Totgesagte leben länger

Die Pinzgauer Lokalbahn

Text und Fotos: Dagmar Krappe

 

Österreich - Pinzgau im Salzburger Land

 

Im Pinzgau im Salzburger Land ist eine über 120 Jahre alte Schmalspurbahnstrecke nicht nur Touristenattraktion.

 

Österreich - Pinzgau - Thomas Oberkalmsteiner in der Diesellok VS 71

Thomas Oberkalmsteiner in der Diesellok VS 71

Wieder einmal Stau rund um Zell am See. Darüber kann Thomas Oberkalmsteiner nur schmunzeln. Vor ihm ist alles frei. Denn er ist nicht auf der stark befahrenen Bundesstraße 168 unterwegs, sondern auf den Schienen der Pinzgauer Lokalbahn. Im Stundentakt surrt die Schmalspurbahn auf eingleisiger Strecke zwischen den Ferienorten Zell am See und Krimml im Nationalpark Hohe Tauern. „Pendler, Schüler und Urlauber nutzen sie. Für letztere haben wir während der Sommermonate aber nicht nur unsere modernen Wendezüge und Dieseltriebwagen, sondern auch unsere nostalgischen Schätzchen auf der Schiene“, sagt Oberkalmsteiner, stellvertretender Dienststellenleiter. Wer für die Pinzgauer Lokalbahn arbeitet, hat nicht nur einen Job. Der gelernte Maschinenschlosser machte nach und nach auch den Führerschein für Elektro-, Diesel- und Dampflok. „Mütterlicherseits liegt das Eisenbahnvirus seit fünf Generationen im Blut. Und seit vielen Jahren habe ich zu Hause eine Gartenbahn, die inzwischen auf 50 Meter angewachsen ist“, erzählt er.

Österreich - Pinzgau - Wendezug und Dieseltriebwagen im Bahnhof Zell am See

Wendezug und Dieseltriebwagen im Bahnhof Zell am See

Nachdem Kaiser Franz Josef I. die Genehmigung erteilt hatte, ließ 1898 eine private Gesellschaft die Strecke im Pinzgauer Tal errichten. Nach nur einjähriger Bauzeit wurde sie eingeweiht. Zwei Personenzüge waren im Einsatz. Einer von ihnen übernahm auch den Gütertransport für Holz und landwirtschaftliche Produkte. Nach kurzer Zeit zeigten sich erste Schäden an der wohl etwas zu zügig gebauten Trasse. Die Bahn fuhr ein Defizit ein und wurde verstaatlicht. Die meisten Touristen nutzten sie schon damals, um zu den Krimmler Wasserfällen zu gelangen. Denn bereits Anfang des 19. Jahrhunderts empfahl der Landarzt Wolfgang Oberlechner seinen Patienten einen Aufenthalt in der Region gegen Allergien und Asthma.

Österreich - Pinzgau - Nostalgiezug mit Diesellok VS 71 von 1958

Nostalgiezug mit Diesellok VS 71 von 1958

Hochwasser des nahen Flusses Salzach machte der 53 Kilometer langen Strecke mit bosnischer Spurweite (760 Millimeter) immer wieder zu schaffen. „Das Aus drohte 2005, als Überschwemmungen zwei Drittel der Trasse zwischen Mittersill und Krimml zerstörten. Das Engagement diverser Entscheidungsträger und Eisenbahnfreunde verhalf der Bahn zu überleben“, berichtet Oberkalmsteiner: „Seit 2008 gehört die Pinzgauer Lokalbahn dem Land Salzburg und dem Energie- und Infrastrukturunternehmen Salzburg AG.“ 40 Stopps gibt es. Gehalten wird nur auf Verlangen. Doch an den einzelnen Haltestellenhäuschen und Bahnhöfen muss niemand winken oder eine Fahne schwenken. Sie sind mit Lichtsignalanlagen ausgestattet. Wenige Minuten vor der fahrplanmäßigen Einfahrt des Zuges drückt der Fahrgast auf einen Knopf. Ein rotes Ampel-Blinklicht signalisiert dem Triebfahrzeugführer, dass er halten muss.

Österreich - Pinzgau - Dampflokenthusiasten: Florian Knapp, Walter Stramitzer,  Josef Stoeckl (Zillertalbahn), Thomas Oberkalmsteiner vor Lok Aquarius C

Dampflokenthusiasten: Florian Knapp, Walter Stramitzer, Josef Stoeckl (Zillertalbahn), Thomas Oberkalmsteiner vor Lok Aquarius C

Auf dem Nachbargleis trötet es. Ein azurblaues Dampfross schiebt sechs dunkelgrüne Waggons mit offener Aussichtsplattform und den leuchtend roten Büfettwagen „Pinzga Schenke“ in den Bahnhof Zell am See. Die um 1900 gebauten Wagen sind mit Holz- oder gepolsterten Bänken eingerichtet. Dienststellenleiter Walter Stramitzer und Heizer Florian Knapp wirken ein wenig skeptisch, ob die „Aquarius C“ die 53 Kilometer bis Krimml problemlos meistern wird. Deshalb steuert der Chef heute persönlich: „Nun haben wir schon zwei Dampfrösser in unserem Bestand und dann fallen beide gleichzeitig aus. Unsere Mh.3 wartet auf ihre Hauptuntersuchung.“ Auseinandergebaut steht die langfristig vom Eisenbahnclub 760 angemietete Lok 73-019 im Depot Tischlerhäusl. Ein Ersatzteil konnte nicht rechtzeitig geliefert werden.

Österreich - Pinzgau - Tischlerhäusl Lok 73-019 wartet im Depot auf ein Ersatzteil

Tischlerhäusl Lok 73-019 wartet im Depot auf ein Ersatzteil

Kurzerhand schickte der Club 760, der Verein der Freunde der Murtalbahn, seinen Neuzugang, die 80 Jahre alte „SKGLB 22“ oder „Aquarius C“ als Ersatz, eine Lok mit bewegter Geschichte und langem Lebenslauf. Wäre sie ein Mensch, würde man sie als „Job-Hopper“ bezeichnen. 1939 erblickte sie bei der Firma Borsig in Berlin das Licht der Schienenwelt. Im Zweiten Weltkrieg war sie in der Sowjetunion im Einsatz. Gelangte schließlich nach Salzburg. Schleppte einige Jahre schwere Zementzüge. 1980 kaufte der Bielefelder Textilfabrikant und Eisenbahnfreund Walter Seidensticker die Lok und gab ihr den Namen ZB „Aquarius C“. Nach schwerem Kesselschaden kam sie als Ausstellungsstück ins Berliner Technikmuseum. Schließlich ließ Walter Seidensticker sie wieder aufarbeiten. Ab 1997 schnaufte sie im blauen Lack beim „Rasenden Roland“, der Rügenschen Bäderbahn. Nachdem diese von der Pressnitztalbahn übernommen wurde, war die „Aquarius C“ auch hin und wieder auf sächsischen Schienen unterwegs, bis sie nach fast 60 Jahren nach Österreich zurückkehrte. 2016 erwarb der Club 760 die Lokomotive. „In unserer Remise Tischlerhäusl haben wir sie aufgepäppelt“, sagt Walter Stramitzer: „Normalerweise dampft sie bei der Taurachbahn im weiter südöstlich gelegenen Lungau zwischen Mautendorf und Sankt Andrä.“

Österreich - Pinzgau- Nostalgiezug mit Lok Aquarius C dampft entlang der Salzach

Nostalgiezug mit Lok Aquarius C dampft entlang der Salzach

Gleich nach der Ausfahrt aus Zell zuckelt der Nostalgiezug für ein paar Minuten am fischreichen See entlang. Der Hausberg, die fast 2.000 Meter hohe Schmittenhöhe, schält sich aus einer Nebelwand. Durch saftig grüne Wiesen mit verstreuten Heustadeln schnauft die blaue Lok mit maximal 30 Kilometern pro Stunde. Weiter geht es längs der wasserreichen Salzach, die der Bahn so häufig zum Verhängnis wurde. „Bei der Pinzgauer Lokalbahn arbeitet niemand unentgeltlich“, so Walter Stramizer: „Nur unsere „Pinzga Schenke“ betreibt der Club 399, die Freunde der Pinzgaubahn, ehrenamtlich. Dieser Verein engagiert sich dafür, dass es bei uns weiterhin dampft.“ Und auch heute stehen Würstchen aus dem Dampfkessel auf der Speisekarte.

Österreich - Pinzgau - Nationalpark Hohe Tauern

Nationalpark Hohe Tauern

Auf zirka halber Strecke in Mittersill befindet sich das Nationalparkzentrum Hohe Tauern. „Der Park wurde 1981 gegründet und erstreckt sich über die drei Bundesländer Kärnten, Salzburg und Tirol“, erklärt Ranger Hannes Muhr: „Mehr als 260 Dreitausender und 550 Bergseen verteilen sich über die Region.“ An zehn interaktiven Stationen kann der Besucher der „Nationalparkwelten“ die Atmosphäre im Kleinen nacherleben. Mittels eines Zeitrades lässt sich die Veränderung des Tauerngletschers von der Eiszeit bis heute und in der Zukunft erleben. In einer alpinen Rasenlandschaft tummeln sich Murmeltiere. An steilen Felsen klettern Gämse und Steinbock. Nach einem 360-Grad-Erlebnis aus unterschiedlichen Perspektiven wie Wildbach, Gletscherspalte oder Gipfel relaxt man auf Wiesenliegen zwischen Bergblumen und kastanienbraunen Pinzgauer Kühen. „Typisch ist der breite weiße Rückenstreifen, der sich über Hinterseite, Oberschenkel, Bauch und Unterbrust fortsetzt“, informiert Muhr.

Österreich - Pinzgau - Heizer Florian Knapp auf Dampflok Aquarius C

Heizer Florian Knapp auf Dampflok Aquarius C

Die „Aquarius C“ rattert weiter. Kurz vor der Endstation Krimml muss sie noch mal richtig schnaufen. „Sie kommt mit der grobkörnigen polnischen Kohle nicht ganz so gut klar“, meint Heizer Florian Knapp. Ein Bus bringt die Passagiere in fünf Minuten zu den mächtigen Wasserfällen. Vor dem Aufstieg über den gut befestigten vier Kilometer langen Wasserfallweg führt Hannes Muhr noch schnell ins multimediale Erlebniszentrum „WasserWelten“. Hier kann man spannende Experimente zum Thema Wasser wagen. Auch eine Runde Aquatischfußball hat ihren Reiz. Doch der Ranger mahnt zum Aufbruch. 380 Meter stürzen die Wassermassen über drei Kaskaden in die Tiefe. Gebildet werden die Fälle durch dem Gletscherbach Krimmler Ache. Schneeweiße Fontänen ergießen sich ins Salzachtal. Hin und wieder malt die Sonne einen Regenbogen auf die Wasserschleier. „Der Sprühnebel besteht aus winzigen negativ geladenen Teilchen. Die feinen Wasserfallaerosole entstehen beim Aufprall der Wassermoleküle auf die Felsen. Sie können besonders tief in die Atemwege vordringen und sind ein natürliches Heilmittel für Asthmatiker und Allergiker“, erwähnt der Ranger: „Auch Tiere und Pflanzen finden ideale Bedingungen. Hier wachsen Hunderte Moose, Flechten und Farne. Es gibt 60 Vogelarten.“ Zu viele Aussichtskanzeln reihen sich entlang des langsam steiler werdenden Pfads. So reicht die Zeit nicht bis zum obersten Fall. Denn tief unten im Tal pfeift die „Aquarius C“ zur Abfahrt. Und ein Dampfross lässt man nicht warten.

Österreich Pinzgau - Krimmler Wasserfälle, unterer 140 Meter hoher Fall

Krimmler Wasserfälle, unterer 140 Meter hoher Fall

 

Informationen

 

Pinzgauer Lokalbahn – Streckenlänge 53 Km zwischen Zell am See und Krimml, stündliche Abfahrten je Richtung täglich zwischen 6 und 19 Uhr, Fahrtdauer knapp 1,5 Std.: www.pinzgauerlokalbahn.at, Busanschluss in Krimml zu den Wasserfällen. An bestimmten Wochentagen Nostalgiedampffahrten.

Nationalparkzentrum Hohe Tauern in Mittersill: www.nationalparkzentrum.at

An 10 Erlebnisstationen lernt man die alpine Welt zwischen Dreitausendern, Gletschern und Wasserfällen kennen.

Krimmler Wasserfälle, Fallhöhe 380 m: www.wasserfaelle-krimml.at, von Mitte April bis Ende Oktober durchgehend geöffnet, gebührenpflichtig

Multimediales Erlebniszentrum WasserWelten Krimml: www.wasserwelten-krimml.at

Österreich - Pinzgau - Erlebniszentrum WasserWelten

Erlebniszentrum WasserWelten

Unterkunft

Hotel Bräurup
www.braurup.at
Jahrhunderte altes Traditionshaus mitten in Mittersill. Hauseigene Brauerei. Biergarten. Diverse Gasträume. Bar. Regionale Küche. Zehn Minuten Gehzeit zum Bahnhof.

Hotel Steinerwirt 1493
www.steinerwirt.com
Hotel und Restaurant in Zell am Sees Fußgängerzone. Außenterrasse. Traditionshaus mit regionaler Küche.

Allgemeine Informationen

Zell am See-Kaprun Tourismus
Brucker Bundesstr. 1a
A-5700 Zell am See
Tel.: +43 6542770
E-Mail: welcome@zellamsee-kaprun.com
www.zellamsee-kaprun.com

Ferienregion Nationalpark Hohe Tauern
Gerlosstraße 18
A-5730 Mittersill
Tel.: +43 6562 40939
E-Mail: ferienregion@nationalpark.at
www.nationalpark.at

 

(Die Reise wurde von der SalzburgerLand Tourismus GmbH unterstützt.)

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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