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Eine Kathedrale des Industriezeitalters

Ein Stück Nostalgie hingegen umweht die Besucher der Alten Hütte, die sich mehr und mehr zu einem Ort internationaler Musikveranstaltungen und Ausstellungen entwickelt. Als Ausstellungsorte dienen heute die Gebläsehalle und die Möllerhalle. Seitdem im Jahr 1986 die Hochöfen kalt geworden sind, steht die Völklinger Hütte unter Denkmalschutz und seit 1994 auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes, weil sie ein einzigartiges Zeugnis der Industriekultur und der Technikgeschichte des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts ist. Noch Jahre nach der Stilllegung kann man den Prozess einer großtechnischen Roheisenerzeugung nachvollziehen. Darüber hinaus gilt die Hütte als eine Kathedrale des Industriezeitalters, die für die erste und zweite industrielle Revolution steht.

Völklingen - Stahlhütte
Blick in das Gestänge des Schrägaufzugs

Gegründet wurde die Anlage 1873 auf Betreiben des Ingenieurs Julius Buch. Doch sehr erfolgreich waren die Anfangsjahre nicht. Erst nach dem Kauf der Hütte durch die Industriellenfamilie Röchling begann der rasante Aufstieg des Unternehmen. Dies ist vornehmlich dem Kommerzienrat Karl Röchling und dessen Sohn Hermann zu verdanken. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die Hütte zu einem der wichtigsten Stahlwerke Europas. Die noch heute bestehenden sechs Hochöfen wurden zwischen 1882 und 1903 erbaut. Dank der Hütte hatten bis zu 17.000 Menschen Arbeit. Aufgrund der weltweiten Stahlkrise in den 1970er Jahren sanken die Beschäftigtenzahlen jedoch, ehe 1986 der letzte Hochofen ausgeblasen wurde und die aktive Zeit der Völklinger Hütte vorbei war. Stadtbild prägend bleibt die Hütte nach wie vor, auch wenn die „Hidd“ nun nicht mehr der wichtigste Arbeitgeber ist, was in Völklingen sichtbare Spuren hinterlassen hat.

Naturnahe Farbtupfer am Industriestandort

Die günstige geographische Lage an der Saar und die Tatsache, dass 1860 bereits ein Eisenbahnanschluss bestand, haben die Industrieansiedlungen in Völklingen befördert. Neben dem Schienenanschluss nach außen bestand auf dem Hüttengelände ein zwanzig Kilometer langes Schmalspurbahnnetz, das von Dampf- und Dieselloks befahren wurde. Unter den eingesetzten Loks war auch die Diesellok 34, Baujahr 1946, die noch heute auf dem Freigelände zu sehen ist. Auf einem Teil des Schienenstrangs ist der Besucher unterwegs, wenn er sich den Erzschiefaufzug, die Möllerhalle und die Sinteranlage anschauen will.

Völklingen Stahlhütte
Heute ein bizarres, vor sich hin
rostende Gebilde: die Alte Hütte Völklingen

Die Sinteranlage, 1928 die weltweit größte ihrer Art, verarbeitete Abfallstaub. Aus diesem Abfall wurde bei 1200 Grad Celsius Sinterkuchen gebacken, der für die Stahlproduktion tauglich war. Kaum vorstellbar ist heute die Tatsache, dass täglich 32 Tonnen Sinterstaub in der Luft über Völklingen lagen und sich als braune Schicht auf den Fensterbänken absetzten.

Der klotzige Wasserhochbehälter, der heute noch einige tausend Kubikmeter Wasser bevorratet, sorgte für den Rohstoff, der für die Kühlung der Hochöfen notwendig war. Zwanzig Pumpen wurden für den Umlauf des Kühlwassers betrieben. Kein Handwerkerlärm dringt mehr aus der Handwerkergasse, in der sich seit 1989 Studierende der Hochschule für Bildende Künste Saar niedergelassen haben. Auch die Rohstoffbunker sind leer, in denen sich nun die Natur ihr Terrain zurückerobert hat. Eine grüne Moosschicht breitet sich über die Gleisanlagen aus, und ein Rotschwänzchen flattert im Schütttrichter umher. Neben Stahlbeton und Backstein entdeckt der Besucher hier und da auch andere Farbtupfer im Gelände: blühende Disteln, Löwenzahn und Hundskamille. Es scheint, als habe sich an einem Industriestandort eine Naturidylle entwickelt.

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