Mit dem Motorrad durch Guatemala - durch Zeit und Welt der Maya

Halleluja am Atitlánsee

Text und Fotos: Norbert Blank

Zwischen mächtigen Urwaldriesen zieht sich die Piste durch das tropische Tiefland Guatemalas. Die Rechtskurve kommt zu spät in Sicht. Einlenken mit dem Motorrad, der Beiwagen hebt ab. Jetzt hilft nur noch bremsen: Zeitlupenartig gräbt sich jeder Stollen des Vorderreifens einzeln in die Schotterpiste und mit blockierenden Rädern schiebt das Gespann über die Kante der Böschung. Das Motorrad bleibt nach einem Überschlag kopfüber in den Lianen hängen, wie durch ein Wunder stehe ich unverletzt auf.

Guatemala / Autor m. Motorrad

Der Autor Norbert Blank mit Motorrad

Ein ausgemusterter US-amerikanischer Schulbus ächzt in dem Moment um die Kurve. Er ist eines jener gelben, knatternden Ungetüme, ohne die in Guatemala das öffentliche Transportwesen zusammenbrechen würde. Als sich die Staubwolke verzogen hat, spuckt der Bus ein halbes guatemaltekisches Dorf aus. Staunen, Schulterklopfen, lachende Gesichter. Alle freuen sich, dass dem leicht benommenen "Gringo" nichts passiert ist. Dunkle, von Feldarbeit zerfurchte Hände, befestigen gut ein Dutzend Seile an Blinkern, Stoßdämpfern und Rädern. Im dritten Anlauf, als alle Anbauteile abgebrochen sind, gelingt es, das Gespann wieder auf die Piste zu wuchten. Ein erster Blick auf das Motorrad verheißt nichts Gutes: Das Vorderrad hat die Wucht des Aufpralls abgefangen, kapitaler Rahmenbruch im Steuerkopfbereich - Totalschaden. Das ist das Ende meiner Motorradreise durch die Welt der Maya, denke ich, doch ich habe noch nicht die Bekanntschaft von Meister Hernandez, dem Herrn des Schweißbrenners, gemacht.

Guatemala / Schrott

Hilfe in der Wellblech-Werkstatt

In der Nähe des Nachbarstaates Belize und in einer Gegend, in der dichter Dschungel die Piste säumt, sitze ich nach dem Unfall in dem trostlosen Städtchen Poptun fest. Was tun mit dem defektem Motorrad? Die Floskel "Mañana es otro dia" - "Morgen ist auch noch ein Tag", kann ich bald nicht mehr hören, ebenso wenig das stereotype "No hay" - "Gibt es nicht". Nach Tagen der Ungewißheit endlich Hoffnung: Der erwähnte Meister Hernandez, einzig nüchterner und arbeitswilliger Poptuns, öffnet die Pforten seiner Werkstatt, eine Art Car-Port aus Wellblech auf gestampftem Lehmboden. Mit viel Improvisation und einfachsten Hilfsmitteln gelingt es ihm, den Motorradrahmen zu reparieren. In einer Woche schweißt Hernandez alles wieder zusammen. Zufrieden meint er: "buen trabajo" - "gute Arbeit", und nimmt dafür 500 Quetztal (ca. 70 Euro) und meinen überschwänglichen Dank entgegen.

Guatemala / frisch geschweißt

Die Reise durch das zentralamerikanische Land kann nun endlich weitergehen. Wie ein Band zieht sich die Panamericana von Alaska nach Feuerland. Januar auf der Traumstraße Amerikas: Während Alaska unter der Schneelast versinkt und in Chile stürmische Winde pfeifen, trocknen im Norden Guatemalas die Tabakblätter in der Sonne. Die Barrikaden nahe der guatemaltekischen Grenze sind die gleichen wie in Mexiko, die Korruption ist schlimmer. Gerne nimmt man einige Dollars für die problemlose Passage.

Guatemala / Strasse

Schon nach wenigen Kilometern faszinieren die farbenfrohen Gewänder der Frauen, Nachkommen der Mayas. Ihre Kinder tragen sie in einem Tuch auf dem Rücken. Sie sind auf dem Weg zu einem der Wochenmärkte: zu Fuß oder mit den gelben Schulbussen, die längst keine US-Kids mehr befördern, sondern Mais- und Kartoffelsäcke, Hühner, Truthähne und so viele Menschen, wie in und auf den klapprigen Vehikeln Platz haben.

Guatemala / Kind

Der Schamane am Wegesrand

Wenn die Guatemalteken ihre Geschäfte getätigt haben, geht es zurück in die Dörfer des Hochlandes. Dort ist der Glaube an Götter und Geister noch lebendig. Ein stiller Sing-Sang ertönt aus der alten Kapelle am Wegesrand. Ein Schamane, einer der alten Priester der Maya, zelebriert vor den verkohlten Figuren der zwölf Apostel die alten Riten. Mit Heilkräutern, magischen Formeln und dem Verbrennen von Räucherstäbchen stimmt er das Schicksal gnädig. Er bittet die "Pachamama", die "Mutter Erde", um Regen, erfleht Schutz vor dem bösen Blick neidischer Nachbarn oder bringt Opfergaben für eine reiche Ernte dar.

Guatemala / Schamane

Der Boden ist fruchtbar in Guatemala. Seit Jahrhunderten bestellen die Maya ihre Felder mit Machete und Grabstock. Malerisch schmiegen sich die kleinen Parzellen an die Flanken von Vulkanen. Bananenplantagen ziehen sich in die Tiefebenen hinunter.

Guatemala / Bauer

Bauer

Nachts in der Maya-Stadt

Was ist schon eine Woche Zwangspause, wenn die Tage so beginnen wie in den Ruinen der Maya-Stadt Tikal nahe Poptun und der Grenze zu Belize. Während der Nacht ist der Wald erfüllt von den Geräuschen des Dschungels: ein Kreischen, Brüllen und Pfeifen ertönt aus der dichten und dunklen Masse. Die mächtigen Pyramiden ragen wie steinerne Zeugen der alten Kultur über die Wipfel der Bäume hinaus. Die steilen Treppen glänzen im Mondlicht, als ich mich auf der Spitze der Pyramide niederlasse.

Guatemala / Tikal

Tikal

Stunden vergehen, bis unter den glühenden Farben des Sonnenaufgangs die Weite deutlich wird: bis zum Horizont erstreckt sich das Dach des Dschungels, nur die Spitzen der höchsten Pyramiden ragen wie Mahnmahle aus der Ebene hervor.

Wo heute mächtige Wurzeln und Lianen die alten Mauern überwuchern, herrschte über Jahrhunderte eine der großen Weltkulturen. Die Maya waren fasziniert vom Lauf der Zeit und den zyklischen Bewegungen der Gestirne. Sie entwickelten einen der genauesten Kalender der Menschheitsgeschichte. Heute können über 40 % der Erwachsenen weder lesen noch schreiben. Die Hälfte ihrer Nachkommen sind arbeitslos oder unterbeschäftigt.

Zwischen Holzhütten und Internetcafés

Guatemala / Kind

Maria, die auf der Plaza vor der Kathedrale in Antigua die landestypischen bunten Decken und Jacken zum Verkauf anbietet, hat da gut Lachen. Die koloniale Stadt, eingebettet zwischen Vulkanen, ist einer der Hauptattraktionen Guatemalas für Touristen. Ihre Geschäfte mit den "Gringos" florieren und sie kann abends mit einem guten Verdienst den Heimweg in ihr Dorf antreten.

Guatemala / Marktstand

Nur wenige Kilometer, aber Welten liegen zwischen dem offenen Holzfeuer in ihrer Hütte und den schicken Internetcafés in Antigua. An die 60 Spanischsprachschulen, das immerwährende Frühlingsklima und die kulturelle Vielfalt der Stadt ziehen Rucksacktouristen wie Vergangenheitshungrige gleichermaßen an. Während der "semana santa", der Osterwoche, sind alle "hoteles" ausgebucht.

Guatemala / Osterprozession

Osterprozession

Für Maria stellen die prachtvollen Osterprozessionen und der alte Glaube an die "Pachamama" keinen Widerspruch dar. Beide Religionen sind mit ihrem Leben fest verschmolzen, wie die Lava zu Füßen des Pacaya. Maria kennt die Naturgewalten, die Mittelamerika immer wieder in Atem halten: Erdbeben, Wirbelstürme und Vulkanausbrüche. Und um keinen Preis der Welt würde sie an einem Ausflug zum Vulkan Pacaya (2500 m) teilnehmen.

Guatemala / Vulkan

Vulkan

Der Aufstieg zum Vulkan

Wegen häufiger Überfälle ist es ratsam, die zweistündige Fahrt von Antigua aus und den Aufstieg zum Vulkan in der Gruppe zu machen. Durch den Wald bis zum Kraterrand dauert das dann noch eine gute Stunde. Wenn günstiger Wind die Wolken verweht, bietet sich vom Nachbarkrater ein gewaltiger Blick auf die Lavafontänen, die sich vor der untergehenden Sonne abzeichnen. Beim letzten großen Ausbruch des Pacaya ging 1998 ein Ascheregen auf die Landeshauptstadt Guatemala City nieder.

Guatemala / Antigua

Antigua

Nur eine halbe Tagesreise weiter liegt der Atitlánsee, den Alexander von Humboldt für den schönsten See der Welt hielt. Vom Ufer aus, als der Mond über der dunstigen Wasserfläche aufgeht, sind vom gegenüberliegenden Ufer Feuerwerkskörper und Halleluja-Rufe zu hören: In Santiago de Atitlán wird Karneval gefeiert. Dabei bewerfen sich die Einheimischen mit Mehl, Konfetti und Asche. Auch ich kriege meinen Teil ab, nachdem ich mich dem Treiben in der Stadt angeschlossen habe.

Guatemala / Atitlansee

Atitlánsee

Am Morgen danach paddeln die Fischer im Holzeinbaum über den stillen See, die Frauen waschen am Ufer mit dem Waschbrett, Mädchen tragen in bunt bemalten Tonkrügen Wasser nach Hause.

Vom Atitlánsee aus winden sich schmale Straßen und Pisten durch kaum aussprechbare Orte wie Chichicastenago, Quetztaltenago und Huehuetenango. Meine müden Knochen und das verstaubte Motorrad zieht es weiter nach Montericco: den schwarzen, endlos langen Vulkanstrand an Guatemalas Pazifikküste. Im Schatten in der Hängematte verliert die Zeit endgültig ihre Bedeutung. "Wann ich denn mit dem "moto" weiterfahre?" fragen die Kinder des Ortes. "Mañana es otro dia" - "Morgen ist auch noch ein Tag" antworte ich.

Guatemala / Chichicastenago

Chichicastenago

 

Reiseinformationen

Lage: in Mittelamerika. Die Republik grenzt im Westen und Norden an Mexiko, im Nordosten an Belize, im Südwesten bzw. Südosten an El Salvador und Honduras. Das Land besitzt einen schmalen Zugang zum Atlantik und eine Pazifikküste.

Klima: An den Küsten herrscht tropisches Klima, im zentralen Hochland ein gemäßigtes Klima.

Bevölkerung: 11.8 Mio. Einwohner, davon 2.5 Mio. in der Hauptstadt Guatemala City. Bevölkerungsreichster Staat in Zentralamerika.

Sprache: spanisch, daneben 21 Maya-Sprachen (Muttersprachen für 40 bis 60 % der Bevölkerung einschließlich Zweisprachler).

Einreise: visafreier Aufenthalt bis zu 90 Tagen. Die Aufenthaltserlaubnis ist kostenfrei und kann um 30 Tage verlängert werden. Die Einreisebestimmungen können sich allerdings kurzfristig ändern.
Zur weit verbreiteten Kriminalität und gesundheitlichen Risiken siehe die Informationen des Auswärtigen Amtes: www.auswaertiges-amt.de

Weitere Informationen im Internet: www.minex.gob.gt - Außenministerium Guatemala, spanisch.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

Kurzportrait Guatemala

Guatemala ist das Land der Ladinos und Indigenos in Zentralamerika. Mayazeit, spanische Kolonialzeit und Moderne prägen Guatemala gleichermaßen. Zum Reichtum an Naturschönheiten und seinem kulturellen Reichtum kommt die Warmherzigkeit der Bevölkerung. Das ganze Land lockt mit einer Vielzahl von touristischen Attraktionen.

Guatemala

Mehr lesen ...

 

Die Maya-Stätte La Blanca

Als erste archäologische Maya-Stätte in Guatemala nahm die Unesco 1979 Tikal ins Welterbe auf. La Blanca ist zwar nicht so monumental. „Doch die Architektur ist harmonisch, kunstvoll und die Gewölbehöhen überragen selbst die von Tikal um ganze zwei Meter“, schwärmt Richter. „Absolut Weltklasse.“ Mit jeder Ausgrabung entdeckt Guatemala, noch heute das von Maya-Völkern am stärksten geprägte Land Mittelamerikas, einen Teil seiner verlorenen Identität wieder. Abgesehen vom Materialwert und handwerklicher Meisterschaft geht es bei den Funden auch um den historischen Kontext.

Tikal

Mehr lesen ...