Zu Gast in Lappland bei den Karasjok-Samen

 

Text: Bert Beasgen
Fotos: Dirk Schröder

Der Motor des Schneescooters startet mit ohrenbetäubendem Lärm und einer blauen Abgasfahne, die sich schnell mit der eiskalten Luft Lapplands mischt. Das offensichtlich brandneue Scootermodell mit seiner breiten Gummilaufkette und der Metalliclackierung will so recht gar nicht zu dem langen, schon etwas verwittert aussehenden Holzschlitten passen, der an den immer noch im Standgas hochtourig laufenden Schneescooter angehängt wird. Der kleinwüchsige Bertil dreht fast französisch seine Selbstgedrehte im Mundwinkel, trägt sein Samenlasso über der Yamaha-Motorradkombi und besteigt wie ein Rodeo-Reiter das 70-PS Schneemobil.

Während wir uns hinten auf dem großen Holzkufenschlitten noch schnell Gesichtsmaske, Kapuze und das dritte Paar Handschuhe überziehen, werden uns von seiner Frau in wunderbarer Samentracht gekleidet weitere Rentierfelle zum Zudecken gegeben. "Die altersmäßig schwer einzuschätzende Kirsten kommt mir irgendwoher bekannt vor" schießt es mir durch den Kopf "obwohl ich sie eigentlich noch nirgendwo hätte treffen können..."

Norwegen / Samen - Karasjokfrau auf Schlitten

Bei eisigem Wind bequem per Scoot zur Rentierherde

Eine gute halbe Stunde soll die Fahrt zu Ihrer Rentierherde oben im Fjell der Finnmarksvidda dauern, was bei 15 Grad unter Null zusammengekauert auf einem scootergezogenen Schlitten nicht unbedingt ein wärmendes Sonnenbad verspricht.

Norwegen / Samen - Scooter mit Schlitten

Für die stolze Summe kann man einen Nachmittag und Abend mit den Samen verbringen. Im Preis inbegriffen ist die Scooterfahrt zur Rentierherde und ein Abend bei Lachs und Rentierfleisch im "Lavvu", dem traditionellen Spitzdachzelt der Samen. "Satisfaction guaranteed!" wurde uns versprochen.

Norwegen / Samen - Schlitten im Wald"Was biegsam und beweglich ist bricht nicht". Diese alte Weisheit des Polarforschers Fridjof Nansen über seine Schlitten vor der Grönlanddurchquerung schießt mir durch den Kopf, als uns der Scooter mit hoher Geschwindigkeit über die ersten Bodenwellen zieht. Er ächzt in allen Verbindungen und es erinnert mich eher an eine Stromschnellenfahrt mit einem Raftingboot denn an eine Schlittensafari. Doch nach einer beherzten Straßenbrückenunterquerung, bei der ich die Dicke des Eises lieber nicht nachmesse, geht es auf verschneiter und teilweise drastisch ansteigender Spur quer durch den immer niedriger werdenden Wald. Bertil versucht teilweise durch Gewichtsverlagerung im Stehen die Kurven noch enger zu nehmen, damit unser Schlitten halbwegs in der Spur bleibt. Doch irgendwann geht nichts mehr: trotz massiven "Anlaufs" bleibt das Schneemobil röhrend an einer steilen Auffahrt stehen, während der Schlitten halb umgekippt im Tiefschnee zu versinken droht. Mit vereinten Kräften bringen wir das Gespann wieder frei. Kurze Zeit später ist die Waldgrenze überschritten und wir bewegen uns auf einen vom Wind umtosten Höhenrücken zu, der in alle Himmelsrichtungen schier unglaubliche Ausblicke bietet. Dazu stahlblauer Himmel der allerfeinsten Art und ein mildes Abendlicht, das die Welt völlig entrückt erscheinen lässt.

Die Rentiere kommen so nah, dass sie fast mit der Zunge das Objektiv ablecken.

Bertil stellt den stinkenden Motor ab, stößt einige merkwürdige Laute aus, zerrt ein Trockenfutterpaket vom Hänger und dreht sich erst mal eine Zigarette. Plötzlich tauchen sie auf wie aus dem Nichts: Vorweg das Leitren mit einer Glocke um den Hals wie man es von Weihnachtsgeschichten kennt. Anschließend in 3er, 5er ja l0ner Gruppen scheinbar von überall her die übrigen Tiere der Herde. Umringt von Rentieren, die mit ihren Hufen den hier dünnen Harsch wegkratzen um an die darunter liegende Flechte zu kommen, klicken die Kameras fast von alleine. Bertil erklärt uns, dass Rentiere die einzige Hirschart ist, bei der sowohl Männchen als auch Weibchen ein Geweih tragen. Jetzt im frühen Frühjahr, wo die Kälber geboren werden, haben nur die Weibchen ein Geweih, um den Nachwuchs besser verteidigen zu können.

Norwegen / Samen - Rentiere

Die Männchen sind jetzt geweihlos. Erst später, wenn es gilt Macht- und Brunftbereiche abzustecken, werden die Kämpfe von den Männchen mit den nachgewachsenen Geweihen ausgefochten.

Im Zelt werden wir schon erwartet

Trotz des fast unwirklich erscheinenden Panoramas und der faszinierenden Herde, die sich locker auf mehrere hundert Tiere schätzen lässt, beschließen wir die Rückkehr, da der schneidend kalte Wind allen derbe zusetzt. Bertil wählt einen anderen Weg, bei dem er die schneegeräumte Straße überqueren muss. Doch ein deutlich vernehmbares Knacken und ein folgenloses Aufheulen des Motors beendet die Fahrt abrupt mitten auf der Fahrbahn. Ein schnelles gemeinsames zur Seite schieben verhindert eine Vollsperrung der Straße und ein Blick unter die Motorhaube gibt sehr schnell Gewissheit: Bruch der Antriebsachse! Doch der Griff zum Handy und ein kurzes Telefonat zum Taxistand ins 20 km entfernte Karasjok löst das Transportproblem schnell. Eine halbe Stunde später halten wir mit den zwei georderten Taxen vor einem Lavvu, das im "Vorgarten" eines Wohnhauses aufgebaut ist.

Rauchwolken aus dem nach oben offenen Zelt lassen auf Vorbereitungen schließen. Wir brauchen einige Zeit, bis sich unsere Augen an den halbdunklen Innenraum und den beißenden Rauch gewöhnt haben. Selbstsicher und aufrecht dem Eingang gegenüber sitzt Kirsten in der traditionellen blauen Samentracht mit dem roten Häubchen auf dem Kopf. Sie hantiert mit der rußschwarzen Kaffeekanne über dem lodernden Feuer.

Norwegen / Samen - Im Zelt am Feuer

Überall liegen Rentierfelle aus, auf denen wir es uns bequem machen. Bertil, immer noch oder schon wieder rauchend, schneidet mit seinem typischen Lappenmesser lange Streifen geräuchertes Rentierfleisch von einem ordentlichen Hinterviertel und reicht sie uns in einer handgemachten Holzschale.

Norwegen / Samen - Rentierfleisch

Der kochend heiße und pechschwarze Kaffee wird von Kirsten in die Kuksa gegossen, wobei mir der Kontrast zwischen ihm in seiner Japanmotorradkombi und ihr, von den Schnabelschuhen bis zum Silberkettchen in traditioneller Samentracht, über deutlich wird.

Die Vergangenheit wird lebendig

Dann fängt sie an zu erzählen und binnen weniger Minuten ergeht es mir wie in einer gut gemachten Filmrückblende. Längst habe ich vergessen, dass wir uns ja eigentlich im Hausvorgarten befinden und nicht auf dem großen Treck von den Sommer- zu den Winterweiden auf den Spuren der Rentiere. Noch vor wenigen Jahrzehnten ist sie mit ihrer Herde über das weite Land des hohen Nordens gezogen, als von PS-starken Schneescootern und kabellosen Telefonen noch längst keine Rede war.

Norwegen / Samen - Kind in Tracht

Sie hat Kinder sogar im Lavvu geboren, die nicht mit Pampers "ultra thin" trocken gehalten wurden, sondern von in Windeln eingepacktem Torf. Sie erzählt von den Joiks (typische Liedtexte) die sie gesungen und den Felltaschen, die sie aus kleinen Resten zusammengenäht hat. Von der Naturmedizin, die homöopathisch aus den Pflanzen und Kräften der Natur gewonnen wurden und natürlich immer wieder von dem Rentier als die Lebensgrundlage schlechthin. Sie sagt, dass sie noch heute jedes Tier ihrer Herde kennt, "Größe, Geweihform, Farbe des Vorderfußes o.ä. sind für uns wichtige Kennzeichen und wir haben viele verschieden Worte die ganz genau ein Rentier beschreiben".

Norwegen / Samen - Rentiere 2

Nach einer kurzen Pause kommt sie auch auf die Schamanen zu sprechen, die u.a. mit Hilfe ihrer Trommel und Tanz mit den übernatürlichen Kräften in Kontakt treten konnten. Noch heute würde sie Schamanen kennen, die Automotoren zum Verstummen bringen könnten.

Eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken, als Bertil nach langer Zeit des Schweigens fragt, ob uns Kirsten nicht irgendwie bekannt vorkommen würde. Alle verneinen, nur mir dämmert etwas. "Im vorletzten Jahr war ein deutsches Fernsehteam bei uns, das einen Filmbericht über den Rentiertreck gedreht hat", weiß er mit nicht geringem Stolz zu berichten. Im selben Moment wird mir klar, dass ich natürlich diesen Filmbericht mit großem Interesse verfolgt hatte und mich schon am Fernsehen die Ausstrahlung dieser Frau beeindruckte ...

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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