leitmeritz

Entlang der Elbe radeln wir weiter Richtung Aussig (Ústi nad Labem). Kurz vor dem Ziel empfiehlt uns Sven Czastka, einer der Fahrradpioniere in Nordböhmen, einen Stopp am Malerwinkel. Von dieser nahe dem Elbufer gelegenen Stelle wurden viele Skizzen und Bilder einer majestätischen Burg angefertigt, die auf einem rund 100 Meter hohen Klingsteinfelsen das Elbtal überragt: Burg Schreckenstein bzw. Střekov (3). Richard Wagner besuchte die Burg im Jahr 1842 und befasste sich dort unter anderem mit Vorarbeiten für die Oper „Der Venusberg“, später umbenannt in „Tannhäuser“. Während unseres Halts am Malerwinkel treffen wir zwei Radfahrer aus Neuseeland, die schon mehr als vier Wochen von Hamburg aus auf dem Elberadweg unterwegs sind. „Unser Land ist sehr bergig, das macht das Fahrradfahren dort recht anstrengend“, berichten sie, „wenn wir hier an der Elbe mit dem Rad unterwegs sind, kommt es uns so vor, als würden wir ganz gemütlich durch einen Park fahren.“

Elberadweg - Tschechien - Schiefer Turm: Die Kirche Mariä Himmelfahrt in Aussig wurde die durch Luftangriffe zum Kriegsende hin beschädigt, der 65 Meter hohe Kirchturm steht seither schief

Schiefer Turm: Die Kirche Mariä Himmelfahrt in Aussig

Vom Charme des Panoramablicks auf Burg Schreckenstein bleibt wenig übrig, wenn man Aussig (4) erreicht. Aussigs Innenstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zum Großteil zerstört, heute dominieren moderne Zweckgebäude. Auch die Kirche Mariä Himmelfahrt wurde durch Luftangriffe zum Kriegsende hin beeinträchtigt. Ihr 65 Meter hoher Kirchturm steht seither schief. Auf den Krieg folgte die Vertreibung. Das Massaker von Aussig, geschehen am 31. Juli 1945, wurde von der tschechischen Geschichtsschreibung lange verdrängt. Dass sich dies mittlerweile geändert hat, zeigt eine sehenswerte Vorab-Präsentation im Stadtmuseum Aussig. Das „Collegium Bohemicum“ ist als „Museum der deutschsprachigen Bewohner der böhmischen Länder“ konzipiert. Derzeit fehlt es noch an Geld, um das Konzept umzusetzen. Doch an Modellen wird bereits anschaulich dargestellt, wie die langjährige Geschichte des Zusammenlebens von Deutschen, Tschechen und Juden in der Region künftig präsentiert werden soll.

In Tetschen (Děčín) (5), unserer nächsten Station, übernachten wir im im Hotel Kocanda. Es liegt direkt am Elbufer und ist ein zertifizierter, fahrradfreundlicher Betrieb. Radfahrerfreundliche Unterkünfte gibt es am Elberadweg inzwischen viele. Sie sind mit einem grünen Schild gekennzeichnet, auf dem ein weißes Fahrrad abgebildet ist. Um zertifiziert zu werden, müssen Hotels und Campingplätze Unterstellmöglichkeiten für Räder und Informationen für Radtouristen bereit halten. Und die Möglichkeit bieten, Kleidung zu waschen und zu trocknen.

Elberadweg - Tschechien - Thront über der Elbe: Das Schloss Děčín (Schloss Tetschen), eines der prachtvollsten Gebäude der Böhmischen Schweiz

Thront über der Elbe: Das Schloss Děčín (Schloss Tetschen), eines der prachtvollsten Gebäude der Böhmischen Schweiz

In der Stadtmitte von Tetschen treffen wir auf eines der schönsten Gebäude entlang des Elberadwegs: Direkt über dem Zusammenfluss von Elbe und Polzen (Ploučnice) thront ein Schloss, das von 1628 bis Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts der Familie Thun-Hohenstein gehörte und später lange Zeit eine Kaserne war. Das Innere des majestätischen Gebäudes, das 1835 von Frédéric Chopin besucht worden war, ist inzwischen saniert und kann zum Teil besichtigt werden, ebenso wie ein Rosengarten gleich neben dem Schloss.

Elberadweg - Das Elbtal zwischen Wehlen und Königsstein

Das Elbtal zwischen Wehlen und Königsstein

Nach Tetschen beginnt der landschaftlich reizvollste Abschnitt der Radwanderung von Prag nach Dresden. Der Elberadweg führt nun zuerst durch die böhmische, dann durch die sächsische Schweiz. Wer für die 65 Kilometer bis nach Dresden zwei Tage einkalkuliert, kann die Felslandschaft des Elbsandsteingebirges geruhsam genießen. Und hat genügend Zeit, die Festung Königsstein (6) zu besuchen und von Rathen bzw. Wehlen aus einen Abstecher zur Bastei zu unternehmen, einer Sandsteinformationen, die das Elbtal auf der Ostseite überragt.

Elberadweg - Sachsen - Zauberhaftes Elbsandsteingebirge: Blick auf Bastei und Basteibrücke

Zauberhaftes Elbsandsteingebirge: Blick auf Bastei und Basteibrücke

Bei Wehlen überqueren wir die Elbe mit einer Fähre und stoßen auf ein Gotteshaus, das speziell auf Radfahrer ausgerichtet ist. Seit dem Jahr 2004 versteht sich die Wehlener Philippuskirche als Radfahrerkirche. Jedes Jahr im April startet mit einem Radfahrergottesdienst nebst Fahrradtour die Saison. Mit einer historisch noch bedeutsameren Kirche lockt die reizvolle Kleinstadt Pirna (7).

Elberadweg - Das Rathaus auf dem Marktplatz von Pirna - bereits 1386 wurde es erstmals urkundlich erwähnt

Das Rathaus auf dem Marktplatz von Pirna - bereits 1386 wurde es erstmals urkundlich erwähnt

Die spätgotische Pirnaer Marienkirche, eine imposante dreischiffige Hallenkirche, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Sie war als katholische Kirche geplant, doch als sie fertiggestellt war, hatte sich in Sachsen die Reformation bereits durchgesetzt. Auf dem Weg von Pirna nach Dresden grüßen uns drei Elbschlösser am östlichen Elbufer, später blicken wir vom Turm der neu aufgebauten Frauenkirche auf die Elbe hinab. Und können gut nachvollziehen, warum der Elberadweg seit knapp einem Jahrzehnt der beliebteste Radfernweg Deutschlands ist.

Elberadweg - Dresden - Blick auf die Elbe vom Turm der Dresdner Frauenkirche aus

Blick auf die Elbe vom Turm der Dresdner Frauenkirche aus

 

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