Verschwundene Zeiten werden lebendig

Das Freilichtmuseum Maihaugen in Lillehammer

Lillehammer ist nicht nur die Stadt der Olympischen Spiele 1994 und kann eine Kunstsammlung von Rang aufweisen, sondern besitzt mit dem Freilichtmuseum Maihaugen – gegründet 1887 – eine Sehenswürdigkeit, die den Besuch lohnt, zumal im Sommer, wenn auf einigen Gehöften das Landleben inszeniert wird. Hütten von Häuslern, Anwesen von Großbauern, das Schul- und Gemeindehaus oder das Leben auf der Alm – all das bietet Maihaugen auf engstem Raum. Dabei reist man in wenigen Stunden durch das Gudbrandstal und einige seiner Seitentäler, einem wichtigen Teil des ländlichen Norwegens. Doch nicht nur der bäuerliche Alltag der Vergangenheit, sondern auch das Leben in Lillehammer im ausgehenden 19. und dem 20.Jahrhundert wird den Besuchern näher gebracht.

Freilichtmuseum Maihaugen, Oslo, Norwegen
Mal sehen, wie es sich hier wohnt

Zwischen Storgata und Marktplatz

Zu sehen ist das im Blockhausstil erbaute Gebäude Busterud aus dem Gamleveien 13, aber auch die Brauerei, die einst im Morterudvei stand. Julingården, ursprünglich Storgata 49 und die erste Praxis des Zahnarztes und Museumsgründers Anders Sandvig, hat auf Maihaugen einen neuen Platz gefunden. Mietshäuser und Mietshöfe wie Nordstrandgården und der 1850 erbaute Andersengården finden sich neben einem Lagerschuppen des 1894 errichteten Bahnhofs von Brøttum.

Als es noch Posthaltereien und Kirchstuben gab

Reisen wir aus der Gegenwart mit Siebenmeilenstiefeln in die Vergangenheit, so entdecken wir die 1739 erbaute Posthalterei, deren Speicher sogar noch mehr Jahre auf dem Buckel hat und aus Nordberg in Skjåk nach Maihaugen überführt wurde. Die Posthalterei von Lindesheim war der Treffpunkt der Händler, die mit ihren Fjordpferden Waren transportierten. Teilweise wurden die Waren auch in Lindesheim umgeschlagen. Reisende machten hier gleichfalls Halt, darunter auch der bekannte norwegische Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson, der sich mit nachstehenden Worten im Gästebuch in ganz eigenwilliger Prosa verewigte: „Weg von dem Kalten, dem Mageren, sich selbst Verzehrenden, Heim zu dem Milden, dem Lieblichen, uns allen Ernährenden.“ Dass eine Kirchstube aus Dovre auch als Krämerladen und Gasthaus gedient hatte, erfährt der Besucher ebenso wie vom Alltag des Fährmanns aus Sjoa. Doch längst ruft keiner mehr „Hol über!“

Wer sich für alte Handwerkstraditionen, für das Gerben und das Metallgießen interessiert, sollte sich in die Werkstätten des Freilichtmuseums begeben. Aus der Nähe von Tretten kommt die Färberei, die bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Betrieb war und Wasserkraft als Energiequelle nutzte. Färben, Stampfen, Trocknen und Drucken kann man auch heute hautnah miterleben. Dass man früher Hunde- oder Hühnerkot mit Wasser vermengte, um Haare und Haut voneinander zu trennen, erfährt der Besucher in der Gerberei, in der auch der sogenannte Rindenzuber steht, in den die geschabten und weich gemachten Häute zum Schluss kamen. Messing wurde in der Metallgießerei geschmolzen, in Formen gegossen, geputzt, poliert und geschliffen. Aus Messing fertigte der Gürtler Knöpfe, Glocken und Gürtelschnallen, aber lang ist es her.

Freilichtmuseum Maihaugen, Oslo, Norwegen
Eines der traditionellen Gehöfte aus dem Gudbranstal

Ein Pfarrhof, eine Stabkirche und der König von Dyringsli

Ein Jahrhundert lang stand der Pfarrhof von Vågå leer, ehe der Museumsgründer von Maihaugen diesen erstand und damit für die Nachwelt erhielt. Dass sich hier nordische und mitteleuropäische Architektur mischen, unterstreichen die beiden Erker und der überdachte, offen wirkende Außengang. Betrachtet man die Einrichtung, so fällt auf, dass der einstige Hausherr einen Sinn für urbanen Lebensstil besaß. Keine schweren Bauernmöbel beherrschen die Stube, sondern Barockstühle, eine holländische Wanduhr, Fayencefliesen, ein gemütliche Wärme ausstrahlender Kachelofen und Renaissancemobiliar. Im Kern ist die Stabkirche aus Garmo ein Zeugnis des Mittelalters, wenn auch der Turm aus dem 17. Jh. und das Querschiff aus der 1.Hälfte des 18.Jh. stammen. Man muss schon genau hinschauen, um die aus Pfeilern und Planken gezimmerte Stabkirche auszumachen. Durch das Querschiff hat die Kirche unterdessen die Gestalt einer Kreuzkirche angenommen, sodass der Ursprungsbau nur noch zu erahnen ist, zumal nach dem Umbau nicht verwendete Teile verkauft oder verbrannt wurden. 1921 wurde die Kirche in Maihaugen mit Glockengeläut feierlich eröffnet. Der aus Speckstein geschnitzte Taufstein stammt aus der Ursprungskirche, während andere Teile aus der Kirche von Hustad erworben wurden. Unter den zahlreichen Gehöften springt die sogenannte Isumanlage deshalb ins Auge, weil zu ihr neben dem Dagsgårdspeicher noch das Pfarrhaus und eine Kapelle gehören. Nicht zu übersehen ist der wuchtig wirkende Turm, der die Pfarrwohnung mit der Kapelle verbindet. Zu den skurrilen Bauwerken Maihaugens zählt der sogenannte König von Dyringsli. Dabei handelt es sich um einen ausgehöhlten, mehr als 750 Jahr alten Baumstamm, in dem einst die Zahlstelle eines Sägewerks untergebracht war. Als dieser mächtige Baumstamm nach Maihaugen kam, wurde in ihm eine Falschmünze untergebracht.

Freilichtmuseum Maihaugen, Oslo, Norwegen
Der so genannte König von Dyringsli

Großbauern und Häusler

Wie man auf unterschiedlich großen Höfen lebte, bleibt beim Besuch des Freilichtmuseums kein Geheimnis: Bjørnstad ist eine komplett wieder aufgebaute Hofanlage aus Vågå, zu der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts elf Personen, sechs Pferde, drei Ochsen, 38 Kühe, 22 Schafe, 20 Ziegen und drei Schweine gehörten, kein Vergleich zu dem bescheidenen Anwesen Stykkebakken mit seinen fünf Personen und sechs Ziegen. Kein Wunder, denn bei Stykkebakken handelt es sich um einen typischen Häuslerhof aus dem Gausdal, der aus einem Wohnhaus mit zwei Räumen und einer zweigeteilten Scheune bestand. Tritt man in das Wohnhaus ein, so sieht man den Holzofen neben dem Elektroherd, dem Kühlschrank und dem Radio. Dies ist der Zustand von 1985, als der letzte Bewohner, ein Tagelöhner, verstorben war.

Auch Jørstad aus dem südlichen Gudbrandstal, zu dieser Anlage gehören neben einem Bauernhaus ein Fleischschuppen, eine Scheune, ein Waschhaus, ein Vorratsspeicher, ein Außenklosett, eine Schmiede und ein Holzschuppen, sowie Øygarden sind recht stattliche Besitzungen. Sucht man das beeindruckende Anwesen Bjørnstad auf, so wird man auch die beiden Kornmühlen, das Dörrhaus, das Back- und Waschhaus, den Altenteil sowie das Andershaus in Augenschein nehmen. Im Andershaus befindet sich nicht nur prächtig geschnitztes Mobiliar, sondern auch ein aus Speckstein gefertigter Kamin. Welchen Einfluss dieses Gehöft einst besaß, unterstreicht die Tatsache, dass fünf Häuslerhöfe in der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts zu diesem Hof gehörten.

Wer übrigens wissen möchte, wie die Norweger in den verschiedenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gelebt und sich eingerichtet haben, der sollte sich einer Führung anschließen, während der entsprechende Gebäude des „städtischen Areals“ von Maihaugen zugänglich sind.

Maihaugen
Maihaugvegen 1
2609 Lillehammer, Norwegen
Telefon: +47 61 28 89 00
http://www.maihaugen.no/de/Das-Museum-Maihaugen/Kalender/

 

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