REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Im Bad der Gefühle

Wellness im Allgäu

Text und Fotos: Beate Schümann

 

"Heu macht glücklich", sagt Simone Fassbender leise, während sie zwei heiße, mit Heu prall gefüllte Säckchen über den Rücken streicht. Würziger Duft von blühenden Wiesen zieht einem in die Nase, die Gedanken träumen von Sommer, Sonne und den Bergen. Sanft drückt die Wellnesstherapeutin im Burghotel Falkenstein (1) die Stempel in die Haut, die Wirkstoffe von rund 75 verschiedenen Almwiesenkräutern, Gräsern und Blumen in den Blutkreislauf des Körpers schicken. "Reines Bio-Heu“, sagt sie. Es stecke voller guter Geister, die entspannen, den Stoffwechsel anregen und heilend wirken können.

Burg Falkenstein, wo Ludwig II. ein neues Schloss bauen wollte, aber nicht dazu kam, Pfronten, Allgäu

Burg Falkenstein, wo Ludwig II. ein neues Schloss bauen wollte, aber nicht dazu kam

Je nachdem, was gerade drinsteckt. Denn die Summe aus Arnika, Blutwurz, Gänseblümchen, Johanniskraut, Löwenzahn, Pimpinelle, Rotklee, Sauerampfer, Schafgarbe, Spitzwegerich und vielen anderen Kräutern, Gräsern und Blumen setzt sich mit jeder Ernte neu zusammen.

Burghotel Falkenstein, Pfronten, Allgäu

Burghotel Falkenstein

Für die Heustempelmassage wird ein Öl aus Heudestillat und Rapsöl hergestellt. Fassbender erhitzt die Stempel, taucht sie ins Heuöl und massiert es mit leicht kreisenden Bewegungen vom Nacken an der Wirbelsäule entlang zu den Hüften und über die Rippen zurück zu den Schultern in die Haut. Von den wohltuenden Kräften getrockneter Bergwiesen wissen die Bauern seit Jahrhunderten. Heu kann bei Störungen des Bewegungsapparates, Atemwegserkrankungen, Rheuma oder Schlafstörungen helfen.

Wellnesstherapeutin Simone Fassbender bei der Heustempel-Massage, im Spa des Burghotels Falkenstein, Pfronten, Allgäu

Wellnesstherapeutin Simone Fassbender bei der Heustempel-Massage im Spa des Burghotels Falkenstein

Ein bisschen Spa muss sein, finden die meisten Urlauber. Doch vielen geht der Wellness-Wirrwarr von Kuren, Konzepten, Qualitätssiegeln zu weit, suchen Einfachheit, Natürlichkeit und Unverfälschtheit. Da kommt das Bergwiesenheu gerade recht. Es stammt frisch von den tausend Meter hohen Allgäuer Alpen, auf denen Beweidung nicht mehr stattfindet und wohin Umweltverschmutzung nicht gelangt. Wiesen, die nur einmal im Jahr gemäht werden, weshalb ihre Vielfalt bleibt.

Kühe auf der Weide, Allgäu

Im Allgäu stehen viele Menschen auf Heu. Auch Jan Schubert, Tourismusdirektor von Pfronten, gehört dazu, der seine Gemeinde zur Heuregion und seine Stadt zum Bergwiesenort erklärt hat. „Wir machen uns den Kulturwandel in der Landwirtschaft zu Nutze“, sagt er. Wurde das Heu früher an die Kühe verfüttert, wird es heute meist durch Silage ersetzt. Um die bunten Bergwiesen zu erhalten, wurde in den letzten Jahren eine umfangreiche Heu-Wertschöpfungskette entwickelt. „Therapieheu“ aus kontrollierter Produktion wird für Anwendungen wie Heusauna, -wickel, -bäder und zum Inhalieren genutzt. Es werden Kompressen, Kissen, sogar Schlafmatratzen mit dem Naturprodukt gefüllt, neue Kosmetiklinien entworfen.

Das Thema wurde im Allgäu sogar noch sensorisch erweitert. „Wir riechen Heu nicht nur", sagt Schubert, „wir schmecken es auch." Heuschnäpse, -liköre und -limonade, denen ein kräutriges, würziges Aroma eigen ist, gibt es schon länger. Doch seit kurzem wird in einigen Hotels auch mit Heu gekocht. In Obermaiselstein (2) kreiert Christian Berwanger, Inhaber und Chefkoch im Hotel Berwanger Hof, regelmäßig Heu-Menüs, wie etwa vorneweg ein Cremesüppchen vom Oberallgäuer Bergwiesenheu mit Edelpilzen und Rotkleeblüten, gefolgt von einem gebratenen Schweinefilet unter der Alpkräuterkruste und, zum süßen Abrunden, einer Bergwiesenheu-Bayrisch Creme. „Es ist im Grunde ganz einfach: Heuküche ist Kräuterküche“, sagt Berwanger, der die Kooperation Allgäuer Heuwirte gegründet hat.

Angelika Wohlfart nutzt das Heu für Wellness und in der Küche: es enthält 75 verschiedene Kräuter, Landgut Wohlfart-Reich, Pfronten, Allgäu

Angelika Wohlfart nutzt das Heu für Wellness und in der Küche: es enthält 75 verschiedene Kräuter, Landgut Wohlfart-Reich in Pfronten

Auch bei Waltraud Bächle-Waibel marschiert die Kräutergarde auf – in Form von Hautcremes, Lotionen und Salben, Teesorten und Kräutersalz, die sie auf ihrem Bauernhof in Ofterschwang (3) verrührt. Als Kind ging die Allgäuerin mit ihrer viel älteren Nachbarin zum Sammeln von Kräutern auf die Almen und lernte ihre Bedeutung. Arnika belebt, Kamille desinfiziert, Johanniskraut beruhigt, Ringelblume regeneriert. Die Basisstoffe sind Bienenwachs und Rapsöl. Von chemischen Zusätzen wie Konservierungsstoffen, Emulgatoren oder künstlichen Düften hält sie nichts. „Warum sollten wir den Einklang von Körper und Geist in Sri Lanka oder China suchen, wo wir das Altbewährte vor der Haustür haben?“ fragt sie und beruft sich auf den Naturarzt Paracelsus. Der schrieb schon vor 500 Jahren, dass jede Region über die Heilmittel verfügt, die sie braucht.

Das alte Wissen aus Klöstern und den Bergen hat Charme. Hildegard von Bingen, Theophrastus von Hohenheim, auch Paracelsus genannt, Sebastian Kneipp und deren Jünger stehen bei Naturfans hoch im Kurs. Klöster füllten im Mittelalter Bibliotheken mit Naturforschung, ganze Bauerngenerationen verfügten über ein Depot an erprobten Hausmitteln, deren oft vergessene Kräfte wieder neu entdeckt werden. Zurück zur Einfachheit. Je natürlicher, desto authentischer.

Im Allgäu haben sich Hotels und Bauernferienhöfe mit Angeboten wie Heu-Wellness und Kneippkuren unter den Labels Alpenwellnesshotels, Gesundzeithotels oder Kräuterlandhöfe zusammengeschlossen. Viele verwenden Holz für Fassaden und Wände, für die Dämmung Schafwolle und Kork, für die Böden Schiefer oder Terrakotta. In den Zimmern liegt ein Dinkelkissen gegen Verspannungen, manche Bettdecke ist mit Schafwolle gefüllt. Auf den Büffets stehen Müsli, Quark, Rohmilchkäse, Biobrot und handgeschlagene Butter, selbstgemachte Konfitüren und Kräutertees.

Wellness-Master Bianca Stöcke in der Kneipp-Anlage von Schüle's Gesundheitsresort & Spa in Oberstdorf, Allgäu

Wellness-Master Bianca Stöcke in der Kneipp-Anlage von Schüle's Gesundheitsresort & Spa in Oberstdorf

Dem Prinzip der Einfachheit folgt auch die ganzheitliche Wohlfühltheorie von Sebastian Kneipp, die auf den fünf Säulen Wasser, Kräuter, Ernährung, Bewegung und innerer Balance beruht. Kneippfans halten das Modell seit langem für alternative Wellness. Besonders im Allgäu, das als das Kneippland gilt, weil der Gesundheitspapst hier 1821 geboren wurde und wirkte. In fast allen Orten gibt es öffentliche Tretbäder sowie Kneippanwendungen in den Hotels. „Manche finden Kneipp heute etwas verstaubt“, bedauert Katrin Schüle von Schüle’s Gesundheitsresort & Spa (4), das seit 1930 Kneipp praktiziert und dessen Anlage für Hydrotherapie bei der Modernisierung in 2008 ein schickes Design erhielt. Dabei ist der Grundgedanke das simpelste Rezept, um gesund zu bleiben: Abwechslungsreiche Ernährung, Aktivität in frischer Luft und Wasseranwendungen führen zu Harmonie. Die kalten Güsse und Wickel sind aus der Mode gekommen, seit Kneippkuren nicht mehr verordnet und von den Krankenkassen nicht mehr bezahlt werden. „Best-Ager und Gesundheitsfans sind offen, weil sie Kneipp schon kennen“, erklärt die Direktorin. Doch jüngeren Menschen stellten sich schon beim Wort „abhärten“ die Haare auf.

Doch genau darum gehe es. Um Prävention. Viele von Schüles Gästen, die sich gestresst und vom Alltag fremdbestimmt fühlen, kommen wegen der Kneippschen Lebensphilosophie her, andere wegen der Heilverfahren. Die größte Schwierigkeit liegt darin, die Anregungen zu Hause ins Leben zu integrieren. „Kneippen kann jeder, der gesund ist“, sagt die überzeugte Kneippianerin.

Wellness-Master Bianca Stöcke bei der Anwendung eines Kneippschen Gesichtsgusses im Spa von Schüle's Gesundheitsresort & Spa, Oberstdorf, Allgäu

Wellness-Master Bianca Stöcke bei der Anwendung eines Kneippschen Gesichtsgusses

Frauen überzeugt die ganzheitliche Gesundheitsidee schnell, so Schüle, weil Kneipp viel mit Spüren und Erleben zu tun. Sich auf die Wiese zu legen und die Wolken zu beobachten oder bei einer Wanderung die Füße in den Bach zu hängen, auch das ist Kneipp. Bei Männern steht dagegen die Fitness im Vordergrund. „Morgens Tautreten und man startet mit Leistungskraft in den Tag“, empfiehlt Bianca Stöcke, Wellness-Master in der Badeabteilung vom Schüle’s. Männer lieben die kalten Güsse, sagt Stöcke aus Erfahrung. „Echter Nervenkitzel bis tief unter die Haut“, sagt sie. „Das ist wie auf dem Nürburgring von Null auf 250 aufzudrehen.“

Informationen

Über Nacht:

Burghotel auf dem Falkenstein, 87459 Pfronten, Tel. 08363-914540, www.burghotel-falkenstein.de.

Hotel Berwanger Hof, 87538 Obermaiselstein, Tel. 08326-36330, www.berwangerhof.de.

Schüle’s Gesundheitsresort & Spa, 87561 Oberstorf, Tel. 08322-7010, www.schueles.com.

Landgut Wohlfart-Reich, 87459 Pfronten, Tel. 08363-5303, www.landgut-wohlfart.de.

Kräuterlandhof Bächle-Waibel, Bettenried 4, 87527 Ofterschwang, Tel. 08321-800322, www.kraeuterhof-baechle-waibel.de.

Auskunft:

Allgäu Tourismus GmbH, Urlaubshotline: 08323-8025931, www.allgaeu.de.

 

Website der Autorin: www.beate-schuemann.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Reiseveranstalter Deutschland bei schwarzaufweiss

 

 

Einladung zum Mosel-Kir. Cochem zur Blüte des Roten Weinbergpfirsichs

In zartem Rosa strahlen die Blüten des Weinbergpfirsichbaums schon von den steilen Hängen an der Mosel, während die Reben noch nackt und kahl auf ihr Coming-out warten müssen.

Cochem Blüte des Weinbergpfirsichs

Mehr lesen ...

Von Strudeln und Wellen. Essen und Trinken in Regensburg

Die nördlichste Stadt Italiens wird Regensburg auch genannt, mutet sie doch mit ihren protzigen Geschlechtertürmen, den meisten nördlich der Alpen, versteckt liegenden Hinterhöfen und gewundenem, mittelalterlichem Gassengewirr an wie das toskanische Lucca. Bella Italia im Castra Regina der Oberpfalz? Un espresso, per favore!

Regensburg Essen & Trinken

Mehr lesen ...

 

Von Dachschindeln, Schnallen und Steyrer Torte. Ein Mehlspeisenrundgang durch das oberösterreichische Steyr

Zwischen Steyr und Enns erstreckt sich die Industrie- und Arbeiterstadt Steyr. Nicht nur auf der Fabrikinsel lag einst eine Fabrik neben der anderen, sondern auch längs der Steyr. Aber wir sind vor allem in Steyr, um zu schauen, ob auch ausgewiesene Süßmäuler beim Besuch an Enns und Steyr auf ihre Kosten kommen.

Steyr in Österreich

Mehr lesen ...

Viel mehr als heiße Suppe. Marseille und seine Bouillabaisse

Im alten Hafen von Marseille begann nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern auch die seines Traditionsgerichtes: der weltbekannten Marseiller Bouillabaisse. Noch bis vor zehn Jahren galt das Hafenviertel als düsteres und unsicheres Viertel. Heute gerät die Gegend rund um den alten Hafen immer mehr in den Fokus von Touristen. Neben Hotels, Cafés und Souvenirläden gibt es hier am Vieux Port auch jede Menge Fisch-Restaurants. Auf bunten Tafeln bieten diese vor allem die Spezialität ihrer Stadt an: die Marseiller Bouillabaisse. Und für ihre Zubereitung gehören ganz bestimmte Fische in den Topf.

Marseille - Bouillabaisse

Mehr lesen ...