Goldenes, Silbernes, Kupfernes

Über- und unterirdisch durch die mittlere Slowakei

Text und Fotos: Franz Lerchenmüller

Das fängt ja gut an. Juraj hat hausgemachten Presssack mitgebracht, streut jetzt gehackte Zwiebeln darüber, ordentliche Scheiben Knoblauch und ein paar Tropfen Essig - der passende Auftakt zu all den Krautsuppen und Knödeln, den Kartoffelnockerln mit Schafskäse und den Pirogen mit Hack, an die wir uns im Lauf dieser Woche noch machen werden. Und, um dieses Frühstück noch ein wenig abzurunden, schenkt er einen milden Wacholder aus dem Norden ein: Schnaps um zehn Uhr morgens, damit verwöhnt - oder quält - man sich sonst ja eher selten.

Slowakei Mitte Bergbauplakat

Im Herzen der Slowakei sind wir, rund 220 km nordöstlich von Bratislava. 15 Damen und Herrn reiferen Alters, plaudern, wandern, essen und staunen wir uns durch die Kremnitzer und Stiavnitzer Berge. Juraj Záry begleitet uns, Kunsthistoriker mit kantigem Kopf und anarchischem Humor, und Karolina Kotvácová, Tourismusstudentin und neugieriger Wirbelwind.

Slowakei Mitte Kuh am Straßenrand

Ländliche, beschauliche Slowakei ...

Die Mittelslowakei lieferte einst den Stoff, der die Wirtschaft schmierte und die Geldkatzen und Truhen der Kaufleute füllte: Gold, Silber und Kupfer wurden hier gefördert. Im 13. Jahrhundert führten deutsche Bergleute, die sich ansiedelten, neue Techniken ein, das "Goldene Kremnitz", das "Silberne Schemnitz" und das "Kupferne Neusohl" wurden zu festen Begriffen, und noch immer ist das Gestein unter den Häusern von Gängen durchzogen wie ein wurmstichiges Stück Holz.

Slowakei Mitte Wäscheleine

... allerorten

In Hodrusa hat Bergbauingenieur Richard Kana den Stollen "Allerheiligen" soweit wieder hergerichtet, dass wir mit Grubenlampe und Helm einsteigen können, hinein in 700 Jahre Geschichte. Deutlich sind die Spuren der Meißel am Fels zu erkennen, mit denen Generation auf Generation die Gänge vorantrieb, bis den Knappen 1627 einfiel, es mal mit Schwarzpulver zu versuchen. Die Sprengung klappte, es war die erste weltweit, und sie erleichterte die Arbeit künftig ungemein. 600.000 Tonnen Erze wurden in der Region insgesamt ans Tageslicht befördert, rund zwei Tonnen Gold und 100 bis 150 Tonnen Silber daraus gewonnen.

Weltmeister im Goldwaschen

Slowakei Mitte Goldwaschen

Wieviel Körner Gold sind hier zu finden?

Aber Ingenieur Kana ist nicht nur Bergbauexperte, sondern auch Weltmeister. Im Goldwaschen. Auch wir dürfen uns in dieser Disziplin mal versuchen. Jeder erhält einen Eimer Kies, in den drei winzige Stückchen Gold untergerührt werden. Die eiserne Waschpfanne erinnert an einen spitzen Chinesenhut. Dann schwenken, drehen, spülen wir in einer Plastikwanne voll Wasser, Steine und Geröll schleudern über den Rand und vermutlich längst auch das Gold. Immer feiner wird das Sediment, das zurückbleibt, und am Ende, kaum zu glauben, schimmern im schwarzen Sand doch die begehrten Krümel. Alle drei. Das dauert natürlich, zehn, fünfzehn Minuten - Ingenieur Kana brauchte bei seiner weltmeisterlichen Waschung knappe zwei, um 12 Bröselchen auszusortieren.

Slowakei Mitte BergbausymbolIm benachbarten Banská Stiavnica wurde die erste Bergbauakademie der Welt gegründet. Die Gegenwart ist freilich weniger glorios. Im Bergbau arbeitet fast niemand mehr, Tabakfabrik und Textilherstellung haben nach der Wende zugemacht, jeder Dritte ist heute ohne Job. Viele der alten Bürgerhäuser im Zentrum verfallen immer noch, auch wenn es in Bratislava mittlerweile als schick gilt, hier eine Zweitwohnung zu besitzen.

Der Tourismus, meint Deutschlehrer Jan Sedilek, der uns fröhlich durch die Stadt und einen herunterplatzenden Wolkenbruch führt, sei die einzige Hoffnung: Die Mineraliensammlung, der botanische Garten, das Bergbaumuseum unter- und übertage, das nahe Schloss von Sväty Anton - zu sehen gibt es reichlich.

Waren Gold und Silber zu Barren gegossen, kamen sie nach Kremnitz, ins heutige Kremnica. Schon 1329 wurden dort die ersten Münzen geprägt, Kremnitzer Dukaten und Floriner waren im 14. und 15. Jahrhundert ihrer schönen Prägung und Reinheit wegen in ganz Europa heiß begehrt. Das neue Museum zeigt den Werdegang einer Münze vom Bergwerk über den Schmelzofen bis in die Schatulle, es dokumentiert lückenlos die slowakischen Zahlungsmittel und stellt eine schöne Sammlung von Medaillen aus: Für Staatsbesuche, zu Siegesfeiern, aus reiner Freundschaft, bei Ärztekongressen - kein Anlass, zu dem nicht in Kremnica eine Gedenkmedaille geprägt worden wäre.

Die ganze Kunst der Gotik

Slowakei Mitte AltarVom einstigen Reichtum gibt es noch Spuren. Vom Turm der Katharinenkirche geht der Blick auf den Hauptplatz, eine schräg ansteigende Wiese, aufgeteilt von geraden Wegen und Reihen junger Ahornbäume. Auf der barocken Dreifaltigkeitssäule, im 18. Jahrhundert zum Gedenken an die Opfer einer Pestepidemie errichtet, türmen sich mehr als sechzig Heilige, Engel und Apostel übereinander. Das benachbarte Fußgängerzönchen dagegen wirkt eher bescheiden.

In Banská Bystrica, dem einstigen Neusohl, ließen sich einst die Besitzer der Bergwerke nieder, und die "Waldbürger", deren Holz unverzichtbar war für den Bergbau, bauten sich prächtige Renaissance-Häuser. Auf dem weitläufigen Platz Námestie NSP, der ebenso wie das gleichnamige Museum an den slowakischen Nationalaufstand 1944 erinnert, ragen wie zwei Orientierungsnadeln der schwarze Marmorobelisk der Sowjets und eine Mariensäule hoch. Wasser plätschert über eine bemooste Tuffgrotte, Studenten hängen am Handy, vor den Cafés herrscht buntes Treiben und eine Stimmung heiterer Gelassenheit.

So reich war die Stadt, dass sie sich gar den berühmten Meister Paul aus Levoca kommen lassen konnte, der im 15. Jahrhundert zu den größten seiner Zunft gehörte. Am reichverzierten Barbara-Altar (Foto oben) in der katholischen Kirche demonstrierte er noch einmal die ganze Kunst der Gotik: Schnitzerei, Vergoldungstechnik, spitze Bögen, kühner Aufbau - eine Kathedrale im Kleinsten sozusagen.

Fast übergangslos geht Banská Bystrica an seinen Rändern in eine Landschaft über, nach deren Fertigstellung der Schöpfer sich zufrieden auf die Schulter geklopft haben dürfte: Wälder von vielerlei Grün ziehen sich über wellige Hügel, Weiden säumen plätschernde Bäche, fast jedes Haus hat einen Garten mit Stakkettenzaun und überall auf den Wiesen blühen uralte Kirschbäume mit schwarzer, rissiger Borke.

Slowakei Mitte Hügellandschaft

Eine Landschaft zum Ausruhen

Zwei Oscars für die Slowakei

Mitten in diesem Garten-Eden-Verschnitt im Sajova-Tal spielen junge Leute Paradies. Adda, mit Zöpfchen im Haar und blumenbestickten Cordrock, hat uns zu Ehren knusprige "Brotplätzchen" gebacken. Dazu gibt es Kräutertee, Pflaumenmus und Ziegenkäse - alles selbst gemacht. Vor zehn Jahren kaufte eine Handvoll zivilisationsmüder Slowaken hier Häuser, brachten die Gärten in Schuss und halfen sich gegenseitig bei der Arbeit. 30 solcher Aussteiger wohnen mittlerweile verstreut über die Hügel. Eine Nachbarin präsentiert stolz das kleine Hexenhäuschen, das ihr Mann aus Lehm, Stroh und Holz ganz nach überlieferter Art gebaut hat.

Slowakei Mitte Stadtansicht

Städtisches inmitten der ländlichen Idylle

Es sind Begegnungen wie diese, die die Reise so abwechslungsreich machen. Kunst, Natur, Geschichte und Menschen von heute sind Juraj und Karolina gleichermaßen wichtig. Und so kommt es, dass Frau Jakusova, die junge Pfarrerin von Hronsek, sich nach kurzem Zögern an die Orgel ihrer Holzkirche setzt und zusammen mit ihrem Mann slowakische Kirchenlieder vorträgt. So kommt es auch, dass Jaroslv Budaj, Stationsvorsteher zu Kremnické Bane, den angebotenen Schnaps zwar ablehnt, da er ja im Dienste ist, sogleich aber ein Fläschchen hervorzaubert und sich das Stamperl einfüllen lässt, zum abendlichen Gedenken an den unverhofften Besuch, wie er treuherzig versichert.

Slowakei Mitte Stationsvorsteher

Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen

So kommt es schließlich, dass wir uns in Kremnica im Haus des Hollywood-Regisseurs William Janovsky wiederfinden, der - endlich Publikum! - gar nicht müde wird, uns durch sein Janovsky-Museum zu führen und sich wegzuerzählen, von Jack Nicholson über Breschnew zu Sting - und Janovsky. Goldenes Kremnica - ach ja, zwei Oscars hat er auch bekommen.

 

Website des Autors: www.franz-lerchenmueller.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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