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Gertsch/Gauguin/Munch – Holzschnitte bis 22.9.2019

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Gertsch/Gauguin/Munch – Holzschnitte

Das Museo d’arte della Svizzera italiana, kurz MASI, feiert aktuell einen der bedeutendsten Schweizer Künstler der Gegenwart: Franz Gertsch, Teilnehmer an der documenta 5 (1972). Die vom Künstler persönlich konzipierte und in Zusammenarbeit mt dem Museumsleiter Tobia Bezzola kuratierte Ausstellung präsentiert neun monumentale Holzschnitte im Dialog mit 70 ausgewählten Holzschnittarbeiten von Paul Gauguin und Edvard Munch. Letztere verehrt der Schweizer Künstler Franz Gertsch als die absoluten Meister des modernen Holzschnitts.

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Die Ausstellung kam im Vorwege zum 90. Geburtstag von Gertsch zustande. Ein Begleitbooklet steht den Ausstellungsbesuchern ebenso wie mehrsprachige Saaltexte und ein Film als Orientierung zur Verfügung. Kleinformatig sind Holzschnitte in der Regel. In ihnen überwiegen lineare, teilweise grobe Strukturen, denkt man an die Holzschnitte der Brücke-Künstler, die sich dabei wohl von der einfachen Form afrikanischer Schnitzkunst hatten leiten lassen. Von einem solchen linearen Prinzip hat sich Gertsch vollends verabschiedet. Er löst seine riesigen, teilweise in Blöcke aufgeteilten Arbeiten in Bildpunkte auf, wie wir sie in der Malerei vom Pointillismus her kennen. Auch die Luministen wie van Rysselberge bedienten sich der Bildpunkte als Gestaltungsprinzip.

Im Begleitfilm wird dargestellt, dass Gertsch die Holzstöcke aus einzelnen Planken erstellt, auf die er dann das Motiv projiziert, ehe er mit dem „Schnitzwerk“ beginnt. Die neun Arbeiten von Gertsch sind im Zentralraum des Museums gehängt worden, von denen jeweils zwei „Kabinette“ abgehen, in denen die kleinformatigen, teilweise farbigen Holzschnitte von Gauguin und Munch zu finden sind. Sowohl bei Gauguin als auch bei Munch führen die Holzschnitte ein Eigenleben, halten Variationen und Zustände zu einem Thema fest und sind nicht etwa Vorarbeiten zu Gemälden in Öl.

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Hyperrealismus oder nicht?

Gertschs Arbeiten wohnt eine gewisse Nähe zum Hyperrealismus inne. Die schiere Größe der gezeigten Werke ist sehr beeindruckend. Es scheint, als habe Gertsch mit der Formatgröße die Wirklichkeit in Ausschnitten ins Museum geholt. Das gilt unter anderem für „Schwarzwasser I“. Das Motiv fand der Künstler vor seiner Haustür, handelt es sich doch um ein Flüsschen in Rüschegg, dem Wohnort des Künstlers im Kanton Bern. Im O-Ton heißt es: „ An einem Novembermorgen im Jahr 1990 war ich allein mit meiner Kamera am Fluss unterwegs. Es war nebelig und der erste Frost war sichtbar. … Tropfen und kleine Eisstückchen fielen von den Bäumen ins Wasser, erzeugten ein besonderes Lichtszenario.“ (Übersetzt aus dem englischen Begleittext zur Ausstellung!).

Betrachtet man den Holzschnitt, so kann man sich in diesen vertiefen, gleichsam ins Wasser eintauchen, das Spiel von Licht und Schatten genießen, aber auch die sich ausbreitende Ruhe. Völlige Kontemplation strahlt die Arbeit aus. Es ist eine Momentaufnahme, in der Alltagshektik fern ist. In drei Blöcke gegliedert ist eine weitere Ansicht von Schwarzwasser in lichtem Orange. Beim Anblick denkt man eher an eine felsige Gebirgslandschaft als an ein fließendes Gewässer. Schäumendes und spritzendes Wasser ist nicht auszumachen, gewiss jedoch eine „felsige Landschaft“.

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In dunklem Blau hat Gertsch sein Winterbild gearbeitet. Schneelast hängt im Geäst der Bäume, das sich teilweise über den verschneiten Weg biegt und eine Art Torbogen bildet. Gegenüber dem Winterbild hängt das Sommerbild. Kleine Blüten überziehen die Ansicht eines dichten Waldes. Auch ein Frauenakt findet sich neben einem Frauenporträt in der sehenswerten Schau. Idylle in der Einsamkeit – das ist ein Bild, das den Betrachter angesichts des Anblicks des „Triptychons“ vom „Schwarzmeer-Fluss“ überkommt.

Zeitweilig musste der Berichterstatter an Arbeiten in Kohle von Robert Longo, dem Kaiserringträger 2005 und Bildhauer, denken, der ebenso wie Gertsch eindrückliche Naturimpressionen schuf, großformatig, festgefroren im Moment.

Nahblicke statt Fernblicke für Gauguin und Munch

Wer sich nach den gewaltigen Natureindrücken, die Gertsch gelungen sind, in die „Kabinette“ begibt, stößt auf Kleinformatiges. Der Blick verengt sich, fokussiert sich auf Details, kann man doch an die Arbeiten Gauguins und Munchs näher herantreten. Gertschs Arbeiten erfordern einen „Fernblick“, oder?

Wahlverwandtschaften zwischen den drei ausgestelltenKünstlern sind nicht auszumachen, zu unterschiedlich sind die Inhalte. Munchs Zweifel an sich, seine Alkoholsucht und sein verqueres Verhältnis zu Frauen, Gauguins Suche nach dem Seelenort, den er in der Südsee zu finden glaubte, haben nichts gemein mit Gertsch Blick auf die Natur vor der Haustür. Nur eine einzige Arbeit von Gertsch entstand nach einem Toskana-Motiv, ansonsten steht der Nahbereich im Fokus.

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Collagen gleichen einige Werke von Gauguin, so seine Titelblattdesigns für „Le Sourire“. Gauguin ist auch eine ländliche Szene aus der Bretagne zu verdanken, die einen Ochsenkarren vor einem weiß geschlemmten Haus zeigt. Einen liegenden Frauenakt ähnlich der „Nackten Maya“ entdecken wir unter den gezeigten Arbeiten. Der französische Künstler zeigt uns eine exotische Dame umgeben von Mangos. „Frauen, Tiere und Blätter“ nannte er eine weitere Arbeit, die eher als Fingerübung eines Künstlers erscheint, der skizzenhafte Ideen in einem Holzschnitt verarbeitete. Wir begegnen außerdem einer „Eva“, die schamhaft mit einem Tuch ihr Geschlecht verhüllt. Doch den Apfel der Verführung entdecken wir nicht.

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Der Seelen- und Sehnsuchtsort Südsee

Das „Paradies“ Südsee kommt in der Auswahl der Holzschnitte auch nicht zu kurz. In drei Zuständen und unterschiedlicher Kolorierung können wir „Here we make love“/“Te Faruru“ in Augenschein nehmen. Zu sehen ist ein sich umarmendes Paar. Polynesische Impressionen spiegeln sich außerdem in „Nave Nave Fenua“ wider: Eine Nackte steht am Rand des Holzschnitt. Vor ihr sprießen rote Lanzettblüten und ein Waran kriecht im Hintergrund am Rande des Dickichts umher. Symbolische Zeichen zieren den Rand des Holzschnitts. Doch welche Bedeutung haben sie?

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Nicht allein „Der Schrei“

Wechseln wir zu Edvard Munch, der eine beachtliche Zahl von 750 Motiven in Holzschnitten bearbeitet hat. Anders als Gauguin wird in diesen die Nähe zu den Bildmotiven der Gemälde des norwegischen Malers ersichtlich, so zum Beispiel bei den „Drei Mädchen auf der Brücke“, beinahe genauso bekannt wie der berühmte „Schrei“! Unterschiedliche Zustände und Farbgebungen sind zum Beispiel bei „Zwei menschliche Wesen, die Einsamen“ auszumachen. Als Holzschnitt existiert „Der Kuss“ ebenso wie „Der Schrei“.

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Das lineare Prinzip und das Flächige bestimmen die Arbeiten Munchs. Dabei ist die Linie oftmals dazu da, die Fläche zu rahmen. T-förmig spiegelt sich das Mondlicht auf der Meeresoberfläche in „Mondlicht am Meer“. Einsam am Strand steht eine blonde Frau, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. Sie schaut hinaus aufs Meer, sehnsüchtig wohl. In Grün gefärbt hat Munch sein Werk „Der Sturm“. Bewegte waagerechte Linien deuten die Luftströme an. Einige „Schattenwesen“ stehen vor einem hell erleuchteten Haus, die Arme zum Himmel erhoben.

Das Verhältnis Mann-Frau bündelt sich in der Darstellung „Kopf an Kopf“. Dabei verschmelzen die beiden Personen zu einer. Die Frau scheint die Nähe zu suchen, der Mann sie zu erdulden, derweil er ins Nichts schaut. In einer weiteren Darstellung sehen wir ein Paar, der Mann gebeugt und die Hände vors Gesicht geschlagen, die Frau nackt und aufrecht sitzend. Szenen einer Ehe oder nach einem schnellen Sex, der unbefriedigend war?

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Die Entfremdung erfasst Munch unter anderem mit „Zwei Frauen an der See“. Die eine der Frauen ist in Schwarz gekleidet und sitzt, den Blick von der anderen Frau weggerichtet. Diese schaut aufs Meer, ohne in einer wirklichen Beziehung zur Schwarzgekleideten zu stehen. Zwei Menschen hingeworfen als Paar und doch alleine. Zu sehen sind außerdem Arbeiten wie „Mystische Küste“ und „Vampire II“.

Die Ausstellung lebt vom Kontrast zwischen den Formaten und den Bildinhalten. Gertsch scheint dabei die Schau zu dominieren und die Arbeiten der beiden anderen Künstler zu Marginalien zu machen, oder?

Text: ferdinand dupuis-panther / Abb. von oben nach unten:
F. Gertsch: Triptychon Schwarzwasser, 1992 © Franz Gertsch
Foto: Dominique Uldry
F. Gertsch: Winter, 2016 © Franz Gertsch
Foto: Dominique Uldry
F. Gertsch_Rüschegg, 1989 © Franz Gertsch
Foto: Dominique Uldry
P. Gauguin:Der Tag des bösen Geistes [MAHNA NO VARUA INO], 1893-94 Foto: Reto Rodolfo Pedrini
P. Gauguin: Herrliches Land [NAVE NAVE FENUA], 1894 Foto: Reto Rodolfo Pedrini
P. Gauguin: Terra incantevole, 1893-94 Foto: Reto Rodolfo Pedrini
E. Munch: Zwei Menschen, die Einsamen, 1899 Foto: Reto Rodolfo Pedrini
E. Munch: Mädchen auf der Brücke, 1918 Foto: Reto Rodolfo Pedrini

Bildrechte bei den Rechteinhabern und deren Rechtenachfolgern. Fotos: LAC/MASILugano

Informationen
Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano
im LAC Lugano Arte e Cultura
www.masilugano.ch


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