Nordnorwegen - Polarnächte in Tromsø

 

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Die Sicht nach draußen ist versperrt, trotzdem ist es ungewöhnlich hell. Ein dicker Vorhang aus Schnee klebt an den Fensterscheiben im neunten Stock des Polarhotels und hat die Dunkelheit ausgeschlossen. Die ganze Nacht hat es pausenlos gerieselt, und wieder sind in Tromsø dreißig Zentimeter Neuschnee gefallen. Schneekatastrophe? Weit gefehlt!

Als wir vor die Tür treten, sehen die Hauptstraßen der nordnorwegischen Stadt aus, als ob nichts gewesen wäre. Schneepflüge waren früh im Einsatz. Die Busse fahren planmäßig. Spikes knirschen auf einer festgefahrenen Schneedecke. Die Kinder betrachten es wohl kaum als Unglück, dass sie schulfrei haben, weil die Notausgänge der Schulen noch von Schnee blockiert sind.

Dass von Mitternacht bis frühmorgens die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten, die über einen Kilometer lange Brücke zum Festland unpassierbar war, haben wir nicht bemerkt. Wir waren auf Kneipenbummel. Und das Nachtleben in Tromsø trotzt unverzagt Wind und Wetter. Genau wie die Postdampfer der Hurtigrute, die Punkt 18.30 Uhr und 1.30 Uhr täglich vom Kai ablegen.

Norwegen / Tromsoe - Brücke

Tromsø's Brücke zum Festland

Auf den Nebenstraßen wird klar, was "Grynne" bedeutet - ein Wort, das im Vokabular der Südnorweger nicht vertreten ist. Es heißt: Durch Tiefschnee stapfen. Der Stadtrand von Tromsø ist noch in jungfräulichem Pulverschnee versunken. Die Bewohner dort frönen ungewollt dem Frühsport. Sie sind dabei, ihre Autos auszubuddeln, Schneelasten vom Dach zu schaufeln und mit schubkarrengroßen Schneeschiebern Furchen zu ziehen, um Fußwege und Einfahrten passierbar zu machen.

Tromsø ist mit seinen rund 58.000 Einwohnern die größte Stadt Nordnorwegens und im Winter voller Exotik. Ab dem 25. November herrscht "mørketiden", Polarnacht. Ab dann kommt die Sonne fast zwei Monate lang, bis zum 21. Januar, nicht zum Vorschein. Nur um die Mittagszeit ist die Stadt im Dämmerzustand. Bei wolkenlosem Himmel meldet sich dann die Sonne in Form eines glutroten Streifens am Horizont. Morgenröte und Abendröte in einem Aufwasch. Ganz Schlaue meinen herausgefunden zu haben, dass nördlich des Polarkreises unterm Strich mehr Licht herauskomme als am Äquator. Man müsse nur Nordlicht, Mitternachtssonne und Mondschein addieren.

Norwegen / Tromsoe

Der Winter in Tromsø im Schutz der Dunkelheit, mit dem glitzernden Schnee, der die Geräusche dämpft, den dicken Schneemützen auf den Dächern und mächtigen Eiszapfen an den Giebeln, ist gemütlich. Mit Lampen auf den Fensterbänken gaukeln sich viele Norweger die Illusion von Helligkeit vor. Die bunten Holzhäuser aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts spiegeln die Sehnsucht nach Farbe wider. Stilelemente aus der Rokoko- und Empirezeit schmücken Hauseingänge und Türstürze. Trotz des vergänglichen Baumaterials Holz wollten die begüterten Kaufleute nicht hinter der Zeit zurückbleiben.
Nachdem die Stadt 1794 mit achtzig Einwohnern gegründet worden war, nahm sie einen unerwarteten Aufschwung. Wal- und Robbenfänger rüsteten in Tromsø ihre Schiffe aus. Polarforscher wie Fridtjof Nansen oder Roald Amundsen stießen von hier ins Nordpolargebiet vor. Schnell war die kleine Stadt als "Pforte zum Eismeer" im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Nach wie vor ist der Hafen von Tromsø ein Drehkreuz für Expeditionen in die Arktis.

Norwegen / Tromsoe - Einkaufsstraße

Der Winter in Nordnorwegen sei die Zeit der Besinnung und des Nachdenkens, heißt es. Auf Dauer muss der Mangel an Licht und Sonne doch aufs Gemüt schlagen, sollte man meinen. Nachts jedoch sind die Tromsøer gewiss nicht antriebslos. Von Formtief keine Spur. Ganz Norwegen blickt voller Neid auf die Kneipenszene von Tromsø.
Mit der Gründung der Universität 1972 schossen die Schankstuben wie Pilze aus dem Boden. Es muss wohl daran liegen, dass die jungen Leute aus der Enge der Studentenbuden flüchten und sich lieber in den gemütlichen Kneipen niederlassen. Zum Beispiel im Blårock-Café, dem nördlichsten Rockcafé der Welt; im Le Mirage, wo es den besten Cappuccino nördlich des Polarkreises gibt; in den Ølhallen der Mack-Brauerei, dem nördlichsten Brauhaus der Erde; in der Meieriet, wo sich die Bierpreise wie an der Börse nach der Nachfrage richten. Die Leute der größten Stadt Nordnorwegens lieben Superlative. Sie sind stolz auf ihre Universität, die Brauerei, den Dom, den Bischofssitz, auf die großen Glasmosaiken in der Eismeerkathedrale - alles am nördlichsten natürlich. Für das Buch der geographischen Rekorde fehlt eigentlich nur ein Bahnhof. Weil die Zugverbindungen Norwegens leider bereits in Bodø und Narvik enden, behilft man sich ersatzweise mit der "Tromsø Jernbanestasjon".

Norwegen / Tromsoe - PolarlichterDiese Einrichtung ist eine Kneipe, für die der Besitzer lauter Utensilien aus alten Zügen zusammengetragen hat: Coupés, Fenster, Lampen, Schilder. Ab und an scheppert aus einem Lautsprecher die Durchsage, dass ein Fernzug eingetroffen sei. Die Tromsøer haben Humor.

Ab 23 Uhr füllen sich die Kneipen. Bis dahin trinkt man zu Hause mit Freunden, widmet sich dem "Vorspiel", wie die Norweger dazu sagen. Hochprozentiges aus den staatlichen Alkoholläden ist immer noch billiger als in den Gaststätten, auch wenn es teuer genug ist.

Im Skarven, einem gemütlichen Kro mit hohen Decken und dicken Balken, kommen wir mit Inge und Børre ins Gespräch. Das Unangenehme an der dunklen Zeit sei, dass man seine Energien nicht auftanken könne, sagt Børre. Ein Löffel Lebertran vor dem Frühstück mache den Mangel nicht wett. Man gehe nicht raus in die Natur, denn beim Spazieren gehen sehe man ja nichts, fügt Inge hinzu. Beide arbeiten am Nordlichtobservatorium, das seit fünfzig Jahren das Polarlicht erforscht. Sie geben uns einen Schnellkurs in Sachen "Aurora Borealis". Die römische Göttin der Morgenröte war die Namensgeberin für das himmlische Naturschauspiel.Die Sonne schleudert Sonnenwinde ins All, eine gasförmige Materie aus Elektronen und Protonen. Am Magnetfeld der Erde prallen sie in der Regel ab. Nur in der Nähe der Pole können sie in die Atmosphäre eindringen. Dabei kollidieren die Teilchen mit den Atomen der Lufthülle und senden kleine Lichtstöße aus, das Nordlicht beziehungsweise Südlicht. Die Version der Eskimos gefällt mir jedoch besser. Es soll sich bei den Nordlichtern um Fackeln handeln, die die Seelen zum Himmel begleiten.

Das Schauspiel sei nicht vorhersehbar, versichern unsere Experten. Doch alle elf Jahre würden Nordlichter verstärkt auftreten. Zur Zeit befinde sich der Zyklus auf dem Tiefpunkt.
Ein paar Tage später kommen wir in den Genuss des phantastischen Spektakels, sehen die grünroten Schleier, die wellenförmig über den schwarzen Himmel tanzen und schlittern. Was muss hier erst los sein, wenn der Zyklus auf dem Höhepunkt ist... Eine Lichtorgie am Firmament.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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