Reisemagazin schwarzaufweiss

Steil bergauf und bergab

Auf uns Wanderer wartet nun ein Streckenabschnitt mit noch steileren Auf- und Abstiegen entlang des hügeligen Rückens des „schlafenden Drachens“. Durch das Anlegen von einfachen Steinstufen ist es gelungen, die Strecke dennoch angenehm wanderbar zu machen. Und das Erklimmen des nächsten Hügels wird mit einer genialen Aussicht belohnt: Wir erblicken Crag Lough - das „Klippen Lough“, das seinem Namen alle Ehre macht, fällt doch der Berg enorm steil zum Seeufer ab, Krähen kreisen über dem spektakulären Gewässer und verleihen der Szenerie etwas Mystisches.
Wir stapfen begeistert hinunter zum See, schnaufen dann wieder die Stufen am gegenüberliegenden Hügel hinauf. Oben angekommen, verschlägt es uns gleich wieder den Atem - der Blick hinunter zum See lädt abermals zum Träumen und Verschnaufen ein. Lange wird die Rast jedoch nicht gehalten, schließlich führt der Weg nun wieder hinab und ein Blick auf die Karte verrät, dass jetzt die schmale Senke Sycamore wartet.

England - Hadrianswall - Sycamore Gap

Sycamore Gap

Das Sycamore Gap ist fraglos einer der markantesten Tal-Einschnitte entlang des Grenzwalls. Noch dazu wohl der berühmteste. Denn an dem mächtigen Ahornbaum in der Mitte der Senke spielt eine der Schlüsselszenen aus dem Kinofilm „Robin Hood – König der Diebe“ mit Kevin Costner und Morgan Freeman. Nachdem die Szene dort im Jahre 1991 abgedreht wurde, avancierte der Baum über Jahre zu einer echten Pilgerstätte. Die Frauen aus der Region schnitten Äste als Erinnerungsstück an das kurze Gastspiel der hoch verehrten Hollywood-Stars ab. Glücklicherweise sind die meisten Äste heute nachgewachsen. „Wie albern", denke  ich, zupfe, unbemerkt vom bereits weiter gewanderten Begleiter, ein Blatt vom Baum und lasse es in der Jackentasche verschwinden.

Die wunderbaren Landschaftsaufnahmen und die romantische Filmmelodie aus der Feder von Brian Adams kommen mir unmittelbar in den Sinn. Den Ohrwurm summend geht es mit neuer Energie das steile Auf und Ab hinauf und wieder herab. Die etwas weiter südlich parallel zum Wanderweg verlaufende, wesentlich flachere Military Road, die den Römern als Transportweg diente, und die als Wander-Alternative für schlappe Beine angegeben ist, ignorieren wir. Schließlich wollen wir uns nichts entgehen lassen, nicht das Milecastle 39, noch den steilsten Abstieg der bisherigen Strecke, auf dem wir zwei weitere Wanderer aus Deutschland kennen lernen. 
Thomas und Martin, zwei Wanderer aus Wessex, die uns an diesem Tag immer wieder begegnen, sind es, die uns an dieser Stelle den entscheidenden Hinweis geben: „Einmal umdrehen, bitte!“ Wir werfen einen Blick auf die sanft gewellte Landschaft hinter uns und genehmigen uns einen Müsliriegel, bevor der heutige Wandertag als beendet erklärt wird. Für diese Nacht wird Once Brewed, in dem auch das National Park Visitor Centre liegt, unser Zuhause sein.

England - Hadrianswall - Milecastle 39

Milecastle 39

Das Dörfchen besteht im Wesentlichen aus einer Handvoll Häuser, darunter einige Unterkünfte sowie das Pub "Twice Brewed Inn" mit exzellenter Küche. Wir genießen ein ausgiebiges Mal, ein paar Gläser Cider und stellen fest, dass das gute "Pub Grub", das Pub-typische Essen, sich schon weit herum gesprochen zu haben scheint: Am Nebentisch flirtet ein amerikanischer Archäologie-Professor mit seiner Expeditions-Assistentin. Satt, müde und zufrieden schnallen wir noch einmal den kleinen Tagesrucksack auf. Zum Glück sind es nur wenige Schritte bis zu unserem Bett. Nach einer traumlosen Nacht mit dem schwersten Schlaf seit langem, blökenden Schafen direkt vorm Zimmerfenster als Wecker sowie einem handfesten Full English Breakfast besichtigen wir Vindolanda Roman Fort und sind wieder einmal ob der Kultur der römischen Vorfahren begeistert.

England - Hadrianswall - Vindolanda Roman Fort

Vindolanda Roman Fort

Die archäologischen Arbeiten werden bei dieser Ausgrabungsstätte von April bis August ständig weiter fortgeführt, was Besuchern einen interessanten Einblick in die Ausgrabungen sowie die wissenschaftliche Vorgehensweise gibt. Übrigens wurden bei Ausgrabungen in Vindolanda auch Schrifttafeln gefunden, die im Museum zu sehen sind. Eine enthält in lateinischer Schrift den Hinweis: „Ich habe dir ein paar Socken und Unterhosen geschickt“. Diese Inschrift gilt als einer der wichtigsten Hinweise darauf, wie die römischen Soldaten ausgestattet waren und in den bisweilen harschen Wintern der Kälte trotzten. Tatsächlich wurde in Vindolanda auch eine römische Socke gefunden. Doch von Unterhosen fehlt bis heute jede Spur!

England - Ausgrabungsarbeiten am Hadrianswall

„Die Fremden, die heute in die Region kommen, bleiben weniger lang als die Römer und haben in der Regel ausschließlich friedliche Absichten“, zieht David McGlade, der National Trail Officer für den Hadrianswall, den wir auf der heutigen, vierten Etappe von Steel Rigg nach Walton treffen, einen Vergleich. „Heute wollen die meisten hier nur Ruhe und Entspannung finden“, meint er und schließt sich selbst mit ein. „Das Besondere am Hadrian´s Wall Path ist dessen landschaftliche Vielfalt“, ergänzt der tatsächlich sehr entspannt wirkende Mann. Wir geben ihm innerlich Recht, auch wenn wir die halbe Strecke noch vor uns haben. Liebliche Flussauen und malerische Täler wechseln mit ausgedehnten Hügel- und Bergketten. Auch die Ausläufer der Pennines müssen überquert werden. Der Gebirgszug, der sich von den Cheviot Hills an der Südgrenze Schottlands bis in die Ebene der Midlands in England zieht, bedeckt entlang des Hadrianswalls weite Teile von Northumberland mit dem gleichnamigen National Park und von Cumbria. Im Westen wird der Fernwanderweg vom ausgedehnten Marschland des Solway Firth gesäumt.

Große Teile der Region sind bewaldet oder werden landwirtschaftlich genutzt. Felder wechseln mit Viehweiden, auf denen Schafe und Rinder gehalten werden.  Sternhyazinthen, die "blue bells", verwandeln die Schattenlagen der Wälder im Frühling in einen lilafarbenen Teppich. In ihrer Nachbarschaft siedelt sich nicht selten wilder, stark riechender Knoblauch oder Schnittlauch an, der liebevoll „stinking Lilly“ genannt wird.

England - Hadrianswall - Carlisle-Castle

Carlisle-Castle

Nach zwei weiteren Tagesetappen mit einem Kurzbesuch in der "Zivilisation" von Carlisle, der Widerbegegnung mit dem Meer und einem komfortablen Abschluss im alten Pfarrhaus „Wallsend Guest House“ in Bowness-on-Solway nehmen wir den Zug zurück zum Ausgangspunkt unserer herrlichen Wanderung. Wir sind uns einig: Diese Wanderung auf Hadrians Spuren reizt vielleicht nicht jeden - gut so, könnte man, in Anlehnung an einen Werbespruch, meinen. Denn so bleibt der wie ein Drachenrücken aus der hügeligen Landschaft hervorragende Wall echten Kennern und Liebhabern vorbehalten und ist glücklicherweise nicht überlaufen. "Nur wo Du zu Fuß warst, warst Du wirklich!" sage ich keck über die Schulter, während mein Finger das britische Eiland von der Ost- zur Westküste durchfährt und ich dem größten Skeptiker des gesamten Freundeskreises einen sehr zufriedenen Blick und ein entspanntes Lächeln zuwerfe.

 

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