Mit dem Nashorn auf Du

Unterwegs in KwaZulu-Natal

Text und Fotos: Anita Ericson

Selten irren sich Reiseveranstalter, Reiseberichterstatter, Reisebuchautoren und selbst Reisende so einträchtig wie im Falle von Südafrika. Als ob das Land aus Kapstadt, der Garden Route und dem Krügerpark bestünde und damit basta. Dabei übersehen sie das Beste! Namentlich die Provinz KwaZulu-Natal, die im Osten im Indischen Ozean versandet und im Norden an Mosambique und Swaziland grenzt. Sie hat ihre ganz eigenen Sensationen, die sie auf relativ überschaubarem Raum in virtuoser Vielfalt präsentiert.

Südafrika - Zebras

Zebras im Hluhluwe-Umfolozi Nationalpark in KwaZulu-Natal

Ausgehend von der Hauptstadt Durban sind die schönsten Punkte KwaZulu-Natals maximal eine Tagesreise entfernt: die ferienseligen Badeorte der North und South Coast, die schroffen Gebirgswelten der Drakensberge, die tierreichen Savannen des Zululandes, die einsamen Dünenstrände der Elephant Coast. Besser freilich man nimmt sich reichlich Zeit, denn auch das Land dazwischen hat seinen urafrikanischen Reiz, tiefschwarze Begegnungen inklusive.

Afrika strandfröhlich

Südafrika - Durban - Skyline

Die Skyline von Durban mit Strand

Eine Reise nach KwaZulu-Natal beginnt in Durban, der größten Hafenstadt im südlichen Afrika. Der gewaltige Containerhafen ist nicht ohne Reiz, im Stadtzentrum gibt es eine Handvoll Sehenswürdigkeiten wie den Victoria Street Market und in den Nächten tobt sich das junge Südafrika in angesagten Trendspots aus. Die größte Attraktion der Stadt ist ihre Beachfront, wo sich zu Ferienzeiten die Johannesburger Mittelschicht im Schatten properer Appartmentblocks trifft. Die so genannte Golden Mile ist die Beachdestination Nummer eins in Südafrika, auch weil die Surfzone vor der Skyline Durbans zu den besten der Welt zählt.

Südafrika - Dolphin Coast

Dolphin Coast im Norden

Europäer, die mit Surfen weniger am Hut haben, werden dieser seltsam kantigen Urlaubslandschaft, über der ein absurdes, völlig out-of-time geratenes Seilbähnchen schwebt, bald den Rücken kehren. Weitaus vielversprechender in punkto Badevergnügen sind die gartenüppigen, fröhlichen, ruhigen und sicheren Badeorte, die sich an der Küste nördlich und südlich von Durban mit naturbelassenen Buchten abwechseln. 80 Kilometer Dolphin Coast im Norden, 160 Kilometer South & Hibiscus Coast im Süden. Upmarket und ziemlich nobel hier, entspannt und friedlich da, jugendlich und lärmig dort. Mitunter Seite an Seite. Die trubeligen Silvesterfeiern am Strand vom Margate sind ebenso legendär wie die elf Golfplätze rundherum dem gesetzten Publikum ein Begriff.

Südafrika - Südküste

An der Südküste

Facettenreich das Grün und Blütenbunt – Bananenstauden, Obstbäume, Hibiskussträucher, Bougainvilleas, Zuckerrohr –, das von Gärten, Feldern, Hängen und Felsen wuchert, es scheint Häuser, Straßen und Strände verschlingen zu wollen. Ein wunderbarer Rahmen für ein paar angenehme Tage am Meer, das hier wärmer ist als an den Badebuchten der Kapprovinzen.

Südafrika - Hinterland

Zerklüftetes Hinterland

Ein erstes Schnuppern ins afrikanische Abenteuer liegt nah: direkt jenseits der Küstenstraße geht die zerwuschelte aber liebliche Wohnlandschaft schnell über in den wirren Busch. Lood Boshop, der örtliche Tourismuschef, tourt mit uns durchs zerklüftete Hinterland mit seiner erstaunlich hügeligen Topographie, seinen ruppigen Klippen, bizarren Felsen, dunklen Wäldern und rauschenden Flüssen. An der Oribi Gorge macht er Halt und bringt uns zum Aussichtspunkt: „Die Schlucht ist an dieser Stelle 180 Meter tief. Das Gebiet steht unter Naturschutz, in den Wäldern ringsum leben wilde Tiere wie Antilopen, Böcke und sogar Leoparden“. Ausnahmsweise haben wir für unsere Umgebung jedoch weder Aug noch Ohr, denn was sich da an Tiefe zu unseren Füßen auftut, verschlägt uns den Atem. Lood hätte zum Thema atemberaubend einen weiteren Vorschlag: „Ihr müsst un-be-dingt die Seilschaukel probieren. Das macht Spaß!“ Ist das derselbe Mann, der uns gestern zu einer stinklangweiligen Fahrt mit dem Dampfbummelzug überredet hatte? Die Schaukel ist eine Konstruktion, auf der man sich festzurrt um dann haarscharf an der Wasserfallvertikale gut 60 Meter tief ab- und wieder aufzuschwingen. So ein Pech aber auch, dass just in diesem Moment Gewitterwolken den Himmel verdunkeln, und das Schaukeln aus Sicherheitsgründen abgesagt wird.

Afrika bergschroff

Noch weiter im Landesinneren, wohin man sich aufmacht, sobald man sich an der Küste von Arbeitsstress und Flugstrapazen erholt hat, weichen die tiefen Schluchten rasch den endlosen Reihen der Zuckerrohrfelder. Akkurat in Reih und Glied ziehen sie sich bis zum Horizont, an den höchsten Stellen stehen die Villen der Zuckerbarone inmitten von Eukalyptushainen. Immer wieder gehen die großflächigen Felder für kurze Zeit über in kleinteilige Äcker rund um die bunten Dörfer der schwarzen Gemeinden. Knapp vor Pietermaritzburg macht dieses Muster weiten Weiden in einer sanft auf und ab rollenden Landschaft Platz. Wir sind im Land der Rinderfarmen. Unser Ziel rückt von links ins Blickfeld: die Drakensberge; sie wachsen in der Ferne abrupt aus dem weitläufigen Weideland heraus.

Südafrika - Drakensberge

Drakensberge

The Berge, wie man sie hier üblicherweise nennt, bilden in der Form einer leicht geknickten, zunehmenden Mondsichel den Übergang von den flachen Küstenregionen zu den Hochebenen Afrikas. Im Inneren der Mondsichel liegt das unabhängige Königreich Lesotho, die gewaltigen Berge bilden eine natürliche Grenze. Der Großteil dieser Landschaft aus eckigem Fels, zackigem Stein, weichen Farnteppichen und ungezähmten Wassern steht als Ukhahlamba-Drakensberge Nationalpark sowohl unter Schutz als auch auf der Unesco-Weltnaturerbe-Liste. Die ganze Bergschönheit kummuliert sich im Norden, wo sich die 3000er in einem gewaltigen, fünf Kilometer breiten Rund zum sogenannten Amphitheater erheben. Die Berge sind oben abgeflacht, fallen dann aber jäh, nahezu senkrecht ab. Tosende Wasserfälle stürzen über die Kante, prasseln über die nackten Felsen und ergießen sich in einem dichten Samtwald zu Füßen des Theaters für Riesen. Einer dieser Flüsse ist der Thukela, der in mehreren Stufen in der Summe an die tausend Höhenmeter überwindet und damit als zweithöchster Wasserfall der Welt gilt.

Südafrika - Drakensberge - Wasserfall

Wilder Gebirgsbach

Wir haben uns zu Füßen dieses Spektakels im Thendela-Hüttencamp einquartiert. Abends braten wir saftige Steaks am kleinen Griller vor unserer Hütte. Solchermaßen gestärkt treten wir am nächsten Tag zur Wanderung durch die Thukla-Schlucht an, von der alle so geschwärmt hatten. „Zweieinhalb Stunden hin, zwei Stunden retour“, lautet die Einschätzung des Mädchens vom Camp, „Have fun“. Frohen Mutes ziehen wir los. Unter uns rauscht der Fluss, über uns die rund geschliffenen Kanten des Canyons, den der Thukla im Laufe der Zeiten ins Gestein gefräst hat. Bereits nach zwei Stunden erreichen wir eine unüberwindbare Stelle. Scheinbar. Wir wollen schon umdrehen, als uns eine Gruppe fröhlicher Teenager überholt und ungerührt, ohne die Schuhe auszuziehen, durchs tobende Wasser watet. Das lassen wir nicht auf uns sitzen - nichts wie nach. Aus einer gemütlichen Wanderung ist urplötzlich eine Canyoningtour geworden, ohne Neoprenanzug und Sturzhelm: noch mehrmals müssen wir den entfesselten Thukela queren, hoch über uns berühren sich die Felsen fast. Die senkrechte Strickleiter über einen glattpolierten Steinbrocken trauen wir uns gerade noch zu, angesichts einer seilgesicherten Felsspalte geben wir schließlich auf. Statt die Tour zum Fuße des Wasserfalls fortzusetzen begnügen wir uns mit unverstelltem Blick darauf. Acht Stunden nach unserem Aufbruch fallen wir zurück im Camp erschöpft ins Gras. Wir merken uns: Südafrikaner haben eine eigene Definition von Spaß.

Afrika tierreich

Von den Flanken der Drakensberge nehmen wir so viel Schwung, dass wir erst wieder weit im Nordosten, in den grenzenlosen Weiten des Schwarzen Kontinents, zum Stillstand kommen. In den tierreichen Savannen des Zulu- und weiter nördlich des Maputolandes stehen wir nun mit beiden Beinen in Afrika. Genauer genommen sitzen wir allerdings im offenen Jeep und lassen uns von Rangerin Cyane durch Hluhluwe-Umfolozi, den größten Nationalpark von KwaZulu-Natal, fachkundig führen: „In weiten Teilen Afrikas werdet Ihr kaum Nashörner sehen. Und wenn Euch irgendwo eines über den Weg läuft, ist es wahrscheinlich hier im Park aufgewachsen. Dank unserer Bemühungen konnte das Weiße Nashorn sogar von der Liste der bedrohten Arten gestrichen werden“. Cyane zeigt auf zwei breite Hintern, knapp fünfzig Meter entfernt im Gras: „Keine Angst, das sind die friedfertigen White Rhinos oder Breitmaulnashörner. Die agressiven Spitzmaulnashörner gibt es zwar auch bei uns, die sind aber sehr scheu und man sieht sie nur selten.“

Südafrika - Hluhluwe-Umfolozi - Nashörner

Hluhluwe-Umfolozi ist der beste Park für Nashornbeobachtungen in freier Wildbahn in ganz Afrika. Außerdem rühmt er sich der Big Five, von denen sich neben Nashorn noch Wasserbüffel und Elefanten recht häufig zeigen, während Löwen und insbesondere Leoparden lieber versteckt im Sichtschutz von Bäumen und Büschen bleiben. Wir werden aber auch im Alltäglichen ganz glücklich, Zebras, Giraffen, Gnus, Warzenschweine, Fischadler, Paviane, Kudus, Nyalas, Wasserböcke – hinter jeder Kurve steckt eine neue Überraschung. Das Fernglas bleibt dabei die meiste Zeit unbenützt liegen, die Tiere sind an Autos gewöhnt und wir kommen ihnen mitunter zum Angreifen nahe. Cyane dämpft unsere Euphorie: „Das kann unheimlich werden. Mir ist es passiert, dass sich ein Elefant mitten am Weg aufgepflanzt und mich eine halbe Stunde lang blockiert hat. Ich hab’ den Verdacht, das hat er absichtlich gemacht, um mir zu zeigen, wie stark er ist“. Da sind wir dann doch froh, dass die kleine Herde am Hügel da drüben Abstand bewahrt.

Südafrika - Hluhluwe-Umfolozi - Giraffen

Hluhluwe-Umfolozi steht unter der Aufsicht von Ezemvelo KZN Wildlife, der hiesigen offiziellen Umweltschutzorganisation. Ezemvelo unterhält in der ganzen Provinz noch weitere wichtige Schutzzonen, überschüssige Tiere aus den Parks werden im Rahmen von Auktionen an private Tierreservate verkauft. Alle diese Schutzgebiete und Reservate konzentrieren sich in der Nordostecke von KwaZulu-Natal, wo sie mittlerweile ein recht dichtes Netz spannen. Es gibt Ideen und Bestrebungen, dieses Flickwerk aus oft nur wenige Kilometer auseinander liegenden Parks zu einem einzigen großen Schutzraum zu verbinden, auch unter Einbeziehung der Nachbarländer Swaziland und Moçambique.

Es lohnt sich auf jeden Fall, neben den großen staatlichen Parks das eine oder andere private Game Reserve zu besuchen, die ihre Lodges als familiäre Guesthouses führen. Eingerichtet mit dem Schick eines Designerhotels und mit viel Liebe zum Land haben sie darüberhinaus oft genug die schönsten Plätze inne – als Zeltcamp mitten im Busch etwa oder als aussichtsreiche Rundhütte mit umwerfendem Blick auf die Umgebung. Hier erlebt man jene seligen Momente, an die man sich dann daheim mit einem sehnsuchtsvollen Seufzer erinnert.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Lodge an der Grenze zu Swaziland

Lodge an der Grenze zu Swaziland

Wie zum Beispiel in der Shayamoya-Lodge am Jozini Stausee an der Grenze zu Swaziland. Wir sitzen auf der Panormaterrasse der Lodge, genießen die erfrischende Brise und lassen uns von Lindie, der reizenden Gastgeberin, mit ihren Geschichten bezaubern. „Mein Vater züchtete Rinder in Swaziland, die er nach Südafrika exportierte. Dort bin ich aufgewachsen – ich kann mich gut erinnern, dass ich das erste Mal Schuhe trug, als ich in die Schule kam“, sprudelt es aus der blondschöpfigen Lindie nur so heraus. „Das hier war jedenfalls unsere Quarantänefarm. Als die Zeit kam, Swaziland zu verlassen, haben sich meine Eltern hier niedergelassen“. Erst in den späten 1990ern haben sie auf Tourismus umgesattelt – die Lodge gebaut und Tiere wie Zebras, Böcke und Gnus auf ihrem Grund angesiedelt.

Afrika tiefschwarz

Als Tourist in Südafrika bewegt man sich vorwiegend in weißen Bahnen. Es ist auffallend, dass sich in der Rainbow Nation, wie sich Südafrika neuerdings gerne selbst bezeichnet, die Lebenswelten von Schwarz und Weiß immer noch kaum überschneiden. Nur selten trifft man im Hotel, in der Lodge oder im gehobenen Restaurant im Landesinneren auf schwarze Mitgäste. Die schnieken Wohnviertel in den Kleinstädten sind fast zur Gänze in weißer Hand, die uniformen Neubauhütten an deren Rändern praktisch ausschließlich von Schwarzen bewohnt. Auf dem Land ein ähnliches Bild der räumlichen Trennung: in den schwarzen Dörfern wohnen Schwarze, in den weißen Weiße, nahezu ausnahmslos.

Fast zwanzig Jahre nach dem Fall des Apartheid-Systems. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, bringt es der junge Zulu Zweli, der uns in Durban begleitete, auf den Punkt, „Aber wir werden es schaffen“. Stolz zeigte er uns, wie in den ärmsten Stadtvierteln von Durban Wasser eingeleitet und Kanalisation gegraben wird, wie viele schwarze Anzug- und KostümträgerInnen nachmittags aus den Büros quellen, wie sich in den schicken Nachtclubs der Stadt die Jugend ohne Farbschranken amüsiert. „Es dauert, aber es geht bergauf. Und wir sind frei!“, so der selbstbewußte Zweli, der sich als Teenager für diese Freiheit auch persönlich eingesetzt hatte. Verachtung, Wut, Hass auf die Weißen? Zweli mit einem Lächeln: „Nein, überhaupt nicht. Nelson Mandela hat gesagt wir dürfen nicht im Zorn zurück blicken, wir müssen vorwärts schauen. Und das stimmt ja auch, alles andere bringt uns doch nicht weiter“.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Bewohner im Zuludorf Nompondo

Bewohner im Zuludorf Nompondo

Eine ähnliche Einstellung finden wir bei Siphile wieder. Wir sind an seinem Zuluhof in der 20.000-Seelen-Gemeinde Nompondo zu Gast, wo man in der Nacht manchmal die Elefanten vom nahen Nationalpark Hluhluwe-Umfolozi trompeten hören kann. Der ehemalige Lehrer bemüht sich seit einigen Jahren ausländische Besucher fürs ländliche Dorfleben zu interessieren und damit beidseitig Brücken zu schlagen. Er nimmt uns mit auf einen Spaziergang durchs Dorf, dessen Gehöfte sich weiträumig verteilen. Die Sonne brennt schattenlos vom Himmel, wir schlapfen träge über die staubigen, roten Wege und bringen die zahlreichen Dorfbewohner, denen wir unterwegs begegnen, mit unseren unbeholfenen Klick- und Zischlauten zum Lachen. Im Mittelpunkt des Dorfes steht ein kleiner Kramladen, daneben dröhnt aus der örtlichen Bar Kwaito, der ultracoole Hiphop aus Durban.

Südafika - KwaZulu-Natal - Dorfladen in Nompondo

Kleiner Kramladen in Nompondo

„Die Arbeitslosenrate in unserer Gegend liegt bei fünfzig Prozent, viele Familien leben von staatlicher Unterstützung“, beginnt Siphile zu dozieren. Dann bringt er uns in die Schule und erläutert sein Projekt: „Das Wichtigste, was wir unseren Kindern mitgeben können, ist eine gute Ausbildung. Jeder Tourist, der uns besucht, sponsort unsere Schule und das summiert sich“. So profitiert die ganze Gemeinde vom Besucherstrom, der sich vorwiegend aus europäischen Reisegruppen nährt, und bleibt dabei doch relativ unberührt von dessen Einflüssen. Zumindest begegnen uns bei unserem Fußmarsch keine Souvenirverkäufer, keine um Zuckerl bettelnden Kinder, keine Zulutänzer als kaufbare Fotomotive. Die Schule selbst ist inzwischen eine der allerbesten im Land. „Wir schließen mit Hochschulreife ab. Der gute Notendurchschnitt ist schon ein Fundament für die Zukunft“.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Kinder im Zuludorf Nompondo

Siphiles Kinder im Zuludorf Nompondo

Die Nacht im Zulurondavel bei Siphile war ebenso geplant wie die Stadtführung in Durban. Das dunkelschwarzeste Gesicht Afrikas zeigt sich uns aber ganz unerwartet ein paar Tage später: weil ein vorbereiteter Ausflug dem Sturm zum Opfer fällt, organisiert man uns statt dessen im Dorf Qongwane ein Fest. Wir werden mit schrillen Trillerpfeifen erwartet und nach den obligatorischen formellen Begrüßungen beginnen vier Sangomas, traditionelle Heilerinnen, sich im Takt der mit Zebrafell bespannten Trommel in Trance zu tanzen. Am hellichten Tag fahren die Ahnen in die Körper der stampfenden, klatschenden, springenden Tänzerinnen, lassen sie zucken, schütteln, schweißüberströmt zur Erde fallen. Das Publikum geht mit und hat uns längst vergessen. Das Erlebnis ist so dicht, dass selbst unser städtischer Begleiter Gänsehaut bekommt. Unter der modernen Fassade Südafrikas brodelt das Afrika der Abenteurromane.

Südafrika - KwaZulu-Natal - Sangomas

Afrika strandeinsam

Qongwane ist ein Nest des Maputolandes, jener Landschaft aus Sand, die im Nordosten als Elephant Coast in den Indischen Ozean zerfließt. Sanddünen hoch wie Berge trennen die schwarzen Dörfer mit ihren Feldern, die hier ihr Leben auf Sand bauen, von der wilden Küste. Eine asphaltierte Straße führt im Hinterland bis nach Mosambique, über eine Stichstraße gelangt man weiter ins Landesinnere zum Tembe Elephant Park; wer an die Küste will, muss mit rumpeligen Pisten Vorlieb nehmen, steht dafür aber dann an einem ganz besondern Stück Erde: auf einer Länge von über zweihundertfünfzig Kilometern wird der völlig unverbaute Strand nur an einer einzigen Stelle von einer Flussmündung unterbrochen. In den Küstenwäldern, am Rande von Seen und Sümpfen sind Begegnungen mit Chamäleons genauso wahrscheinlich wie mit Antilopen, Nilpferden oder Krokodilen. Der gesamte Küstenstreifen steht als Greater St. Lucia Wetland Park unter nationalem sowie Unesco-Schutz.

Süadafrika - St. Lucia Wetland Park - wütendes Mini-Chameleon

Wütendes Mini-Chameleon im St. Lucia Wetland Park

Wer als Entertainment für seinen Strandurlaub Naturbeobachtungen dem Jetskigedröhn vorzieht und als abendliches Unterhaltungsprogramm den Milchstraßenblick schätzt, ist hier bestens bedient, egal ob im Backpackertreff St. Lucia, im Tauchspot Sodwana oder in den ultra-einsamen Lodges an der Rocktail oder Kosi Bay. Wir haben uns für St. Lucia entschieden. Es ist Nacht und über uns funkelt der Sternenhimmel wie ein brilliantbesetztes Collier. Fünfundzwanzig Kilometer sind wir mit dem Jeep über den Strand gefahren, jetzt gehen wir zu Fuß weiter. Einzig der Wind ist unser Begleiter, der uns die warme Luft wie eine Feuchtigkeitsmaske ins Gesicht pappt. Rechts rauscht der Ozean, unsere Blicke sind nach links gerichtet. Wir hoffen auf eine Schildkrötensichtung: ab Ende November bis weit in den Januar hinein kommen die Weibchen in den Nächten an Land, um Eier zu vergraben, ab Januar bis März schlüpfen die Kleinen ebenfalls im Schutz der Dunkelheit und laufen möglichst rasch ins Meer. „Unsere Küste ist ein wichtiges Brutgebiet für verschiedene Schildkröten wie etwa die riesige Lederrückenschildkröte“, kramt Fahrer Kian in seinem reichlichen Wissensschatz. Kian hat Zoologie studiert und gibt nun, mangels freier Forschungsstellen, sein profundes Wissen an Touristen weiter: „Schildkröten sind erstaunliche Tiere, sie haben sich seit hundert Millionen Jahren kaum verändert und kommen seit mindestens 60.000 Jahren an unsere Strände zur Eiablage. Sie haben einen unglaublichen, vermutlich magnetischen Orientierungssinn, der sie stets an den gleichen Ort zurück führt“. Nun, wir haben Landkarten, Flugzeuge und Internet und deswegen sind wir uns sicher: auch wir werden wieder kommen. Bald schon.

Südafrika - Sodwana Bay

Sandstrand bei Sodwana Bay

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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