Mit Volldampf durch Südafrika

Einst ließ sich die Gartenroute vom Zugfenster aus entdecken, doch heute ist diese im nachfolgenden Text beschriebene Reise nur noch Legende

Text: Dagmar Krappe
Fotos: Axel Baumann

Anmerkung der Redaktion: Diese Bahnlinie gibt es nicht mehr. 2006 wurde die Strecke durch Überschwemmungen  zerstört. Da Geld für einen Wiederaufbau fehlt, gab die Betreibergesellschaft Transnet Limited am 24. August 2010 bekannt, die Outeniqua Choo Tjoe Strecke vollkommen zu schließen. Damit verschwindet der letzte mit Dampf betriebener Zug mit regelmäßigem Fahrplan in Südafrika. Der legendäre Choo Tjoe war nicht nur für Eisenbahnromantiker ein Muss. Er war auch sehr wichtig für den südafrikanischen Tourismus. Bis zu 115.000 Passagiere fuhren jährlich mit dem Zug.

„Tootsie“ stillt ihren Durst noch am Wasserkran, als erste Reisende am kleinen Bahnhof des Outeniqua-Choo-Tjoe eintreffen. Die Luft riecht nach verbrannter Kohle. Der Heizer im dunkelblauen Overall schürt bereits kräftig das Feuer. Langsam und quietschend beginnt die schwarze Dampflok mit dem goldfarbenen Springbockrelief und dem Propeller auf der Rauchklappe zu rangieren.

Südafrika - Knysa Lagune

Blick auf die Knysna-Lagune

Der in den 90er Jahren neu errichtete Bahnhof in Knysna an der südafrikanischen Gartenroute besteht nur aus einem Fahrkartenschalter und einem Café namens „Coffee Pot“, in dem es einige wenige Souvenirs wie Postkarten, Kugelschreiber und Schlüsselanhänger mit Dampflok-Motiven zu kaufen gibt. Direkt hinter dem Bahnhof erstreckt sich der Hafen der Knysna-Lagune. Noch ist es hier ruhig. Segel- und Ausflugsboote dümpeln bei lauer Brise im Wasser. Fischrestaurants und Geschäfte mit vorwiegend südafrikanischen Produkten öffnen nacheinander ihre Türen und beginnen sich für den heutigen Besucherstrom zu rüsten, der sich in ein bis zwei Stunden wie jeden Tag über die Lagunenstadt ergießen wird. Der 35.000 Einwohner zählende Ort am Indischen Ozean ist ein Zentrum der Möbelindustrie, der Austernzucht und des Tourismus.

„Eröffnet wurde diese Eisenbahnlinie der South African Railways 1928 zunächst für den Gütertransport. Die Spurbreite beträgt 1067 Millimeter, die so genannte Kapspur. 1993 wurde die Strecke an die Transnet Heritage Foundation übergeben“, erklärt Lokführer Sydney den Eisenbahn-Enthusiasten, die sich mit Fotoapparaten und Videokameras um die Lok drängen. Seit dieser Zeit fährt der Zug als Touristenattraktion. Auch Güter, zum Beispiel Holz aus den umliegenden Bergen, werden weiterhin auf dieser Strecke befördert, seit Januar 2003 jedoch nur noch mit Diesellokomotiven.

„Eineinhalb Tonnen Kohle und 6000 Liter Wasser verbrauchen wir pro Richtung“, erwähnt Sydney noch, bevor die Lok kräftig Dampf ablässt und die umstehenden Fahrgäste für einen kurzen Moment hinter einer Nebelwand verschwinden. Sie alle haben sich entschlossen, die Gartenroute vom Zugfenster aus kennen zu lernen und nicht mit Reisebus oder Auto auf der viel befahrenen Nationalstraße N2.

Das passende Video zu dieser Reportage finden Sie hier!

Die noch einsatzbereiten Dampflokomotiven stammen aus den Jahren 1924 bis 1948, auch die rotbraun gestrichenen Waggons sind zwischen 50 und 100 Jahre alt. Benannt ist der Zug nach der nördlich der Bahnlinie verlaufenden Outeniqua-Berg-Kette und dem Geräusch der Dampflok, nämlich „Choo-Tjoe“.

Viertel vor zehn - pünktlich ertönt das Signal „Abfahrtzeit“. In einer scharfen Linkskurve verlässt die sieben Waggons ziehende Lok den Bahnhof und überquert auf einer zwei Kilometer langen Brücke die Knysna-Lagune. Sie ist fast gänzlich von grünen Hügeln eingeschlossen. In Richtung Süden gibt sie den Blick auf die Knysna-Heads frei, ein Naturschutz-Reservat, das per Ausflugsschiff erreichbar ist. Die beiden bewaldeten Felsen schützen die Lagune vor der Brandung des Indischen Ozeans.

Schnaufend beginnt „Tootsie“ den beschwerlichen Anstieg in die Goukamma-Berge. Stinkholz- und Gelbholzbäume, die in der Möbelindustrie Verwendung finden, ziehen am Fenster vorbei. Immer wieder ertönt das unverkennbare Warnsignal der Lok vor einer Kehre oder einem unbeschrankten Bahnübergang. Wartende Touristen und Einheimische haben ihre Autos verlassen, winken oder fangen den herannahenden Zug mit ihren Kameras ein.

Südafrika - Dampflok in Sedgefield

Begegnung mit dem Gegenzug in Sedgefield

Etwa auf halber Strecke in Sedgefield gönnt sich die Lok eine zehnminütige Pause. Da die gesamte Strecke eingleisig verläuft, besteht hier die einzige Möglichkeit, den Gegenzug vorbeizulassen. Dieser ist heute mit einer blauen Dampflok bespannt.

Zwischen Sedgefield und Wilderness führt die Fahrt durch eine ausgedehnte Seenlandschaft. Das Gebiet umfasst sechs große Seen namens Swartvlei, Rondevlei, Langvlei, Island Lake, Serpentine und Wilderness Lagoon. Wenn die Gleise über eine der vielen niedrigen Brücken, die „Low Trestle Bridges“, verlaufen, die kaum höher als einen Meter aus dem Wasser herausragen, hat der Fahrgast das Gefühl, mit dem Zug über das Wasser zu gleiten.

Südafrika - Kaaimans-River-Brücke

Ein Zug passiert die Kaaimans-River-Brücke

Ein kurzer Stopp im Badeort Wilderness mit seinem kleinen pastell-gelb gestrichenen Bahnhofsgebäude, dann überquert der Zug die 36 m hohe und 210 m lange Kaaimans-River-Brücke. Sie führt auf der einen Seite über die Mündung des Gezeiten-Flusses Kaaiman, auf der anderen Seite brechen sich die Wellen des Indischen Ozeans an den 15 Brückenpfeilern und Felsvorsprüngen. Bald darauf verschwindet „Tootsie“ in einem der insgesamt drei Tunnel, die an dieser Stelle notwendig sind, um die Trasse durch die Felsen zu führen.

Südafrika - Kaaiman River

Mündung des Kaaiman River

Kurz vor George, der letzten Station, zuckelt die Lok an einem Township-Gebiet vorbei. Mehrere kleine Kinder laufen dem Zug entgegen, lachen und winken. Der Hinweis am Fahrkartenschalter in Knysna „Bitte keine Süßigkeiten oder Geld an bettelnde Kinder entlang der Bahnstrecke aus dem Zugfenster werfen - Unfallgefahr“ ergibt doch noch einen Sinn.

Südafrika - Kinder in einem Township

Kinder im Township

Nach 67 Kilometern und zweieinhalb Stunden Fahrzeit hält der Zug mit quietschenden Bremsen im Endbahnhof George. Im ehemaligen Lokschuppen besteht die Möglichkeit, in einem der zu Restaurants umgebauten Waggons zu Mittag zu essen oder dem Outeniqua-Eisenbahn-Museum einen Besuch abzustatten. Dampflokomotiven verschiedener Hersteller und Baureihen sowie Oldtimer-Autos warten auf ihre Bewunderer.

Das Pfeiffen der Lokomotive mahnt zum Einsteigen. Pünktlich um 14 Uhr geht es auf gleicher Strecke zurück. Da die Sitzplätze nicht vorgegeben sind, holen die meisten Fahrgäste jetzt auf der anderen Fensterseite nach, was sie auf der Hinfahrt versäumten.

In Sedgefield wartet bereits der Gegenzug vom Vormittag. Diesmal überlässt er „Tootsie“ die Vorfahrt.

Südafrika - Knysa-Lagune

Blick auf die Knysna-Lagune bei Dämmerung

Am späten Nachmittag nähert sich der Zug wieder der Knysna-Lagune und nach Einfahrt in den Ausgangsbahnhof erleben die Passagiere einen letzten Höhepunkt: Das Wenden der Lokomotive auf der Drehscheibe. Mechaniker schmieren die Radlager - und endlich darf „Tootsie“ sich nach getaner Arbeit wieder am Wasserkran laben.

Information:

Südafrikanisches Fremdenverkehrsamt
Friedensstr. 6 - 10
60311 Frankfurt
www.southafrica.net

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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