Die Kurische Nehrung

Die Sahara Litauens

Text und Fotos: Brigitte Jäger-Dabek

Glaubt man der Sage, hat eine Riesin diese Landzunge geschaffen. Die Fischertochter Neringa wurde zur Riesin, trug in ihrer großen Schürze Sand heran und kippte ihn in die See. So rettete sie die Fischer vor dem tobenden Meeresgott Bangputis, die Landzunge wurde künftig ihr zu Ehren Neringa genannt.

Die geologische Herkunftserklärung ist nüchterner. Die Nehrung entstand in der letzten Eiszeit zwischen den Endmoränen. Seit gut 3000 ist sie besiedelt, zuerst von westbaltischen Prussen, den Ureinwohnern Ostpreußens und Kuren, dann von Deutschen, Litauern und kurischen Bevölkerungsresten. Fast hundert Kilometer ist dieser längste Sandstrand Europas lang und zwischen 400 und 4000 Meter breit. Die engste Stelle liegt bei Sarkau, dem heutigen Lesnoje, wo Haff und Ostsee sich schon mehrmals bei großen Sturmfluten vereinigten. Am breitesten ist sie bei Nidden gleich hinter der russisch - litauischen Grenze.

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Dort, wo sich diese einzigartige Dünenlandschaft heute erstreckt, war das Gebiet einst eine dichte Waldregion. Doch schon zu Zeiten des Deutschen Ordens und später während der Regierungszeit des Großen Kurfürsten wurde der Urwald durch umfangreiche Rodungen gelichtet. Als dann aber russische Kosaken während des Siebenjährigen Krieges massiv ganze Waldstücke abholzten, weil Holz für das russische Flottenbauprogramm gebraucht wurde, nahm das Natur-Verhängnis seinen Lauf. Da nämlich der Schutz des Waldes vor dem Wind fehlte, war der Boden seines Haltes beraubt. Die Pflanzendecke riss auf, die Erosion schritt unaufhaltsam fort und der Weststurm riss die Pflanzenschicht mit sich fort, türmte den Sand ungehindert an der Küste auf - bis daraus die heute bekannten, an die 60 m hohen Dünengebirge wurden.
Nirgends fand der feine Sand einen Halt, die Dünen wälzten sich über die Nehrung wie Lavaströme und genau wie Lavaströme verschütteten sie Ackerflächen und auch fünfzehn Dörfer. Doch für die Touristen sind es gerade diese Wanderdünen, die den Reiz dieser Landzunge ausmachen.

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Eine Dünenwanderung ist also ein Muss. Man beginnt sie am Besten von einem der offiziellen Parkplätze aus. Die Informationstafeln dort zeigen genau auf, wo man sich frei bewegen darf und wo nicht, denn die gesamte Nehrung ist Naturschutzpark, sowohl auf litauischer als auch auf russischer Seite.

Die festen Wege enden dort, wo die Wüste beginnt. Von hier an sucht man sich seinen Weg selbst durch den Sand. Auf der windabgewandten Seite ist der Aufstieg mühsam, dort ist der Sand weich und gibt bei jedem Schritt nach, rinnt abwärts wie im Stundenglas. Oben auf den Kuppen der Dünen und überall, wo der Wind ungehindert zupackt, ist die Sandfläche steinhart und quer zur Hauptwindrichtung waschbrettartig gerippt. Die Jacken knattern im heftigen Wind wie lose Segel. Er weht Sandschwaden wie Meeresgischt über den Boden, Tausende feinster Sandkörner pieken wie Nadeln im Gesicht und bald knirscht es zwischen den Zähnen.

Ganz oben auf den Dünenkämmen dann ein grandioser Blick. Nach Osten hin schimmert das Haff blaugrün in der Morgensonne, gegen Westen die aufgewühlte dunkle Ostsee mit kleinen Schaumkronen. Die Wassermassen wälzen sich auf den fast weißen Strand, toben sich aus in flaschengrüner Brandung, die sich auf dem flachen Sandstrand donnernd in weiße Gischtstrudel überschlägt und züngelnd ausläuft.

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Weiße Wolkengebirge jagen über den blitzblauen Himmel, Wolkengebilde zum Greifen nah, die atemberaubende, rasend schnelle Lichtwechsel mit sich bringend über die Dünen preschen. Der warme Sommerwind rüttelt, erprobt die Standfestigkeit, peitscht die Haut mit Sand, kein Wunder, dass sich hier oben keine Pflanze hält. Aber an jeder windabgekehrten Stelle finden sich Gräser, denn der Wind bringt ja auch Samen mit sich. In den verschwiegenen Mulden wärmt die Sonne, stundenlang kann man genießen, hört das Sirren des Sandes im Wind, hört jeden Mensch von Weitem durch das Knattern seiner Kleidung, hört manchmal sogar die Brandung weit unten als stetiges Rauschen, schmeckt das Salz des Meeres an den Lippen und den salzigen Sand im Mund.

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Man sieht die Wolken am Himmel vorüber rasen, aberwitzige Wechsel der Farbskalen mit sich bringend, die Landschaft immer wieder in ein anderes Licht tauchend jagen die dunklen Wolkenschatten über den Boden.

Zum Meer, zum Badestrand an der Ostseeküste hat man in Nidden ein ganzes Stück zu laufen, fast vier Kilometer, denn unweit von Nidden, am Bullwikscher Haken ist die breiteste Stelle der Nehrung. Erst am Leuchtturm auf dem Urbos Kalnas vorbei, recht steil bergauf und dann im ganz langen Schlag allmählich bergab bis zur Küste. Fast vom Scheitelpunkt der Höhe hört man das Rauschen des Meeres. Das war es, was Thomas Mann so sehr an der Nehrung schätzte, dass er sich hier ein Sommerhaus baute: das allgegenwärtige Meeresrauschen. Sobald er sein Haus zum Spaziergang verließ, oder mit der Pferdekutsche abgefahren war, begleitete ihn diese stetige Gleichförmigkeit.

Zwar ist der Strand in Ortsnähe bevölkert, aber das verliert sich hier auf der Nehrung mit den fast hundert Kilometern Sandstrand, dem längsten Europas. Oft herrscht hier auch im Sommer ziemlich starker Wind an der See, der auch große Sommerhitze erträglich macht. Nur das Wasser wird hier nie so sehr warm, denn eine kalte Strömung geht an der Nehrung vorbei. Hier findet man im Strandgut Bernstein, doch darf man nicht zu spät kommen, sonst entdeckt man nur noch winzige Bröckchen. Falls die Beute für den Rückweg zu Fuß zu schwer wird, kann man auch für einen Spottpreis von der Bushaltestelle an der Straße aus mit einem kleinen Sammeltaxis nach Nidden zurück fahren, oder man mietet sich gleich Fahrräder.

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Sollte man sich nicht entgehen lassen: Haffpartie auf dem Kurenkahn, dem traditionellen Fischerboot

Meist plätschert das Haff nur schlapp ans Ufer, manchmal ist es aber gar kein so niedliches Planschbecken. Viel Wind bringt auch hier einen Seegang zustande, der die Fischerboote ordentlich stampfen und rollen lässt. Bei ruhigem Wasser sollte man sich einen Segeltörn auf dem Haff mit einem alten Kurenkahn nicht entgehen lassen, nach drüben auf die andere Seite des Haffs, in die Minge oder zum Windenburger Eck.

Litauen / Kurische Nehrung 6Besonders am Abend eines sonnigen Tages, wenn der Wind eingeschlafen ist, ist so eine Haffpartie angesagt: Die untergehende Sonne taucht die große Düne in orangefarbenes Licht, bevor der Sand selbst rosa zu glühen beginnt, aber bald alles im Meer der Dunkelheit zu versinken scheint. Über dem Haff geht der Mond auf, zuerst fahl, fast noch unsicher nimmt die Kraft des Strahlens zu, je dunkler es wird. Wenn Meer und Himmel kaum noch unterscheidbar im undurchdringbaren Nachtblau eins werden, steht er ganz hell strahlend hoch droben und spiegelt sich in einem breiten silbernen Saum auf dem Haff. Blaue Stunde bevor das Nachtleben erwacht, Momente der Stille, gelassener Wohlklang, ein Bild vollkommenen Friedens. Zu dieser Stunde sitzen traditionell die Fischer auf der Bank vor dem Haus. Die Hände in den Schoß gelegt, lassen sie den Tag noch einmal passieren.

Diese fast außerirdische Schönheit hat immer wieder namhafte Künstler angezogen. E.T.A. Hoffmann ließ sein Majorat hier spielen, Thomas Mann schrieb hier Joseph und seine Brüder.Unter den Schriftstellern, die den Sommer öfter in Nidden verbrachten, war Thomas Mann sicher der Bedeutendste. Er baute sich auf dem Schwiegermutterberg ein Haus im ortsüblichen Stil, nicht viel mehr als einen Steinwurf vom Hotel Blode entfernt (Bild rechts). 1930 - 1932 verbrachte er hier die Sommer, danach sollte er es nie wieder sehen. Mann emigrierte nach Amerika und wohnte dort ähnlich - immer das Rauschen des Meeres im Ohr.

Überdies war Nidden schon vor hundert Jahren eine richtige Künstlerkolonie. Hier begannen sich Anfang des Jahrhunderts Königsberger Akademieprofessoren zuerst zur Sommerfrische einzumieten. Später folgten die Maler Bischoff, Pechstein, Schmidt-Rottluff, Corinth und Mollenhauer. Er verließ Nidden als einer der Letzten erst im Januar 1945. Dabei ging sein gesamtes Werk verloren, von den Nazis als "entartete Kunst" diffamiert und vernichtet.

Heute pflegt man Reminiszenzen an diesen Teil der Vergangenheit, und auch an die Traditionen der kurischen Bevölkerung sind wieder da. Ihr Brauchtum wird dokumentiert und gepflegt, seien es die fremdartig anmutenden hölzernen Grabtafeln, ihre spezielle Bootsbaukunst, ihre Schnitzkunst.

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Altarraum der Evangelischen Kirche am alten Niddener Fischerfriedhof in "Niddener Blau"

Manche Bräuche erscheinen uns heute allerdings etwas streng, das "Krajebieten" zum Beispiel: Die Nehrung ist Durchzugsgebiet von Krähenschwärme. Krähen gab und gibt es also zuhauf. Also jagten die Nehrungsbewohner die Vögel und töteten sie mit einem Biss, der die Schädeldecke der Vögel eindrückte. Gepökelt eingelegt galten sie als Delikatesse und waren Nahrungsreserve für den langen Winter.

Heute lebt die Bevölkerung hauptsächlich vom Fischfang. Aber auch kleine Landwirtschaften sind anzutreffen: ein paar Schweine, ein, zwei Kühe. Ihre Weiden und Felder hatten sie auf der anderen Seite des Haffs, in der heutigen Niederung.

Fahren wir weiter, die alte Poststraße entlang, auf der schon Königin Luise vor Napoleon flüchtete und kommen nach Schwarzort. Schwarzort (Juodkrante), ebenfalls ein beliebter Badeort, wirkt eine Nummer ruhiger und einfacher als Nidden, auch wird der Ort nicht von vielen Ausflugsdampfern mit Tagestouristen angefahren. Alles ist etwas beschaulicher, vielleicht sogar erholsamer.
Am alten Bernsteinhafen ist nicht mehr viel los, nur ein paar Fischerboote dümpeln am Kai, neben ein, zwei Booten für die Touristen, sowie ein Kuhrenkahn. Einiges an Pensionen und kleinen Hotels gibt es direkt im Ortskern, einige wenige größere Häuser sind geschickt im Wald versteckt. Die wunderschön restaurierten, alten Fischerhäuser und Katen werden meist als kleine Lädchen genutzt, in denen Kunstgewerbliches an Touristen verkauft wird.

Hier, wie in Nidden, sind nur wenige sozialistische Bausünden im Plattenbaustil zu finden und wenn, dann zwischen Bäumen versteckt. Grund hierfür ist sicherlich, dass die Nehrung zu sowjetischer Zeit ein geschlossenes Gebiet war, das man nur mit Sondergenehmigung betreten durfte.

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Die bekannteste Anmerkung über die Kurische Nehrung prägte Wilhelm von Humboldt: "Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie eigentlich ebenso gut als Spanien und Italien gesehen gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." 1809 lernte er die Nehrung kennen: 24 Stunden lang, einen Tag und eine mondhelle Nacht, immer am Seestrand entlang, immer mit einem Rade im Wasser.

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Wer sich die Zeit nimmt zu verweilen, wird die Nehrung mit allen seinen Sinnen in sich aufnehmen und diese Bilder, diese Farben, diesen speziellen, mit Kiefernharz gewürzten Salzgeschmack, den Geruch des sandigen Windes nie mehr vergessen.

 

Website der Autorin: https://www.das-polen-magazin.de

 

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