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Römische Geschichte auf Schritt und Tritt

Der Hadrianswall

Text und Fotos:  Karsten-Thilo Raab

Auf eine Großbritannien-Karte schauen und mit dem Finger zeigen können: Da sind wir lang gewandert. Hier, auf der Höhe von Newcastle-upon-Tyne und Carlisle haben wir das britische Eiland einmal komplett von der Ost- zur Westküste durchquert – das klang reizvoll. Dass man nebenher noch auf den Spuren des großen römischen Kaisers Hadrian wandeln würde, und dass uns sein Lebenswerk,  ein 117 km langer, knapp 2000 Jahre alter Verteidigungswall auf Schritt und Tritt begleiten würde, das sprach außerdem noch für diese überaus spannende und abwechslungsreiche  Langstrecken-Wanderung.

England - Statue Kaiser Hadrians
Statue Kaiser Hadrians

Unverbesserliche im Freundeskreis fragen ungläubig, wie man auf „so eine Idee" kommen könne. "Wie könnt Ihr Euch das antun? Erst durch langweiliges Regen-Grau wandern und dann abends nichts Anständiges zu Essen bekommen“, war der einhellige Tenor. Doch von den sonnigen Weiten Northumberlands, dem Knallgrün der saftigen Weiden, von dem Goldgelb der Kornfelder, von dem wunderschönen, natur- und kulturlandschaftlichen Patchwork-Teppich, der sich von selbst erwanderten Höhen aus vor unseren Augen ausbreitet, haben die Skeptiker unter unseren Freunden keinen Schimmer. Auch nicht von der Gemütlichkeit und den dampfend-köstlichen Hausspezialitäten der gemütlichen Pubs in jedem Kuhdörfchen, die wir uns mit der Kraft unserer Beine der Reihe nach erobern würden. Von dem belohnenden Zischen, das ertönt, wenn man nach getanem Tageswerk die Wanderschuhe weit von sich streckt und den ersten Schluck eiskalten Ciders oder ein leckeres Ale schlürft, auch nicht. Die unvergesslich herzlichen Begegnungen mit anderen Wanderern und mit den kurios-liebenswerten Anwohnern entlang des Walls, die alle eine gute Geschichte zu diesem Bauwerk auf Lager haben (der erste Kuss, die erste Zigarette...) – in den Genuss all dieser Erfahrungen würden sie selbst wohl nie kommen. Eigentlich schade.

Weltkulturerbe der UNESCO seit 1987

Aber lassen wir zunächst die Fakten sprechen: Der Hadrianswall, lateinisch Vallum Hadriani, gilt als bedeutendstes Stück römischer Geschichte in Großbritannien. Der Grenzwall, 1987 von der UNESCO in den Status des Weltkulturerbes erhoben, ist ein stummer Zeuge der fast 2000 Jahre alten Geschichte Nordenglands. Zahlreiche Forts, Museen und Festivals laden zu einer lebendigen Reise in die Vergangenheit, in der vieles über eine der größten zivilisierten Gesellschaften der Welt zu erfahren ist.

England - Hadrianswall
Hadrianswall

Im Jahre 122 begannen auf Befehl von Kaiser Hadrian die Arbeiten zum Bau des Grenzwalls. Dieser sollte das Römische Reich gen Norden vor Überfällen der Barbaren, wie Hadrian die Skoten und Pikten nannte, schützen. Rund sechs Jahre gingen ins Land, ehe das 117 Kilometer lange Bauwerk vollendet war.
Hitzeperioden oder Unwetter werden diese relativ kurze Bauzeit nicht verzögert haben, denn das Klima im Norden Englands ist mild und gemäßigt. Die Temperaturen steigen selten über Spitzenwerte von 30 Grad Celsius und sinken selbst an kältesten Wintertagen kaum unter minus 10 Grad Celsius. Der Regen verteilt sich auf das ganze Jahr, aber im Durchschnitt sind die Monate von April bis Juni die trockensten. Wer im Mai, Juni oder September wandert, hat die besten Chancen auf wunderbares Wanderwetter. Auf dem festen Erdgrund, dem man noch ansieht, dass er mal vom Frühjahrsregen durchweicht war, hinterlassen die Wanderschuhe in dieser Zeit dann keine Abdrücke.

England - Hadrianswall - Mauerreste eines Forts
Mauerreste eines der Forts

Die früheren Besatzer hingegen hinterließen jede Menge Spuren und erschufen mit der ehemals bis zu fünf Meter hohen Verteidigungsmauer ein monumentales Bauwerk. Im Abstand von jeweils einer römischen Meile (entspricht etwa 1,5 Kilometern) errichteten die rund 15.000 Soldaten jeweils ein Fort. Dazwischen gab es jeweils zwei Wachtürme, deren Grundmauern bis heute meist noch gut erkennbar sind. In der dünn besiedelten, überwiegend hügeligen Gegend, in der es mit Ausnahme von Newcastle-upon-Tyne und Carlisle keine größeren Städte, aber mehr Schafe als Menschen gibt, fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, das hier dereinst die zivilisierte Welt zu Ende war.

England - Hadrianswall - römischer Grenzsoldat
So sahen die römischen Grenzsoldaten
vor 2000 Jahren aus

Eine Woche wandern

Wer heute auf den Spuren der Römer wandelt, braucht für die Strecke je nach Tempo sechs bis acht Tage, so dass unterwegs noch genügend Zeit bleibt, um die schöne Natur zu genießen und die spannenden Nationalpark-Zentren, Museen und Ausgrabungsstätten zu besuchen. Eine gute Woche also, in der ein herrliches Naturerlebnis mit dem Eintauchen in manches Kapitel römischer und britischer Geschichte verbunden ist. Denn die Vergangenheit wird entlang des Limes im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt lebendig. Von uns "Durchschnittswanderern", so lernen wir vor der Abreise, werden pro Stunde je nach Geländebeschaffenheit 3 bis 4 km zurückgelegt. Die Tagesetappen sind zwischen 17 und 30 Kilometer lang und gut zu bewältigen. Überlässt man den Gepäcktransport einem spezialisierten Dienstleister, entfällt nicht nur das mühsame Buckeln von frischer Wäsche, Fön und Kulturtasche - das Wandertempo erhöht sich wie von selbst und es bleibt mehr Zeit zum Besichtigen, Rasten und für Begegnungen mit Einheimischen. Der Hadrian´s Wall Path ist auf der gesamten Strecke gut ausgeschildert. Herausfordernd sind lediglich Streckenabschnitte, bei denen beispielsweise Bullenweiden überquert werden müssen oder wo einzelne Schilder durch Unwetter oder Vandalismus zerstört, von Fahrzeugen verdeckt oder eingewachsen sind.

England - Hadrianswall - Wegweiser

Das Bauwerk des römischen Herrschers ist in vieler Hinsicht bemerkenswert: Nach Schätzungen wurden 37 Millionen Tonnen Steine verbaut, um den Hadrianswall zu errichten. Wie hoch die Kosten für ein derart monumentales Bauwerk heutzutage sein würden, darüber lässt sich allenfalls spekulieren. Gleichwohl wurden 1974 Berechnungen angestellt, um zu ermitteln, wie teuer der Bau einer Betonmauer mit der gleichen Ausdehnung wäre. Diese würde mit rund 120 Millionen Euro zu Buche schlagen.

England - Hadrianswall

Auch bei der Errichtung des Wanderweges, der am 23. Mai 2003 offiziell eingeweiht wurde, hat man weder Arbeitskraft noch Material gespart: Hadrian-Pilger müssen rund 300 Zauntritte, Tore und Brücken überqueren. Der höchste Punkt entlang des Weges liegt an den Windshield´s Crags mit 345 Metern über dem Meeresspiegel und der Weg hinauf ist durch Steinstufen leicht begehbar gemacht.

England - Hadrianswall - Winshields Crags
Hadrianswall an den Windshield´s Crags

Start in Wallsend

So weit zu den Fakten, jetzt zum Vergnügen: Unsere Wanderung startet in Wallsend und im Verlaufe dieser ersten, 24 km langen Tagesetappe nach Heddon-on-the-Wall bildet die Fluss-Promenade in Newcastle-upon-Tyne einen gelungen Auftakt. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Sehenswürdigkeiten wie das an einen schimmernden Riesen-Kokon gemahnende "The Sage"-Opernhaus, welches von Sir Norman Foster entworfen worden ist, und das in einem ehemaligen Kornspeicher untergebrachte Museum Baltic-Centre for Contemporary Art aneinander. Nicht zu vergessen sind die moderne Millenniums-Brücke und die historischen Schwenk-, Klapp und Hochbrücken. Diese unterqueren wir allesamt, bevor wir auf Schusters Rappen das Stadtgebiet verlassen. Von nun an wird es zunehmend ländlicher, still und grün. Wir wandeln den River Tyne entlang, vorbei an einem Ruderclub und schließlich quer über einen gut bespielten Golfplatz. "Careful! Flying golf balls" warnt ein großes Schild und sorgsam achten wir darauf, nicht von einem der weißen Spielbälle getroffen zu werden. Nach einem beschaulichen Abend und einer erholsamen Nacht im blitzblanken Dörfchen Heddon-on-the Wall brechen wir zum nächsten Tagesmarsch auf, der heute bis nach Chollerford führt.

England - Hadrianswall - Corbridge
Ausgrabungsstätte Corbridge Site

Auf den insgesamt 24 Streckenkilometern passieren wir das Milecastle 13 und das pittoreske Dörflein Corbridge. Die Bewohner, insgesamt sind es gut 3.500, scheinen sich mit der Reinlichkeit des Bordsteins, der Blütenpracht auf ihren Fensterbänken und in den Vorgärten gegenseitig ausstechen zu wollen. Wir stärken uns in dem Pub mit dem blankesten Messingschild von allen, The Black Bull Inn. Mit frischer Energie entdecken wir auf der spannenden Ausgrabungsstätte Corbridge Roman Site, was es mit der Stan Gate, der Versorgungstrasse der Römer, auf sich hat. Weiter geht es ins Marktstädtchen Hexham, einem wichtigen Handelszentrum der Region, deren Vielzahl an mittelalterlichen Gebäuden einen besonderen Charme umgibt.

Der schönste Teil der Strecke

Den schönsten Abschnitt der gesamten Wanderstrecke bildet ohne Zweifel die dritte Etappe, bei der es auf 19,3 km von Chollerford nach Steel Rigg geht. Der Wandertag beginnt mit der Erkundung des Chesters Roman Fort. Dieses römische Kavallerie-Fort liegt am Ufer des River Tyne. Neben interessanten Überresten einer Reihe von Gebäuden wie die Wohnhäuser der Soldaten und Stallungen ist auch ein großes Offiziershaus zu besichtigen. Am beeindruckendsten ist aber ohne Zweifel das gut erkennbare Badehaus, das direkt am Flussufer liegt und Aufschluss über die ausgefeilte Bade- und Sauna-Kultur der Römer gibt. Im angeschlossenen Clayton Museum sind eine Reihe von römischen Skulpturen und Steinmetzarbeiten zu betrachten.

England - Hadrianswall - Chesters Roman Fort
Chesters Roman Fort

Die Wanderung führt von hier aus in den Northumberland Nationalpark und in unser Blickfeld kommt inmitten der hügeligen Landschaft ein gut sichtbar gelegener langer Streifen des Hadrianswalls. Hier sind auch Überreste von Turrets, den Wehrtürmen, zu finden. Wir überqueren eine Straße, erklimmen einen Zauntritt und stehen mitten in der  Ausgrabungsstätte des Brocolita Forts. Diese römische Festung befand sich am nördlichsten Punkt des Hadrianswalls inmitten einer weiten Moorlandschaft. Das Highlight des Ausgrabungsgeländes bilden heute die Überreste des Tempels Mithraeum aus dem 3. Jahrhundert, der der persischen Gottheit Mithra geweiht war und der in besseren Tagen ein mythisch-prächtiges Gotteshaus dargestellt hat. Heute umfassen die Mauerreste eine gepflegte Rasenfläche. Es sieht aus, als ob diese die Grundmauer wie ein grüner Teppich ausfüllt. Für uns bietet das romantische Setting einen hervorragenden Picknick-Spot. Hungrig widmen wir uns unseren mitgebrachten Sandwiches und dösen in der Mittagssonne.

England - Hadrianswall - Mithratempel
Überreste des Tempels Mithraeum

Vor uns liegt, nachdem der Ditch, der dem Wall vorgelagerte Verteidigungswall, wieder für einige hundert Meter unseren Wegbegleiter bildete und wir ein weiteres Milecastle hinter uns gelassen haben, ein wunderschöner Abschnitt des Walks. Von oben fällt der Blick auf das Bromlee Lough - eine der spektakulärsten Aussichten, die sich im Verlauf des Hadrianswall bietet.

Der Wall folgt von nun an der Natur, die hier eine Art Verteidigungslinie schon selbst angelegt zu haben scheint - fällt doch die Klippenkante nach rechts extrem steil ab. Hier dürfte kaum einer der "Barbaren" die Chance gehabt haben, hinaufzuklettern. Der Blick nach vorne macht uns auch schnell klar, warum dieser Abschnitt als größte Herausforderung der Tour gilt. Auf den nächsten Kilometern gilt es, ein stetiges Auf und Ab zu bewältigen. Tief geht es in die kleinen Tal-Einschnitte herab, steil die Hügelrücken wieder hoch. Endlich, eine kurze Verschnaufpause kommt in Sicht, die Ausgrabungsstätte Housesteads Roman Fort.

Hoch auf einem Felsgrat gelegen, gilt Housesteads Roman Fort gemeinhin als das am besten erhaltene römische Fort in ganz Großbritannien. Die exponierte Lage garantierte den römischen Soldaten eine gute Verteidigungsposition, dem heutigen Besucher hingegen fabelhafte Aussichten über weites Moorland. Das Fort umfasst insgesamt eine Fläche von 2.000 Quadratmetern. Das einstige Hauptquartier, das Haus des Kommandanten, Wohnhäuser der Soldaten und ein Krankenhaus sind hier noch zum Teil erkennbar – ebenso wie ein ausgeklügeltes Latrinensystem.

Die Sektion des Wanderweges, die nach Housesteads führt, ist die einzige, auf der es offiziell gestattet ist, auf der Mauer selber zu gehen. Ansonsten ist es strikt verboten, um das Kulturgut nicht zu beschädigen. Wir nutzen die Freiheit aus und schießen Bilder - vorne glückliche Wanderer auf einer steinernen, ca. 1,5 Meter hohen Mauer, im Hintergrund Hügel, Hügel, Hügel.

England - Hadrianswall - Milecastle 37
Milecastle 37

Das Milecastle 37, das wir nach einigen Gehminuten erreichen, hält eine Besonderheit bereit: Das Nordtor, bei dem noch einige Steine des ehemaligen Torbogens erhalten geblieben sind - noch ein toller Foto-Spot! Stellt man sich die ursprüngliche Höhe des Tores vor, so kann man leicht erraten, wie hoch der Hadrianswall hier gewesen sein mag - mehr als fünf Meter! An diesem Milecastle sind auch die Grundrisse der Aufenthaltsräume für die Wachen gut zu erkennen, genau wie der beeindruckend große Türstopper für die Doppeltüren.



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