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Die Seele eines Landes offenbart sich in der Musik

Musik aus aller Welt

Winfried Dulisch präsentiert

Groningen / Niederlande

Carillon-Spieler Adolph Rots überprüft Klangwerkzeuge im Glockenturm der Martinikerk

 

Hörtipps für Musik- und Reisefreunde sind zu finden unter

Musik aus aller Welt.

Zwischen Himmel und Hölle
Das Turmglockenspiel der Martinikerk


Als Lou Reed 2013 starb, legten Radio-Deejays in aller Welt seinen „Walk On The Wild Side“ auf. Die Glocken der Martinikerk in Groningen spielten „Perfect Day“ zur Erinnerung an den Rock’n’Roll-Freidenker.

Das Wort „Glockenspiel“ hat mehrere Bedeutungen. Es kann damit ein kleines Metall-Xylophon gemeint sein. Oder eine mechanische Spieluhr mit mehreren Glocken. Wenn der Glockenspieler Adolph Rots von seinem Instrument redet, meint er das Carillon im Glockenturm der Martinikerk in Groningen. „In den Niederlanden haben wir den weltweit größten Bestand an Glockenspielen – insgesamt 806. Davon sind 185 so genannte Carillons.“

Das Carillon hat einen Spieltisch, von dem aus – ähnlich wie bei einer Orgel – alle Glocken angesteuert werden. „Mit meinen Tasten und Pedalen bringe ich insgesamt 52 Glocken zum Klingen“, erklärt Adolph Rots an seinem Arbeitsplatz in 74 Meter Höhe. „Das niederländische Wort für mein Instrument ist ‚beiaard‘. Ich bin der Beiaardier. Aber die deutschen Musikfreunde bezeichnen mich meistens als den Carlllon-Spieler.“

Willem-Alexander

Adolph Rots spielt sein Carillon besonders feierlich jedes Jahr am 27. April; dann ist Koningsdag und die Niederländer feiern den Geburtstag ihres Königs Willem-Alexander. Außerdem begleitet er mit seiner Musik die alljährlichen Festlichkeiten zum 28. August; an diesem Tag im Jahre 1672 wehrten die Groninger endgültig die Angriffe des Fürstbischofs von Münster ab, der die reiche Hansestadt Groningen unterwerfen und ausbeuten wollte.

Weniger ausgelassen, aber ebenfalls mit Carillon-Musik wird der Bevrijdingsdag gefeiert; am 5. Mai 1945 befreiten kanadische Truppen die Niederlande von der deutschen Besatzung, der Zweite Weltkrieg war zu Ende. „Schon bei der Befreiung im Ersten Weltkrieg hatten viele Amerikaner zum ersten Mal gehört, wie ein Glockenspiel klingt“, erzählt Adolph Rots. „Zur Erinnerung an ihre Zeit in Europa haben sie später dafür gesorgt, dass in den USA und Kanada heute viele Carillons zu hören sind.“

Fast alle amerikanischen Carillon-Spieler sind die 310 Stufen im Martiniturm schon mal hinaufgegangen und haben Adolph Rots bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut. „Außerden kommen viele Kollegen aus Korea und Japan. Dort weiß man unsere Carillons als europäische Kulturdenkmale zu schätzen.“

In den niederländischen Besitzungen Surinam und Curacao steht jeweils ein Carillon als Erinnerungsstücke an jene Zeiten, als die Niederlande noch über ein Kolonialreich herrschten. „Wenn Besucher aus Ostdeutschland kommen, erzählen sie mir, dass die DDR-Führung das Carillon eher als typisch sozialistisches Instrument betrachtet hatte. Die Glocken sind weithin zu hören und erreichen mit ihrer Botschaft jeden Menschen.“

Das Turmglockenspiel der Martinikerk stammt aus dem Jahr 1664. „Ein erstes Carillon nach flandrischer Bauart wurde 1620 nicht weit von hier in Appingedam installiert “, erzählt Adolph Rots. „Die Menschen kannten damals nur die alten katholischen Kirchenlieder aus den Zeiten vor der Reformation. Das Carillon spielte mehrmals am Tag die calvinistischen Psalmen.“

Außerdem war dieses Musikinstrument damals ein Symbol für das erwachende Selbstbewusstsein der Bürgerschaft. Der König hatte Militärmusik. Die Städte hatten Glocken. „Und jede Stadt wollte mit ihrem Carillon die anderen Städte übertreffen.“

Mozart

Viele Komponisten haben Werke für dieses Instrument geschrieben, wenn sie durch Europa reisten. „Mozart kannte das Carillon leider nicht. Er war nie in Flandern“, bedauert Adolph Rots. Aber eigentlich ist ihm wichtiger, dass die Tradition heute mit Leben erfüllt wird: „Louis Andriessen, der bedeutendste niederländische Komponist unserer Zeit, hat mehrere Carillon-Werke geschrieben.“

Und woher kommt der Interpreten-Nachwuchs? – „In Amersfoort ist eine Carillon-Schule. Da habe ich studiert. Als ich mich um die Stelle hier im Martiniturm beworben habe, musste ich wie ein Kirchenorganist meine Prüfung ablegen – erst einmal vom Blatt spielen, anschließend improvisieren.“

Cassius Clay

In einer Beziehung unterscheidet sich das Carillon aber von einer Orgel. Der Spieler muss nicht unbedingt fingerfertig sein, er muss vielmehr schon eine gewisse Faustfertigkeit mitbringen. Die Tasten werden nicht mit den einzelnen Fingern gedrückt, sondern mit den Fäusten gespielt. Das erfordert körperliche Fitness und gleichzeitig die Eleganz eines Cassius Clay.

„Aber ich schlage das Instrument nicht k.o.“, versichert Adolph Rots. „Im Gegenteil. Es ist eher ein Streicheln mit den Fäusten.“ – Und wie sehr leidet Adolph Rots darunter, dass er noch weiter von seinen Zuhörern entfernt ist als ein Virtuose hoch oben auf einer Orgel-Empore? – „Nach mehr als 30 Jahren Dienstzeit habe ich mich daran gewöhnt.“

Sinterklaas statt Santa Claus

Doch einmal im Jahr pflegt Adolph Rots einen beinahe schon direkten Kontakt mit seinem Publikum. „In den zwei Wochen vor dem Sinterklaasdag stimme ich die Menschen in der Stadt auf das kommende Ereignis ein. Wenn Sinterklaas dann am 5. Dezember mit seinem Boot nach Groningen kommt, begrüße ich ihn mit Musik, die zu seinen Ehren geschrieben wurde. Das fröhliche Geschrei der Kinder zeigt mir dann ungefähr an, durch welche Gracht oder welchen Kanal der Heilige Mann gerade schippert.“

Sinterklaas und Glockenturm der Martinikerk

Und Sinterklaas alias Nikolaus ist für jede moralische Unterstützung dankbar. Weil der Sinterklaasdag zeitlich mit dem globalen Weihnachtsgeschäft nicht kompatibel ist, wollen die Marketing-Strategen auch in den Niederlanden lieber eine andere Figur als Freund aller Kinder etablieren. Statt Sinterklaas am 5. Dezember soll Santa Claus am 24. die Geschenke bringen. Adolph Rots: „Bislang waren alle Versuche, den Kindern ihren Sinterklaas wegzunehmen, vergeblich. Gut so.“

Deshalb kommen vor allem deutsche Touristen, die vor dem Weihnachtstrubel flüchten wollen, zwischen den Jahren gerne nach Groningen. Adolph Rots garantiert ihnen, dass er auf seinem Carillon nur sehr sparsam „White Christmas“ und anderen Xmas-Kitsch dudeln wird. „Aber für meine übrigen Kollegen in den Niederlanden kann ich nicht sprechen. Die spielen auch schon mal auf Bestellung ein Geburtstagsständchen oder einen musikalischen Heiratsantrag.“

John Lennon

Adolph Rots wählt sein Repertoire sorgfältig aus. In seinem Notenstapel liegen Werke von Johan Sebastian Bach, Paul McCartney und anderen großen Meistern. Und wenn es mal wieder Zeit ist, innezuhalten und über den Zustand unserer Welt nachzusinnen, spielt er „Imagine there’s no heaven … no hell below us, above us only sky.“

Es ist, als hätte John Lennon diesen Song speziell für den Arbeitsplatz des Carillon-Spielers Adolph Rots geschrieben: Stell dir vor, es gibt hier oben kein Himmelreich und keine Hölle. Und über uns ist nur die frische Luft, die von der Nordsee herüberweht.

Informationen

Groningen
http://toerisme.groningen.nl/de/

Niederlande
http://www.holland.com

Hotel-Tipps

Hotel Prinsenhof – gesehen vom Turm der Martinikerk

Hotel Prinsenhof
Der Name ist Programm. Hier steigen die niederländischen Royals und ihre Gäste ab, wenn sie in Groningen sind – und zwar nicht nur wegen des Blicks auf einen überaus liebevoll angelegten Garten.

http://www.prinsenhof-groningen.nl/nl/

Het Paleis, Boterdiep 111, 9712 LM Groningen
Ein Hostel, das sich spezialisiert hat auf Künstler und solche, die es werden wollen. Für Familien wie auch für Einzelreisende gleichermaßen empfehlenswert.
http://www.hetpaleisgroningen.nl/

Gastronomie

Im Zentrum von Groningen verteilen sich 180 Kneipen, Cafés und andere Lokale auf einen Quadrakilometer – kein Wunder, schließlich ist jeder vierte von den 200.000 Einwohner hier ein Student.

Restaurant-Tipp

für Gourmets, die bei der Wahl ihres Restaurants der Devise folgen: Go where the local people go – kehre dort ein, wo auch die Einheimischen hingehen. Die Groninger gehen seit 1871 in das WEEVA – und zwar wegen der sehr, sehr guten gutbürgerlichen Küche.

http://www.weeva.nl/contact-info/


Text & Fotos: Winfried Dulisch
Foto „Sinterklaas“: Reyer Boxum / Marketing Groningen


 

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