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Albanien im Überblick

Wer Albanien als Reiseziel ins Auge faßt, erntet gewöhnlich Stirnrunzeln. Eine Expedition ins Ungewisse stellen sich die meisten darunter vor und so ganz Unrecht haben sie nicht, ist doch dieser jahrzehntelang abgeschottete Winkel des Balkans touristisch noch weitgehend unerschlossen.

Auch liegt immer noch eine Aura des Geheimnisvollen, Wilden, ja Ungezügelten nicht nur über seinen unberührten Bergregionen, sondern auch über dem Alltagsleben und dem Geschehen in Politik und Wirtschaft. So sind es nur wenige, die sich auf das Abenteuer Albanien einlassen wollen. Und das heißt Schlaglochstraßen ohne Wegweiser und chaotisches Verkehrsgetümmel in den Städten zu ertragen, trostlose Industriebrachen zu sichten und unzählige wie überdimensionale Champignons über das Land verstreute Kleinbunker, betonierte Erinnerungen an eine Zeit, als sich Albaniens Machthaber von Feinden umzingelt wähnte. Und dann die andere Seite des Abenteuers: die grandiosen Hochgebirgs- und Seenlandschaften, eine mediterran geprägte Küstenzone, die reiche Tier- und Pflanzenwelt sowie eine Unmenge historischer Stätten und nicht zuletzt die Begegnung mit einem umgänglichen Menschenschlag.

Küstenfischer in Albanien Foto: Andrea Seemann. - Fotolia.com

Küstenfischer
Foto: © Andrea Seemann. - Fotolia.com

Vielleicht hatte der alte Mann am Hafen von Saranda recht, als er uns zum Abschied lächelnd sagte: „Zunächst haben alle Ausländer Angst bei uns, aber wer einmal hier war, der kommt wieder, weil er Albaniens Schönheit nicht vergessen kann.“ Und daß sie eines Tages in großer Zahl das Land der Skipetaren bereisen werden, das erst Ende der 80er Jahre aus stalinistischer Isolationshaft auftauchte und nun seinen Platz in der Welt sucht, wünscht man sich sehnlich in Tirana und anderswo und weiß auch schon, wie die touristische Zukunft aussehen soll: von „nachhaltiger Entwicklung“ und „ökologisch verträglicher Form“ ist ganz zeitgemäß die Rede und: „Wir wollen Gäste, die sich mit der Kultur und Geschichte unseres Landes auseinandersetzen. Das ist unsere Zielgruppe!“

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In der Halbmillionenmetropole Tirana wird die im Land herrschende Auf- und Umbruchstimmung am stärksten spürbar. Die Stadt brodelt. Sie ist eine einzige Baustelle. Triste Plattenbauten und unverputzte Häuserfassaden aus der „bleiernen“ Zeit des Enver Hoxha erhielten auf Anregung des Bürgermeisters, kurzzeitigen Kulturministers und Malers Edi Rama kräftige Farbanstriche und eigenwillige Muster. Und der nach Albaniens Nationalhelden Skanderbeg benannte Hauptplatz der Stadt zeigt sich in neuer großstädtischer Pracht, umrahmt vom 35 m hohen Uhrturm aus osmanischer Zeit (1830), dem Skanderbeg-Denkmal und der Ethem Bey-Moschee vom Ende des 18. Jahrhunderts. Das einst orientalische Stadtbild mit italienisch-faschistischen Einsprengseln aus der Zwischenkriegszeit verändert sich rasend schnell – die Architektur-Moderne hat Einzug gehalten. Wenigstens zwei Museen sollten Besucher in ihr Besichtigungsprogramm aufnehmen: das Historische Museum am Skanderbeg-Platz mit geschichtlichen Darstellungen von der Steinzeit bis zum nationalen Befreiungskampf und das Archäologische Museum mit Exponaten aus der Frühzeit bis in die byzantinische Epoche.

Ein Ausflug bringt uns auf der Schnellstraße in der Küstenebene nach Shkodra, der wichtigsten Stadt im Norden des Landes. Heute eher ein verschlafenes Landstädtchen, erlebte es seine große Zeit während der osmanischen Epoche (1468-1912) als eigentliche Hauptstadt Albaniens. Aus jener Zeit stammt die Xhamia e Plumbit, die Bleimoschee, und die einige Kilometer östlich der Stadt gelegene, noch immer genutzte Steinbrücke von Mesi, die auf 15 Bögen den Kir-Fluß überwindet. Gut pausieren läßt es sich im berühmten „Kafja e Madhe“, dem Großen Café, um so gestärkt die Burg Rozafa etwas außerhalb der Stadt auf einem beherrschenden Hügel oberhalb des Buna-Flusses zu besteigen. Das mächtige Festungswerk mit seinen frühen illyrischen Wurzeln wurde noch Anfang des 20. Jahrhunderts vom türkischen Militär genutzt. Den See von Shkodra teilen sich Montenegro und Albanien. Seine Ufer sind wegen des schwankenden Wasserstands nicht einfach zu erreichen. Nach der Schneeschmelze in den Bergen vergrößert sich seine Oberfläche auf etwa 540 km² und er erreicht fast die Größe des Bodensees, im Hochsommer sind es nur 375 km². Die beiden Dörfer Shiroka und Zogaj am Südwestufer sind die beste Adresse für Ausflügler.

Shkodra ist auch das Tor zu der wilden, waldreichen, nur dünn besiedelten und touristisch unerschlossenen Gebirgslandschaft der Albanischen Alpen, die nur unter ortskundiger Führung ihre Geheimnisse preisgibt.

Auf dem Rückweg aus dem Norden passieren wir die Städte Lezha und Kruja, beide aufs engste mit Albaniens Nationalheros Skanderbeg verbunden. 1444 einte er in Lezha, dem antiken Lissos, die albanischen Stämme im Kampf gegen die Türken. 1468 starb er hier und wurde in der Nikolauskirche beigesetzt, heute eine Gedenkstätte für den großen Kämpfer. Kruja widerstand unter Skanderbegs Führung mehreren Angriffen osmanischer Sultane, wodurch der türkische Vormarsch ins Abendland aufgehalten werden konnte. Die Ruinen der Burg und das Skanderbeg-Museum lohnen einen Besuch.

Südwestlich von Tirana liegt Durres, zweitgrößte Stadt und bedeutendster Hafen des Landes, sein Tor zum Westen. Früher, als die Stadt noch Dyrrachium hieß, war sie auch ein Tor zum Osten, denn hier begann die Via Egnatia als östliche Fortsetzung der Via Appia. Sie verband Rom mit Konstantinopel. Aus jener Blütezeit stammt das Amphitheater (2. Jahrh.) mit einer winzigen einschiffigen Kapelle, die in die Unterbauten des Theaters im 6. oder 7. Jahrhundert eingefügt wurde. In der unscheinbaren Kapelle haben sich kostbare Wandmosaiken erhalten.

Einer der schönsten und längsten Sandstrände Albaniens erstreckt sich in unmittelbarer Stadtnähe.

Auf dem Weg in den Süden durchqueren wir die Myzeqe, eine überaus fruchtbare Schwemmlandebene zwischen den Flüssen Shkumbin und Seman. Kurz vor ihrem Zentrum, dem Städtchen Fieri, liegt auf einem Hügel mit prachtvoller Aussicht das restaurierte Kloster von Ardenica mit der wohlerhaltenen Marienkirche aus dem Jahre 1743.

Auf griechische Kolonisten aus dem nahen Korfu und Korinth geht die Gründung von Apollonia südwestlich von Fieri zurück. Unter römischer Herrschaft war die Stadt Ausgangspunkt des südlichen Stranges der Via Egnatia und erlangte enorme wirtschaftliche und strategische Bedeutung. Das Ende kam schleichend, als benachbarte Flüsse die Küstenlinie verschoben und der Hafen versandete. Apollonias weitläufiges Ruinenfeld ist eine der bedeutendsten archäologischen Stätten des Landes. Zu den herausragenden Baudenkmälern Albaniens zählt auch die gegen Mitte des 13. Jahrhunderts auf dem antiken Gelände errichtete Marienkirche, eine Kreuzkuppelkirche des Vierstützentypus, bei deren Bau zahllose Spolien aus antiken Bauten Apollonias verwendet wurden.

Viehmarkt auf dem Land in Albanien
 Foto: Andrea Seemann. - Fotolia.com

Viehmarkt auf dem Land
Foto: © Andrea Seemann. - Fotolia.com

Ein Abstecher ins Landesinnere bringt uns in die Museumsstadt am Fluß Osumi. Von ihrer Blütezeit im 13. und 14. Jahrhundert zeugen drei gut erhaltene Kirchen (Michaelskirche, Vlachernenkirche, Dreifaltigkeitskirche), aus der Türkenzeit stammen die Blei-Moschee (1553/54) und die Mohammed Tekke (ein Derwischkloster) sowie die 1797 errichtete große Basilika (Marienkirche). Besonders ins Auge fällt das türkenzeitliche Stadtviertel Mangalem am Fuße des Burgbergs mit Häusern vor allem aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die sich eng zusammendrängen und Obergeschosse mit weit auskragenden Dächern tragen. Sie sind weiß verputzt und zeigen viele Fenster, die Berat den schönen Beinamen „Stadt der 1.000 Fenster“ einbrachten.


Wieder zurück an die Küste nach Vlora, Hafenstadt, Badeort und Ausgangspunkt für einen Besuch des etwas hochtrabend “Albanische Riviera“ genannten rund hundert Kilometer langen unberührten Küstenstreifens, auf den Europas führende Touristikunternehmen schon begehrliche Blicke werfen. Noch aber windet sich die enge, schlaglochreiche und leitplankenlose Küstenstraße durch unzählige Kurven, hinter denen Oliven- und Zitronenhaine liegen und noch keine Hotels, passiert kleine, urtümliche Dörfer, deren Häuser wie Schwalbennester in den Hang gebaut sind. Das Gelände fällt steil und felsig zum türkisfarbenen Meer hin ab, gibt einsame Buchten frei mit weißen Sand- und Kieselstränden und kristallklarem Wasser. Saranda könnte sich zur touristischen Drehscheibe entwickeln. Das Hafenstädtchen am südlichen Ende der Riviera ist schon heute Dank der nur 6 km entfernten griechischen Ferieninsel Korfu ein quicklebendiger Umschlagplatz für Touristenströme, die es u. a. nach Butrint zieht. Das steinerne Erbe des antiken Buthrotum, das Vergil ein „kleines Troja“ nannte, liegt im hintersten Winkel Albaniens 15 km südlich von Saranda an einer strategisch günstigen Stelle, nämlich auf dem Ausläufer einer weit vorspringenden und auf drei Seiten von Wasser umgebenen Halbinsel. Nach Griechen und Römern haben auch Byzantiner und Venezianer ihre Spuren im Gelände hinterlassen und das macht die als Weltkulturerbe ausgewiesene Stätte mit ihrer stark ausgebauten Akropolis und weitläufigen Unterstadt zu einem hochinteressanten Freilichtmuseum.

Wir verlassen nun die Küste und reisen landeinwärts durch großartige Berglandschaften. Erstes Ziel ist das Dorf Mesopotam mit der nahen Klosterkirche St. Nikolaus, dem größten byzantinischen Gotteshaus Albaniens, das in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand und möglicherweise für den lateinischen u n d den orthodoxen Ritus bestimmt war. Nächster Halt ist in der Museumsstadt Gjirokastra. Siesteht seit 1961 unter Denkmalschutz. Ihre Zitadelle auf einem Hügel über dem Tal des Drino bestimmt das Stadtbild. Einzelne Wohnquartiere verteilen sich malerisch an den Berghängen und bringen so recht die stattlichen Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert zur Geltung. Darunter sind quadratische Wohntürme mit Wehrcharakter und Gebäude mit einem oder zwei vorspringenden Flügeln, darüber ein vorkragendes mit Holzstreben gestütztes Dach. Sie werden traditionell aus Steinquadern errichtet und mit weißen oder grauen Steinplatten gedeckt. „Steinstadt“ nennt man deshalb Gjirokastra. Dann geht es durch Schluchten und über Pässe hinauf auf die fruchtbare Hochebene von Korça und weiter bis auf 1.160 m Höhe zum Dorf Voskopoja, das, kaum glaublich, im 18. und 19. Jahrhundert durch den Ost-West-Handel reich geworden, zweitgrößte Stadt nach Istanbul in der europäischen Türkei gewesen sein soll. 26 Kirchen entstanden in ihrer Glanzzeit, von denen heute noch fünf vollständig erhalten sind und einen Besuch lohnen. Zurück im Hauptort der Gegend, Korça, werfen wir noch einen Blick auf die bedeutende Mirahor-Moschee aus dem Jahre 1496, dem frühesten erhaltenen Beispiel einer Einkuppel-Moschee in Albanien.

Im Zentrum von Berat, Albanien
 Foto: Andrea Seemann. - Fotolia.com

Im Zentrum von Berat
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Nur noch drei, vier Dutzend Kilometer sind es von Korça zu den großen Seen im landschaftlich sehr reizvollen Grenzgebiet zu Griechenland und Makedonien. Zuerst kommt der Kleine Prespa-See (45 km²) in Sicht, von dem ein winziger Zipfel nach Albanien hineinreicht. Eine schmale Landbarriere trennt ihn vom Großen Prespa-See (273 km²). Vielleicht ein Viertel seiner Fläche liegt auf albanischem Territorium. Hohe Berge rücken bis nahe an die stark gegliederten Ufer. Kleine Inseln schwimmen in beiden Seen. Sie sind fischreich und die Heimat seltener Tier- und Pflanzenarten (z. B. einiger Pelikanarten). Als besonders schützenswerte Feuchtgebiete gehören die Gewässer zum Prespa-Nationalpark, einem Gemeinschaftsprojekt Albaniens, Griechenlands und Makedoniens. Mit rund 2.000 km² zählt er zu den größten Naturschutzgebieten Europas. Die 853 m hoch gelegenen Prespa-Seen entwässern unterirdisch zum Ohrid-See in 695 m Höhe. Der größere Teil dieses Sees liegt auf makedonischem Gebiet, der kleinere gehört zu Albanien. Zerklüftete Karstgebirge umrahmen das 349 km² große und bis zu 289 m tiefe Gewässer. Damit zählt der Ohrid zu den tiefsten und überdies ältesten Seen der Welt. Er ist die Heimat einiger interessanter endemischer Tier- und Pflanzenarten und aus gutem Grund nennt man ihn „Museum lebendiger Fossilien“. Die Gegend um den Ohrid-See mit seiner weitgehend unberührten Seen- und Gebirgslandschaft könnte eines nicht so fernen Tages ein Highlight für Albanientouristen werden.

Abschied vom gebirgigen, seenreichen Osten. Bei Librazhd biegen wir auf guter Straße in das Shkumbin-Tal ein, absolvieren in Elbasan an der alten Via Egnatia unsere letzte Stadtbegehung (Bauten aus der Türkenzeit wie das auf antiken Fundamenten ruhende Kastell sowie die Sultans- und die Nazireshe-Moschee. Von den 1930 noch 31 Moscheen fielen die meisten der „Kulturrevolution“ des Enver Hoxha zum Opfer).

Mit dem letzten Teilstück nach Tirana schließt sich der Kreis. Eine manchmal strapaziöse, aber immer spannende Rundreise voller ungewohnter Bilder und Begegnungen geht zu Ende. Aber die optimistischen Worte des Alten am Hafen von Saranda machen den Abschied leicht.

Eckart Fiene

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