Juwelen der Südsee

Eine Seefahrt zu den Inseln in Französisch- Polynesien

Text und Fotos: Albrecht G. Schaefer

Einst bevölkerte ein riesiger Fischschwarm den Grund des Ozeans. Da beschloss der Gott Maui, den lebendigen Meeresboden in festes Land zu verwandeln. Mit einem Auslegerboot stachen er und seine Brüder in See. Ganz weit hinaus ruderten sie, doch lange fischten sie erfolglos. Die Brüder waren schon vor Erschöpfung in tiefen Schlaf gesunken, als Maui erneut seine Leine auswarf und zu singen begann. Und nun zog er einen dicken Fisch nach dem anderen herauf. Als der mit dem Namen Tahiti auftauchte, erwachten die Brüder und riefen aufgeregt: „Maui, schau, das ist kein Fisch, es ist eine Insel!“ Die bereits erbeuteten Fische aber flüchteten, die Verwirrung ihrer Jäger ausnutzend, in alle Himmelsrichtungen über das Meer. Seither, so schließt die Legende, sind in der Weite des Ozeans die Inseln Polynesiens verstreut.

Französisch-Polynesien Auslegerkanu

Einige dieser Landkrümel sind Ziel der „Vaeanu“: die Inseln unter dem Wind. Und schon zu Beginn der Reise rollt und ächzt das betagte Schiff. Nachdem es das ruhige Fahrwasser zwischen Tahiti und der Nachbarinsel Moorea passiert hat, trifft die Dünung des offenen Meeres den Frachter etwas unsanft von der Seite. Kurz nach dem Auslaufen war die Sonne untergegangen. Jetzt versinken bereits die Lichter von Papeete, der Hauptstadt von Französisch-Polynesien achteraus am Horizont. Neben Lebensmitteln und Getränkekisten, Autos, Treibstoff und Baumaterial befördert die „Vaeanu“ im regelmäßigen Fährverkehr auch Passagiere nach Huahine, Raiatea, Tahaa und Bora Bora.

Framzösisch-Polynesien Vaeanu

Rund um die Aufbauten hinter der Brücke haben die Passagiere ihre Bastmatten ausgebreitet. Eingerahmt von mehreren Familien einschließlich Großeltern und Säuglingen mache ich es mir bequem. In einer Ecke sitzen Männer und palavern fröhlich miteinander. Aus einem Kassettenradio tönen wiegende Melodien in Maohi-Sprache, rhythmisch im Einklang mit den Bewegungen des Schiffes. Meine „Koje“ ist schnell gerichtet - Isomatte und Schlafsack müssen für die Nachtfahrt nach Bora Bora genügen. Die nötige Bettschwere hole ich mir an Deck. Mit strammem Fahrtwind und gelegentlichen Gischtspritzern um die Ohren starre ich mit großen Augen in den Sternenhimmel hinauf.

Französisch-Polynesien Badevergnügen

Als die Sonne ihre ersten Strahlen über das Meer schickt, hat die „Vaeanu“ bereits in Uturoa, dem Hauptort auf Raiatea fest gemacht. Viele Reisende gehen hier von Bord. Flink schnurren die Seeleute auf ihren Gabelstaplern auf dem Pier hin und her, löschen und sortieren die kunterbunte Ladung. Händler holen ihre Waren ab, ein Tanklaster übernimmt Benzin. Inzwischen erstrahlt im satten Tageslicht das Grün der Küstenhänge, ich freue mich schon auf die Insel, die ich in wenigen Tagen erkunden werde.

Die Erstgeborene

Französisch-Polynesien OtemanuEin paar Stunden noch müssen die verbliebenen Passagiere auf der „Vaeanu“ aushalten. Der Kapitän steuert den Frachter zunächst durch das ruhige Wasser der Lagune von Raiatea, dann schaukelt er wieder in dem Königsblau des weiten Pazifiks. Fast ununterbrochen schaue ich nach vorne. Endlich! Bora Bora wächst als markante Kulisse aus dem gleißenden Meer. Steil ragen Pahia und Otemanu (Foto rechts), die beiden knapp 700 Meter hohen Gipfel steil über der Lagune empor. Ein Wolkenring liegt wie ein Heiligenschein um die bewachsenen Felsentürme. Schöner kann uns die viel besungene Insel nicht begrüßen.

Ein paar Stunden später, nachdem ich mein Zelt in der Nähe des Matira Beach aufgeschlagen habe, tauche ich richtig ein in die Südsee – in das kristallklare Wasser der türkisfarbenen Lagune. Als großes, von Motus, Atollinselchen und den Resten des acht Millionen Jahre alten Kraterrandes geformtes Vieleck umgibt sie die berühmteste Insel des Pazifiks. Bora Bora – die Polynesier, die kein „B“ kennen, sprechen es „Pora Pora“ aus und meinen damit „die Erstgeborene“. Oder ist sie der erste Fisch gewesen, den die Götterbrüder aus der Tiefe gezogen hatten?

Ich schnuppere verzaubert am „Paradies“ und schließe mich einer Inselumrundung in einem motorisierten Auslegerboot an. Inmitten knallbunter Fische schwimme ich, füttere die scheinbar nimmersatten Riffhaie und spiele mit Stachelrochen, den lautlosen Maskottchen der Lagune. Wer sich mit Tauchgerät tiefer wagt, kann sogar deren große Verwandte bestaunen – Mantarochen, die durch die Passagen im Korallenriff vom offenen Ozean her einschweben.

Mit dem Fahrrad geht es am nächsten Tag auf der gerade mal 32 Kilometer langen Küstenstraße rund um den Vulkankern der Insel. Auf schmalem Uferstreifen zeigen hier und da schmucke Kirchen in winzigen Ortschaften an, wo die 5000 Einwohner von Bora Bora siedeln. Irgendwie leben sie alle direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr, der den Mythos vom Inselparadies auf Restaurants, Safari-Jeeps, auf T-Shirts und Mützen, auf Postkarten und Pareus, die bunten, wehenden Wickeltüchern geschrieben hat.

Französisch-Polynesien Lagune

Tempel unter weitem Himmel

Allerheiligen naht. Zum Gelingen dieses Festtages trägt alljährlich die „Vaeanu“ bei. Als ich mich für die Überfahrt nach Raiatea einschiffe, ist die Besatzung des Frachters emsig damit beschäftigt, Tonnen weißen Sandes zu verladen. Bestimmungsort ist Tahiti. Weißer Sand, mit dem die Polynesier die Gräber ihrer Verstorbenen verzieren, ist dort Mangelware und muss übers Meer herbeigeschafft werden. Auch nach der vor über 200 Jahren begonnenen und durchdringenden Missionierung durch englische Protestanten und französische Katholiken ist die Ahnenverehrung auf den Inseln ungebrochen.

Französisch-Polynesien Campingplatz

Von geheimnisvollen vorchristlichen Zeiten kündet vor allem die weitläufige Anlage von Taputapuatea, dem ehrwürdigen Tempelkomplex im Süden von Raiatea. Die nach Tahiti größte Insel des Archipels gilt als das alte Hawaiki. Legendärer Ausgangsort für die weiten Besiedlungsfahrten innerhalb des polynesischen Dreiecks, das von Hawaii über Neuseeland bis zur Osterinsel reicht.

Französisch-Polynesien Abschied am Strand

Die Götter, christliche wie polynesische, sind Raiatea und seinen Bewohnern weiterhin gnädig gestimmt. Üppig grün, dicht bewachsen ist die Insel rundherum, bis hinauf auf die Gipfel längst erloschener Krater, bis in die tief eingeschnittenen Täler. In einem von ihnen, Faa roa, schlängelt sich sogar der mit zwei Kilometern längste navigierbare Fluss Polynesiens. Niemals versiegen Wasserfälle und Quellen. Ein flacher Inselrand erlaubt intensive Landwirtschaft. Mangos, Pampelmusen, Avocados und Orangen pflanzt man in Plantagendimension an.

Französisch-Polynesien Vanille

Ideale Bedingungen findet auch das edelste aller Gewürze - Vanilla tahitiensis (Foto oben), die in großen und kleinen Pflanzungen gezüchtet wird. Und in jedem Vorgarten wachsen die Noni-Bäume, denn die Heilkraft des seit langer Zeit geschätzten Saftes ihrer Früchte ist nun weltweit in aller Munde. In der geschützten Lagune, die Raiatea und die Schwesterinsel Taha’a umschließt, stehen Dutzende von Häuschen auf Stelzen, die Werkstätten der Perlfarmer. Das Geschäft mit schwarzen Zuchtperlen trage, so sagt man, am meisten zu den Deviseneinnahmen der Inseln bei.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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