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Stülpschalung, Gartenlust und Schottenröckchen

Zu Besuch in St. Andrews (Kanada)

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Die Geschichte des beschaulichen Städtchens begann bereits vor der Zeit, als die sogenannten Loyalisten sich in der Gegend niederließen. Nicht gesichert ist, ob die Stadt, die den Namen des heiligen Andreas trägt, 1604 am Namenstag dieses Heiligen gegründet wurde. Als Gründungsjahr wird statt dessen 1783 angegeben. Zum beliebten Ferienort entwickelte sich St. Andrews um 1880. Seither führt St. Andrews den Zusatznamen „by-the-Sea“. Machen wir uns also zur Passamaquoddy Bay auf, nicht nur um salzige Seeluft zu schnuppern.

Kanada - St. Andrews - Am Hafen
Am Hafen von St. Andrews

Das historische Seebad lockt nicht allein mit Freizeitaktivitäten wie Golfen und Kajakfahren, sondern auch mit seinem Gartenjuwel „Kingsbrae Garden“, in dem sich formale Gartenarchitektur und Kunst unter freiem Himmel nach Herzenslust genießen lassen. Doch auch ein Bummel durch das Städtchen lohnt sich. Hier haben sich Künstler wie Steven Smith niedergelassen, findet sich das eine oder andere Antiquitätengeschäft wie Croix Crest Antiques in der Mary Street.

St. Andrews auf Schachbrettmuster

Von der Hafenmole aus sieht man den Turmhelm der Greenock Presbyterian Church, eine der zahlreichen Kirchen des Städtchens. Gleich drei Sakralbauten findet man zudem zwischen Kingsbrae Garden und der Unterstadt von St. Andrews in der King Street: die katholische Kirche, die „gotische“ Kirche der Baptistengemeinde und die anglikanische Kirche All Saints. Letztere wurde von den englischen Loyalisten gegründet, die im Verlauf des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs und der Loslösung der Vereinigten Staaten vom englischen Mutterland nach New Brunswick kamen. In der King Street befindet sich auch das Ross Memorial Museum. Dieses Museum, untergebracht in einem Backsteinbau mit „klassizistischem“ Eingangsportal, beherbergt die Sammlung des us-amerikanischen Ehepaars Ross, die jahrzehntelang als Sommergäste nach St. Andrews kamen. Bekannt ist die Sammlung für ausgewählte Möbel aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Kanada - St. Andrews - All Saints Anglican Church in der King Street
All Saints Anglican Church in der King Street

Ins Auge springt beim Spaziergang durch die King Street auch das auf einem Eckgrundstück erbaute sogenannte Neville Parker House, das 1825 ursprünglich als Wohnhaus des Leiters des örtlichen Krankenhauses und der Quarantänestation auf Hospital Island erbaut wurde. Die vier roten Backsteinschornsteine des Hauses bilden einen auffälligen Kontrast zu dem weiß geschlämmten Haus mit seinen schwarzen Fensterläden.

Kanada - St. Andrews - Einst ein Hotel, heute ein Souvenir- und Geschenkeladen
Einst ein Hotel, heute ein Souvenir- und Geschenkeladen

Die Häuser des auf einem Schachbrettgrundriss angelegten Ortes, so das einstige Bradford Hotel aus dem Jahr 1795 – die heutige Boutique La Baleine/ The Whale Shop – , sind nicht nur mit weißer oder farbiger Stülpschalung verkleidet, sondern das eine oder andere ist auch mit kleinen überlappenden Holzschindeln bedeckt. Einige der Häuser besitzen ausladende Veranden und Balkone, darunter das ehemalige Hotel Kennedy (1881) in der Water Street. Ein großes Wandgemälde in Hafennähe erinnert daran, wie der Ort zur Zeit der Großsegler einmal aussah, also zu der Zeit, als die sogenannten Loyalisten hierher kamen.

Kanada - St. Andrews - Wandgemälde von Geoff Slater in Hafennähe
Wandgemälde von Geoff Slater in Hafennähe

Das historische Hotel Algonquin

Auf einer Anhöhe steht die sich im Besitz der Provinz New Brunswick befindliche, sehr ausladende Hotelanlage, zu der nicht nur ein Pool, sondern auch ein Golfkurs mit 18 Löchern gehört. Architektonisch ist das Haus dem Tudor-Stil des 19. Jahrhunderts zuzurechnen. 1889 wurde der teils in Fachwerk erbaute Hotelkomplex eröffnet. Bekannt war das Haus damals für seine Meersalzbäder, von denen sich Hotelgäste mit Allergien Heilung versprachen. Luxus wird heute im Hause groß geschrieben. Dementsprechend sind auch die Hotelzimmer ausgestattet. Kein Wunder also, dass das Hotel so bekannte Übernachtungsgäste wie Theodore Roosevelt und Lady Diana, Princess of Wales, begrüßen konnte. Ein weiteres architektonisches Kleinod findet sich gleich zu Füßen des Hotels: Es ist das 1912 im Stil eines bretonischen Landhauses errichtete Anwesen Pansy Patch. Dieses Haus wurde für die an der Ausstattung des Algonquin beteiligte Innenarchitektin Kate Reed und ihren Gatten erbaut.

Kanada - St. Andrews - Das historische Hotel Algonquin
Das historische Hotel Algonquin

Gartenlust: Kingsbrae Garden

John und Lucinda Flemer, Kanadier mit niederländischen Wurzeln, stehen hinter dem Gartenprojekt von St. Andrews, dessen Geschichte 1998 begann. Dass man im Garten eine Windmühle des Typs Galerieholländer sieht, ist also der Herkunft des Stifterpaares zu verdanken. Beim Besuch des Gartens traf ich Andreas Hau, einen gebürtigen Hannoveraner, der als Gartenbaumeister seit Jahren für die Entwicklung des Gartens zuständig ist. Gleich zu Beginn weist er darauf hin, dass Kingsbrae Garden kein botanischer Garten mit einer riesigen Pflanzensammlung ist. Statt dessen will man Gartenfreunden Anregungen für die Gartengestaltung geben. Das ähnelt dann im Prinzip den hiesigen Gartenschauen oder dem Kreislehrgarten in Burgsteinfurt.

Kanada - St. Andrews - Verschiedene Berberitzen als Formelemente in Kingsbrae Garden
Verschiedene Berberitzen als Formelemente in Kingsbrae Garden

Während wir durch den Garten laufen, weist Andreas Haun auf verschiedene Gestaltungsformen hin: hier Buchsbaumhecken, dort Hecken aus vier verschiedenen Sorten von Berberitze, um einen eher kleinen formalen Garten mit Rautenformen anzulegen. Berberitze spielt zudem beim „Knoten-Garten“ – seine äußere Form gleicht einem Keltenknoten – eine wichtige Rolle, dient sie doch als ordnendes Gestaltungselement. Nebenan befindet sich ein „Versunkener Garten“ mit einigen Rosensorten wie die Hardy-Rugosa-Rose und Gehölzen, denen ein geometrischer Formschnitt verpasst wurde. „Strauchrosen gedeihen bei uns prima“, so Andreas Haun, „aber Teerosen nicht.“ Milde genug ist das hiesige Klima allerdings für verschiedene Japanische Ahornarten, die ihr „fedriges Laubkleid“ ausbreiten.

Kanada - St. Andrews - Sommerliches Farbenspiel: Japanischer Ahorn
Sommerliches Farbenspiel: Japanischer Ahorn

Ein besonderes Areal des Gartens ist Nadelgehölzen vorbehalten, darunter Rote Zwergfichte und Japanischer Zwergwacholder. Obendrein gibt es einen „Kiesgarten“. Eine Lage Kies als Deckschicht dient dazu, die Erde feucht und kühl zu halten. Somit wird die Verdunstung reduziert. Weniger Wasser zum Gießen ist notwendig. Auch das, so Andreas Haun, ist Zweck des Kingsbrae Gardens: die Förderung ökologischen Handelns. Einige kleine Spiellauben, Ziegen und Alpakas gehören zum „Kinderparadies“ im Garten. Ziegen und Alpakas sind aber nicht die einzigen Tiere im Garten. Gefiederte Gäste wie Weiden-Gelbkehlchen, Blauhäher und Rubinkehlkolibri geben sich in Kingsbrae Garden auch ein Stelldichein.

Kanada - St. Andrews - Streicheltiere in Kingsbrae Garden
Streicheltiere in Kingsbrae Garden

Noch Stunden könnte man in Kingsbrae Garden zubringen, ob im Hortensiengarten mit mehr als 30 verschiedenen Arten oder Obstbaumgarten, wo alte Apfelsorten wie Red Astrachan und Golden Russet gedeihen.

Kanada - St. Andrews - Kerry O'Toole: Rabbit on the Run
Kerry O'Toole: Rabbit on the Run

Immer wieder trifft man beim Gartenbesuch auf Skulpturen, die im Rahmen eines Bildhauerwettbewerbs entstanden sind, ob die „Komposition“ aus Fundstücken von Hans Blokpoel, der „Elch“ von Mark Breckenridge oder „Jannique – A Float“ des ortsansässigen Künstlers Geoff Slater, der auch ein begeisterter Mountainbiker ist. Hier reckt sich ein Stelzvogel – eine Arbeit von Bozena Happach – gen Himmel, dort stoßen wir auf eine riesige Gartenschippe, die im Erdreich steckt. Schließlich messen sich Fuchs und Hase im Wettkampf des Hürdenlaufs – und auch dies ist Kunst unter freiem Himmel. Sie verdanken wir Kerry O'Toole.

Im Schottenröckchen auf dem Mountainbike

Kanada - St. Andrews - Unterwegs an der Küste von St. Andrews
Unterwegs an der Küste von St. Andrews

Lust auf Radeln in St. Andrews? Kein Problem dank Ripple Fitness: Die Geschichte der in Sportkilts radelnden Mountainbiker ist kaum zu glauben. Hätte Kurt nicht einen Vater, der aus der Türkei nach Österreich und dann nach Kanada emigriert wäre, ja dann gäbe es wohl diese Kilts nichts. Kurts Vater, der fließend Deutsch spricht, betreibt eine Schneiderei im Ort, in der traditionelle Schottenröcke genäht werden. Sein Sohn und dessen Freunde hatten eher aus einer Laune heraus die Idee, in solchen Röckchen – etwas modisch aufgeschickt – über Stock und Stein zu kurven. Was als Freizeitspaß begann, wurde bald zu einer Geschäftsidee. Nun begleiten Kurt und Geoff, der eine Lehrer, der andere Künstler und Schildermaler von Beruf, Touristen auf Touren in der Umgebung von St. Andrews. Keine Sorge, unter dem Röckchen trägt jeder seine Radlerhose!

Kanada - St. Andrews - Keltenkreuz am Indian Point, von irischen Einwanderern errichtet
Keltenkreuz am Indian Point, von irischen Einwanderern errichtet

Bei den angebotenen Touren geht es streckenweise an der Küste entlang, aber auch auf engen Pfaden über Wurzelwerk quer durch den Wald. Hier und da werden Stege genutzt, die von Jugendlichen im Wald angelegt wurden. Wild ist die Fahrt und man muss höllisch aufpassen, nicht mit den Pedalen irgendwo hängenzubleiben oder gar einen Salto über die Lenkstange zu machen. Noch mehr Action gefällig? Wie wäre es denn mit einer Paddeltour?

Seekajaktour auf Deer Island

Kanada - St. Andrews - Seekajak

Um eine Tagestour mit dem Seekajak zu unternehmen, verlassen wir St. Andrews und begeben uns auf die fünftgrößte Insel New Brunswicks. „Yoga und Paddeln“, eine eher ungewöhnliche Kombination, steht auf dem Programm. Guy und Kalie werden uns den ganzen Tag begleiten, vor allem aber uns alle wichtigen Sicherheitsregeln erklären, so das richtige Ein- und Aussteigen, das Retten im Falle des Kenterns, das Paddeln in der Gruppe oder die Frage des Unter-Land-Fahrens. Doch vor dem eigentlichen Paddeln steht noch das Auflockern.

Kanada - St. Andrews - Seeigelskelett am Strand
Seeigelskelett am Strand

Keine Sorge, auch Anfänger können sich ins Seekajak trauen, denn mit Seascape Kayak Tours & Yoga befährt man weitgehend vom Wind geschützte Gewässer und Land ist dabei immer in Sicht. Wer Neuling ist, mag ein mulmiges Gefühl haben, besteigt er die „schwimmenden Nussschalen“. Seekajaks, das muss man wissen, sind jedoch viel weniger für das Kentern anfällig als offene Kanus. Ein paar Stunden kreuzen wir auf ruhigem, bisweilen bei auffrischendem Wind etwas kabbeligem Wasser. In der Ferne kreist ein Seeadler über der Wasseroberfläche. Nähern wir uns dem Ufer, so entdecken wir dort herumtobende Amerikanische Nerze, die allerdings schnell Reißaus nehmen. Verlassen sind die Stellnetze der Fischer in Ufernähe. Unterwegs begegnen wir einigen von ihnen, die ihre Hummerfallen kontrollieren. Gegen Mittag landen wir in einer Bucht mit grobem Sandkiesstrand an, an dessen Rand wilde Rosen blühen. Hier und da liegen Miesmuschelschalen und Panzer von Seeigeln am Strand. Nach einer „kanadischen Brotzeit“ – mit geräuchertem Lachs natürlich – geht es zurück. Yogaübungen an Land warten auf uns. Wer Yoga noch nie praktiziert hat, wird nach der halben Stunde verschiedenster Übungen in der nachfolgenden Entspannungsphase auf seiner Yogamatte einnicken, auch weil die Seeluft so schläfrig macht. Nach einem solchen Tag voller Aktivität geht es zurück ins verträumte St. Andrews und auf weitere Entdeckungstouren nach St. John, aber das ist eine andere Geschichte.

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