Die schlimmen Zeiten sind vorbei
Im nordirischen Londonderry kehrt friedlicher Alltag ein
Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

Dunkle Regenwolken und die einsetzende Dämmerung, aber auch die leeren Straßen, in denen nur wenige Pubs geöffnet haben und die mit schweren Gitterverschlägen verrammelten Fensterauslagen der Geschäfte verleihen Londonderry etwas Gespenstisches. In der Luft liegt eine eigenartige Spannung. Die Atmosphäre im Zentrum der zweitgrößten Stadt Nordirlands wirkt eigentümlich an diesem Sonntagabend. Am nächsten Morgen ist von alledem nichts mehr zu spüren. Strahlend blauer Himmel, pulsierende Straßen und Gassen rund um "The Diamond", dem zentralen Platz im Herzen der "Walled City", die von einer pittoresken Stadtmauer umgeben ist. Sie umspannt die historische Altstadt, die malerisch auf einem Hügel über dem River Foyle thront.
„Londonderry ist unglaublich schön, aber auch ein bisschen irre“, meint Tony Malley. Er muss es wissen, denn er hat sein ganz Leben hier verbracht. Nach Jahren der Arbeitslosigkeit verdient er heute seine Brötchen als Taxifahrer. Und gerne erzählt er seinen Kunden über seine Heimat. „Es ist schon komisch. Früher gab es Stadtteile, da konnte ich mich nicht hinein wagen“, erinnert sich der gläubige Katholik ungern an die 1970er und 80er Jahre. „Da musstest Du jeden Abend Angst haben, dass deine Kinder nicht nach Hause kommen oder Opfer von Gewalttaten werden“, gesteht Tony mit Blick auf die Angstherrschaft des Terrors, die die malerische Stadt am Foyle lange fest im Griff hatte.

Spuren des Konflikts ...
Das kulturelle Zentrum im Norden der Grünen Insel war über viele Jahrzehnte ein Symbol des Widerstands. Schon die Nennung des Stadtnamens galt als politische Aussage. Die katholischen Republikaner und Nationalisten nennen die Stadt, die auf eine Klostergründung des heiligen St. Columba im 6. Jahrhundert zurückgeht, konsequent „Derry“. Für die protestantischen Royalisten heißt sie Londonderry. Lange galt die Metropole am Foyle als ein Zentrum der politischen Unruhen in Nordirland, das seit dem 17. Jahrhundert unter britischer Herrschaft steht. 1608 war Derry von den Engländern erobert worden. Die protestantischen Engländer, die nun hier angesiedelt wurden, tauften die Stadt kurzerhand um. In den kommenden Jahrzehnten versuchten die Katholiken immer wieder vergeblich, die Stadt zurück zu erobern.

... sind überall
Vom 7. Dezember 1688 bis 12. August 1689 belagerte die Armee von James II. die Stadt. Angestachelt von den glühenden Predigten des Reverend George Walker trotzten die Bewohner für 105 Tage erfolgreich den Jakobitern, bis der Gouverneur von Londonderry, Robert Lundy, angesichts der aussichtslos scheinenden Lage, zur Übergabe der Stadt bereit war. Doch 13 Lehrlinge, die so genannten Apprentice Boys, verriegelten kurz entschlossen die Stadttore mit den Worten "No surrender". Diese Aktion brachte Londonderry den Ruf als Maiden City, als eiserne Stadt, ein und wurde für die Protestanten zum Symbol der siegreichen Auseinandersetzung mit den Katholiken.
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