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Oslo Astrup Fearnley Museet / Munchmuseum / Nationalmuseum / Vigeland-Museum

 

Norwegen
Oslo

Astrup Fearnley Museet

Sammlung
bis 31.12.2022

Synnøve Anker Aurdal bis 04.09.2022


Die diesjährige Sommerausstellung ist der sehr bekannten norwegischen Textilkünstlerin Synnøve Anker Aurdal (1908–2000). Neben Arbeiten aus der eigenen Sammlung sind auch selten gezeigte Werke aus anderen Sammlung zu sehen. Dadurch erhält der Besucher einen umfassenden Einblick in das künstlerische Schaffen von Anker Aurdal von den 1940er bis in die frühen 1990er Jahre. Im Laufe ihrer künstlerischen Karriere wurde das Figurative weniger manifest. Mehr und mehr erwies sich die Künstlering als avantgardistisch und als in der norwegischen Moderne der 1950er Jahre verankert. Sie schuf dafür eine Verbindung von traditionellem Kunsthandwerk und Momenten der modernen Kunst.

imatelier

Synnøve Anker Aurdal. Madserud Allé 12., Künstlerarchiv/Victor Boulle

Es gibt eine lange Tradition, dass Frauen der Zugang zu künstlerischen Karrieren verwehrt wurde. Selbst die sich als Avantgarde verstehenden Bauhaus-Meister drängten die weiblichen Bewerber in die Webereiklassen, sprich in den kunstgewerblichen und kunsthandwerklichen Ausbildungssektor. Marianne Brandt war eine der wenigen Frauen am Bauhaus, die in der Metallwerkstatt am Bauhaus ihre Entwürfe von Teekannen und Lampen schuf. Und auch Lilly Reich, die maßgeblich am Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe beteiligt war, wurde auf Wunsch von van der Rohe ans Bauhaus berufen, allerdings als Leiterin der Werkstatt für Weberei am Bauhaus Dessau und später am Bauhaus Berlin. Das geschah, obgleich Reich eine hervorragende Designerin von Möbeln war. Ihre Stahlrohrmöbel wurden van der Rohe zugeschrieben und das fälschlicher Weise. Übrigens, bis heute wird textile Kunst nicht in Kunst- , sondern vor allem Kunstgewerbemuseen präsentiert.

spanischesfenster

Spansk vindu / Spanisches Fenster, 1983
Wolle, Seide und Metallfäden, Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum, Foto fdp2022


Es wundert also nicht, das Anker Aurdal im frühen 20. Jahrhunderts im traditionellen Kunsthandwerk des Wandteppichwebens ausgebildet wurde und zu Beginn motivisch auch sehr traditionelle Arbeiten schuf, so auch „Kronbraut“ mit deutlich religiösen Anlehnungen. Die aktuelle Ausstellung schlägt eine Brücke von solchen Arbeiten zu denen der 1990er Jahre. Darunter finden sich sehr moderne Ansätzen mit Verbindungen zur Abstraktion und zum Kubismus bis hin zu dreidimensionalen Werken wie „Rüstung“. Anker Aurdal war also nicht ausschließlich auf die Zweidimensionalität fokussiert, sondern verfolgte einen breiten Ansatz von Textilkunst. Anfänglich noch den klassischen quadratischen und rechteckigen Formaten zugetan, änderte sich dies im Laufe der Zeit. Insoweit kann man ihre Arbeiten als avantgardistisch kategorisieren.

partybürokraten

Festbyråkrater / Partybürokraten, 1996, Wandteppich, Privatbesitz. foto: fdp2022

„Liebesgeschichte“ („Love Story“) ist eine Arbeit, die die Zweisamkeit von Mann und Frau nur andeutet. Sie ist in einer schwarz-weißen Tunika links auszumachen, er nur als Kopftorso und mit glimmender Zigarette auszumachen rechts. Und zwischen den beiden sieht man ein Herz auf einem grünen Rechteck als Verbindungselement. Wenn auch vertikal gewebt, so ist der Bildinhalt horizontal zu dechiffrieren: „Compose yourself 2“ lautet die englische Transkription des norwegischen „Bildtitels“. Es ist eine Arbeit, in dem der Wortteil von „Compose yourself 2“ genuin zum Werk gehört. Zu sehen sind ein schwarzes aufrechtes Oval auf Schachbretthintergrund links und einem liegenden Oval rechts. Dazwischen befindet sich eine „Doppelnull“, sprich zwei ineinander gefügte Ovale. In Schwarz,

braut

Synnøve Anker Aurdal, Brud / Braut, 1997, Foto Vegard Kleven

 

Blau und Weiß sind die „Sisters of the sea“ von der Künstlerin dargestellt worden. Man sieht die Gischt des Meeres und ein goldenes Wetterleuchten, so der Eindruck beim Betrachten des Werks. Seriell angelegt ist „The Women’s Front“, eine Reihe stilisierter Frauenköpfe, die teilweise gespalten sind und in diesen Spalten „ENANONYM“ zu lesen zu sein scheint. Im Schwedischen (!) bedeutet dies „Ein Anonymer“. Und in Norwegisch?

 

octobersladder

October Sladder / Oktobertratsch, 1990, Wandteppich, Nasjonalmuseet, Oslo - Dans / Tanz, 1997, Wandteppich, Nasjonalmuseet Oslo, foto fdp2022

In die Welt des Informel, wenn auch ohne den gestischen Duktus, scheint man bei „Pink and black with wings“ einzutauchen. Kreise, Karos, spitze Dreiecke, Kammgebilde, weiße Konturlinien sind Elemente der Arbeit. Zudem entdecken die Betrachter Flammengebilde in Silber, Schwarz und Rosa. Gekrönte Häupter entdeckt man hingegen in dem Entwurf für die Hakonshallen in Bergen. Dabei hat die Königin ein mehrsprossiges Fenster statt Augen, Nase und Mund im Gesicht. Der König an der anderen Seite des Behangs scheint eine Sonnenbrille mit blauem und grünem Augenglas zu tragen. Zudem sehen wir noch Vertreter des Hofstaates und auch einen Bischof mit einer blauen „Mitra“, auf denen weiße Kreuze zu sehen sind. Stellenweise die Ansichtsebenen des Kubismus aufnehmend, gestaltete die Künstlerin „Die Musikanten“. Zu sehen ist eine vierköpfige Band mit Saxofonisten, Trompeter, Bassisten und Pianisten. Der Kopf des Bassisten ist fragmentiert. Man sieht ihn aus verschiedenen Blickwinkeln gleichzeitig. Bezüglich der Farbsetzungen muss man an Max Beckmanns „Weltentheater“ denken.

brennendesherz

Brennende hjerte (Hommage á Katti Anker Møller) / Brennendes Herz, 1980 Foto Vegard Kleven

Von der klassischen Webform gelöst hat sich die Künstlerin, als sie „Spanisches Fenster“ schuf. Inmitten von dunklen Schnurknüpfungen sieht man einen schmalen Fensterschlitz, der einer Schießscharte gleicht. Die übrigen Fensterflächen sind hinter den schwarzen „Knüpfungen“ verborgen, die als Gitter anzusehen sind. Denn sonst ist der Titel des Werks nicht zu verstehen.

 

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Drøm om det blå / Traum in Blau, 1997, Wandteppich, Nasjonalmuseet Oslo,
foto fdp2022

Farblich knüpft Synnøve Anker Aurdal bei „Porträt in Blau“ an die klassische Moderne an. Die Künstlerin begrenzt sich in der Gestaltung auf Rot und Blau, lässt aus wenigen wiederkehrenden Linien in Blau den Kopf auf rotem Hintergrund entstehen. An bunte Blumenrabatten erinnert „Mailicht“, Teil der Königlichen Sammlung. Dabei sind drei farbig gestaltete Beetsegmente zu sehen zwischen denen sich sandfarbene Strukturen befinden. Sind da nicht auch Seerosen auszumachen? Wie ein Kleid gestaltet ist „Brennendes Herz“. Rotnuancen überwiegen bei dieser Arbeit, die die klassische Form des Wandbehangs aus Textil verlässt. Ansätze des Dreidimentionalen sind durchaus vorhanden. Das gilt insbesondere in der in Grau und Rostrot gehaltene „Rüstung“. Sogar einen „Lederschutz“ fürs Gemächt kann man sehen.

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Portrait bleu / Portait in Blau, 1986 Foto Astrup Fearnley Museet

Dynamisch und dreidimensional ist auch „Copper Tapestry 3“ aus zusammengenähten Streifen von Gewebe angelegt. Dabei wechseln sich mehr- und kupferfarbene Streifen einander ab. Deutliche Auffaltungen sind durch die Art der Verarbeitung entstanden. Sind es Alleebäume in zwei Reihen, die in „Dream of the Blue“ zu sehen sind? Blattförmige Laubzonen kann man ebenso deutlich erkennen wie „Buschwerk“ am Rande des Wandbehangs. Auch einen Wasserfall hat Synnøve Anker Aurdal geschaffen. Von der Decke des Ausstellungsraums „ergießen“ sich grüne und beige „Knotenschnüre“ gen Boden.

 

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Solen / Sonne, 1968. Tangen-samlingen. Foto Vegard Kleven

„Oktobertratsch“ aus dem Jahr 1990 lehnt sich an Street Art und Comics an. Zu sehen sind vier wispernde Figuren, die Hand vor die Münder gehalten. An eine Zeit, als es nur den Commodore 64 gab und Atari als Spielkonsole das Non plus ultra war, erinnert „Tanz“, eine Arbeit aus dem Besitz des Norwegischen Nationalmuseums. Auch an die Männchen von Keith Haring muss man denken, steht man vor den beiden schwarzen Tänzern mit ihren großen Füßen. Und zu guter Letzt sollte man sich noch den Anblick der „Partybürokraten“ gönnen, eine Gesellschaft mit steifen Schlips- und Anzugträgern, die sich wohl in Small Talk üben.

© ferdinand dupuis-panther

 

Tradition is not just something old, but also something new that is constantly being created. A tradition has to be broken in order to be renewed in step with the pulse, the possibilities and the ideas of the age. (From Hjørdis Danbolt, Dikt selv. Synnøve Anker Aurdal, Grøndahl Dreyer 1991)

 

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Musikanter / Musikanten, 1958 Foto Vegard Kleven

Sammlung des Astrup Fearnley Museet

Die Sammlung konzentriert sich nicht auf bestimmte Künstler, Stilformen oder Stilrichtungen, sondern will den Blick auf ein breites künstlerisches Spektrum richten. Dabei zeigt man hier und da auch "Werkgruppen", um das Schaffen eines Künstlers in der Breite zu präsentieren. Dialog und Konfrontation ist das Prinzip der Präsentation. Dabei werden bekanntere Werke mit Neuankäufen in Bezug gestezt. Thematisch ist das nicht strukturiert, sondern lebt von der unmittelbaren Konfrontation der jeweiligen Arbeiten miteinander. Dabei liegt der Fokus auf der Kunst der Gegenwart!

 

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Installation der Sammlungspräsentation Foto Christian Øen

 

Berichterstattung folgt!

 

Info
https://www.afmuseet.no/

 

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