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Georgien

Ein Stern für die Tomaten in Swanetien

Text und Fotos: Winfried Dulisch

Zwei Stunden von Hamburg nach Riga. Anschließend mehr als drei Stunden für den Weiterflug nach Tiflis. Durch die Hauptstadt von Georgien fährt das Taxi eine knappe Stunde zum Helikopter-Startplatz, von dort aus geht es weiter über die Gipfel des Kaukasus in die Region Swanetien. Danach weitere zwei Stunden über Schotter, Geröll und ab und zu mal eine asphaltähnliche Straßenbeschichtung zum Grand Hotel Ushba. Unser Autor Winfried Dulisch bereut keine Minute.

Georgien - Swanetien - Küche im Grand Hotel Ushba
Küche im Grand Hotel Ushba

In Hotels mit internationalem Publikum zeigen oft mehrere Uhren die jeweils aktuelle Zeit für unterschiedliche Zonen. Statt für New York, London, Tokio geben die Uhren an der Rezeption vom Grand Hotel Ushba diese Auskünfte: Matterhorn (Ortszeit minus zwei Stunden), Mount Everest (plus zwei Stunden). Die Ortszeit markiert der Elbrus, 25 Kilometer Luftlinie von hier jenseits der georgischen Grenze auf russischem Gebiet liegend und mit 5.642 Meter der höchste Berg im Kaukasus.

Der Uschba, dem das Grand Hotel Ushba seinen Namen verdankt, gilt mit seinen zwei Gipfeln (4.737 und 4.698 Meter) als fünfthöchster Berg in Georgien. Weil der Kaukasus von den Geographen zu Vorderasien gezählt wird, muss der Montblanc (4.810 Meter) als höchster Europäer aus dem Osten keine Konkurrenz zu fürchten. Aber die Georgier präsentieren ihre Kaukasus-Gipfel mit Recht gerne als europäischen Himalaja, zumindest als Dach oder Balkon von Europa.

Georgien - Swanetien - Hier ist es schön: Berglandschaft in Swanetien
Hier ist es schön: Berglandschaft in Swanetien

Grand Hotel Ushba. – Bevor beim westeuropäischen Pauschaltouristen falsche Hoffnungen aufkeimen, erklärt Hoteldirektor Richard Baerug – alle Gäste und Mitarbeiter nennen ihn nur beim Vornamen – den Qualitätsanspruch seines Hauses: „In einer Region wie Swanetien ist ein Hotel mit sieben Doppelzimmern vergleichsweise groß und darf sich mit Recht als ‚grand’ bezeichnen.“ Der kritische Besucher registriert dankbar eine zweckmäßig schlichte, aber weitgehend naturbelassene Ausstattung dieser Zimmer im ersten Stock des Hauses. – Und die Sanitäreinrichtungen? – Richard zeigt den Weg: „Dusche und WC findest du eine Etage tiefer.“

Grand mit Vieren

Dort im Parterre erinnern die Uhren an der Rezeption daran, dass hier im Nordwesten von Georgien eigene Maßstäbe gelten. Das Grand Hotel Ushba liegt auf halbem Weg zwischen alpinen Nobeladressen wie Zermatt, Chamonix oder Kitzbühl und dem nepalesischen Rucksacktouristen-Mekka Kathmandu oder einer der übrigen Basis-Stationen für die Besteigung von Achttausendern. Wer in diesem touristischen Niemandsland ein Testergebnis erwartet – bitteschön: ein Stern für diese Ruhe, weit und breit kein Motorengeräusch zu hören, hier zeigt sich der Vorteil des unterentwickelten Straßen- und Eisenbahn-Systems.

Georgien - Swanetien - Vardo Ushkhvani, Köchin
Vardo Ushkhvani, Köchin

Der zweite Stern geht an diese überaus fleischigen Tomaten und Gurken, die in der Nachbarschaft des Grand Hotel Ushba gedeihen. Die Köchin Vardo Ushkhvani würzt diese Gemüseplatte mit ihrem Kräutersalz, für das sie ebenfalls die Zutaten am Rande ihres täglichen Weges zur Arbeit sammelt. Als wesentliche Zutaten dieser Würzbeigabe sind herauszuschmecken: Koriander, Paprika und ein Hauch von Knoblauch, der in der swanetischen Küche ohnehin sehr zurückhaltend verwendet wird.

Nach solch einem Appetitanreger folgt auf der abendlichen Menükarte: „Kubdari“. Diese Teigtaschen mit einer Füllung aus Schweine- oder Rindfleisch verdanken ihren einschmeichelnd herzhaften Geschmack ebenfalls dem Kräutersalz der Köchin Vado und gelten als eine für Swanetien typische Spezialität.

Georgien - Swanetien - Teigtaschen

Es gehört zum Service des Grand Hotel Ushba, dass die Gäste mithelfen beim Zubereiten der Kubdari – zumindest beim letzten Arbeitsgang: Den Teig in Kügelchen teilen und ausrollen, die Füllung darauf legen und den Teig schließen.

Georgien - Swanetien

Bei der Auswahl der passenden Weine kann Richard aus dem Vollem schöpfen. 500 verschiedene Rebsorten werden in Georgien angepflanzt. Das Land hat gilt als Wiege des Weinbaus, vor 6.000 Jahren wurden hier die ersten Reben kultiviert. Und kein Historiker widerspricht, wenn die Georgier mit Stolz daran erinnern: Die Römer haben bei uns das Winzer-Handwerk erlernt. Weil aber die Weinkritiker am liebsten trockene Gewächse schlürfen und empfehlen, blieb Georgien auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ein Geheimtipp. Wenn diese selbsternannten Päpste aber die Erlaubnis erteilen werden, auch wieder süffig süße Weine genießen zu dürfen, dann können georgische ihre geschmackliche Vielfalt ausspielen – von beerig süß bis erdig würzig.

Vermutlich der beste Hotel-Standort auf der Welt

Aber der Direktor ist ohnehin weitaus stolzer auf eine andere Getränke-Spezialität, die er den Gästen des Grand Hotel Ushba bieten kann. Wenn er mit ihnen zu einer Bergwanderung aufbricht, stopft er sich den Rucksack voll mit leeren Flaschen, die er unterwegs immer wieder auffüllt – entweder mit würzig kräftigem Wasser aus einer Mineralquelle oder mit erfrischend klarem Durstlöscher aus einem wilden Gebirgsbach. Für diese quellfrischen Argumente verdient das Grand Hotel Ushba seinen dritten Stern.

Georgien - Swanetien - Richard Baerug, Direktor des Grand Hotel Ushba, präsentiert eine Spezialität seines Hauses: frisches Wasser aus dem Gebirge
Richard Baerug, Direktor des Grand Hotel Ushba,
präsentiert eine Spezialität seines Hauses:
frisches Wasser aus dem Gebirge

Für diese quellfrischen Argumente verdienen Richard Baerug und sein Hotel einen dritten Stern. Den vierten Stern erarbeitet Richard Baerug sich mit diesem selbstbewussten Werbeslogan: „Grand Hotel Ushba – Probably the best hotel location on earth“. Stimmt. Es mag komfortabler ausgestattete Hotels auf dieser Welt geben. Doch nur wenige davon bieten in einer dermaßen Atem beraubenden Umgebung solch eine Mischung aus gemütlicher Familienanschluss-Atmosphäre und internationalem Service-Standard. Dass hier die sanitären Einrichtungen im Parterre und die Schlafzimmer in der ersten Etage liegen – darüber mokieren sich im Grand Hotel Ushba nur jene Touris, denen es in Malle so gut gefällt, weil sie dort ihr deutsches Bier und immer eine druckfrische Blöd-Zeitung bekommen.

Slowfood beginnt beim Kuhmist

Vor derartigen Zeitgenossen garantiert sicher ist man in Ushguli. Dieses 2.200 Meter hoch gelegene Bergdorf wurde von der UNESCO in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen und befindet sich keine 100 Kilometer – aber drei Stunden Autofahrt auf zumeist unasphaltierten Straßen – vom Grand Hotel Ushba entfernt. Ushguli wirkt wie ein bewohntes Freilichtmuseum, wo ein mittelalterlich wirkendes Alltagsleben den Rhythmus bestimmt – das gilt auch für Besucher, die mal eben vorbeikommen wollen, um die stolzen Wehrtürme zu bewundern, die das Erscheinungsbild dieses Dorfes prägen.

Georgien - Swanetien - Stier

Aber erst einmal tritt der Besucher beim Verlassen des Busses voll in die … – dabei hätte er gewarnt sein können. Die Tourismus-Manager von Ushguli empfehlen in ihren Werbebroschüren den Besuchern: Bringen Sie Gummistiefel mit! Denn hier laufen – wie im Mittelalter – die Rinder und Schweine frei herum. Dass Eier von freilaufenden Hühnern in westeuropäischen Supermarkt-Regalen als empfehlenswerte Besonderheit gelten, können die Bewohner der swanetischen Bergwelt kaum nachvollziehen.

Nicht nur bei den sattfarbenen Eidottern ist herauszuschmecken, dass ihre Erzeuger viel Freilauf genießen. Aber spätestens für das Schweine- und Rindfleisch lohnt sich ein Gourmet-Trip nach Swanetien. Denn hier ist eine Kante vom fetten Schinkenspeck noch eine Delikatesse – und zwar für die Nase, den Gaumen und anschließend für den Magen. Das Auge wird von den swanetischen Köchinnen und Köchen weniger aufwändig verwöhnt, es labt sich dafür am liebevoll verzierten Mobiliar in den Wohnstuben dieser Kaukasus-Region.

Georgien - Swanetien - Historisches Museum in Mestia
Historisches Museum in Mestia

Das Zusammensein mit Freunden – und zwischendurch immer wieder ein Trinkspruch – ist für die Swanetier ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kultur. Entscheidungen für die Familie oder Dorfgemeinschaft werden am gedeckten Tisch getroffen. Diese Rituale sind sogar noch in den Restaurants der georgischen Hauptstadt Tiflis zu beobachten. Und wenn Richard Baerug mit den Gästen seines Grand Hotel Ushba bei einer Bergwanderung auf einer sattgrünen Wiese Mittagsrast macht, kann er sein Glas quellfrisch gezapftes Wasser mit guten Gewissen erheben auf den „vermutlich besten Hotel-Standort der Welt“.

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