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Die Männer sitzen und sitzen und sitzen

Durchs wilde Land der Skipetaren: Impressionen aus Albanien

Text und Fotos: Volker Mehnert

Albanien Süden Männer auf der Bank

Karl May hat das Albanienbild der Deutschen geprägt wie kein anderer. Sein Abenteuerroman „Durch das Land der Skipetaren“ erzählt in trivialer Form die Heldentaten des tapferen Kara ben Nemsi, der in den „finsteren, drohenden, kalten Schluchten und Gründen“ Albaniens auf Verbrecherjagd geht und das Gute im Menschen auch im hintersten Balkan hochhält. Dass im Gedächtnis des Lesers vor allem zwielichtige Burschen mit dunklen Bärten, Mordbuben mit langen Dolchen und tollkühne Sprünge mit Pferden über tiefe Felsspalten zurückbleiben, liegt in der Natur dieser Geschichten. Albanien, so das nachhaltige Resultat der Jugendlektüre, muss ein wilder Tummelplatz von wilden Gesellen sein.

Finsteren Gestalten aus Karl Mays Einbildungskraft, falls es sie je gegeben hat, begegnet man allerdings heute nicht mehr; unwegsame, manchmal schreckenerregende Schluchten aber sind in der Tat vorhanden. Hinter der Küste beginnt zunächst eine sanfte, fruchtbare Hügellandschaft mit Kirschbäumen und Olivenhainen, mit grünen Wiesen und Getreidefeldern. In ihrem Rücken dann erhebt sich steil aufragend eine Kette mächtiger Gebirgsriegel, die auch im späten Frühjahr noch mit Schneehauben bedeckt sind. Auf den ersten Blick scheint es dort keinerlei Durchkommen zu geben. Ab und zu aber taucht dann doch ein dramatischer Einschnitt auf, der Zugang zu Karl Mays legendären „Schluchten des Balkan“ gewährt - bis zur griechischen und mazedonischen Grenze eine rauhe, heute kaum noch bevölkerte Bergwelt.

Albanien Süden Gebirge
Hinter dem Tal beginnt das raue Gebirge

Ein moderner Kara ben Nemsi würde sich wohl eher entlang der Küste fortbewegen, denn das Leben hat sich seit den Tagen der osmanischen Herrschaft von den schwer zugänglichen Bergen zum Meer hin verlagert. An landschaftlicher Schönheit steht die albanische Mittelmeerküste dem Hinterland keineswegs nach. Zwischen Sarandë und Vlorë verläuft eine der großartigsten Panoramastraßen des Mittelmeers: abenteuerliche Streckenführung, katastrophaler Belag, fabelhafte Ausblicke auf Felsklippen, Sandstrände und Meer. Es gibt keine Brücken und keine Tunnels; jedes Tal, jede Schlucht, jeder Berg wird in engen Serpentinen überwunden - rauf und runter, runter und wieder rauf.

Albanien Süden Llogara-Pass
Der Llogara-Pass hoch über der Adria

In ihrem südlichen Teil verläuft die hundertdreißig Kilometer lange Straße oft noch einspurig und ohne jegliche Leitplanke oder Begrenzung: rechts Fels, links der Steilhang in die Tiefe. Kommt Gegenverkehr, rangiert man die Autos nur wenige Zentimeter neben dem Abgrund. Ziegen, Schafe und Esel gelten hier noch als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer und tummeln sich dementsprechend auf der Fahrbahn. Man durchquert riesige Olivenhaine, Olivenwälder, Olivenplantagen, oft mühselig angelegt auf Terrassen an der Steilküste unterhalb und oberhalb der Straße: Landwirtschaft extrem. In höheren Lagen fährt man durch Macchia und schließlich durch schieren Fels. Hin und wieder liegt am Straßenrand ein malerisches Bergnest. Die Häuser, die steilen Treppen und das Kopfsteinpflaster der Gassen sind mit dem hellen Naturstein errichtet, aus dem auch das Çikës-Gebirge rundum aufgefaltet ist.

Höhepunkt der Strecke ist die Straße hinauf zum Llogarapass, inzwischen ausgebaut und asphaltiert, aber deshalb kaum weniger abenteuerlich. Sie steigt vom Meeresspiegel aus hinauf bis auf tausend Meter Höhe, und die Ausblicke sind atemberaubend: die Windungen der Straße im Vordergrund, weiter unten vier, fünf einsame Sandstrände zwischen steilen Klippen, in der Ferne die Insel Korfu, bis dahin Berg an Berg über dem Meer und natürlich das Mittelmeer selbst, das im Bereich des Llogarapasses vom Ionischen Meer in die Adria übergeht.

Die Stadt der 1000 Fenster

Lord Byron, anders als Karl May, nahm Albanien persönlich in Augenschein: „Land of Albania! let me bend mine eyes / On thee, thou rugged nurse of savage men!” schrieb er in seinem poetischen Reisetagebuch „Childe Harold´s Pilgrimage“. Während einer mehrjährigen Mittelmeerreise, begonnen 1809, durchquerte der britische Romantiker auch das Land der Skipetaren und traf dort auf eine zerklüftete Bergwelt und ein exotisches Völkchen mit orientalischem Gepräge, die ihm als passende Folien für seine schwärmerische Natursehnsucht und den Ausdruck seiner Zivilisationsmüdigkeit dienten. Seine Reisedichtung, die sich auch ausführlich mit der Etappe in Albanien befasst, sprach einer ganzen Generation aus dem Herzen, wurde in London allein an einem einzigen Tag in achtzehntausend Exemplaren verkauft und war im Europa des neunzehnten Jahrhunderts die romantische Lektüre par excellence. Nur wenige Engländer freilich haben sich auf die Spuren ihres großen Poeten nach Albanien begeben, heute nicht weniger als damals „a shore unknown“.

Albanien Süden Berat
Die Stadt der 1000 Fenster

Dabei könnte man in Berat zum Beispiel die Verse des Dichters hautnah nachempfinden. Große Teile der Stadt haben ihr Äußeres in den vergangenen zwei Jahrhunderten nicht verändert. An den Ufern des Flusses Osum liegen die beiden Stadtteile Gorica und Mangalem, die jeweils in einen steilen Hang hineingebaut wurden. Die Häuser sind genau abgezirkelt übereinander geschichtet, so dass alle Bewohner einen freien Blick auf den Fluss und den gegenüberliegenden Stadtteil haben. Weil jede der gestaffelten Fassaden mit vielen schmalen Fenstern versehen ist, trägt Berat den Beinamen „Stadt der tausend Fenster“. Zwischen den Gebäuden befinden sich steile Treppen, schmale Durchgänge, kleine Terrassen, versteckte Dachgärten und enge Gassen, durch die kein Auto passt. Gras wächst in den Ritzen des Kopfsteinpflasters, Wildblumen sprießen an den Hauswänden, und über die Gassen ranken sich schattenspendende Rebstöcke.

Albanien Süden Festung Berat
Die Festungsmauern von Berat

Von unten kaum zu erkennen, liegt oberhalb von Mangalem die Burg von Berat, eine Festungsanlage von zehn Hektar Ausdehnung, in der bis heute mehr als tausend Menschen wohnen. Diese befestigte Siedlung auf dem Bergrücken ist ein architektonisches Juwel aus Naturstein, das von der modernen Zeit vergessen wurde und dennoch nichts Museales an sich hat. Männer und Frauen arbeiten in den üppigen Gärten, und Kinder spielen rund um die Festungsmauern. Einst gab es, von den Türken geduldet, innerhalb der Anlage zweiundvierzig orthodoxe Kirchen. Heute sind noch siebzehn erhalten, deren Inneres von den Bewohnern penibel gepflegt und, falls Geld vorhanden, auch restauriert wird. Trotz der unangetasteten orthodoxen und osmanischen Architektur und der grandiosen Lage am Schnittpunkt von drei Tälern sind Touristen in Berat noch eine Seltenheit. Reklameschilder, Restaurants, Andenkenläden oder fliegende Händler sucht man rund um die Burg vergebens.

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