Das Schweigen der Löwen

Spaziergang mit zahmer Raubkatze auf Mauritius

Text und Fotos: Adrienne Friedlaender

Safari-Guide Steve Laboucherie trägt eine Khaki-Hose, grünen Fleecepulli und passendes Cappy. Leidenschaftlich gestikuliert er mit einem Holzstock: „Unbedingt bei der Gruppe bleiben und immer den Stock zwischen euch und den Löwen halten. Niemals hinhocken, denn dann wirkt ihr klein und angreifbar. Und auf gar keinen Fall weglaufen! Das könnte den Jagdreflex auslösen.“ Wir bereiten uns vor auf die Begegnung mit dem König der Tiere. Hier im waldreichen Casela Freizeitpark auf Mauritius ist sie möglich.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Aufmerksam lauschen wir den Anweisungen von Steve. Die Löwen im Park sind zwar von klein auf an Menschen gewöhnt, aber bleiben letztlich doch unberechenbare wilde Tiere, die ihrem Instinkt folgen. Und mit einem Löwen im Wald spazieren gehen, tut man schließlich nicht jeden Tag. Wir setzen unsere Sonnenbrillen ab, denn das Spiegeln der Gläser irritiert die Tiere. Auch das Tragen von Hand-, oder Fototaschen ist verboten. Die Löwen könnten darin Futter vermuten und uns bedrängen. Um die Übertragung von Krankheiten bei der Berührung mit ihnen zu vermeiden, desinfizieren wir unsere leicht zitternden Hände. Dann geht es los.

Im Westen von Mauritius zwischen den beliebten Traumstränden Tamarin und Flic en Flac liegt der Vogel- und Freizeitpark Casela. Auf seinem 14 Hektar großen Gelände gibt es 150 verschiedener Vogelarten zu bewundern, beeindruckende Riesenschildkröten, Affen und auch einen Streichelzoo. Im anderen Teil des Parks werden von Ziplining und Schluchtenklettern über Erkundungsfahrten im zweirädrigen Segway mit dem Quadbike, oder im Safarijeep durch die Savanne, verschiedene spannende Action-Touren angeboten. Ein einzigartiges Erlebnis und Nervenkitzel besonderer Art ist aber der Spaziergang und die Begegnung mit Löwen in freier Wildbahn.

Im Gänsemarsch folgen wir Steve von der Blockhütte, in der wir unsere Sachen zurückgelassen haben, durch den Busch bis in die Nähe des Gatters zum Löwengehege. Der Safari-Guide gibt uns ein Zeichen zum Warten.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Je zwei Löwen pro Tag dürfen die Gruppe begleiten. Gewählt werden nur Tiere, die freiwillig herauskommen. Kein Löwe wird zum Spaziergang mit Gästen gezwungen. Heute sitzen zwei stattliche Löwendamen dicht am Zaun und warten auf den Ausflug mit Menschen-Begleitung. Matala ist eine stattliche braune Löwin, Matata ist hell beige und sieht aus wie ein Labrador in Großformat. Steve öffnet das Tor. Anmutig spazieren die Riesenkatzen aus dem Gehege in die Freiheit und direkt auf uns zu. Zum erstem Mal im Leben begegne ich den gefährlichen Raubtieren ohne schützenden Zaun dazwischen. Einen Moment verschlägt es mir den Atem. Wie war das noch mit dem Jagdreflex? Aber die beiden Löwendamen schenken uns nur einen gelangweilten Blick und spazieren an uns vorbei.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Vorsichtshalber sind auf jedem Spaziergang außer Steve noch Trainee Anthony und zwei Wild-Guides dabei. Sie lassen die Raubtiere nicht eine Sekunde aus den Augen, beobachten aufmerksam jeden ihrer Schritte. „Wir haben ihre Körpersprache studiert und können ihre Stimmung genau erkennen“, erklärt Steve. „Sollte trotz Vorbereitung der Tiere und Gewöhnung an Menschen einmal ein Löwe gestresst wirken, fordern wir sofort über Funk Verstärkung an. Und für den Notfall haben wir Pfefferspray dabei, Waffen oder gar Stromschocker gibt es bei uns nicht.“

Das freundliche Miteinander zwischen Mensch und Löwe funktioniert nur, wenn die Wildkatzen von Klein auf an Menschen gewöhnt werden. Die meisten der 22 Raubkatzen wurden hier geboren, viele kamen als Babys in den Casela Park. Um die Tiere auf den Spaziergang mit fremden Gästen vorzubereiten, arbeiten die Guides viele Jahre mit den Raubtieren. Sieben Tage die Woche halten sich Pfleger und Trainer im Gehege auf, streicheln, spielen und füttern die Löwen. Solange, bis die Anwesenheit von Zweibeinern völlig selbstverständlich für die Tiere geworden ist. Nur Löwen unter vier Jahren dürfen auf Freigang. Ältere Tiere sind häufig zu dominant und damit zu unberechenbar für die Begegnung mit Menschen.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

„Wir wissen, dass die Löwen nicht in ihrer natürlichen Umgebung leben“, erklärt Steve. „Aber wir versuchen alles zu tun, damit sich die Tiere bei uns wohlfühlen.“ Und tatsächlich wirken die beiden jungen Löwinnen recht zufrieden. Matala räkelt sich im trockenen Savannen-Gras und streckt ihre gesprenkelten Beine in die Luft, während Matata geruhsam durch die Büsche streift. Nicht nur ihre Farbe, auch ihr Verhalten ähnelt mehr einem faulen Retriever, als einer furchterregenden Raubkatze.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Unser Spaziergang führt über schmale Sandwege durch einen Wald von Dornenbüschen, Büffelbeeren und Akazienbäumen. Es riecht nach Eukalyptus. Dieser Duft allerdings interessiert Matala wenig. Sie hat eine andere Witterung aufgenommen. Die Löwen werden gefüttert und sind satt – Gott sei Dank! Aber ein kleines Fleisch-Leckerli geht immer. Zumal, wenn es so appetitlich präsentiert wird. Einer der Guides holt ein Stück Fleisch aus der Tasche, befestigt es an einem Haken und wirft es auf eine Astgabel hoch oben im Baum. Matala beobachtet ihn aus den Augenwinkeln, springt auf und klettert in wenigen Sekunden den Baum hinauf. „Die Tiere werden nicht wie im Zirkus dressiert“, hatte Steve am Morgen erklärt, „nur an Menschen gewöhnt.“ Aber kleine Spielereien gehören eben trotzdem dazu.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Gut eine Stunde spazieren wir mit den Löwen durch den Busch. Beobachten sie beim Klettern und Spielen. Dann wird es Zeit Abschied zu nehmen, um die Tiere nicht zu stressen. Ein letztes Mal lockt ein Guide Matala mit einem kleinen Stück Fleisch. Diesmal auf einen Stein –zum Fotoshooting! Während Matala sich vor den Kameras präsentiert, legt sich Matata dekorativ ins trockene Gras. Ich wage es die Löwin zu streicheln. Dicht, fest und etwas talgig fühlt sich das glatte Fell an.

Mauritius - Spaziergang mit Löwen

Weiße Löwen wurden früher angebetet. Es hieß: „Wenn du einen weißen Löwen berührst, hast du Glück im Leben.“ Zumindest für den heutigen Tag stimmt das.

 

Informationen

Anreise Mauritius: Flüge von allen großen Flughäfen nach Mauritius/Port Louis bei frühzeitiger Buchung realistisch ab ca. 700 Euro.

Wohntipp: Beachcomber Hotels, www.beachcomer-hotels.com

Spaziergang mit Löwen: Casela Vogel- und Freizeitpark. Infos unter: Casela World of Adventures: www.caselapark.com. Der Spaziergang mit Löwen dauert etwa eine Stunde und kostet umgerechnet etwa 95 Euro

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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