Portugals grüne Mitte

Der Luxus des Einfachen

Text und Fotos: Manfred Lädtke

Hundert Kilometer nördlich von Lissabon breitet sich Portugals stille Mitte zwischen der geschäftigen Hauptstadt und dem grünen Norden aus: Berge und wilde Küsten, sanft geschwungene Hügelketten, finstere Wälder, verwunschene Dörfer: Wohnen hier der Klabautermann, Kobolde und Feen?

Eine Fahrt vom Tejoufer bis in das „Centro de Portugal“ dauert maximal zwei Stunden. Abseits stiller Straßen und Pfade begegnen dem Reisenden dort Menschen, in deren Heute das Herz von Gestern schlägt.

Portugal - Im Fischerstädtchen Peniche leben die Menschen mit dem Atlantischen Ozean als Vorgarten

Im Fischerstädtchen Peniche leben die Menschen mit dem Atlantischen Ozean als Vorgarten

Maria Santos hat immer Meerweh. 15 Jahre lang arbeiteten sie und ihr Mann in Deutschland, dann kehrten sie zurück an den Stadtrand des Fischerstädtchens Peniche. „Der Atlantische Ozean ist unser Vorgarten“ schwärmt Maria vor ihrem Häuschen hoch über dem in der Mittagssonne weiß glitzernden Meer. Ein Pfad auf der von drei Seiten umspülten Halbinsel führt hinüber zur 400 Jahre alten Festung Fortaleza. Das Bollwerk gegen frühere Angriffe vom Wasser diente während der Salazar-Diktatur als Hochsicherheitstrakt für politisch Verfolgte. Immer noch erzählen Penices Bewohner voller Begeisterung vom spektakulären Ausbruch des populären Kommunistenführers Àlvaro Cunhal im Jahr 1960.

Portugal - Die Festung von Peniche erlangte Weltruhm, als während der Salazar-Diktatur 1960 Kommunistenführer Álvaro Cunhal mit zehn Gesinnungsgenossen aus dem Hochsicherheitstrakt floh. Heute ist die Zitadelle ein Museum für politische Entwicklungen, Volksbräche und Kunst.

Die Festung von Peniche erlangte Weltruhm, als während der Salazar-Diktatur 1960 Kommunistenführer Álvaro Cunhal mit zehn Gesinnungsgenossen aus dem Hochsicherheitstrakt floh. Heute ist die Zitadelle ein Museum für politische Entwicklungen, Volksbräche und Kunst.

Vor Marias Haus an der Ufermauer am Largo do Visconte wabern dünne Rauchschwaden von gegrilltem frischen Seehecht und Sardinen durch die klare Luft. Ein langer Tisch ist mit Früchten, Salaten, Säften und kühlem Wein gedeckt. Unter dem blauen Himmel kreischen ein paar fette Möwen, draußen auf dem Ozean schaukeln verloren zwei Fischerboote. „Luxo da Simplicidade“ (Luxus des Einfachen) nennen Menschen im Centro ihre Art zu leben. Kommen Touristen, werden die Tische zu einem luftigen Picknick am Atlantik auch schon mal auf Bestellung gedeckt, sagt Maria. Die schönste Ferienzeit sei die erste Augustwoche, wenn bei der Fischerprozession nachts bunt beleuchtete Schiffe mit Madonna-Figuren aufs Meer fahren. Auch im Juni seien Bewohner in Städten und alten Bezirken am westlichen Küstenstreifen zu Ehren der portugiesischen „Santos populares“ (Volksheiligen) in Feierlaune.

Portugal - Wiegen, rechnen, handeln in der Markthalle von Peniche. Der Küstenort ist ein Zentrum des portugiesischen Fischfangs

Wiegen, rechnen, handeln in der Markthalle von Peniche. Der Küstenort ist ein Zentrum des portugiesischen Fischfangs

Naturfreunde zieht es von Mai bis September mit Booten auf die vor Peniche liegenden Berlengas-Inseln. Weil in dem Biosphären-Reservat nur wenige Menschen leben, haben Tausende Vögel das Schutzgebiet für sich erobert. Für Taucher und Schnorchler ist das klare fischreiche Wasser vor den ausgewaschenen Grotten eher eine Art seltenes Unterwasserkino. Aber Vorsicht: Ist der Klabautermann wieder einmal außer Rand und Band, kann die 12 Kilometer lange Bootstour über den rauen Atlantik zu einem wahren Höllentrip werden.

55 Kilogramm Fisch isst jeder Portugiese im Jahresdurchschnitt (weltweiter Verbrauch 17 Kilogramm pro Kopf). Damit ist Portugal der größte Fischkonsument in Europa. Auf einer Wiese am Hafen flicken 30 Frauen und Männer an einem ausgebreiteten 250 Quadratmeter großen rostroten Fischernetz. Antonio Tavarez bessert wie seine Kollegen mit filigraner Handarbeit seine bescheidene Rente auf. Früher gab es mehr zu tun, klagt der 72jährige. Wegen der EU-Fangquote laufen heute weniger Schiffe aus. Trotzdem müssen Netze immer noch ausgebessert oder Teile komplett ersetzt werden. Andererseits sei die Arbeit viel leichter geworden. Fischer müssten ihre Boote nicht mehr von Ochsen aus dem Wasser ziehen lassen, sondern laufen mit ihrem Fang in einen modernen Hafen ein. Seit Generationen lebe seine Familie von der Speisekammer des Atlantiks, berichtet Antonio weiter. Da die Erträge für einen Lebensunterhalt oft nicht ausreichen, ziehe es jedoch immer weniger junge Männer auf ein Fischerboot.

Portugal - Netzflicker bessern sich im Hafen von Peniche ihre karge Rente mit filigraner Handarbeit auf

Netzflickerinnen bessern sich im Hafen von Peniche ihre karge Rente mit filigraner Handarbeit auf.

Abwechslung und Vergnügen, aber auch Jobs bieten die nahen Badeorte. Mittlerweile Weltruf genießt das quirlige Fischerdorf Nazaré. Am Fuße des auf einem Hügel liegenden historischen Ortskerns Sítio zieht sich in einer weiten Bucht ein breiter heller Sandstrand bis hinauf zum Seebad Figueira da Foz. Berühmtheit erlangte das Urlauberstädtchen indes nicht allein wegen seiner Bademöglichkeiten und der ausgezeichneten Fischrestaurants, sondern weil die Monsterwellen an der Silberküste selbst Hawaii als Surfspot in den Schatten stellen.

Rund 120 Kilometer weiter im Nordwesten öffnet sich im Centro die waldreiche Serra da Lousa. Leicht entflammbare Eukalyptuswälder waren hier Türöffner für verheerende Brände. Weil Behörden den Wildwuchs von Bäumen und Sträuchern kaum kontrollieren, haben Bürgerinitiativen begonnen, Eukalypten nahe ihrer Dörfer abzuholzen und durch feuerresistente Korkeichen zu ersetzen.

Auf kurvigen Straßen windet sich das Auto hinauf in ein Zauberland. Der Blick aus dem Fenster schweift über einen von Baumwipfeln geformten sattgrünen Teppich. An einen Bergrücken schmiegt sich das Schieferdorf Sao Simao. Den wie aus einem Märchen in die Wirklichkeit gestellten Ort mit ein paar jahrhundertealten schwarz-grauen Häusern aus Quarz und Schiefer durchzieht nur eine einzige Gasse. Hier scheint Müßiggang als Tagwerk noch möglich. „Höhepunkt“ des Dorfes ist ein auf Felsen gebautes Lokal. Über Baumkronen und Hausdächern schenkt der Wirt auf einer Veranda erfrischenden Johannisbeersaft mit Minze und Thymian ein. Dann führt er seine Gäste hinunter zum Flusslauf zu imposanten Felsformationen. Auf der Wanderung über steile wildbewachsene Stolperpfade raschelt es mehrmals im Unterholz. Vielleicht huschen ja gerade ein paar neugierige Zwerge mit roten Tarnkappen durchs Geäst…

Portugal - Wie aus einem Märchenbuch: Das fast vergessene Schieferdorf Sao Simao im „Centro de Portugal“ ist eines von 29 Dörfern, denen Eigeninitiative der Bewohner und EU-Gelder neues Leben einhauchten. Touristisch sind sie jedoch immer noch ein Irgendwas im Irgendwo.

Wie aus einem Märchenbuch: Das fast vergessene Schieferdorf Sao Simao im „Centro de Portugal“ ist eines von 29 Dörfern, denen Eigeninitiative der Bewohner und EU-Gelder neues Leben einhauchten. Touristisch sind sie jedoch immer noch ein Irgendwas im Irgendwo.

Wie Sao Simao ist auch Ferraria de San Joao Mitglied im Projekt „Aldeias do Xisto“. In der Initiative haben sich 27 fast vergessene Schieferdörfer zwischen Serra da Lousa und spanischer Grenze zusammengetan und sich mit Idealismus und Eigeninitiative aus einem Dornröschenschlaf befreit. 15 Millionen Euro Fördermittel der Europäischen Union halfen dabei, Abwanderung und Verfall zu stoppen, und die verwahrlosten Bergnester im traditionellen Stil wieder aufzubauen.

Das Centro weit weg vom Meer und abseits der geläufigen Touristenrouten vergleicht Pedro Pedrosa mit dem Loch in einem Donut. „Das Nichts inmitten von Portugal waren lange wir. Ziegen hüten, Mais anbauen, Rüben pflanzen und im Winter hinter klammen rußigen Wänden frieren – wer will so leben?“ Heute ist das Dorf eine beschauliche Oase der Stille. 46 Einwohner leben in sanierten Steinhäusern, deren klobige Mauern kaum einen Rückschluss auf das komfortable Innere zulassen. Regenwassernutzung und Solarenergie seien in seinen drei Ferienhäusern ebenso selbstverständlich wie die Speisekarte mit ausschließlich regionalen Produkten. Der behutsame Aufbau eines sozial- und naturverträglichen Tourismus trägt erste Früchte. Von 10 000 im Jahr 2010 seien die Übernachtungen in den Schieferdörfern bis 2014 auf 50 000 gestiegen, bilanziert der gelernte Informatiker.

Portugal - Korkbauern achten beim Schälen der Bäume darauf, nicht mehr als ein Drittel des Baumes abzuernten. Mehr würde die Eiche nicht verkraften. Eine ausgewachsene Korkeiche bringt einen Ertrag von ca. 100 – 150 kg.

Korkbauern achten beim Schälen der Bäume darauf, nicht mehr als ein Drittel des Baumes abzuernten. Mehr würde die Eiche nicht verkraften. Eine ausgewachsene Korkeiche bringt einen Ertrag von ca. 100 – 150 kg.

Morgens um acht Uhr ziehen letzte Nebelschwaden durch die Wipfel im Tal. Die Sonne spiegelt sich im kleinen Hauspool. Wie mit einem Hexenstreich klart der Himmel plötzlich auf, bis Sekunden später neue Schwaden heranziehen und sich im Tal unter der Sonne verlieren. Jetzt ist die beste Zeit für eine Mountainbike-Tour oder einen Spaziergang unter Pinien und Eukalyptusbäumen, über Wiesen und durch versteckte Gärten hinüber zum 200 Jahre alten Korkeichenwald.

Portugal - Nach der Wanderung, Picknick im Korkeichenwald von Ferraria de San Joao

Nach der Wanderung, Picknick im Korkeichenwald von Ferraria de San Joao.

Zwischen geschälten rotbrauen Stämmen hat Pedro unter den immergrünen Bäumen ein Essen vorbereitet. Eiergebäck, Tomaten und Mozzarella, hausgemachter Ziegenkäse und Joghurt, sowie Pastéis de bacalhau (feine Fischpasteten) laden zum Open-Air-Schmaus. Mit einer ausladenden Geste zeigt er in den gemeinschaftlichen Dorfwald: „Guter Kork braucht seine Zeit.“ 30 Jahre alt müsse ein Baum bis zur ersten Schälung sein. Später werde alle neun Jahre ein Drittel der Rinde geerntet, mehr verkrafte die Eiche nicht. Manchmal würden Besucher einen Baum für 40 bis 80 Euro „adoptieren“ und an dem Ernteertrag beteiligt. Viele Eichen hätten den Besitzer freilich noch nicht gewechselt, räumt Petro ein. Trotz der langsam steigenden Nachfrage seien die Schieferdörfer noch immer Portugals am besten gehütetes touristische Geheimnis.

 

Reiseinformationen

Allgemeine Informationen:

Telefon: +351 232 432 032
www.centerofportugal.com/de
und www.visitportugal.com

In Deutschland:

Tourismo de Portugal
Zimmerstraße 56
10117 Berlin
Telefon: 030-254 1060
E-Mail: info@visitportugal.com

Anreise:

Täglich nonstop Flüge ab deutschen Flughäfen nach Lissabon, Rückflugticket z.B. ab FRA ab rund 82 Euro.

Mit dem Auto oder Linienbus ist das Centro de Portugal von Lissabon und Porto über ein gut ausgebautes Straßennetz in knapp zwei Stunden, von der Universitätsstadt Coimbra in 30 Minuten erreichbar.

Hotels:

Landhotel Areias do Seixo***** am Santa Cruz Beach am Atlantik. www.areiasdoseixo.com

Rustikal aber komfortables Ferienhaus Vale do Ninho im Schieferdorf Ferraria de San Joao. www.vn-nature.com

Exklusives Landhotel Cooking & Nature**** im Naturpark Serras de Aire e Candeeiros. www.cookinghotel.com

 

Portugal - Markthalle in Peniche

Markthalle in Peniche

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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