Moscheen, Wasserpfeifen und Backgammon

Zu Besuch in der jordanischen Hauptstadt Amman

Text und Fotos: Hilke Maunder

Kuben, nichts als Kuben und Quader, von hellbraun bis weiß, bedecken die „Jebels“, die neunzehn Hügel der Stadt. Einzig die schlanken Minarette der Moscheen unterbrechen die uniforme Helligkeit des Häusermeers, das bis an den Horizont reicht: Amman, die „Weiße Stadt“.

Jordanien Amman Araber

Sand und Steine: die Wüste in der Umgebung von Amman

Die Hauptstadt des Haschemitischen Königreichs Jordaniens spielte in der Geschichte stets in der zweiten Liga, wurde aufgebaut, zerstört, aufgegeben. So kann sie nicht mit architektonischen Meisterwerken wie Kairo oder Damaskus brillieren - ihre Architektur ist neu, entstanden in den letzten Jahrzehnten, gestaltet nach einer landesweit geltenden Auflage: Alle Fassaden müssen mit einheimischem Sandstein verkleidet werden.

Zuflucht der Palästinenser

Noch 1948 eine verschlafene Stadt am Rande der Wüste mit knapp 25.000 Einwohnern, ließ der Flüchtlingsstrom aus dem neu gegründeten Staat Israel die Einwohnerzahl der Hauptstadt binnen einen Jahres auf 1,3 Millionen schnellen. Nach dem Sechstagekrieg 1967 flüchteten noch einmal Hunderttausende Palästinenser nach Amman. In nur neun Jahren – von 1972 bis 1981 – verdoppelte sich die Stadtfläche von 21 auf 54 Quadratkilometer.

Jordanien Amman KanneWer Geld hatte, zog zum First Circle am Jebel Amman. Der Hügel im Westen der Stadt war nach dem Erdbeben 1927 zur bevorzugten Wohngegend einflussreicher Familien und Mitarbeiter des Emirats geworden - wie zum Beispiel den Eltern des verstorbenen Königs Hussein. Ihre repräsentativen Villen aus Stein, die einst die traditionellen Lehmhäuser verdrängten, gehören heute zu den besten Adressen für Büros. Wer authentisches Kunsthandwerk statt Touristenkitsch sucht, sollte die ruhige Rainbow Street mit ihren Villen der Jahrhundertwende entlang bummeln und hinter einem rosafarbenen Eckhaus ein erfolgreiches Handwerksprojekt besuchen: Im Bani-Hamida-House weben Beduinenfrauen die berühmten gleichnamigen Teppiche. Auch Kissen und andere Textilien entstehen hier nach den traditionellen Mustern der Wüstenstämme.

Die meisten Palästinenser fanden eine neue Unterkunft im Osten. Ihre Lager wurden zu Zentren des Zwischenhandelns, zur Drehscheibe für Waren aus dem Westjordanland und übrigen Arabien. Die Kapitalflucht im Gefolge des libanesischen Bürgerkrieges und des Golfkrieges bescherte der Stadt den bis heute ungebrochenen ökonomischen Aufschwung - und einen dritten Bauboom. Umliegende Orte wie Suwaylah oder Rusayfeh wurden eingemeindet, mehrspurige Schnellstraßen angelegt, moderne Stadtteile wie Shmaysani mit Banken und Bars aus dem Boden gestampft.

Angesagtes Quartier zum Amüsieren und Ausgehen ist Abdoun, ein modernes Viertel jenseits des fünften Circle mit luxuriösen Villen, Designer-Bars und edlen Restaurants. Der deutsche Architekt Cejka erbaute 1982 bis 1989 das Wahrzeichen Ammans: die König-Abdullah-Moschee. Ihre riesige hellblaue Kuppel, geschmückt mit dunkleren Ornamenten, flankiert von zwei Minaretten, bestimmt die Skyline. Zentrum von „Downtown“, der Altstadt Ammans, ist die König-Hussein-Moschee.

Im Qualm der Wasserpfeife

Jordanien Amman MarktDer schönsten Blick auf dieses Gebäude ist Männern vorbehalten: der Fensterplatz im Arab League Café gegenüber. Stundenlang hocken sie hier auf wackligen Holzstühlen an alten Tischen mit Marmorplatten, spielen Karten, Domino oder Backgammon, lesen in der regierungstreuen Zeitung “Al Arab“ oder der englischsprachigen “Jordan Times“, trinken mit Kardamom gewürzten Kaffee oder schwarzen Tee mit Minze. Am Rande des hohen Raumes stehen “Nargillahs“ in Reih und Glied. Für drei Dinar wird die Wasserpfeife vorbereitet, der Tabak mit Honig und Erdbeer- oder Apfelaroma vermengt und mit Alufolie abgebunden. Der Gast wählt geeignete glühende Kohlen, erhält ein frisches Mundstück aus Plastik und zieht kräftig, bis das Wasser brodelt und ein Wolke süßlichen Rauchs ihn umhüllt.

Nur wenige Schritte von der Moschee entfernt brummt das Leben auf den Straßen, öffnet sich zwischen zwei Garküchen eine Gasse hin zu einem Gemüsemarkt. Auberginen, so groß wie Keulen; Radieschen, so riesig wie Golfbälle, Mandarinen, Datteln und Tomaten stapeln sich auf den Holztischen - Produkte aus dem Jordantal, dem einzig fruchtbaren Streifen dieses Wüstenlandes. Weiter die zentrale König-Hussein-Straße hinauf, lädt ein antikes Duo zu Open-Air-Events. Im Odeon, inzwischen restauriert und reaktiviert, können bis zu fünfhundert Zuhörer klassische Konzerte genießen. Deutlich größer: das Römische Theater, dessen 6.000 Plätze in den Hügel hinein gemeißelt zu scheinen.

Picknick am Toten Meer

Dank der günstigen Lage der Hauptstadt sind sämtliche Sehenswürdigkeiten des Königreiches maximal fünf, häufig aber auch nur eine Fahrstunde entfernt. Besonders am Freitag - dem moslemischen „Sonntag“ - kennen die Jordanier nur ein Ziel: das Tote Meer.

Jordanien Amman Totes Meer

Erfrischung in der Wüste: am Toten Meer

Sie schweben stundenlang im seifigen, konstant um die zwanzig Grad Celsius warmen Salzwasser, hüllen ihre Haut in mineralhaltigen Seeschlamm, klappen ihre Liegen auf, holen Kühltasche und Picknickkorb heraus und genießen ungeschützt die intensive Sonne. Am tiefsten Punkt der Erde, vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel gelegen, erreicht nur noch langwelliges UV-Licht die Ausflügler - Sonnenbrand ist so gut wie ausgeschlossen.

Jordanien Amman Schwefel QuellenAktivere zieht es ins südlich gelegene Al Mujib Nature Reserve. Wandernd und schwimmend kämpfen sie sich in Kleingruppen sechs Stunden lang durch die steilen Schluchten des Wadi Mujib Canyons, kühlen sich unter einem Wasserfall und kehren auf dem Rundweg zum Toten Meer zurück.

Eine zweite Tour führt nördlich den Zarqa Mai’in River hinauf. Das Ziel: die Schwefel-Quellen von Hammamat Ma’in (Foto rechts). 109 Quellen, einige bis zu 62 Grad Celsius heiß, sprudeln über riesige Felsblöcke, bilden kleine Pools, stürzen als Wasserfälle senkrecht oder in Kaskaden die steile Schlucht hinab. In einigen Becken stehen kleine Bänke aus Stein: Kraftvoll prasseln die Fluten auf die Schultern, massieren Rücken und Nacken. Schon die Römer genossen die heilende Wirkung der Thermalquellen - heute bildet hier ein einziges Hotel den „Kurort“.

Wo Moses ins Gelobte Land schaute

Schon früh verabschiedet sich der Tag im engen Tal. Die letzten Sonnenstrahlen verwandeln die steilen Kehren der einzigen Zufahrtsstraße in ein silbernes Band, das sich den Hang hinauf schlängelt. 300 Meter höher, taucht die untergehende Sonne die sanft geschwungenen Hügel des Land Moab in warmes Gold. Wenige Minuten später erhebt sich ein Kreuz am Horizont. Die übergroße Stahlskulptur ist das weithin sichtbare Symbol des Berg Nebo. Von hier aus blickte Moses ins Gelobte Land und verstarb. Bis heute reicht der Blick bei klarem Wetter bis nach Jericho, Jerusalem und Bethlehem.

Jordanien Amman Grenzstation

"Willkommen im Königreich Jordanien"

Wer in Amman geblieben ist, wandert abends hinauf zur schönsten „Baustelle“ der Stadt: der Zitadelle. Während Archäologen auf dem Festungshügel Spuren der neolithischen, hellenistischen und der römischen Periode sichern, Bauwerke wie die byzantische Kirche oder den Herkulestempel restaurieren, locken die Besucher weniger die Steine als die Sicht. Besonders bei Sonnenuntergang zeigt sich hier Amman von seiner schönsten Seite. Höher hinauf geht es nur per Helikopter. Vom innerstädtischen Flughafen Marka startet die jordanische Fluglinie Royal Wings zu halbstündigen Hubschrauberrundflügen über Amman - Tag und Nacht.

 

Reiseinformationen

Jordanien Amman KamelfuehrerAnreise

Royal Jordanian fliegt mehrmals pro Woche von Frankfurt und München nach Amman. Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt. Die Flugdauer beträgt rund vier Stunden. Der internationale Flughafen Queen Alia Airport liegt 32 Kilometer außerhalb.

Einreise

Mindestens noch sechs Monate gültiger Reisepass mit Visum. Es wird gegen eine Gebühr am Flughafen ausgestellt.

Reiseland

Jordanien ist so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Von den 4,8 Millionen Einwohnern leben 1,8 Millionen Menschen in Amman. Das Land ist mehrheitlich muslimisch.

Information

http://de.visitjordan.com

Informationsbüro Jordanien für Deutschland, Österreich, Schweiz
Weserstraße 4
60329 Frankfurt
Telefon: 069/ 92 31 88 – 70
Fax: 069/ 92 31 88-79

Botschaft des Haschemitischen Königreichs Jordanien
Heerstrasse 201
13595 Berlin
Telefon: 030-3699600
Fax: 030-36996011
E-Mail: jordan@jordanembassy.de
http://www.jordanembassy.de

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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