Wo der Himmel voller Geigen hängt

Zu Besuch in Cremona in der Lombardei

Text und Fotos: Ulrich Traub

Hier scheinen alle zu reden und zwar unaufhörlich – auch die, die gar keine Einkäufe machen. Man trifft sich eben und erzählt, lacht und schimpft. Markt in Italien - immer noch eine der Bühnen, auf denen das Volk der Commedia dell'arte seiner Lebensfreude freien Lauf lässt. Aber etwas ist hier anders. Wie von weither dringen plötzlich zarte Geigenmelodien an das Ohr. Doch das ist hier nichts Außergewöhnliches.

Italien - Cremona in der Lombardei - Herz der Stadt: Piazza mit Dom und Baptisterium, beide aus dem 12. Jahrhundert

Herz der Stadt: Piazza mit Dom und Baptisterium, beide aus dem 12. Jahrhundert

Was Mittenwald in Deutschland, ist Cremona in Italien. Nein, es geht nicht um die Berge, es geht um das Kunsthandwerk des Geigenbaus. Und da ist die lombardische Stadt in der Po-Ebene sozusagen der Weltmarktführer. Wer aufmerksam durch das historische Zentrum spaziert, wird – sagen wir an der dritten oder vierten Straßenecke - stutzig werden. Neben den Wegweisern zu den Sehenswürdigkeiten finden sich Hinweisschilder, die zu Werkstätten von Geigenbauern leiten. Und immer sind es andere Namen.

Italien - Cremona in der Lombardei - Die Schaufenster der Geigenbauer sorgen für mehr als nur Lokalkolorit

Die Schaufenster der Geigenbauer sorgen für mehr als nur Lokalkolorit

Ein paar Schritte weiter steht man vor einem Schaufenster, das mit Geigen dekoriert ist. Ob man da mal reingehen darf? Aber selbstverständlich. Giorgio Grisales begrüßt die Besucher in einem Reich, das wie aus der Zeit gefallen wirkt. Im Showroom, der vor seiner Werkstatt liegt, präsentiert der gebürtige Kolumbianer seine Geigen, Violas, Celli und Kontrabässe in einer Kulisse aus antikem Mobiliar. „Die Liebe zur Musik hat den Ausschlag gegeben“, blickt der Geigenbaumeister zurück, „deshalb bin ich in diese Stadt gekommen.“ Der schon eingeschlagene Berufsweg wurde spontan gestoppt. Bereut hat er es nicht.

Italien - Cremona in der Lombardei - Erbe Amatis und Stradivaris: Giorgio Grisales in seinem Showroom

Erbe Amatis und Stradivaris: Giorgio Grisales in seinem Showroom

Grisales ist einer von fast 150 Geigenbauern in Cremona und Umgebung. Hundertfünfzig? „Ja, mit Angestellten sind es sogar über 300“, informiert er. Geigenbau sei für die Stadt ein bedeutender Wirtschaftszweig – und einer mit jahrhundertelanger Tradition. Das hat im Jahr 2012 die Unesco dazu veranlasst, dem Geigenbau in Cremona den Titel eines immateriellen Weltkulturerbes zuzusprechen. „Wir sind die Erben von Stradivari und Amati“, sagt Giorgio Grisales nicht ohne Stolz. Beide Geigenbauer, deren Namen auch Musikunkundigen geläufig sind, wurden in Cremona geboren. Amati, der Ältere, begründete im 16. Jahrhundert die Handwerkstradition.

Italien - Cremona in der Lombardei - In der Tradition der alten Meister: Arbeit in der Werkstatt von Giorgio Grisales

In der Tradition der alten Meister: Arbeit in der Werkstatt von Giorgio Grisales

Im heutigen Cremona, einer Provinzhauptstadt mit rund 70.000 Einwohnern südöstlich von Mailand, ist der Geigenbau tatsächlich allgegenwärtig. Neben den vielen Werkstätten, die besonders im historischen Zentrum für mehr als nur Lokalkolorit sorgen, gibt es seit ein paar Jahren das Museo del Violino, außerdem die herausragende Sammlung historischer Streichinstrumente im Stadtmuseum und natürlich die ehrwürdige, 1938 gegründete Geigenbauschule, an der Studenten aus aller Welt lernen.

An den berühmtesten Sohn der Stadt erinnern sein Wohnhaus sowie das Stradivari-Denkmal (natürlich mit Geige) auf der nach ihm benannten Piazza. Auch Festivals, die Spezialmesse für Streichinstrumente und Geigenbauwettbewerbe untermauern Cremonas guten Ruf als Hochburg der Musik.

Italien - Cremona in der Lombardei - Berühmtester Sohn der Stadt: Antonio Stradivaris (1644-1737) Denkmal auf der nach ihm benannten Piazza

Berühmtester Sohn der Stadt: Antonio Stradivaris (1644-1737) Denkmal auf der nach ihm benannten Piazza

„Die Internationalität ist es, die ich so an dieser Stadt schätze“, lobt Giorgio Grisales. „Ich könnte nirgendwo anders leben.“ Verstehen kann man ihn, denn in Cremona, dessen Wurzeln bis zu den Römern reichen, präsentiert sich Italien, wie man es liebt: eine Piazza mit Dom, Baptisterium, Rathaus und dem Glockenturm Torrazzo, dem höchsten im Land, der gut auf die schöne Stadt aufzupassen scheint. Viele von alten Palazzi gesäumte Straßenzüge locken mit Geschäften, Bars und Restaurants - und jeder Menge Leben von früh bis spät. Cremona präsentiert sich als große Bühne, auf der Konzertproben auch schon mal auf den Straßen oder Plätzen stattfinden.

Als Kulturdestination wird die Stadt immer beliebter, dass aber die Touristen eine Geige als Souvenir erwerben, ist eher unwahrscheinlich. „Es dauert schon eine Weile, bis man herausfindet, was der Kunde genau haben möchte“, erläutert Geigenbauer Grisales. Der Kauf eines Instruments sei schließlich eine Kapitalanlage, da dürfe man nichts überstürzt entscheiden. „In einer Geige stecken rund 200 Stunden Arbeit. Dafür hält sie bei guter Pflege auch das ein oder andere Jahrhundert.“ Grisales kommt auf die legendäre „Il Cremonese“ zu sprechen, Antonio Stradivaris Geige von 1715, heute ausgestellt im Violinenmuseum. „Die könnten Sie heute noch spielen.“

Italien - Cremona in der Lombardei - Erst 2013 eröffnet: Das Museo del Violino informiert über den Geigenbau und seine wichtigsten Vertreter im früheren Kunstpalast von 1941

Erst 2013 eröffnet: Das Museo del Violino informiert über den Geigenbau und seine wichtigsten Vertreter im früheren Kunstpalast von 1941

Das Geheimnis eines guten Saiteninstrumentes sei der Handwerker selbst, äußert der passionierte Geigenbauer selbstbewusst. „Seine Leidenschaft bei der Arbeit, seine Liebe zum Material Holz – das ist das Entscheidende.“ Die Qualität, die sich in den Details zeige, verdanke sich der Symbiose mit den Meistern der Vergangenheit, fasst Grisales, der selber Geige gespielt hat, sein Credo zusammen. „Wir arbeiten strikt nach traditioneller Art und Weise.“

Wer tiefer in die Kunst des Geigenbaus einsteigen will, kann im Museo del Violino die einzelnen Arbeitsschritte nachvollziehen. Hier wird altes Handwerk mit neuesten Medien vermittelt. Denn auch in Cremona ist die Zeit nicht stehen geblieben und natürlich sind auch hier Smartphones präsenter als Geigen. Aber dass das traditionelle Handwerk in der Welt der Start-ups seinen Platz behauptet, ist aller Ehren wert.

Italien - Cremona in der Lombardei - In der Tradition der alten Meister: Arbeit in der Werkstatt von Giorgio Grisales

Arbeit in der Werkstatt von Giorgio Grisales

Wenn Giorgio Grisales durch die Stadt geht, dann wird er oft mit 'Maestro' begrüßt. Die Einheimischen scheinen zu wissen, was sie den Erben von Amati und Co. schuldig sind.

Italien - Cremona in der Lombardei - Scheint gut auf die Stadt aufzupassen: der Torrazzo neben dem Dom. Mit 111 Meter der höchste Campanile Italiens

Scheint gut auf die Stadt aufzupassen: der Torrazzo neben dem Dom. Mit 111 Meter der höchste Campanile Italiens

Informationen

Italienische Zentrale für Tourismus: 069/237434, www.enit.de, www.italia.it

Cremona Tourismus: www.turismocremona.it,
www.turismo.comune.cremona.it

Geigenbau-Links

www.museodelviolino.org
www.cremonaviolins.com

Hoteltipp

Albergo Duomo: www.hotelduomocremona.com; günstiges 3-Sterne Haus am Dom (mit eigener Trattoria)

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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