Zwei böhmische Jungbrunnen
Karlsbad und Marienbad
Text und Fotos: Rainer Heubeck
„Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören. Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.“ Johann Wolfgang von Goethe war 74 Jahre alt, als er diese Verse schrieb. Sein letztes Liebesgedicht, geprägt von Bewunderung und Sehnsucht, aber auch von Trauer und Abschied. Die Liebe des 74-jährigen Greisen zu einem Teenager, der gerade 19-jährigen Ulrike von Levetzow, sie blieb unerwidert. Goethe, der hoffte, dass Ulrike ein Jungbrunnen für ihn sein könnte, war fassungslos. „Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen, Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen“, so heißt es in einem seiner eindrucksvollsten Liebesgedichte, das unter den Namen „Marienbader Elegie“ in die Literaturgeschichte einging.
Drei Jahre lang, 1821, 1822 und 1823, war Johann Wolfgang von Goethe Stammgast in dem damals noch im Aufbau befindlichen Kurort Marienbad in Westböhmen. Er besuchte Tanz- und Spielabende – und unternahm mit Familie von Levetzow ausgedehnte Spaziergänge. Bereits 1821 wirft der Dichterfürst ein Auge auf die damals erst 17-jährige Ulrike. Ein Jahr später trifft Goethe Ulrike von Levetzow erneut in Marienbad – und fühlt sich durch den Kontakt mit der inzwischen 18-jährigen „temporär verjüngt“. Im folgenden Jahr hält er schriftlich um Ulrikes Hand an. Erzherzog Karl August von Weimar hilft dem liebestrunkenen 74-jährigen: Er verspricht Ulrikes Mutter Amalie eine herrschaftliche Wohnung in Weimar und Ulrike selbst 10000 Taler jährliche Pension. Doch Goethe bekommt einen Korb. Seine Pein und seinen Kummer dokumentiert die Marienbader Elegie: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt. Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.“
Wellness und Trinkkuren in Marienbad

Heute erinnert in Marienbad eine Metallplakette an der Kolonnade an das Liebeswerben des temporär verjüngten Dichters. Und obgleich Marienbad seither von einem Ort mit weniger als fünfzig Häusern zu einer Stadt mit mehr als 14.000 Einwohnern herangewachsen ist, scheint eines gleich geblieben zu sein: Viele Besucher der Kurstadt erhoffen sich, auf einen Jungbrunnen zu stoßen. Nicht unbedingt in Form eines 19-jährigen adligen Töchterleins, sondern eher in Form von Anti-Cellulite-Massagen, Laserbehandlungen gegen Falten oder durch zellverjüngende Sauerstoffbehandlungen. Besonders beliebt sind Kohlendioxyd-Behandlungen mit dem so genannten Mariengas. Dabei wird der Patient bis zum Hals in einen überdimensionalen blauen Plastiksack gesteckt, der anschließend mit CO2 aus der Marienquelle gefüllt wird. Während der etwa 20-minütigen Behandlung wird es in dem Plastiksack wohlig warm. Die Behandlung mit dem Gas, das vulkanischen Ursprungs ist, erweitert die Gefäße und fördert die Durchblutung. Sie ist gut für die Nieren - und stimuliert außerdem noch die Produktion von Sexualhormonen.
Trotz der Anti-Aging und Wellness-Angebote, mit denen die Marienbader Kur & Spa Hotels mittlerweile werben, darf eines nicht übersehen werden: Seinen Ruf als Kurort verdankt Marienbad den so genannten Trinkkuren, für die hier rund vierzig mineralhaltige Quellen zur Verfügung stehen und die nur nach ärztlicher Anordnung durchgeführt werden sollten. Bis zu 1,5 bis 2 Liter Mineralwasser täglich werden bei einer Standardtherapie verordnet – und insbesondere bei Nieren- oder Harnwegserkrankungen erzielt man damit meist gute Erfolge. Der Geschmack der verschiedenen Mineralwässer ist gewöhnungsbedürftig – und manch ein Kurgast mag während der Trinkkur nachempfinden, warum die lauwarme Quelle des Marienbader Sauerbrunnens von den Bewohnern früher „Stinkfritz“ genannt wurde.
Seine Hoch-Zeit als Kurort erlebte Marienbad etwa achtzig Jahre nach dem Aufenthalts Goethes, als Edward VII., der ab dem Jahr 1902 zum königlichen Herrscher über Großbritannien und Nordirland wurde, insgesamt neun Mal in Marienbad weilte. Edward VII., der sich in Marienbad gegen Fettsucht behandeln lies, war von dem böhmischen Schatzkästchen begeistert.
„Ich bin durch ganz Indien, Ceylon, alle Kurorte Europas gereist“, schwärmte Edward VII., „aber nirgendwo auf der Welt hat mich die Poesie einer wunderschönen Natur so ans Herz gegriffen wie hier, in Marienbad.“

Doch nicht nur die Natur um Marienbad ist sehenswert, auch die neu restaurierte Hotel- und Bäderlandschaft, die auf der K-u-K-Architektur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts aufbaut, macht einen Aufenthalt zum Erlebnis. Dass die Stadt in neuem Glanz erstrahlen kann, liegt zum einen an der finanziellen Unterstützung durch die Europäische Union, zum anderen an der ungarischen Danubius Hotels Group, die fast alle Kuranlagen und Kurhotels hier übernommen hat.

Neuer Glanz in Karlsbad
Nicht in ungarischer, dafür – so munkeln manche – zum Teil in russischer Hand ist die größte und bedeutendste Kurstadt des böhmischen Bäderdreiecks: Karlsbad, oder, wie es tschechisch heißt, Karlovy Vary. Etwas über 50000 Einwohner hat die Stadt, die nach dem böhmischen König und römischen Kaiser Karl IV. benannt ist, und deren Kuranlagen sich vor allem an den Ufern des Flusses Tepla finden. Eine Stadt, in der Goethe insgesamt 13 Mal zu Gast war. Und Johann Wolfgang von Goethe war längst nicht er einzige Fan des Heilbads. Auch Franz Liszt, Ludwig van Beethoven, Karl Marx und Richard Wagner waren hier, um nur einige der prominentesten Besucher zu nennen. Dass neben Gästen aus Westeuropa und der arabischen Welt heute auch auffällig viele russische Patienten, Kurgäste und Investoren hierher kommen, ist kein Zufall. Schließlich war bereits Zar Peter der Große (1672 – 1725) ein Freund des böhmischen Heilbads. Der reiselustige russische Herrscher, dem auch die Oper „Zar und Zimmermann“ gewidmet ist, weilte 1711 und 1712 an der Tepla.

Karlsbad
„Der Schwerpunkt unserer Behandlungen hier in Karlsbad ist die Trinkkur, die vor allem für die Verdauung gedacht ist“, erläutert Stanslava Maulenová, die seit 15 Jahren als Ärztin in Karlsbader Kureinrichtungen arbeitet. „Wichtig ist, diese genau nach ärztlicher Anordnung durchzuführen. Ideal sind drei Wochen, wobei drei Mal täglich Heilwasser getrunken werden sollte.“ Die Karlsbader Bäder sind spezialisiert auf Verdauungsprobleme und auf Erkrankungen des Bewegungsapparats, aber auch auf Zuckerkrankheit, Verdauungsprobleme und Übergewicht. „Neben der Kur haben wir aber auch viele Wellnessangebote, zum Beispiel verschiedene Bäder, aromatische Massage und Körperpflege“, erklärt Stanslava Maulenová. Über einen Jungbrunnen verfügt das Bad Nummer 5 in Karlsbad, in dem Stanslava tätig ist, übrigens auch. Im Gegensatz zu Marienbad, wo man auf Verjüngung durch Vulkangas setzen, schwört man in Karlsbad auf Anti-Aging durch einen Kurzzeit-Kälteschock. Mindestens zehn Mal, so beteuert Frau Dr. Maulenová, müssen die Patienten bei der so genannte Kyrotherapie einer Extremtemperatur von minus 160 Grad ausgesetzt werden, damit die Effekte dauerhaft sind.

Bad Nummer 5
Wie Marienbad strahlt auch Karlsbad im neuen Glanz. Bei einem Bummel durch die Stadt faszinieren nicht nur die renovierten Bürger- und Kurhäuser, sondern auch die verschiedenen Kolonnaden, die die an ihren Schnabeltassen nuckelnden Kurgäste vor dem Regen schützen sollten. Die Parkkolonnade, die Mühlbrunnenkolonnade, die Marktbrunnen- und die Sprudelkolonnade reihen sich entlang der Promenade zwischen den Hotels Thermal und Pupp.

Das Grandhotel Pupp, am südlichen Ende der Promenade, ist für Cineasten ein echtes Muss: In seinem altehrwürdigen Kasino wurden nicht nur Teile des James-Bond-Filmes „Casino Royal“ gedreht, nein, auch der chinesischstämmige Erfolgsregisseur Wayne Wang nutzte das Pupp als Drehort. In seiner 2005 produzierten Komödie „Noch einmal Ferien“ mimt kein Geringerer als Gérard Depardieu den Küchenchef des Hotels. Karlsbad ist aber nicht nur als Drehort für Hollywoodstreifen berühmt, sondern auch eine bedeutende Festivalstadt. Dem Karlsbader Filmfestival, das Ende Juni/Anfang Juli stattfindet und für seine ungezwungne Atmosphäre bekannt ist, gaben in den vergangen Jahren unter anderem Robert Redford, Sharon Stone und Leonardo di Caprio die Ehre.

Grandhotel Pupp
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