Im geologischen Abenteuerland

Wandern in der Bletterbachschlucht ( Südtirol)

Text und Fotos: Manfred Lädtke

 

Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht

Wer in Südtirols Dolomiten die Wanderschuhe schnürt, hat meistens nur ein Ziel: Hoch hinaus. Vielleicht ist das der Grund, weshalb das in Europa einzigartige geologische Abenteuerland „Bletterbachschlucht“ lange übersehen wurde.

Blitzblank leuchtet der Himmel über dem Eggental. Für Hotelwirtin Carola in Eggen ist das ein vertrauter Anblick. In dem 20 Minuten von Bozen entfernten Eggental würden 300 Sonnentage im Jahr schönes Wetter geradezu garantieren. Mit 530 Kilometern Wanderrouten sowie den Steinriesen Latemar, Rosengarten und Schlern bietet die Landschaft zudem ganz großes Bergkino.

Eggental in Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht - Wegweiser

Wegweiser

Vor dem Hotel bringen Mountainbiker ihr Fahrgerät auf Vordermann, Bergsteiger sortieren ihre Rucksäcke. Derweil steigt eine Wandergruppe die Stufen zur Dorfkirche herunter, von der ein Linienbus zur Bletterbachschlucht fährt. Bald gibt das Busfenster den Blick frei auf steile grüne Hänge, an denen verstreute Bauernhöfe kleben. Dahinter über bewaldeten Höhen thront das Weißhorn. Am Westgipfel des schneeweißen 2317 Meter hohen Wolkenkratzers entspringt der Bletterbach.

Eggental in Südtirol - Wandern in der Eggentalschlucht - In der Bletterbachschlucht folgen Wanderer versteinerten Resten von Flora und Fauna sowie Spuren von Sauriern durch 280 Millionen Jahre

In der Bletterbachschlucht folgen Wanderer versteinerten Resten von Flora und Fauna sowie Spuren von Sauriern durch 280 Millionen Jahre

Im Geoparc-Besucherzentrum in Aldein wartet Alexander Bisan. Ein prüfender Blick auf das Schuhwerk - alles okay! Schutzhelm auf und ab in die Vergangenheit! 100 Meter windet sich ein Waldpfad hinunter in das Freilichtmuseum. Woow! Turmhohe Wände aus sechs unterschiedlichen Gesteinsformationen, Geröll und Felsbrocken markieren den knapp 400 Meter langen Abschnitt durch die Erdgeschichte. Seit der letzten Eiszeit vor 15 000 Jahren hat sich der insgesamt acht Kilometer lange Bach beharrlich ins Gestein gefressen und mit einer imposanten Transportleistung einen in Europa einzigartigen Mini-Canyon geformt: Geschätzte 10 Milliarden Tonnen unterschiedliches Gestein wurden von der Kraft des Wassers Schicht für Schicht abgetragen und ins Etschtal verfrachtet, zu Sand zerrieben und in die Adria befördert. Auf der Suche nach versteinerten Resten von Flora und Fauna, Meeresbewohnern und Amphibien kommen seit 2004 jedes Jahr im Durchschnitt 60 000 Besucher in den prähistorischen Zoo der Dolomiten. Davor war die Kluft nur waghalsigen Klettermaxen vorbehalten, die sich ihren Weg über alte Holzfällerpfade und Gestrüpp überwucherte Pässe suchten.

Eggental in Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht - In Stein gefräste Bilder aus Millionen von Jahren

In Stein gefräste Bilder aus Millionen von Jahren

Im Unterschied zu anderen Gebirgen seien die geologischen Schichten hier so erhalten geblieben, wie sie in Jahrmillionen abgelagert wurden, versichert Alexander. Wie im Museum des Besucherzentrums erzählen Schilder auch im Bachbett von der Geburt der Erde. Zum Beispiel von heftigen Vulkanausbrüchen, deren Glutwolken vor 280 Millionen Jahren das Gebiet von Südtirol bedeckten. Aus der abgekühlten Masse bildete sich eine 4000 Quadratkilometer große Plattform, auf deren Vulkankessel später auch Bozen gebaut wurde. Der rötlichgraue bis dunkelgraue Porphyr-Stein präge das Gesicht der Bletterbachschlucht, sagt Alexander, mahnt zu einem kräftigen Schluck aus der Wasserflasche und hebt einen silbergrauen Stein in die Sonne: „Seht her“, zeigt er auf einen Abdruck. „Das ist das zig Millionen Jahre alte Zeugnis einer Muschel aus dem tropischen Urmeer.“ Der Blick schweift über die Felswände oder sucht nach weiteren Zeitzeugen auf dem Klammgrund. Manchmal sind die Spuren einer Schnecke oder Pflanze dann wieder der Nachweis eines mit dem Tintenfisch verwandten Kopffüßlers Lohn der Ausdauer. Ein paar Schritte weiter entdecken die Scouts Fährten von verschiedenen Saurierarten, die sich hier tummelten.

Aeegental in Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht - Fossile Spuren im „Amphitheater“ der Dolomiten

Fossile Spuren im „Amphitheater“ der Dolomiten

Ist das Sandstein? Der Experte nickt. Als träge Flüsse die Gegend durchzogen, lagerten sie Tonnen von Sanden und Kieseln ab, die von kalkigen Bindemitteln zusammengehalten wurden. Der immense Druck immer neuer Ablagerungen festigte die vorhandenen Schichten und ließ das neue Gestein entstehen. Eingeschlossenes Leben hinterließ dann seine Spuren und Strukturen. An einigen Stellen wirkt der Fels selbst wie ein erstarrtes skurriles Lebewesen und schaut grimmig auf die Eindringlinge herab. Flugs richten sich Kameras auf die durch Erosion geformten Gesichter, während Kinder "Stuanmandl" (Steinmännchen) bauen. „Vorsicht Rutschgefahr! Die wackeligen Steine sind glatt“, warnt der Guide, als ein paar allzu Unbekümmerte meinen, eine Steilwand im Visier das zahme Bächlein überspringen zu können.

Nach zwei Stunden ist im sogenannten „Butterloch“ der Talschluss erreicht. Von einer Felswand poltert der Bletterbach hinab und verliert sich als Rinnsal zwischen Fels und Stein. Allerdings kann das scheinbar so harmlose Bächlein bei Unwetter zum reißenden Strom und zu einer tödlichen Falle werden. Wissenschaftler der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), die hier Gesteinsproben mit Funden vom Mars vergleichen, wissen das ebenso wie Bozens Autor Luca d´Andrea. In seinem Top Ten-Thriller „Der Tod so kalt“ macht er die Bletterbachschlucht zum Schauplatz eines alptraumhaften Melodrams und setzt der Naturschönheit ein literarisches Denkmal.

Eggental in Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht - Blick von der Talsohle ins sogenannte „Butterloch“ der Schlucht

Blick von der Talsohle ins sogenannte „Butterloch“ der Schlucht

Nach der Entdeckungstour zu den Naturoffenbarungen aus 220 Millionen Jahren geht es über eine 140 Meter hohen Treppensteig wieder hinauf zur Oberkante der Schlucht. Ein Weg, der nicht mal eben so im Hops zu nehmen ist und manch ungeübten Wanderer den Schweiß auf die Stirn treibt. Bisher führte eine 15 Meter hohe Eisenleiter zur Talstufe hinauf. Weil Wassermassen und heftige Stürme der Konstruktion immer wieder den Garaus machten, legte man schließlich regelmäßige Erneuerungen ad acta. Das instabile Gelände sowie die fortschreitende Erosion lasse keine sichere Stiege oder Brücke mehr zu, bedauert Maria Pichler vom Geoparc. Ob diese Aussage in Stein gemeißelt ist, hängt jedoch erstens auch vom Budget, zweitens von der Investitionsbereitschaft sowie drittens davon ab, ob bauliche Eingriffe in das Welterbe überhaupt zulässig sind.

Wie schön, dass Alexander nicht nur Wanderführer ist, sondern auch einen eigenen Almbetrieb auf Trab hält. Eine kurze Wanderung, die sich jeder zutrauen darf, führt durch langgestreckte Waldungen zur Petersberger Leger Alm. Hinter dem Gasthof zeichnet sich am Horizont die imposante Wallfahrtskirche des Klosters Maria Weißenstein ab. An der Hausfront auf der Wiese mit Holzbänken zieht das strahlende Weißhorn die Blicke auf sich. Fallen die schließlich doch auf die Speisekarte, mag der Eine oder Andere seinen Augen zunächst nicht trauen: Knödel, Speck, Käse, Milch oder Rindsgulasch - gibt´s nicht.

Eggental in Südtirol - Wandern in der Bletterbachschlucht - Speck und Schlachtplatte gibt es hier nicht. Die Leger Alm ist Südtirols erste und einzige Alm mit ausschließlich vegetarischer und veganer Kost

Speck und Schlachtplatte gibt es hier nicht. Die Leger Alm ist Südtirols erste und einzige Alm mit ausschließlich vegetarischer und veganer Kost

Alexanders Hütte ist Südtirols einzige Alm, auf der nur vegetarische und vegane Kost auf den Tisch kommt. Ökologisches Wirtschaften, Nachhaltigkeit und Respekt vor den Tieren sind das Credo des 44-Jährigen. Der ambitionierte Freigeist ist überzeugt: „Die Fleischproduktion in immer größeren Mengen ist ökologisch fragwürdig und widerspricht dem Grundsatz, alles Leben im Universum zu achten und zu respektieren.“ Konsequent schaut er dabei auch über den Tellerrand seiner Arbeit hinaus. Im Unterrichtsprojekt „Schule auf Alm“ lernen Kinder in freier Natur Biologie, Geologie und Ökologie zu erfahren und zu begreifen. Zum Abschied stellt Alexander Kartoffelnocken mit Wildkräuterpesto und Durstlöscher aus handgepflückter Melisse und Minze auf den Tisch. Schmeckt irgendwie nach Bergluft und der Frische von Wald und Wiese.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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