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Ausstellungen in Drachten (Deurne) / Groningen / Zwolle / Enschede

Groningen
Groninger Museum

Kleur bis 8.1.2023

Was macht Farbe! mit dir? In der Ausstellung Farbe! im Groninger Museum dreht sich alles um Bedeutung und Verwendung von Farben. Ein bunter Querschnitt durch Mode, Malerei, Fotografie, Skulptur und Keramik machen die Aufwartung: Wir zeigen facettenreiche Schätze aus der eigenen Sammlung, darunter Inez van Lamsweerde, Bruce Nauman, Marga Weimans und die Künstlergruppe De Ploeg. Einzigartige Kombinationen von Kunst- und Gebrauchsgegenständen regen zum Nachdenken an und bringen Farben zum Leben. Was machen Farben mit uns? Wirken sie anziehend oder abstoßend?

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Sui Jianguo: Made in China, 2007

An Farben und Formen geizt das Museum nicht, nicht mit einem „goldenen Turm“, einer „silbernen Rotunde“, einer „backsteinernen rostroten Bastion“, an aufgebrochener, kupferner Fassadenstruktur, an einem blauen Eingangstor, einer mit bunten Kacheln belegten Fassade. Das wundert nicht, weiß man, wer Ideengeber für das Museum war: der italienische Designer Alessandro Mendini, Schöpfer des „Banal Designs“. Doch nicht allein er war für die Gestaltung zuständig, sondern für einzelne Elemente des Baus - man kann durchaus von Pavillons sprechen – auch der italienische Designer Michele de Lucchi, Philippe Starck aus Paris und das Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au. Jeder hat dem Haus seinen Stempel aufgedrückt. Übrigens, beim Besuch der Sonderausstellung trifft man auch auf einen Ausstellungsraum, der den Entwürfen des Museums gewidmet ist. Dabei stellt man sehr rasch fest, dass das Haus aus der Vogelperspektive wie ein modernistischer Schubverband ausschaut, der im Niedrigwasser liegt.

zunge

Cornelie Tollens o.T. , 1993

Bunte Dinowelt

Gleich im Eingangsbereich wird der Besucher mit Farbe konfrontiert, trifft er doch auf die in rotes Licht getauchte Installation von François Morellet namens „Brüste, Wolken und Möwen“. Doch die aufflackernde und erlöschende Installation hat so gar nichts von Brüsten, von Wolken vielleicht und von der Silhouette von Heringsmöwen unter Umständen. Diese Installation trifft auf ein Treppenhaus mit einer Wendeltreppe, die mit bunten Mosaiksteinen bedeckt ist. Im Untergeschoss sieht der Besucher lichte Farbtöne in Orange, Blau und Grün. So eingestimmt steht er dann vor einer Ansammlung von bunten Dinos aus der „Made in China Series“ von Sui Jiangue. Dabei handelt es sich um Dinosaurier aus Kunststoff in der Größe eines Kleinkindes, die auf einer Ausstellungsinsel Aufstellung gefunden haben und ihre Mäuler mit den scharfen Zahnreihen leicht geöffnet haben. Diese Installation ist in einem linsenförmigen Raum zu finden, in dem nur die Dinos präsent sind, sonst nichts.

 

zunge

Cornelie Tollens o.T. , 1993


Florales trifft auf Kantiges

Farbig ist auch eine Glasinstallation im Untergeschoss, die die Raumhöhe ausfüllt. Es ist ein Werk des Glaskünstlers Dale Chihuly, vollendet 2018. Chihuly ist im Übrigen eine Schlüsselfigur der Studioglas-Bewegung. Sind es Blüten oder eigenwillig gestaltete Korallen? Wahrscheinlich doch eher voll entfaltete Blüten, mal in Zweier-, mal in Dreier- und mal in Vierergruppen an der Treppenhauswand platziert. Es existiert aber auch eine singuläre gelbe Blüte. Burgunderrot, Orange und Blutrot findet man als Farbgebungen der Blüten. Im Kontrast zur Transparenz des Glases steht Hans Holleins Entwurf einer „Tea & Coffee Piazza“, die eigentlich besser in die Präsentation des „Groninger Silberschatzes“ in der Dauerausstellung passt. Nun an dieser Stelle der Präsentation ist das Design mit geometrischen Formen und glänzender Außenhaut ein Antipode zu den floralen Formen von Chihuly. Der Entwurf Holleins atmet im Übrigen den Geist des Bauhauses und von Wilhelm Wagenfeld, oder?

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Karel Appel, 'Vogel', 1951


Mit Gelb fängt alles an

Ja, Gelb die Farbe der Sonnenblumen von van Gogh, aber auch vielfach bei anderen Künstlern zu finden, so bei Job Hansen, der uns eine Arbeit mit einer blauen Kuh auf einer lichtgelben Weide vorstellt. Nein, die blaue Kuh hat nichts mit Mackes Tierdarstellungen gemein, sondern ist kaum als Kuh zu identifizieren, eher flüchtig hingeworfen, Farbklecks mehr als ausgereiftes Tierporträt. Im Hintergrund sieht man rotbraune Ackerflächen. Am linken Bildrand scheinen sich Sträucher bzw. ein Brombeerdickicht ausgebreitet zu haben. Während bei Hansen die gelbe Weide sehr bildprägend ist, muss man das Gelb in der Darstellung eines Innenhofs im Winter suchen. Gemalt hat diese Straßenansicht Johan Dijkstra. In fahlem Grüngelb erscheint die Sonne am Himmel. Ansonsten überwiegt das Weiß des Schnees. Im Schatten eines Eingangs sehen wir einen in Schwarz gekleideten Mann. In Grau getaucht ist die Fassade des Hinterhauses. Zwischen Konstruktivismus und figurativer Abstraktion ist die geometrische Konstruktion von Wobbe Alkema anzusiedeln, der auch mit der Farbe Gelb arbeitet, aber auch mit Weiß, schaut man sich die figurativ-organische Form auf der linken Bildhälfte an. Mannigfache Manipulationen von Mund und Wangen hat Bruce Nauman in Siebdrucken festgehalten. Dabei sind die Drucke Ausfluss von Naumans eigenen Performances. Vor allem die Münder des Protagonisten sind es, die in Gelb schimmern und nicht in Rot. Und wo ist das Gelb geblieben, fragt man sich, vor dem skelettierten Löwen stehend. Es ist eine Gouache vor allem in Erdfarben, die von Erik Andriesse stammt. Alles Majestätische fehlt dem König der Tiere, der sich tapsig voran bewegt.

Eine die Diagonale einnehmende Banane, die überreif erscheint, schuf einst Andy Warhol und betitelte das kleinformatige Werk mit „The Velvet Underground & Nico“. Die Arbeit wurde auf Vinyl ausgeführt und der Titel verweist auf die amerikanische Rockband Velvet Underground und den deutschen Sänger Nico. Eigentlich war Otto Eerelman Tiermaler, aber in der Ausstellung sieht man von ihm ein Stillleben mit Sonnenblumen auf dunkeltonigem Hintergrund, ein inhaltlicher wie formaler Kontrast zur Pop-Art Warhols.

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Marga Weimans, 'Green Landscape Dress', 2008


Grün – Frühling und Hoffnung

Die Welt von Sonne und Smiley, von Neongelb, Dottergelb, von Senf und Curry lassen wir nachfolgend hinter uns. Grün, die Farbe des Frühlings, der Hoffnung, des Aufbruchs, steht im zweiten Ausstellungssaal im Fokus. Getreu des Motto des Groninger Museums, dass Design, Malerei, Kunstgewerbe und Skulptur gleichwertig und gleichberechtigt sind, stößt man unter anderem auf eine Bankschaukel, über deren Form ein grüner „Filzüberwurf“ mit floralen Motiven gelegt worden ist. Realisiert hat dieses „Kunstwerk“ der Produktdesigner Tord Boontje. Tragbares hat Marga Weimans mit ihrem „Green Landscape Dress“ nicht geschaffen, eher etwas Plastisches einschließlich der Darstellung von Höhenlinien auf dem grünen, bodenlangen, bauschigen Kleid, auf dem auch Blüten appliziert wurden. Fußballsocken auf einer schwarzen Leine, die vor einer tiefgrünen Hecke gespannt wurde, hat Raoul De Keyser auf der Leinwand verewigt. Dabei ist der Duktus der Arbeit sehr flächig, sich beinahe schon in den Bereich der Farbfeldmalerei begebend. Dass man auch wissenschaftliche Erkenntnisse zu den sogenannten schwarzen Löchern in Malerei transformieren kann, zeigt uns Gregory Horndeski. Dabei umschlingen grünschattierte „Schlaufen und Kreise“ die schwarzen Löcher, und der Rahmen des Gemäldes nimmt die Verschriftlichung der theoretischen Erkenntnisse auf.

Nicht bildbestimmend ist die Farbe Grün in dem Werk „Tribüne“. Da überwiegt eher Weiß in der Kleidung derer, die die Tribüne bevölkern und gespannt etwas verfolgen, was außerhalb des Bildes stattfindet. Ein Galopprennen? Ein Hunderennen von Windspielen? Ein Fußballspiel? Jeder ist mit seinen Blicken auf das Geschehen konzentriert, das wir nur erahnen können. So wundert es nicht, dass ein in Weiß gekleideter Herr, der ein Fernglas griffbereit hat, nicht auf seine Nachbarin achtet, die ihre Brüste entblößt hat. Weibliche Reize scheinen ihre Wirkung zu verfehlen.

 

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Siese Veenstra, Kleur!, 2022


In einer Art St. Petersburger Hängung wurden einige eher dem Naturalismus bzw. Impressionismus zuzurechnende Arbeiten zusammengestellt. So sehen wir unter anderem Anton Kosters „Kühe vor einem Bauernhof“ und Anton Mauves „Melkzeit“, ländliche Szenen, die als Idylle erscheinen, doch keine solche sind. Mit Sinn für Details gestaltete Theo van Hoytema „Kürbispflanzen im Gewächshaus“. Dabei wählte er helle, beinahe durchscheinende Grünnuancierungen. Spätestens jetzt wird dem Ausstellungsbesucher klar, dass weder die stilistische Ausrichtung noch die Zeit der Werkentstehung für die Auswahl eine Rolle spielen, sondern allein die Farbsetzungen.

Nur wenige Schritte von diesem „Ensemble“ von ländlichen Szenen entfernt stoßen wir auf Milan Kunc und seine surrealistische Arbeit „What a coincidence“. Doch nichts ist Zufall, sondern alles ist Konzept. Es ist Konzept, dass der Garten eigentlich kein Garten ist, sondern die Details sich in einem maskenhaften Gesicht wiederfinden: Der Brunnen ist der Mund, ein Apfel das eine Auge, ein fliegender Vogel mit Wurm im Schnabel die Augenbraue. Und die Leine, an der ein Handtuch, ein Laken und eine bunt-gestreifte Hose flattern, sind ebenfalls Teil des Gesichts.


Rosa gleich Mädchen

Rosa für Mädchen, Himmelblau für den Jungen – so wird der Nachwuchs in den ersten Monaten eingekleidet. Rosa, das hat auch etwas von Kitsch, von Trash. Als Trash und provokativ zugleich erscheint das „Heilige Huhn“ von Joost van den Toorn. Sind es Flügel oder die gespreizten rosa Beine einer Frau, die wir da sehen? Steckt da nicht ein Kreuz in ihrer Vagina, die zwischen den Beinen auszumachen ist? Ja, das tut es. Zugleich aber sieht man den Körper eines gerupften Huhns, der auf Vogelbeinen mit Krallen steht. Sich selbst betrachten kann man zwischen rosa Spiegelrahmungen dank Johanna Grawunders Arbeit „Wallhanging mirror with anti-fog light“. Wo ist eigentlich das Rosa in „Düsseldorfer Punk-Mädchen“ von Milan Kunc? Ja, hier und da getupft auf der Kleidung und in dem geometriesierten Hintergrund. Ansonsten hat das Mädchen alles, was ein Punkerherz höher schlagen lässt: eine Tolle, die nach hinten gebürstet ist, eine Sicherheitsnadel im Ohr, eine Stacheldrahtkette um den Hals gelegt und als Zugabe einen rosa Lidschatten über dem einen Auge.

 

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Bruce Nauman, 'Studies voor hologrammen', 1970


Welch ein Kontrast ist dies zum präsentierten Stillleben, in dem Nelken und gefüllte Rosen zu sehen sind. Es wurde von Simon Verelst ganz im Verständnis barocker Stillleben gemalt. Postimpressionistisch und mit Anlehnungen an den Luminismus schuf Johan Dijkstra, der Mitglied der Vereinigung De Ploeg war, das Gemälde „Paterswoldseweg“ (1928). „Gefühlte Farben“ – man betrachte den rosa schimmernden Baum im Vordergrund rechts – bestimmen das Sujet.


Als eine Art Interlude präsentiert das Groninger Museum, wie oben angedeutet, die Entwürfe zum Museumsbau, integriert in die Ausstellung und das mit Fug und Recht, wie in der obigen Einleitung ausgeführt. Zugleich verneigt man sich vor Hendrik Nicolaas Werkman und zeigt einige von dessen Arbeiten wie „Musikalische Impression“ und „Musikalische Komposition“.

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Umeda Masanori, 'Red rose chair', 1990


Rot ist auch die Farbe der Macht

Rot als Farbe der Liebe, aber auch Farbe der Macht – man denke nur an die Kardinäle in rotem Gewand – thematisiert die Ausstellung zudem. Auch hier treffen moderne Konzepte auf Porträts von Honoratioren aus dem 18. Jahrhundert. Verstörend wirkt „Cola twins (Jessica)“. Zu sehen sind zwei identisch scheinende Frauenporträts die an einer Colaflasche saugen. Ob die sexualisierte Konnotation in der Absicht der Künstlerin war? Diese C-Print ist im Übrigen Inez van Lamsweerde zu verdanken. In Rot getaucht ist auch das Rieseninsekt, das Joost van den Toorn geschaffen hat. Er vereinte dabei eine Kaktusform mit der Schnauze eines Galvans, dessen scharfe Zahnreihen zu sehen sind. Dazu gesellt sich Alegonda Maria Beckeringh-van Bolhuis, porträtiert von Johannes Antiquus. Die Dame zeigt ihren Stand durch das Tragen eines purpurnen Überwurfes. Einen samtroten Umhang finden wir auch bei dem Porträt von Gerrit Sichterman, gemalt von Cornelis Troost. Gerrit Sichterman war Offizier im Infanterieregiment Groningen-Nassau und Kommandant der Stadt Grave. Ausgestellt sind zudem eine Reihe von Rötelzeichnungen , unter anderem „Stehender weiblicher Akt“ von Jan Altink, Mitbegründer von De Ploeg.

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Anton Corbijn, 'Miles Davis', 1985


Blau mehr als nur maritim

Spätestens, wenn der Besucher mit dem Thema „Blau“ konfrontiert wird, fällt ihm auf, dass die Ausstellungsräume in gänzlich anderen Farben als die jeweils thematisierten ausgeschlagen sind. Nur schwer auszumachen ist Baselitz’ „Adler“. Erst mit einem gewissen Abstand, erkennt man im Wust der verdichteten Farblinien einen Greif in Blau. Der kongolesische Maler Samba Cheri beschäftigt sich mit „Amour Fou“. Worin besteht nun die „verrückte Liebe“? Lasziv liegt eine Meerjungfrau zwischen glitzernden Felsen am Meer. Und am Himmel scheint ein Engel mit einem Afrikaner zu kopulieren. Und warum am Himmel?

 

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Ferdi, 'Hortisculptuur', 1966


Die Tradition der marinen und maritimen Themen in der Bildenden Kunst ist auch in der aktuellen Ausstellung präsent. So zeigt man u. a. Willem van de Veldes „Eine Kaag und andere Schiffe in steifer Brise“. Schließlich widmet man sich noch den Kontrasten, wie sie sich in Schwarz vs. Weiß widerspiegeln. Hinzuweisen ist dabei auf das Porträt von Miles Davis, eine Arbeit von Anton Corbijn, und ganz in Weiß eine „Satzkastenadaptation“, die sich Jan Schoonhoven erdachte.

© ferdinand dupuis-Panther / Copyrights für die Werke bei den Künstlern bzw. deren Rechtevertretern

Info
https://www.groningermuseum.nl/

 

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