Von der Faszination einer unbekannten Kultur

Text: Ulla Ackermann
Fotos: Heimo Aga

 

Denkt man an die Mongolei, werden Bilder aus Geschichtsbüchern wach: Von marodierenden Heeren, von wilden, unzähmbaren Kriegern, von starken, einflussreichen Frauen, von einem gnadenlosen Fürsten, mit Namen Dschingis Khan, dessen Erben unsere Autorin Ulla Ackermann begegnete.

Träge erhebt sich der Tag hinter dem Ulaan Asgat Uul. Das fahlweiße Licht tastet sich durch die Schluchten der bizarr verkanteten Bergkette und setzt den Fassaden der flachen Plattenbauten von Ulaanbaatar (Ulan-Bator) schmale Streiflichter auf. Anders als sonst, erscheint die Hauptstadt der Mongolei an diesem Morgen überhaupt nicht schläfrig.

Mongolei / Stadt

Der Bäcker auf der Enkh Taifny Örgön Chölöö –„Friedensallee“ – hat schon geöffnet, der fetttriefende Geruch von frischen Pfannkuchen mit Hammelfleisch nimmt mir den Atem. Autos sausen umher, transportieren Futtersäcke für die Pferde, die in provisorischen Pferchen entlang der Trottoirs stehen. Eine Hauptstadt mit Pferden auf den Bürgersteigen? Und überhaupt: Diese merkwürdigen Namen mit ihren vielen Aas und Öös?

Drei Jahreszeiten im Schnelldurchgang

Wir sind in der Mongolei, weitab von allem Gewohnten, Bekannten. Es ist Juli, der vorletzte Monat des nur vier Monate dauernden Frühling-Sommer-Herbst. Danach wird wieder Winter sein. Und die Pferde? Die werden den Festzug zur Eröffnungszeremonie des Naadam anführen. Man schätzt, dass mehr als tausend Pferde an diesem höchsten Festtag der Mongolen teilnehmen werden, und tatsächlich sind, so weit der Blick über die Steppe vor der Stadt reicht, überall Pferde zu sehen: Takkis. Sie sind klein, ein wenig stämmiger als die Przewalskis, die berühmten Urpferde der Mongolei.

Mongolei / Pferd mit Reiter

Sie sind sanftmütig, scheinen nur aus Muskeln zu bestehen, gehen alle vier Gänge, sind unbeschlagen, und wie trittsicher sie sind, erfahre ich Tage später.

Galopp bis zum Horizont

Da bin ich schon seit einer knappen Woche im Hinti-Gebirge unterwegs. Eben haben wir ein Tal am Fuße eines Passes erreicht. Blühende Wiesen erstrecken sich über das Hochplateau, die Sonne scheint, sanfter Wind weht: „Yiieeg!“ Ohne zu zögern fallen die Pferde in einen ausgelassenen Galopp und ich schwenke meinen Hut vor Begeisterung.

Mongolei / Ritt im Gelände

Wo sonst kann man bis an den Horizont galoppieren? Ohne ihnen Hilfen geben zu müssen, setzen unsere Pferde elegant über Hecken und sehen sogar beim Springen am Boden die Eingänge der Bauten zahlreich hier vorkommender Murmeltiere. Andernorts wären diese für Pferd und Reiter Verderb – Takkis hingegen ändern selbst im Sprung ihre Richtung. Nie habe ich mich auf einem Pferd sicherer gefühlt.

Wohin mit dem Zelt?

Auch, als wir das Hochmoor erreichen. Träge, wie in Wellen, bewegt sich der Boden, um irgendwo wieder aufzubrechen. Sumpfdotterblumen und Schilf schwanken mit. Ist es nicht unmöglich, hier ein Zelt für die Nacht zu errichten? Tsoogoo lächelt. „Hagin Nuur“, sagt er und weist nach vorne. Und tatsächlich vergeht keine Viertelstunde, bis sich der dichte Wald öffnet und der „Schwarze See“ vor uns liegt. Wie kreisrunde Wolken liegen Jurten an seinem Ufer, zwischen ihnen weiden Herden von Ziegen, Pferden, Schafen, Rindern und Yaks.

Ein paar Tropfen Kymuss für die Geister

Als wir näher kommen, öffnet sich die buntbemalte Tür eines der Rundzelte und eine Frau tritt heraus. Sie trägt eine Kanne Kymuss – frisch vergorener Stutenmilch – und ein Tablett mit getrocknetem Yoghurt und Käse. Sie heißt uns also willkommen, Gäste sind in dieser Einöde rar. Vor dem Trinken schnippe ich ein paar Tropfen über die Schulter und lasse ein paar Krümel fallen: eine Gabe an die Geister. Aus der Jurte plärrt das Jingle eines Werbespots – Ruski TV ist mit dem Abendprogramm on air. Beim abendlichen Fernsehkonsum wollen wir nicht stören und verabschieden uns nach ein paar Floskeln; vor den Jurten stehen schon gepackte Kisten. Die sind untrügliche Zeichen dafür, dass die Familie ihre Habe zusammenpackt und in Kürze zu ihrem Winterquartier aufbrechen wird.

Vier Mal im Jahr auf Wanderschaft

Nahezu die Hälfte aller gut 2,3 Millionen Mongolen sind Nomaden; vier Mal im Jahr sind sie auf Wanderschaft zu besseren Weidegründen. Denn Wiesen und fruchtbares Land sind in einem Land rar, das drei Mal größer als Frankreich ist, mehrheitlich aus Steppe, aus unwirtlichen Wüsten, tiefen sibirischen Wäldern und schneebedeckten Bergrücken besteht.

Mongolei / in der Wüste

Acht Monate lang herrscht Winter im Land. Inmitten dieser rauen Natur wachsen traditionell noch immer alle Mongolen auf, denn Kinder bleiben bei den Großeltern auf dem Land, während viele junge Eltern in der Metropole des Landes einem Beruf nachgehen.

Ständig klingelt ein Handy

Die Kinder den Großeltern zu überlassen, ist auch für Gereelt, meine Begleiterin in Ulaanbataar, keine Frage. Sie ist Managerin einer Im- und Exportfirma, kann deshalb selbst beim Naadam nicht so recht abschalten. Ständig klingelt ihr Handy, wie Hunderte andere auch. Schon in den schmissig blechernen Rhythmus der Marschmusik beim Festzug hatte sich andauerndes Hightech-Gebimmel gemischt – eine bizarre Erfahrung, denn das Bild dieses Aufmarsches hätte traditioneller nicht sein können. Alle Mongolen sind in strahlendbunte Dels gekleidet. In diese langen Mäntel, die von einer breiten Schärpe zusammengehalten und die heute über Jeans, einem Anzug oder dem Kashmir–Kostüm getragen werden. Dels trägt man zu jeder Jahreszeit, so dass jeder Mongole mindestens drei besitzt: zwei mit Fellen gefütterte für den Winter, einen leichten für den Sommer. Seit Jahrhunderten ist dieses Kleidungsstück Ausdruck mongolischer Tradition, denn schon Dschingis Khan, seine Frauen, Mätressen, Krieger und Kinder trugen dieses Gewand.

Mongolei / in der Jurte

Man spricht wieder mongolisch

Lediglich zu Zeiten der russischen Okkupation, von 1911 bis knapp acht Jahrzehnte später, war der Del nicht gesellschaftsfähig, weil von den Russen als mongolisch und damit minderwertig verboten – wie alles, was der Tradition dieses einst so mächtigen Volkes entstammte. Doch kaum, dass der „Kalte Krieg“ 1990 beendet und die russischen Besatzer des Landes verwiesen waren, kehrten die Mongolen zu ihrer ursprünglichen Kultur zurück: Zur Religion des lamaistischen Buddhismus und zu den Lehren der Schamanen. Man trägt wieder Del, spricht vor allen Dingen Mongolisch und feiert Naadam.

„Naadam ist Ausdruck unserer Kultur“ ...,

... erklärt Gereelt. „Ringen, Bogenschießen und Pferderennen sind Tradition seit Dschingis Khan, und das, was der göttliche und einzige Khan uns lehrte, wird immer Bestand haben.“ Der göttliche und einzige Khan? Verblüfft schaue ich Gereelt an. Diese moderne, aufgeschlossene, drei Sprachen sprechende, in Leipzig und Bonn studierte, fein geschminkte und unter dem Del in edles Kaschmir gekleidete Frau spricht von dem 1227 verstorbenen Herrscher wie von einem Heilsbringer.

Mongolei / Zeichnung

Tatsächlich ist die Figur des Dschingis Khan zum Symbol der modernen mongolischen Identität geworden. „Durch Dschingis Khan waren wir eine der mächtigsten Nationen der Erde, unser Land reichte von China bis Polen.“ Gereelt redet sich in Rage: „Mongolen sind immer noch stark, das soll die Welt wissen!“

Wie zur Ära Dschingis Khans

Wir sind auf dem Weg vom Hauptstadion in das kleinere nebenan. Während in der großen Arena nun schon die dritte Runde des mongolischen Ringens stattfindet und Gereelt weiß, dass es unzählige Kämpfe geben wird, bis der Sieger ermittelt ist, hat in Steinwurfweite das Bogenschießen begonnen. Einige der Schützen – es sind auch Frauen darunter – schießen mit Strohpfeilen – wie zur Ära Dschingis Khans! Wer sich nicht sportlich betätigt, feiert Wiedersehen mit Bekannten und das geht nicht ohne Kumyss und Wodka. Männer in ledernen Dels nehmen die Wetten für das Pferderennen am nächsten Tag an.

Mongolei / Bogenschütze

Wodka als Lebenselexier

Pferderennen über 15 und 30 Kilometer brachten die Stimmung auf den Höhepunkt. Gewonnen haben natürlich die Pferde des Herrn Dawaachü: Dies verwundert niemanden, ist er doch der unumstritten beste Pferdezüchter der Mongolei. Seine Pferde sind optimal trainiert und gefüttert und seine Jockeys – dreizehnjährige Jungs und Mädels – hochmotiviert.

Mongolei / Pferderennen

Die abschließenden Feierlichkeiten zum Naadam-Fest habe ich früh verlassen, schließlich wollte ich sämtlichen Wodka, den ich in meinem gesamten Leben noch trinken darf, nicht an diesem einen Abend vertilgen. Und am nächsten Tag steht mir eine weite Reise bevor: Mit dem Flugzeug zunächst bis Bayakhongor und von dort auf einem Kamel in die Wüste Gobi. Der Pilot des Fliegers ist sturzbetrunken, schon morgens um sechs, doch sein Copilot macht einen ausgeruhten Eindruck. Oder ist er ein Meister im Kaschieren von Gesichtszügen? Egal, nachdem jeder Erwachsene noch ein Kind oder ein sperriges Gepäckstück auf den Schoß geladen bekommen hat, fliegen wir los, und einer der beiden Cockpithelden bringt die völlig überladene Maschine auch sanft zur Landung.

Die Seele hat sich verselbständigt

Kaum angekommen ist diese Anekdote ad acta gelegt, denn der gänzlich unkonventionelle Lifestyle á la Mongolia prägt in angenehmer Weise. So lasse ich mich auch gerne auf mongolische Traditionen ein und trage fortan Del – einen Blau-wollenen mit Lapislazuliknöpfen. Ich habe ihn mit in die Wüste genommen, denn man erzählte mir, dass die Nächte dort kühl und die Tage heiß sind. Und das trifft zu. Mit 6 Grad Celsius letzte Nacht, und jetzt zeigt das Thermometer 35 Grad an, dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Beim gemächlichen Tempo der Kamele, die nicht schneller als fünf Kilometer pro Stunde gehen, ist ein kühlender Luftzug ausgeschlossen. Doch geht es mir blendend.

Mongolei / Gruppenbild

Die Autorin, noch ohne Del und ohne Kamel

Meine Seele hat sich schon längst verselbständigt, sitzt mir fröhlich wippend auf der Schulter und flüstert sämtliche Zivilisationsverderbtheiten in mein Ohr: „Ich wette du leidest darunter, dass das Handy nicht mehr funktioniert. Es kribbelt dich, dass du seit Tagen keinen Kontakt mehr zu deiner Firma haben kannst, es nirgendwo Internetzugänge gibt und dass du den klapprigen russischen Jeep von letzter Woche nicht gegen einen fein gepolsterten Intercooler tauschen konntest. Außerdem kannst du den Geruch der ewig fetttriefenden Speisen nicht mehr ertragen, geschweige denn das Zeug essen. Dass dir die Zigaretten ausgegangen sind, stinkt dir auch, denn jetzt musst du dieses russische Kraut rauchen. Außerdem findest du deine Gesichtscreme nicht mehr, deine Haut ist wie Leder und, mal wieder zu duschen, wäre auch nicht schlecht, nicht wahr?“

Verflüchtigt in den Sandmeeren der Gobi

Ich grinse. Ja, vor einer Woche noch hätte ich mich mächtig über jeden einzelnen Punkt der Aufzählung aufgeregt, doch jetzt sind Stress und Anforderungen nur noch Begriffe von etwas, was sich in der endlosen Weite, in den Geröllfeldern und Sandmeeren der Wüste Gobi verflüchtig hat. Zeit, die eingeteilt werden muss, Zeit, die zum Lebensmuster verarbeitet wird, existiert nicht mehr. Die Mechanismen europäischer Alltage sind beim Anblick karamellfarbener Dünen und endloser Bergmassive am Horizont aufgehoben.

Mongolei / Landschaft

Was bleibt, ist Raum für Gedanken, die im hektischen Alltag der Moderne verschwunden waren. Ähnlich wie die Skelette der Dinosaurier, die der Sand von Bugiin Tsav seit Jahrtausenden verweht hatte.

Mongolei / Wüste

Nach tagelangen Ritten erblicken wir die Ebene, sie mutet in ihrer unwirklichen, graubraunen Kargheit und Weite wie eine Landebahn für außerirdische Flugobjekte an. Unermüdlich fegt feiner Sand mit der Kraft von überdimensionalen Gebläsen darüber, legt die Knochen der Dinosaurier frei – für eine Weile zumindest. Bis die nächste Düne alles wieder verschluckt. „Das ist wie mit unserer Kultur,“ sagt Gereelt. „Die Russen haben Dschingis Khan verleugnet. Doch seine Traditionen bleiben stets das Erbe aller Mongolen.“

 

Reiseinformationen

Anreise:
Direktflüge (mit einstündiger Zwischenlandung in Moskau) nur von Berlin nach Ulaan Bataar. Die Flugzeit beträgt 7 Stunden, erscheint aber länger, da die Zeitverschiebung in der Mongolei plus 7 Stunden beträgt. Beispiel: 12 Uhr in Deutschland = 19 Uhr in Ulaan Bataar.

Formalitäten:
Zur Einreise benötigt man ein Visum. Botschaft der Mongolei, Hausvogteiplatz 14, 10117 Berlin, Tel: /+49/ 30 47 48 06 0, E-Mail: berlin@mfa.gov.mn, http://berlin.embassy.mn/eng/. Man sollte etwa zehn Tage Bearbeitungszeit einplanen.

Beste Reisezeit:
Die viermonatige Frühling-Sommer-Herbstzeit dauert von Mai bis Anfang September. Der dann einsetzende und gleich bitterkalte Frost lässt keine Touren über Land mehr zu.

Gesundheit:
Es ist empfehlenswert, sich gegen Polio, Hepatitis, Tetanus und Diphterie impfen zu lassen.

Unterkunft:
Das einzig adäquate und beste Hotel in Ulaan Bataar ist das Dschingis Khan. Man sollte sich auf keine andere Unterkunft einlassen. Übernachtungen ab 90 Euro. Außerhalb der Hauptstadt gibt es keine Hotels o.ä. Man übernachtet in Jurtencamps oder in Zelten.

Unterwegs im Land:
Individualtrips sind nur Landeskennern anzuraten. Dabei ist zu beachten, dass es keine Mietwagen gibt. Gut durchdachte und bis ins Detail interessante Touren unternimmt man mit Nomads Tours and Expeditions (www.nomadstours.com),

Auskunft:
Deutsch-Mongolische Gesellschaft, Tel. 0228 620 38 94. http://mongolei.org, E-Mail: gesellschaft@mongolei.org

Reiselektüre:
Stanley Stewart: Auf den Spuren von Dschingis Khan, Frederking & Thaler.
Der Protagonist bereist die Mongolei zu Pferd und schildert seine Erlebnisse, die sowohl abenteuerlich als auch gänzlich ungewöhnlich sind, in einfühlsamer und humorvoller Art. Doch ist das eben erschienene Buch nicht allein unterhaltsam, es ist vielmehr Leitfaden in die Mentalität der Mongolen, ein Spiegel des ungewöhnlichen Landes.

Reiseführer: Mongolei, Reise Know How Verlag

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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Ein einfaches Reiseland ist die Mongolei beileibe nicht. Ihre touristische Infrastruktur steckt noch in den Kinderschuhen. Die Einrichtungen sind einfach und die stundenlangen Fahrten über hügelige Grassteppen, durch steiniges Gelände und Wüstensand zehren an den Kräften. Ungewohnt ist der eisige Wind, der über die Hochebenen fegen kann und die vom azurblauen Himmel herab brennende Sonne. Auch lässt die Weite des Landes schon dann und wann eine leichte Beklommenheit aufkommen, die sich aber wieder legt, wenn am Horizont die schneebedeckten Gipfel gewaltiger Bergmassive ins Blickfeld rücken oder das abendliche Farbenspiel über die Sanddünen der Gobi hereinbricht.

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