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Nur die Ruhe

Tranquilo auf São Tomé oder leve leve auf Príncipe

Text und Fotos: Judith Weibrecht

 

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Senhor João lächelt sanft. Das tut er fast immer. „Morabeza“, willkommen, grüßt er ruhig und und blickt in die Runde der noch etwas hektischen Gäste. Die sind ein bisschen durch den Wind. Nach Flügen, Zwischenaufenthalten, mitteleuropäischer Hetze und plötzlicher Hitze am Äquator ist da auf einmal nur noch das Pfeifen in den eigenen Ohren zu hören. Und das Pfeifen der tropischen Vogelwelt, das Quietschen der Reifen des Jeeps auf feuchtem, rötlichem Lehm: Oing. Rrrrums. Oing. Rrrums. Senhor João, Fahrer und Guide, holt die Gäste ab und bringt sie im Jeep zum „Bom Bom Island Resort“ auf Príncipe. Auf und ab schaukelt das Gefährt.

Grüßen, grüßen und noch mal grüßen

São Tomé - Frau wäscht Wäsche am Fluss

Die Fahrt führt über holprige Pisten durch den óbó, den tropischen Regenwald. Links und rechts stehen Holzhäuser auf Pfählen, Graupapageien krächzen, Kinder spielen fangen und lachen, Frauen waschen Wäsche im Fluss, ein Baby auf den Rücken gebunden. Menschen gehen gemächlich die Straße entlang und heben die Hand zum Gruß. Gegrüßt wird man hier von fast jedem. Grüßen wird man noch öfter, den ganzen Weg bis Bom Bom entlang und dann jeden Tag in einem fort, immerzu. Anfangs wehrt man sich noch dagegen. „Bin ich gemeint? Ich bin doch kein Grüßaugust! Senhor João kennt hier schließlich jeden. Sicher meinen sie ihn.“ Doch als stünde ich neben mir in diesem undurchdringlichen Dschungel bemerke ich von Ferne, wie ich ganz langsam den Arm hebe und wieder fallen lasse. Bedächtig. „Bom diiiiia!“, antwortet einer auf Portugiesisch, „Guten Taaaaag!“, was gefühlte drei Minuten dauert. Denn leve, leve - langsam und gemächlich – so lautet das Motto der Insulaner – auch beim Arbeiten, beim Tanzen des Tarraeninha, wo man schon vom Tanzen schwanger werden könne, und selbstverständlich beim Grüßen, erklärt Senhor João und grinst breit.

Auf dem Bauernmarkt in San Antonio, Príncipe
Auf dem Bauernmarkt in San Antonio, Príncipe

Die einst portugiesische Inselrepublik São Tomé & Príncipe ist nach den Seychellen der zweitkleinste Staat Afrikas. 250 Kilometer vor der Küste Gabuns liegt sie im Golf von Guinea nah am Äquator und protzt mit unberührter Natur. Feucht-warmes Klima ist vorherrschend, und das ganze Jahr über hat es um die 25 Grad. Príncipe ist die kleinere der beiden Inseln: 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit.

Bom Bom Island Resort auf Príncipe: Den Palmen bewachsenen Strand entlang zieht sich nur eine Fußspur: die eigene

Das „Bom Bom Island Resort“ scheint wie aus einem karibischen Traum. Zum feinen Restaurant auf einer kleinen Insel führt ein Holzsteg übers Meer. „Das ist fast unanständig schön!“, sagt einer der neu eintreffenden Hotelgäste. Türkis schimmert der Atlantik, goldgelb der feine Sand der beiden Strände im Resort, rote Hibiskusblüten hängen herab. Den Palmen bewachsenen Strand entlang zieht sich nur eine Fußspur: die eigene.

Bom Bom Island Resort auf Príncipe: Den Palmen bewachsenen Strand entlang zieht sich nur eine Fußspur: die eigene

Zwischen Felsen lässt es sich herrlich schnorcheln und bunte Papageienfische beobachten. Rundherum wirkt alles unberührt. Dabei wohnt man in luxuriös ausgestatteten Rundhütten, die nach ökologischen Gesichtspunkten eingerichtet sind. Denn Ökologie heißt das Zauberwort: „Die Natur auf Príncipe soll erhalten bleiben!“, betont Senhor João.

Hier sind Drachen

Dazu gründete der Südafrikaner Mark Shuttleworth die Firma HBD, Here be dragons. Der Name ist Programm: „Hier sind Drachen“ schrieben britische Seefahrer einst auf die noch unentdeckten Flecken ihrer Landkarten. Denn zwar sind weitere fünf Resorts an Príncipes traumhaften Stränden geplant, doch auch sie nach umweltverträglichen Gesichtspunkten. So paradiesisch, wie sie ist, soll die Insel bleiben. Der Milliardär Shuttleworth will verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Menschen fördern. Schreiner, Maurer, Steinmetze und Landwirte werden ausgebildet. Kakao, Kaffee, Vanille und Zimt will man auf den ehemaligen Plantagen wieder anbauen. Damit das gelingt, ist z. B. der Forstwissenschaftler Otto Pienaar aus Südafrika hier. Er kümmert sich um das Ausdünnen der Kokos- und Ölpalmen, die hier die eigentliche, endemische Vegetation zurückdrängen. Die Jobs, die dann entstehen, gehen an die Einheimischen. So soll es auch auf der Roça Sundy werden.

Portugiesische Kolonialarchitektur in der Roça Sundy
Portugiesische Kolonialarchitektur in der Roça Sundy

Kaffee, Kakao, Kokos

Mit Senhor João fahren wir zur Roça Sundy, wo er einst geboren wurde und bis zu seinem 16. Lebensjahr wohnte. Roças gibt es viele auf Príncipe, Plantagen, errichtet von den ehemaligen portugiesischen Kolonialherren, die mit ihren zig verfallenden Gebäuden in portugiesischer Kolonialarchitektur einer Stadt gleichen: Ein ehemaliges Krankenhaus, eine Kirche, Wohn- und Werkstätten sind zu sehen. Ein räudiger Hund flitzt übers Kopfsteinpflaster und kümmert sich nicht um Portugals einstige Größe. „Doce?“ ruft ein Kind und möchte Süßigkeiten. Der Rest der Einwohner grüßt und hat Zeit. Sodade hängt in der Luft, dieses leicht traurige Grundgefühl, obwohl man heute eine Festa feiert, ein Fest.

Ehemaliges Krankenhaus in portugiesischer Kolonialbauweise auf São Tomé
Ehemaliges Krankenhaus in portugiesischer
Kolonialbauweise auf São Tomé

Hier auf Sundy arbeitet die portugiesische Ethnologin Rita im Auftrag von HBD. Die teilnehmende Beobachterin versucht, das Vertrauen der Einwohner zu gewinnen, lässt sich Geschichten aus alten Zeiten und über ehemalige Sklaverei erzählen, sammelt Dinge, Kenntnisse und Maschinen aus der Zeit, als hier noch eine florierende Plantage war und möchte damit ein Museum aufbauen. Einige der Maschinen und Gerätschaften von einst sind heute noch zu sehen: Eine rostige Lok, deren Schienen von Schlingpflanzen überwuchert sind. „Die brauche ich aber noch, denn darauf steht mein Wäscheständer und meine Fernsehantenne!“, erzählt uns eine Bewohnerin. Ein paar Nachbarn, die auf der Bank unter einem Brotfruchtbaum sitzen, lachen und ratschen. Das ist die so genannte Böse-Zungen-Bank, lautet die Erklärung, wo man den ganzen Tag hockt und lästert. Im nächsten Haus finden wir eine alte Waage. „Da habe ich gearbeitet“, sagt Senhor João stolz und deutet auf eine Säge, die zur Schreinerei gehörte, in der auch Boote gebaut wurden. Und dass HBD plane, hier wieder eine Kakaoplantage zu errichten.

Kakaobohne

Schließlich komme von hier der beste Kakao der Welt. Der Florentiner Claudio Corallo macht weltberühmte Schokolade daraus. Wir sehen viele Kakaopflanzen auf einer Wanderung durch den Regenwald. Baumriesen staken in den Himmel. Das sind die endemischen Occa-Bäume, aus denen man Kanus macht. Eine Brotfrucht fällt krachend zu Boden. Der Gipfel des 680 Meter hohen Pico Papagayo, höchster Punkt Príncipes, auf den hinauf man wandern kann, ist von Nebel verhüllt und wirkt verwunschen.

Draußen auf dem Atlantik schaukelt ein Boot von Marapa, einer Umweltorganisation, die Touristen die reiche Tierwelt näher bringt. Elf Delfin- und Walarten gibt es in den Gewässern um São Tomé & Príncipe: Große Tümmler, Rauzahndelfine, Grindwale, Buckelwale. „Zwischen den beiden Inseln ist das Wasser bis zu 4.000 Meter tief“, erklärt der Biologe Bastian aus Frankreich. Und dass alljährlich auf den geschützten Strand Praia Branca auf Príncipe Meeresschildkröten kämen, um zu brüten. Zahlreiche Seevögel locken zudem Birdwatcher an.

Fischer vor Príncipe im tosenden Atlantik
Fischer vor Príncipe im tosenden Atlantik

Gourmets in der kleinsten Hauptstadt der Welt

Auf der Roça Paciencia wird u. a. Vanille und Kaffee angebaut. Im tropisch-schwülen Klima wächst alles wie von selbst und neben Kakao, Kaffee und Kokosnuss gibt es Fisch satt. Das nutzt der Koch João Carlos Silva in der Roça São João, er will, dass man diese Inseln und ihre Menschen durch Geschmack versteht. Die Brotfrucht beispielsweise sei eine Gabe Gottes, denn man könne sie kochen, backen, frittieren und auch Spielzeug daraus machen. Seine Degustationsmenüs bestehen aus dem, was das Land hergibt, aus Micoco etwa, ein aromatischen Kraut und Aphrodisiakum, das im Omelett zum Einsatz kommt. Die Menüs seien die Hochzeit aus zeitgenössischer Nouvelle Cuisine und Tradition, erklärt Silva. Auch er ist auf einer Roça geboren und sagt von sich: „Ich bin ein Tier aus dem Busch!“

Koch João Carlos Silva in der Roça São João
Koch João Carlos Silva in der Roça São João

In San Antonio auf São Tomé zaubert der ambitionierte Chefkoch der „Omali Lodge“ , Lubomir Stanisic, kulinarisch hochwertige Menüs aus vornehmlich einheimischen Zutaten. „Meine Idee ist es, aus dieser Insel die Gourmetdestination Afrikas zu machen!“, sagt er. Bis Juli 2014 wolle er so weit sein, zu 100 % Produkte aus São Tomé zu verarbeiten, und zwar Früchte wie die sieben schmackhaften Bananensorten, Jackfrucht und Brotfrucht, Gemüse wie Matabala, eine Art Kartoffel, Maniok, wilde Kräuter aus dem Regenwald und Atlantikfische satt. Dazu würden auch Produzenten und Köche ausgebildet. „Langusten oder Shrimps essen die Einheimischen beispielsweise nicht!“, erklärt Lubomir. „Sie gelten als verhext.“ Oft geht er mit einem Messer bewaffnet in den Regenwald und sammelt Pilze und Kräuter, die manch Einheimischer nicht essen würde, denn: „Das isst die Kobra!“ Das soll sich ändern. In der kleinsten Hauptstadt der Welt, in San Antonio, speist man mit Blick aufs Meer. Langsam natürlich. Auf São Tomé heißt das: Tranquilo.

Hauptspeise mit fangfrischem Thunfisch, zubereitet von Lubomir Stanisic
Hauptspeise mit fangfrischem Thunfisch, zubereitet von Lubomir Stanisic

Fazit: Wer hierher kommt, sollte Respekt vor den Menschen und der Natur im Gepäck haben. Damit die Drachen auch noch in zwanzig Jahren hier sind.



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