Faszination zwischen Märchenschloss und Burgruine

Unterwegs auf Schottlands Castle Trail

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

In der schottischen Grafschaft Aberdeenshire verbindet der Castle Trail auf einer Länge von 400 Kilometern 19 prachtvolle Burgen und Schlösser miteinander und lädt zu einer spannenden Zeitreise in die Vergangenheit ein.

Schottland - Castle Trail - Fyvie Castle

Irgendwie ist in Schottland vieles anders. Die Autos fahren auf der falschen Straßenseite, Männer tragen bei der einen oder anderen Gelegenheit Röcke und Mars-Riegel werden zum Nachtisch frittiert. Da passt es ins Bild, dass Gäste nur rein dürfen, wenn niemand zuhause ist. Die Rede ist nicht von ungebetenen Besuchern, sondern von allen, die einmal einen Blick darauf werfen wollen, wie die gekrönten und geföhnten Häupter dieser Welt residieren.

Schottland - Castle Trail - Balmoral Castle

Balmoral Castle

Das weitläufige Areal von Balmoral Castle etwa, der Sommersitz der Queen, ist nur zugänglich, wenn Elizabeth II. samt Gefolge dort nicht verweilt. In der Regel verbringt die britische Königin den August und Teile des Septembers in ihrem schottischen Schloss.

„Prinz Albert hat das Anwesen 1852 für Queen Victoria erworben. Seither dient es der Königsfamilie als Sommerresidenz“, weiß George Stewart, der als waschechter Schotte einen Kilt trägt. Gleichzeitig bremst der sympathische Guide aus Glasgow die Erwartungshaltung: „Auch wenn die Queen nicht in Balmoral verweilt, ist neben dem Museum in den ehemaligen Stallungen nur der Ballsaal des Schlosses für die Öffentlichkeit zugänglich."

Schottland - George Stewart

George Stewart

Dafür lässt sich die herrliche Parklandschaft in Royal Deeside erkunden - inklusive der königlichen Gärten. Und diese weisen eine Besonderheit auf: Denn die Gärtner haben (fast) alle Pflanzen so gezüchtet, das sie blühen oder deren Früchte geerntet werden können, wenn die Queen im Sommer in Balmoral verweilt.

Schottland - Castle Trail - Dunnottar Castle

Dunnottar Castle

In anderen herrschaftlichen Anwesen ist der Zugang nicht so strikt geregelt. Insgesamt gibt es allein in der Grafschaft Aberdeenshire gut 300 Burgen, Schlösser und Herrensitze, von denen einige zugegebenermaßen nur noch ein Dasein als Ruinen fristen. Doch auch dies ist nicht ohne Reiz. Entlang des so genannten Castle Trails, der auf einer Strecke von 400 Kilometer insgesamt 19 Burgen und Schlösser im grünen Nordosten Schottlands miteinander verbindet, finden sich so spektakuläre Orte wie Dunnottar Castle. Die Ruine erhebt sich spektakulär auf einem 50 Meter hohen Felsen am Rande der Nordsee.

Schottland - Castle Trail - Dunnottar Castle aus der Ferne

Dunnottar Castle aus der Ferne

„Hier wurden während der Englischen Bürgerkriege Mitte des 17. Jahrhunderts die schottischen Kronjuwelen vor den Truppen von Oliver Cromwell versteckt", verweist George mit erkennbarem Stolz auf die Wehrhaftigkeit seiner Urahnen darauf, dass das Gros der ehemaligen Gebäude zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert errichtet wurde. Filmisch in Szene gesetzt wurde die Burgruine übrigens 1991 für Franco Zeffirellis Leinwandepos „Hamlet" mit Mel Gibson in der Hauptrolle.

Ungleich kleiner, dafür komplett erhalten ist Craigievar Castle. Das ganz in Rosa getünchte Anwesen aus dem 17. Jahrhundert könnte problemlos als Kulisse für einen Märchenfilm herhalten. Die Turmburg wurde L-förmig auf drei Etagen angelegt. Lediglich der Hauptturm besitzt eine vierte Etage. Noch heute sind neben einer Reihe von Porträts so bekannter Maler wie Sir Henry Raeburn oder George Jamesone die Originalmöbel sowie die reichlich verzierten Decken zu sehen.

Schottland - Castle Trail - Craigievar Castle

Craigievar Castle

Auch Fyvie Castle in der Nähe von Turriff darf fraglos als Bilderbuchschloss tituliert werden. Das ehemalige Jagdschloss der schottischen Könige, dessen Geschichte bis in das 13. Jahrhundert zurückreicht, ist voll gestopft mit Möbeln, Porzellan, Wandteppichen, historischen Waffen und Rüstungen. Zudem beheimatet Fyvie in seinen insgesamt 110 Räumen eine beeindruckende Portraitsammlung mit Werken von Batoni, Omney, Gainsborough, Opie, Lawrence und Hoppner sowie die weltweit größte Sammlung von Schottands berühmtesten Portraitmaler Sir Henry Raeburn (1756-1823).

Schottland - Castle Trail - Fyvie Castle

Fyvie Castle

„Seit 600 Jahren ist Fyvie übrigens mit einem Fluch belegt", versichert George. Schuld sei ein gewisser Thomas tue Rhymer, der damals als Wahrsager durchs Land zog und dem in einer stürmischen Nacht der Einlass in das Schloss verwehrt wurde. In seiner Wut soll er einen Fluch ausgesprochen haben. Als Folge dessen soll seit 1432 kein männlicher Erbe, der im Schloss geboren wurde, seinen Vater überlebt haben. Erst wenn drei ominöse Steine gefunden seien, die im Schloss verbaut sind, würde der Legende nach der Fluch enden.

Schottland - Castle Trail - im Fyvie Castle

Im Fyvie Castle

„Bis heute wurde nur einer der verfluchten Steine im „Damenzimmer“ des Schlosses gefunden", ergänzt George. Der verfluchte Stein wird in einer Holzschale unter einer Glasummantelung aufbewahrt und ausgestellt. Mal soll er staubtrocken sein, dann wiederum so viel Wasser „ausschwitzen", dass er damit die Schale füllt. Um den Fluch zu umgehen, erblicken die Erben übrigens seit geraumer Zeit außerhalb der Schlossmauern das Licht der Welt.

„Fyvie ist aber nicht nur mit einem Fluch belegt, sondern auch noch als Spukschloss bekannt", räumt George Stewart mit dem Brustton der Überzeugung ein, dass hier die sogenannte „Green Lady" (Grüne Dame) seit dem 17. Jahrhundert ihr Unwesen treiben würde. Bei dem Geist handelt es sich um Lilias Drummond, die Gattin des einstigen Schlossherrn Alexander Seton, dem sie fünf Töchter gebar. Da Seton unbedingt einen Sohn wollte, sperrte er Lilas in einer Zimmer des Schlosses ein und suchte sich eine jüngere Geliebte.

Schottland - Castle Trail - Im Fyvie Castle

Im Fyvie Castle

Lilias soll 1601 an gebrochenem Herzen gestorben sein und spukt seither aus Rache durch das Castle. Als Beweis für die Existenz des in Grün gehüllten Geistes gelten ein Blutfleck und eine Inschrift mit dem Namen von Lilias Drummond, der wie von Geisterhand von Außen auf den Fenstersims von Setons Schlafzimmer geritzt wurde und noch immer deutlich zu sehen ist. Was nur eine der vielen vielen spannenden Anekdoten und Geschichten ist, die einen bei einer Zeitreise entlang des Castle Trails unweigerlich in ihren Bann ziehen. Sind die Burgen und Schlösser doch mehr als nur prachtvolle Gemäuer.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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