Neukaledonien

 

Neukaledonien Ile des Pins - Grotte de la Reine Hortense

Grotte de la Reine Hortense

Geradezu gespenstisch still ist es beim „bagne“ nahe der Inselhauptstadt Vao. Zu zehn hausten dort Frankreichs Deportierte in den engen, vergitterten Zellen. Wegen Überfüllung wurden die Häftlinge auch draußen in Ketten zur Nacht an ihren Kerker gefesselt. Tagsüber mussten sie in sengender Hitze Steine brechen. 1909 wurde das Gefängnis aufgegeben. Seitdem hat die Natur die Hölle im Paradies zurückerobert. Doch bedrückend ist der Besuch bis heute. Auch 240 Pariser Kommunarden starben in der Verbannung – auf dem Cimetière des Déportées der Île des Pins wurden sie bestattet.

Neukaledonien - Ile des Pins - ehemaliges Gefängnis

Ehemaliges Gefängnis

Ihre Insel als Verbannungsort? Die einheimischen Kanaken waren wenig begeistert, unterlagen aber bei den Verhandlungen mit Frankreich. Heute ist Hilanion Vendegou, als Grand Chef Oberhäuptling der 2000 Kunié in acht Stämmen, darauf bedacht, Identität und Autonomie der Kanaken zu wahren. Den Eingang zu seinem Wohnhaus zieren Wächterfiguren, wie sie auch das kanakische Kulturzentrum Tjibaou in Nouméa schmücken. Als Vorbild für seinen spektakulären Bau, der traditionelle Formen mit bahnbrechender Technologie verschmilzt, wählte Renzo Piano die traditionellen „cases“ der Kanaken. Die Rundhütten aus Holz und Palmwedeln unterscheiden sich zwar lokal in der Höhe ihrer Dächer, doch die Bauart ist stets ähnlich.

Neukaledonien - Rundhütte im kanakischen Kulturzentrum Tjibaou in Nouméa

Rundhütte im kanakischen Kulturzentrum Tjibaou in Nouméa

Der Italiener inszenierte sie als „cases modernes sur une rêve d’avenir“, moderne Rundhütten, die dem Zukunftstraum der Urbevölkerung Gestalt geben. Die Verbindung von Alt und Neu schaffen die Materialien. Das Holz steht für die Vergangenheit, der Stahl für die Zukunft und die Moderne. Geholt wurde das Holz aus Ghana, da dort Bäume ähnliche Eigenschaften wie die neukaledonischen Houp besaßen. Im Elsass wurde alles vorgefertigt, dann nach Nouméa verschifft und aufgebaut. Die höchste „case“ erhebt sich 28 Meter hoch im Kulturzentrum – und ist damit Symbol für die 28 Sprachen der Kanaken. Wie einst werden alle Ausstellungs-Hütten natürlich durch den Wind gekühlt. Hinzu kommt ein Außengelände. Ein Lehrpfad – der „Chemin Kanak – stellt mit fünf Stationen den Lebensraum und die Arbeitswelt der Kanaken, ihr Denken und Fühlen vor. Dass sie an die Wiedergeburt glauben, verrät die fünfte Station.

Neukaledonien - Noumea - Ausstellung im Kulturzentrum Tjibaou

Ausstellung im Kulturzentrum Tjibaou

Sechs Milliarden französische Franc, nicht ganz eine Milliarde Euro, spendierte Frankreich für das Kulturzentrum. Die Hauptstadt stellte kostenlos das Land auf der Tina-Halbinsel bereit. 1989, fünf Jahre nach dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, wollte der Staat Zeichen setzen. Ein „sorry“, wie Kevid Rudd es in Australien aussprach, steht noch aus. Die Geschichte wird erst langsam aufgearbeitet. In Kunst, Literatur und Musik, Foto und neuen Kunstformen. Und bei der Pflege des Kulturerbes, das reicher ist, als ein schneller Blick auf Nouméa vermuten lässt.

Neukaledonien - Kunst der Kanaken im Château Hagen

Kunst der Kanaken im Château Hagen

Ehrenamtliche der Association Témoignage d’un Passé haben seit 2009 das Erbe der Kolonialzeit restauriert und zu einer wichtigen Sehenswürdigkeit der neukaledonischen Hauptstadt gemacht. 57 Zeugnisse der Kolonialarchitektur verbindet der vier Kilometer lange Parcours du Faubourg durch den Faubourg Blanchot. Die imposante Maison Celières verwandelten die Freiwilligen in ein Literaturhaus, das auf Begegnung, Austausch und Dialog setzt. Das sind auch die Ziele des Château Hagen, das 1889-1892 im Herzen eines großen, exotischen Gartens als repräsentativer Herrensitz angelegt wurde. Heute lädt es ein, die Kultur Neukaledoniens zu entdecken. Im Programm: Ausstellungen zum Arbeitsleben von einst, das der Kaffeeanbau prägte, aktuelles Kunstschaffen der Kanaken, Konzerte und Festivals wie „Les Chemins Sonores“.

Neukaledonien - Noumea - Maison Taragnat (1858) von Pierre Canel (1822-1890)

Maison Taragnat: ältestes Haus der Hauptstadt

Hinter dem Herrenhaus versteckt sich das älteste Haus der Hauptstadt. Die Maison Taragnat (1858) von Pierre Canel (1822-1890), der als einer der ersten Kolonisten nach Neukaledonien kam, ist ein einfacher, schlichter Bau aus Feldsteinen mit kleiner Veranda und großem Dach. Damals hieß das Städtchen noch Port-de-France. Da dies immer wieder zu Verwechslungen führte mit Fort-de-France, Hauptstadt von Martinique, wurde 1866 der Name in Nouméa geändert. Seine gute Stube ist die Place des Cocotiers. Der rechteckige Stadtplatz, exakt 400 x 100 m groß, komponierte Stadtplaner Coffyn aus vier Plätzen. Er hatte die gesamte Stadt einst in 100 x 100 m großen Rasterblöcke aufgeteilt.

Neukaledonien - Noumea - Place Feillet

Einer der Plätze in Nouméa: Place Feillet

Heute ist Nouméa längst über die alte Stadt hinausgewachsen, hat Hügel und Buchten erobert – und ist doch sich treu geblieben: Täglich außer montags trifft sich „tout Nouméa“ in den Markthallen an der Baie de la Moselle. Frühmorgens um sechs gibt es dort die besten Schnäppchen, wissen die Einheimischen. Nach dem Einkauf pilgern sie zur Buvette du Marché. Ein Petit Noir, ein erster Wein: Das ist ein Muss. Und macht Neukaledonien, quer durch all seine Kulturen, durch und durch französisch.

Neukaledonien - Noumea - in den Markthallen an der Baie de la Moselle

In den Markthallen an der Baie de la Moselle

 

Informationen

Hinkommen

Neukaledoniens internationaler Carrier Aircalin bedient von Nouméa-La Tontouta (NOU) aus mit einer Airbus-Flotte elf internationale Destinationen im Pazifik: Japan (Tokio, Osaka), Australien (Sydney, Brisbane, Melbourne), Neuseeland (Auckland), Französisch-Polynesien (Papeete), Fidschi (Nadi) Vanuatu (Port Vila) und Wallis & Futuna Acht bis neun Mal pro Woche verbindet Aircalin im Codeshare mit Air France/KLM, Lufthansa und Finnair Europa mit dem Archipel.

Weiterkommen

Auto: Das Straßennetz ist überraschend gut ausgebaut. Auf der Hauptinsel Grande-Terre gibt es vier Territorialstraßen (frz. routes territoriales, RT) und „voies express“, mehrspurige Schnellstraßen. Die Straßen im Inselinnern sind meist unversiegelt.

Flieger: Vom Inlandsflughafen Nouméa-Magenta fliegt Air Calédonie (www.air-caledonie.nc) mit ATR 72-600-Propellermaschinen nach Lifou, Tiga, Maré, Île-des-Pins, Bélep sowie in den Norden von Grande-Terre. Air Loyauté (www.air-loyaute.nc) schwebt mit der DHC6-400 zu den Loyalitätsinseln.

Schiff: Die Gare Maritime ist mit mehr als 200 Ankünften im Jahr bei Kreuzfahrern sehr beliebt; http://noumeaport.nc. Auch Lifou, Maré und die Île des Pins sind Kreuzfahrtsziele.

Fähren: Von der Gare Maritime des Îles schippert Betico mit Schnellkatamaranen zur Île des Pins und den Îles Loyauté, vor allem nach Lifou, Maré und Ouvéa.

Schlafen

Auf Neukaledonien dominieren Resorts, Hotels und Motels internationaler Ketten; Boutiquehotels sind (noch) nicht vorhandeln. Hinzu kommen rund 50 Farmstay-Angebote. Noch im Aufbau der Aufenthalt bei den indigenen Einheimischen. Beim „séjour en tribus“ wird in einfachen Gemeinschaftsunterkünften übernachtet, auch die Sanitärräume werden oft geteilt, Warmwasser ist nicht Standard. Beim Camping dominieren einfache, naturnahe Plätze.

Neukaledonien - Sonnenuntergang über dem Eiland Ilôt Maître

Sonnenuntergang über dem Eiland Ilôt Maître

Schlemmen

40 Prozent der Produkte werden lokal erzeugt, der Rest kommt aus Frankreich, Australien und Neuseeland. Grundnahrungsmittel der Kanaken sind stärkehaltige Wurzeln wie Yams, Taro und Maniok, die nicht nur die Küche, sondern auch Kultur und Brauchtum prägen. An Land sind Rousette (Fledermaus) und Hirsch kulinarische Spezialitäten, aus der Lagune kommen Fische und Krustentiere wie Langusten, Krevetten und Krebsarten. Fisch oder Fleisch gleichermaßen wandern in das Traditionsgericht Le Bougna, das im Erdofen gart. Vor Ort werden Lager und Ale gebraut; Weine und Spirituosen importiert. Der Alkoholverkauf ist eingeschränkt.

Neukaledonien - Essen

 

Zur Autorin

Die Hamburger Journalistin Hilke Maunder hat sich seit drei Jahrzehnten auf Australien und Frankreich spezialisiert und bloggt auch aus beiden Ländern (www.meinfrankreich.com, www.reiseschreibe.de). Völlig fasziniert erlebte sie, wie beide Länder auf Neukaledonien ihre Spuren hinterlassen haben – und entdeckte eine lebendige kanakische Kultur, die bislang noch authentisch und kaum kommerzialisiert ist.

 

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