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Schwarzwälder Kirsch im Regenwald
- Apfelstrudel im Dschungel

Eine Fahrradtour in Brasilien

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Brasilien - Radhandschuhe

Schwarzwälder Kirsch im Café „Tortenparadies“, Fachwerkhäuser und 14 Brauereien, die nach dem bayerischen Reinheitsgebot brauen. Ist das Brasilien?

„Das sei ihr’ Ehr’ und Preis, das Leinen blütenweiss…“, steht in Timbó im Immigrantenmuseum auf einem bestickten Tuch zu lesen, wie auch meine Oma es hatte Die pfiffige Elisabeth Gerwer spricht perfekt Deutsch und führt gerne und gut durchs Museum. „Das ist die alte Reisetasche von meinem Opa!“, sagt sie, und ich folge ihr und ihren Geschichten durchs Haus. Um die Ecke liegt auch der Anfangs- und Endpunkt des Radwegs „Circuito Vale Europeu“: Das Häuschen des Konsortiums der neun Gemeinden, die sich um seinen Erhalt kümmern. Hier kann man Broschüren und Landkarten bekommen und das Stempelheft. Denn  der „Circuito Vale Europeo“ ist ein Rundkurs von ca. 300 Kilometern, und der erste in Brasilien, auf dem man sich jede Etappe per Stempel bestätigen lassen kann. Am Ende erhält man ein „Certificado“.

Tiefes Grün ist im Vale Europeu die vorherrschende Farbe. Vom Rad aus sieht man die Leute vor dem Haus im Schatten sitzen oder in der Hängematte schaukeln, frisch gepresste Säfte (Guave, Mango, Maracuja) trinken oder ein kühles Bier in der Hand halten. Devagar heißt die Devise, immer schön langsam! Der Name Vale Europeu, Europäisches Tal, kommt daher, dass es hauptsächlich von deutsch-, italienisch- und polnischstämmigen Einwanderern  besiedelt ist.

Brasilien - alter VW Käfer
VW Käfer, in Brasilien „Fusca“ genannt, gibt es hier viele

Auf Feldwegen bzw. nicht asphaltierten Straßen, die im hiesigen Deutsch Erdstraßen genannt werden, geht es dahin. Autos sind nur selten zu sehen. Und wenn, dann sind es häufig VW Käfer. Fusca oder Fusquinha heißen sie hier. Den brauchen manche auch, denn rundherum in den Bergen liegen die nur schwer zu erreichenden Einsiedlerhöfe. Von Timbó aus geht es zunächst eben dahin. Wir passieren ein schönes Gehöft. „Der ist bestimmt ein Deutscher!“, sagt Dimas. Warum? „Weil hier alles so sauber und gründlich aussieht.“ „Deutscher“ bleibt man im Bewusstsein der anderen immer, auch wenn die Vorfahren bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eingewandert sind. „Italiener“ bleibt man auch immer. So wie eben Dimas, der gar kein Italienisch mehr spricht. Wir sind schon fast in Pomerode, dem ersten Etappenziel, da tauchen immer mehr Fachwerkhäuser auf und ein Schild „Rota do Enxaimel“ (Fachwerkstraße). Vor einem der putzigen Ziegelhäuschen treffen wir Frau Sievert. „Mit v schreibt man das heute und nicht mehr mit Doppel-v!“, wie sie betont. So, wie die Nachbarn sich auch schreiben. Sind denn hier alle verwandt? Das versteht sie nicht. Und woher ihre Vorfahren eigentlich kommen, weiß sie leider nicht. Dabei spricht sie einen faszinierenden Mix aus Hochdeutsch und Plattdeutsch durchsetzt mit portugiesischen Wörtern.

Brasilien - Pomerode - Fachwerkhäuser
Fachwerkhäuser in Pomerode

Brauen nach bayrischem Reinheitsgebot

Pomerode wirbt für sich als „deutscheste Stadt Brasiliens“ und heißt so, weil es einst von Pommern besiedelt worden war. Deshalb gibt es auch jedes Jahr das Pommeranerfest. Ein Ereignis, das Tausende anlockt. In der Stadtmitte steht ein Kirchweihbaum, Gartenzwerge lachen vor Fachwerkhäusern, Bierbäuche werden spazieren getragen. Auch ein Lied über „Die kleine Pommernstadt“ gibt es. Und ganze 14 Brauereien in der Region, die nach dem bayerischen Reinheitsgebot brauen, behauptet stolz der freundliche Besitzer der „Brauerei Schornstein“. Daraus sollten sie einen Radweg machen und sie alle verbinden, sage ich halb im Scherz. Doch – das ist kein Witz – man ist bereits dabei. Ein Schoppen Bier ist hier einfach: „Um chopp!“ (sprich: Schopp), und wir Radfahrer verkosten das hiesige Pils. Prädikat: Kühl und lecker. Der Brauer lächelt und reckt den Daumen nach oben. Eine hier allseits übliche Verabschiedung. Doch auch Sahnetorten sind im Angebot: Im Café „Tortenparadies“ in Pomerode, das lateinamerikanische Touristen aus allen möglichen Ländern anzieht. Draußen geht ein tropischer Schauer über dem Regenwald nieder. Die Kolonisten im Café verrühren die Sahne im Kaffee.

Brasilien - Glas Weizenbier
Das berühmte Eisenbahn-Bier aus Blumenau

Etwas außerhalb liegt das Hotel „Mundo Antigo“, Alte Welt. Auch hier spricht man Deutsch und vermietet Ferienhäuschen im Fachwerkstil. Das Bier fließt in Strömen,  deutsche Volksmusik dudelt. „In München steht ein Hofbräuhaus“ dröhnt es aus der Konserve. Aufgenommen und gespielt von einer einheimischen Gruppe.  „Kommen Sie wieder!“, sagt der Besitzer. Bestimmt. Schließlich gibt er genau wie einige andere den Radfahrern spezielle Übernachtungspreise. Seine vier Kinder, strohblond und wie die Orgelpfeifen, winken.

Brasilien - Plakat in Blumenau
Plakat des Oktoberfests in Blumenau

Nach Indaial führt die nächste Etappe an einer alten Mühle vorbei, die heute noch in Betrieb ist und Mais und Maniok mahlt. Ein steiler aber lohnender Abstecher führt hoch hinauf auf den Morro Azul mit seinem Naturpark. Die Aussicht von dort oben auf Pomerode, Timbó und Blumenau ist fantastisch. Gleitschirmflieger stürzen sich hier in die Tiefe und segeln scheinbar schwerelos dahin gen Indaial mit seiner Arkadenbrücke.

Brasilien - Churrasco
Brasilianisches Churrasco

Richtung Rodeio lockt einer der zahlreichen Abstecher, die hier möglich sind, zur Hängebrücke Ponte Pênsil. Ein schwankendes Vergnügen. Kopfsteinpflaster wechselt sich ab mit sandigen Straßen, links ist das Haus eines Schützenvereins zu sehen, 1873 gegründet, bald darauf folgen Reisfelder und ein verlockender Duft nach Gegrilltem. Schon von Weitem ist der Rauch zu sehen: Churrasco, eine brasilianische Leidenschaft. Die Rinderrippen werden am Stück sieben Stunden lang gegrillt, erklärt der freundliche Grillmeister. Seit 7 Uhr morgens steht er schon hier und schneidet mir eine ordentliche Portion ab. Solchermaßen gestärkt erreichen wir eine weitere Überraschung: das italienische Weingut San Michele taucht aus dem Nichts auf wie eine Fata Morgana. Nichts wie runter vom Rad und auf zur Weinprobe. Dazu würde gut ein Scheibchen Käse passen. Nun, manche Wünsche erfüllen sich sofort: Die Käserei Giacomina liegt direkt am Radweg. Es lohnt  sich, danach gleich bis zur Pousada do Zinco weiterzufahren und dort einen Tag oder mehr Pause einzulegen. Ein magischer Ort. Ein Weiher glänzt im Abendlicht, Frösche quaken, Tausende von Glühwürmchen tanzen. Der fast volle Mond hängt zwischen den Zweigen und ein Panther schleicht durch die Wälder. Sehr selten reißt er auch mal ein Tier von der Farm, sagt Egon. Margarethe und Egon sind ganz besondere Gastgeber, die Gespräche mit ihnen abendfüllend, die Zimmer liebevoll eingerichtet. Radfahrers Traum: Home away from home. Und erst das Mahl! Abendessen wäre ein zu geringes Wort für Margarethes Eigenkreationen. Erwähnt sei nur ihr Maracuja-Cocktail, für mehr ist hier leider kein Platz. Fragen Sie sie danach!

Brasilien - Weingut San Michele
Auf dem Weingut San Michele

Durch den Regenwald

Weiter führt die Route durch dichten atlantischen Regenwald mit mannshohen Farnen, Strelitzien, Bromelien und Orchideen. Tillandsien sitzen auf Baumstämmen, Ästen und Zweigen, die Baumkronen drängen ans Licht. Unten ist es schattig und feucht. Es gluckst, es gluckert. Der Boden ist glitschig. Die Räder lehnen im Dschungel. Zu Fuß geht es weiter zum Wasserfall Véu da Noiva und ab ins kühle Nass. Ein herrliches Vergnügen, bevor wir wieder auf eines der hier so zahlreichen Holzhäuschen treffen, die oftmals als Laden, Kneipe und Treffpunkt gleichzeitig fungieren. Hier kann man sich seinen Stempel abholen. Die Frau ist blond, die Kinder ebenfalls, und man spricht Deutsch. „Schro-eder“ heiße sie, so erklärt sie mir und spricht dabei das „oe“ nicht wie „ö“ aus. Deutschen Wurzeln werde ich hier noch oft begegnen. Nun geht es höher und die Vegetation ändert sich. Pinien, Eukalyptus und elegante dunkelgrüne Araukarien, die wie vielarmige Leuchter wirken. Am Stausee bei Alto Cedros, der heute malerisch verhangen im Nebel liegt, kann man bei Familie Duwe am anderen Ufer übernachten. Wie? Man schlägt einfach den Gong, der neben dem Schild hängt, der Fährmann vom anderen Ufer setzt über und holt Mensch und Rad ab. Ein Stück weiter wäre das mit liebevollen Details ausgestattete Hotel „Parador da Montanha“, wo sie ein Hund namens „Freud“ begrüßen wird. Die Stille wird nur von Wassertropfen unterbrochen, die auf Blüten klatschen. Nebelschwaden ziehen durchs dichte Grün. Tiefsitzende Wolken verschleiern den Blick. Direkt am See wird brasilianischer Kaffee serviert. Ein wahrhaft traumhaftes Fleckchen Erde.

Brasilien - Wasserfall
Einer der zahlreichen Wasserfälle im
Bundesstaat Santa Catarina

Eine Weile geht es anderntags noch an einem größeren Stausee entlang. Der Regen perlt in kleinen Tropfen, der lehmige Boden ist aufgeweicht. Hier sollte man nur mit einem Trekkingrad oder Mountainbike fahren. Unter einer Brücke stürzt ein breiter Wasserfall in den See, alles scheint wie von einem grünen Teppich überzogen. Magere Rinder grasen im doch so fetten Gras. Einsam ist es hier, nur ab und an sieht man eine Fazenda, auf der Pinien und Eukalyptus angebaut werden oder Königspalmen. Die Palmherzen werden gerne verspeist. Und die wohl schönste Kaskade der Tour folgt. Die heutige Etappe endet in Palmeiras im „Restaurant Hotel Do Faustino“. Wie der Name schon verrät, ist dies eine Gaststätte mit Übernachtungsmöglichkeit, aber auch mit einem Laden, der alles bereithält, was man nötig haben könnte.

Palmeiras ist ein nettes kleines Dorf mit bunt angestrichenen Holzhäusern. Der Weg wird nun immer öfter von hellblauen Hortensien gesäumt, die mit der rotbraunen Erde kontrastieren. Eine Eidechse huscht über den Weg, Schmetterlinge flattern durch die Luft, und alles endet, wo es begann: in Timbó. 



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