Unterwegs mit „Rückenwind von vorn“

Mit Fahrrädern und der MS SERENA in Nordholland

Text und Fotos: Axel Scheibe

Der Schatten tut gut und auch der frische Wind, der zum täglich Begleiter geworden ist, sorgt für einen herrlichen Frühsommernachmittag. Das frisch Gezapfte, das in den Gläsern blitzt, tut sein übriges. Nach einer langen Radtour über die Insel klingt ein weiterer Tag auf dem Drahtesel rund ums Ijsselmeer stimmungsvoll aus. Der Biergarten der Inselbrauerei auf Texel ist ein guter Platz dafür. Von hier sind es nur knappe 2 km bis zum schwimmende Hotel, das im Hafen der beliebten Ferieninsel fest gemacht hat. SERENA steht in schmucken Buchstaben am Bug des Schiffes. Es ist nicht gerade groß und auch nicht gerade neu, doch perfekt für aktive Touren von Amsterdam ins Ijsselmeer und zu den schönsten Nordseestränden der Provinz Nordholland.

Nordholland - das Schiff Serena vor Alkmaar

Vier Tage ist es her, dass in Amsterdam die 70 Passagiere mit ebenso vielen Fahrrädern zu ihrer spannende Urlaubstour gestartet sind.

Schnell sind sie heimisch geworden auf der 90 m langen MS SERENA. In den 53 gemütlichen und sehr praktisch eingerichteten Kabinen haben sie all ihre Sachen verstaut. Nach einer ersten Nacht an Bord, das Schiff fuhr von Amsterdam noch am Abend nach Hoorn , stand dem Fahrradfahren nichts mehr im Weg. Doch ehe die ersten 30 km in Richtung Enkhuizen unter die Räder genommen wurden, blieb noch etwas Zeit für das kleine Städtchen Hoorn, mit seine pittoresken Straßen, Kanälen und Ziehbrücken. Wohl nicht zu unrecht wird es von Kennern zu den reizvollsten Orten Nordhollands gezählt.

Nordholland - Windmühlen auf dem Weg nach Enkhuizen

Windmühlen auf dem Weg nach Enkhuizen

Doch dann ging es hinaus. Immer am Wasser entlang in Richtung Westen. Und wie befürchtet, an Bergen mangelt es zwar, doch der straffe „Rückenwind von vorn“ machte das allemal wett. Auch hier im flachen Land bekommt man seine Kilometer nicht geschenkt. Währen die Sonne die kleinen Wellenberge auf dem IJsselmeer in gleißendes Licht tauchte, zog die SERENA, den direkten Kurs nehmend, an den Radlern vorbei. Die hatten Zeit, genossen die Fahrt und waren letztlich schon etwas gespannt auf den ersten Höhepunkt der Reise, auf das Zuidersee Museum, einer Kombination aus Freilichtmuseum und einem nicht weniger beeindruckenden Ausstellungsbereich unterm Dach. Mit einem kleinen Schiffchen, das als Zubringer zwischen dem Hafen und dem Museum Besucher hin- und her transportiert, waren es nur wenige Minuten bis zum Ziel. Und enttäuscht wurde wohl keiner der Gäste, die sich diesen Ausflug, auch mal ohne Rad, nicht entgehen ließen. Im Enkhuizer Museum hat man ein Stück typisches Holland in konzentrierte Form zusammen gestellt. So wie es die Gäste aus nah und fern erwarten – das flache Land gegerbt von Wind und Sturm. Und so mag es bis vor wenigen Jahrzehnten wirklich noch typisch gewesen sein für die kleinen Dörfer und Städte am Ufer des IJsselmeers.

Da steht die Windmühle neben dem Räucherofen, im Tante-Emma-Laden gibt es alles, was das Herz begehrt, nicht anders im Käseladen direkt daneben. In einer historischen Bäckerei duftet es nach Brot, Überall präsentieren sich die kleinen Gassen mit ihren geduckten Häusern und verlocken zu vielen Fotos. Wie man erfährt ist es mittlerweile hundert Jahre her, dass das Zuiderzeegebiet zum letzten Mal von einer großen Sturmflut getroffen wurde. Die modernen Stauwerke vor den Küsten erfüllen heute ihren Zweck. In einer Gasse wird gezeigt, welche katastrophalen Auswirkungen dieses Hochwasser damals hatte. Für viele der Gäste, besonders aus Sachen und Bayern, waren das recht aktuelle Erinnerungen an vergangene Fluten.

Da die SERENA in dieser Nacht im Hafen blieb, nutzte mancher Passagier die Gelegenheit, nach dem Schiffsdinner noch zu einem „Absacker“ an Land aufzubrechen.

Nordholland - An der alten Kurbelfähre auf dem Rundtrip von Lemmer aus ist Armkraft gefragt. Und das reichlich.

An der alten Kurbelfähre auf dem Rundtrip von Lemmer aus ist Armkraft gefragt. Und das reichlich.

Am nächsten Morgen, schon sehr zeitig, riss das Brummen der beiden Schiffsdiesel (immerhin je 1.500 PS) so manchen Schläfer aus seinen Träumen. Quer übers „große“ Wasser in Richtung Lemmer, so der Kurs, den Kapitänin Bianca Ernst eingeschlagen hatte. Rund 2 Stunden Fahrt während der Frühstückskaffeeduft durchs Schiff zog. Zum Fotohöhepunkt der Rundtour von Lemmer aus wurde, das hatte Reiseleiterin Petra bereits bei Ihrer Toureinweisung angekündigt, die Minifähre über einen Kanal, die zur Abwechslung Armkraft und keine fitten Beine verlangte. Mit einer Kurbel an Land, bzw. dann auf der Fähre, musste jeder selbst für seine Überfahrt sorgen. Ein Spektakel, das von denen, die es geschafft hatten, mit Schmunzeln und natürlich gezückten Kameras und Handys sowie Anfeuerungsrufen begleitet wurde. Ein Spaß, der selbst noch am Abend für reichlich Gesprächsstoff an Bord sorgte.

Nordholland - Radfahren auf der Insel Texel

Entspanntes Radfahren auf Texel

Nun aber ist die SERENA auf der Insel Texel angekommen. Ein Touristenziel, das nicht nur in den Niederlanden einen guten Name hat. Die Autokennzeichen der Fahrzeuge, die die regelmäßigen Autofähren verlassen, beweisen das. Deutsche Kennzeichen dominieren. Kein Wunder, wie sich am Vormittag bei der großen Inselrundfahrt zeigte. Texel ist ein kleines Juwel. Endlose, herrliche Strände, eine Dünenlandschaft voller gemütlicher Ferienhäuschen und tolle Radwege sind charakteristisch für das Eiland ganz im Norden der Niederlande. Die Radwege waren es auch, die die 60 km rund um die Insel zu einem besonderen Fahrvergnügen machten. Polderlandschaften wechselten mit prächtigen Tulpenfeldern in allen möglichen Farben.

Nordholland - Tulpenfelder auf Texel

Tulpenfelder

Und viele hatten sich schon auf den Besuch in der kleinen Inselbrauerei gefreut. Seit rund 20 Jahren verführt sie mit ganz speziellen Bieren nicht nur Bierfans zu einem Brauereirundgang mit anschließender Verkostung. So schillernd wie die Namen der Biere, so lecker sind sie auch. Des Braumeisters Meisterstück ist das Texels Sturmbock, dem nicht nachstehend das Texels Skumkoppe und Texels Eyerlander, um nur drei zu nennen, die samtig weich durch die Kehle fließen. Und sogar für den Winter hat man vorgesorgt, Texels Noorderwiend ist ein würziges Bier für kühle Tage.

Nordholland - Ein Besuch in der Texel  Brauerei ist ein Muss für alle Inselbesucher

Ein Besuch in der Inselbrauerei ist ein Muss für alle Besucher von Texel

Ein Glück, dass die Radtaschen reichlich Platz bieten. So ist es nicht verwunderlich, das manch Sixpack mit aufs Schiff wandert, für die Lieben zu Hause natürlich.

Aber Morgen geht es wieder aufs Rad. Noch warten zwei aktive Tage auf der SERENA, der man ihre 65 Jahre weder von Außen noch im Schiffsinneren ansieht. Die Fahrt von den Helder nach Alkmaar wird sich auf über 60 km summieren. Dann wird es erstmals ins „Gebirge“ gehen, denn die malerische Tour entlang der Westküste führt durch eine Dünenlandschaft, die mit zwar kurzen aber durchaus teils bissigen Anstiegen für reichlich Abwechslung sorgen wird. Aber der Wind soll auf Nord drehen, so dass er dann wohl wirklich mal als Rückenwind in Erscheinung treten wird. Man hofft das zumindest.

Nordholland - Auf dem Käsemarkt in Alkmaar

Auf dem Käsemarkt in Alkmaar

Aber auch egal, denn in Alkmaar öffnet einer der größten Käsemärkte des Landes. Fotomotive reichlich und dazu Käsegenuss vom Feinsten. Das sollte Entschädigung genug sein, falls der Wind sein Versprechen nicht einhält. Käse gehört zu Holland ja zumindest genauso wie Tulpen. Und wer bis dahin noch umsonst nach Tulpenzwiebeln gesucht hat, der wird auf dem Käsemarkt auch dafür fündig.

Nordholland - Auf dem Käsemarkt in Alkmaar

Am Abend hat Petra, das sei im Vorfeld schon mal verraten, eine besondere Überraschung: Einen Alkmaarer Chor, der die Passagiere mit Volksliedern aus der Region begeistern wird. Ehe es dann schon bald heißt Abschied vom Schiff zu nehmen, sollten, so steht es im Programm, noch zwei weitere Höhepunkte nicht links liegen gelassen werden. Das ist zum einen das Mühlen- und Freilichtmuseum Zaanse Schans bei Wormerveer, wo man unter anderem Handwerkern über die Schulter schauen kann, die die typischen Holzschuhe fertigen. Und dann, bereits wieder in Amsterdam, noch ein kurzer Umstieg vom großen, auf ein kleineres Schiffe. Die Grachtenrundfahrt wird sich dort kaum einer entgehen lassen.

Nordholland - Impressionen aus der Altstadt von Amsterdam

Grachtenrundfahrt in Amsterdam

Informationen

Die Reise unter dem Motto „Ijsselmeer & Nordseestrände wird zwischen April und September zu verschiedenen Terminen durchgeführt. Preis pro Person in der Doppelkabine je nach Saison ab 499 Euro inkl. VP. Leihrad 70 Euro, E-Bike 165 Euro.

SE-Tours GmbH
Barkhausenstraße 29
27568 Bremerhaven
Tel.: 0471/958498-31
www.se-tours.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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