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Motokars auf dem Malecón

Unterwegs in Iquitos (Peru)

Text und Fotos: Markus Howest

 

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Noch immer reist man mit dem Flugzeug oder Schiff in die Amazonas-Metropole, eine Straße über die Anden gibt es nicht. Autos sind rar, dafür rollen Motokars durch die Straßen und Gassen. Ohne sie geht gar nichts in der 450.000 Einwohner Stadt.

Peru - Iquitos - Motokars auf dem Malecón

Laut und hupend dröhnen sie über die Avenida Samanez Ocampo Richtung Universität. Morgendliche Rushhour in Iquitos, Hauptstadt der Provinz Loreto im äußersten Nordosten Perus. Dort, wo aus den gewaltigen Wasseradern des Südens der Amazonas entsteht. Es sind die vielen Motokars und vereinzelten bunten Busse, die den Straßenverkehr am Rande des Regenwalds unter sich ausmachen. Gut 20.000 Zweitakter, die aussehen wie Rikschas, rattern und knattern täglich durch die schwül-heiße Tropenluft. Autos fahren nur vereinzelt. Eine Straße, die die größte Provinz des Landes mit den küstennahen Provinzen im Westen verbindet, gibt es bis heute nicht. Die einzige befahrbare Straße führt in die 100 Kilometer weiter südlich gelegene Amazonas-Stadt Nauta. Ohne Flughafen und Fluß wäre Iquitos ohne Anschluss.

Peru - Iquitos - Motokars und Busse prägen das Stadtbild

Jonathan Valdivia lenkt eine „Honda 125“ mit Platz im Fond für zwei Personen. Seine Familie erwarb das Mototaxi, er ist der Chauffeur. Am frühen Nachmittag gönnt sich der 19-jährige eine Pause, liegt gemütlich im Fond und blickt über den Malecón, jenem Boulevard entlang des Flussufers, von dem man den Amazonas in der Ferne erblicken kann. Zum Abend hin füllt sich die Promenade, man flaniert an den Bars und Kneipen entlang, sitzt im Fitzcarraldo, das mit Bildern des gleichnamigen Films von Werner Herzog dekoriert ist oder kauft Federschmuck, den die Indianergemeinden der benachbarten Flüsse Napo, Ucayali oder Nanay anbieten.

Peru - Iquitos - Jonathan und sein Motokar

Zeit für Jonathan, mit seinem Motokar wieder über Straßen und Plätze der im Jahr 1764 von Jesuiten gegründeten Stadt zu flitzen. Rund 16 bis 20 Touren täglich, nicht selten befördert er auch Touristen – Amerikaner, Franzosen, Deutsche, Spanier. Sie haben den florierenden Öko-Tourismus der Region entdeckt. „Freundlich sind sie alle“, meint der Chauffeur gelangweilt, aber seine Zeit würde er lieber anders nutzen, gesteht er. Doch Alternativen hat er nicht. „Manchmal“, räumt Jonathan zögerlich ein „erzähle ich den Touristen Geschichten über Belén oder gebe Tipps über die Region.“ Belén? Jenes Viertel aus Pfahlhäusern, das auch „Venedig Perus“ genannt wird. Von Januar bis März steht das Hochwasser in den Gassen – „das war’s auch an Gemeinsamkeiten“, meint Jonathan, der Venedig nur von Fotos her kennt.

Für zwei Sol nimmt er Kurs auf das südlich der Plaza de Armas, dem Hauptplatz, gelegene „Herz von Iquitos“. Vorbei an den teils maroden, teils restaurierten Fassaden aus der Kautschuk-Ära des ausgehenden 19. Jahrhunderts - einer rund 25 Jahre währenden rasanten Aufbruchszeit, die auch viele Europäer für das schnelle Glück an den Amazonas lockte. „Damals war der Kontakt mit Europa viel intensiver als zur Hauptstadt Lima“, lässt der braungebrannte Jonathan sein Geschichtswissen aufblitzen und fügt hinzu: „Der Weg über den Atlantik war leichter als über die Anden. Nahrung, Baustoffe und Kleidung kamen über den Ozean und die Kinder der reichen Kautschuk-Barone studierten in Europa.“

Peru - Iquitos - Motokar vor restaurierter Fassade

Nach den historischen Fassaden vom Malecón wandelt sich das Stadtbild abrupt. Ein gigantischer Markt aus endlosen Bretterverschlägen breitet sich in den engen Gassen nach Süden hin aus. Eng an eng drängen sich die mit frischen Einkäufen bepackten Einheimischen, Händler bieten ausdauernd ihre Waren feil. „Hunderte von Produkten aus der Region machen den Markt von Belén einzigartig“, verkündet der Chauffeur und lässt dabei seine dunklen Augen freudig strahlen. Die eigenen Sinne belegen es: Früchte und Gemüsesorten unterschiedlichster Art, Farbe und Form liegen fein drapiert auf den Tischen, dazu Fleisch und Fisch aus der Amazonas-Region so weit das Auge reicht. Die schwüle Luft verstärkt die intensive Mischung der Düfte aus Waren, Schweiß und Putzmitteln. Etwas weiter in der Pasaje Paquito riecht es nach Kräutern und fremden Gewürzen - die Apotheke von Belén: Medizinische Pflanzen und in der Kultur der Indios gebräuchliche Heilmittel wechseln hier den Besitzer.

Peru - Iquitos - Markt in Belén

Von hier ist es nicht mehr weit bis zu den Häusern auf Pfählen, an denen der Stand des letzten Hochwassers abzulesen ist. Zwischen den einzelnen Pfahlhäusern spielen Kinder, Bewohner sitzen vor ihren Eingängen – eine Welt für sich, die schwer zugänglich bleibt. Anders als der Zugang zu Iquitos. Ein kanadisches Unternehmen hat Anfang 2010 den Zuschlag für den Bau einer Zuglinie von Iquitos nach Yurimaguas im Westen erhalten. Mit diesem gigantischen Bauprojekt könnte die Isolation am Amazonas ein Ende finden. Und Jonathan hätte Aussicht auf einen neuen Job. Solange kutschiert er sein Mototaxi sicher durch das geordnete Chaos der Metropole. 

Peru - Iquitos - Pfahlhäuser vor Amazonas



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