Martinique

Frankreich ganz karibisch

Text und Fotos: Hilke Maunder

 

Martinique - Blüten

Türkisblaue Karibikstrände, tropische Blütenträume und feinster Rum: Auch das ist Europa. Denn Martinique gehört als kleinstes Eiland der Antilles Françaises zur EU. Fast alles ist für die Franzosen so vertraut wie daheim: die Sprache, das Recht, das Baguette. Für farbenfrohe Exotik sorgt die Flora, für ohrenbetäubende Nachtkonzerte ein pfeifender Frosch.

Martinique - Clement Destillerie

Clement Destillerie

Der 21 cm große, fast 700 g schwere Antillen-Ochsenfrosch schafft bis zu 90 Dezibel und ist damit lauter als ein Presslufthammer. Doch schlimmer sind die nur 2,5 Zentimeter großen Pfeiffrösche, die schwer zu sehen, aber unüberhörbar sind. Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnen die „gounouy“ ihr abendliches Konzert. Nicht nur für Minuten, sondern bis zum Morgengrauen. Was so manchen Hotelgast zu Oropax greifen lässt, vermissen die Martiniquaises auf ihren Reisen schmerzlich. „Ist es draußen ruhig, kann ich nicht schlafen“, sagt Veronika Kuster Kudrna (50), die vor mehr als 20 Jahren der Schweiz den Rücken kehrte und seitdem als Reiseleiterin den Zauber der Insel erklärt. Sie verrät, was den Minihüpfer so einzigartig macht: Er entwickelt sich nicht aus einer Kaulquappe, sondern schlüpft voll ausgebildet aus dem Ei.

 

Das Blumenmeer des Urwalds

Martinique - Rosa Porzellanrosen in den Urwäldern der Montagne Pelée

Rosa Porzellanrosen

Das 30 x 80 km große Karibik-Eiland, das wie die große Schwester Guadeloupe als „pays d’outre-mer“ administrativ zu Frankreich gehört, zeigt sich besonders in den Urwäldern der Montagne Pelée als tropisch-exotisches Naturjuwel. Zwischen Vorhängen der Würgefeigen, Baumfarne und bis zu vier Meter hohen Weihnachtsterne leuchten große Bromelien und kleine Orchideen auf Baumveteranen, die sich hoch in den Himmel recken. Dornen haken an Hosen, Ranken lassen meine Füße straucheln. Überall gluckert es, der Boden dampft. Näher zur Küste begleiten Gummibäume in Übergröße, purpurfarbener Ingwer, lila leuchtende Bougainvillea und rote Flammenbäume den Saumpfad im Hinterland von Grande-Rivière. „Île aux fleurs“, Blumeninsel, nennen die Einheimischen ihre Insel, und hier trügt der werbeträchtige Name nicht. Was auf Martinique wie Unkraut wächst, macht jede Blumenboutique neidisch: rosa Porzellanrosen, knallrotes Blumenrohr, orangegelbe Hummerscheren und Papageienschnabel – ist die Fauna eher karg, präsentiert sich die Flora äußerst üppig. Und verführerisch.

Martinique - Château Dubuc auf der Caravelle-Halbinsel

Ruinen des Château Dubuc

Besonders neben den Ruinen des Château Dubuc auf der Caravelle-Halbinsel, wo dicht an dicht Mangos an uralten Bäumen baumeln. Und kleine, runde Früchte, die köstlich duften. Lecker, denke ich, und will zugreifen. „Nein!“ ruft Thomas Alexandrine (31) entsetzt, der als Ranger und Umweltpolizist seit vier Jahren im Naturschutzgebiet arbeitet, und packt energisch meinen Arm. „Das ist der Apfel des Todes!“ Bereits Regen, die von seinen Blättern tropft, sorgt für Blasen und Verätzungen auf der Haut. Kommt Rauch beim Verbrennen in die Augen, erblindet man. Und wer die Frucht kostet, erleidet binnen Minuten einen qualvollen Tod. Der Manzanillo, auch Manichelbaum genannt, gehört zu den giftigsten Wolfsmilchgewächsen der Welt.

Martinique - Manzanillo, auch Manichelbaum genannt

Manzanillo (Manichelbaum)

Mit bis zu vier Zentimeter hohen, spitzen Stacheln ist der „Fromager“-Baum übersät. 40 m hoch erhebt er sich im Landschaftspark der Habitation Clément, die als Stiftung heute das Kunstschaffen der Kreolen fördert. „Blood“ hat Thierry Alet karmesinrot in 2,50 m hohen Lettern die Geschichte des Baumes kommentiert. Wer versuchte, von der Plantage zu fliehen, den Aufseher verärgert oder heimlich lesen und schreiben gelernt hatte, wurde am Stamm festgezurrt. Langsam drang das Gift der Dornen hinein – ein qualvoller, langsamer Tod. Bis zu 60.000 Sklaven schufteten einst auf den Zuckerrohrfeldern der Insel.

Martinique - Fromager-Baum

„Fromager“-Baum mit seinen Stacheln

Als 1794 die Einfuhr von Sklaven abgeschafft werden sollte, protestierte eine Einheimische, der es gelungen war, erste Gattin Napoleon Bonapartes und Kaiserin von Frankreich zu werden: Joséphine de Tascher de la Pagerie. Bis heute ist die Luxus liebende Tochter eines Plantagenbesitzers, die als 36-jährige Witwe einen zehn Jahre jüngeren, Erfolg versprechenden General aus Korsika heirate, auf ihrer Heimatinsel unbeliebt. 1985 wurde ihr Denkmal am Savannenplatz der Hauptstadt geköpft. Erst 1848 endete die Sklaverei auf Martinique. Vor allem dank des Einsatzes des Elsässers Victor Schoelchers, der als Abgeordneter der Nationalversammlung am 27. April 1848 das „décret d’abolition de l’esclavage“ initiierte. Die Plantagen – auf Martinique „Habitation“ genannt – holten als billige Arbeitskräfte nun Inder für die Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern. Rohrzucker produziert heute nur noch die dampfende, fauchende Moulin à Canne von Galion in La Trinité.

 

Nationalgetränk Rum

Martinique - Aurelie Bapté von der Rhumerie J.M.

Aurelie Bapté

Zwölf Destillerien brennen aus dem Saft der fünf Meter hohen Gräser feinsten „rhum agricole“ in 15 Sorten. „Für ihn wird ausschließlich der frische Zuckerrohrsaft fermentiert und gebrannt“, sagt Aurelie Bapté (30) von der Rhumerie J.M. „und nicht, wie bei der industriellen Produktion, die Melasse, sprich, der Sirup.“ Sichtlich stolz fügt sie hinzu: „Daher trägt der „rhum agricole“ aus Martinique als einziger der Welt auch als Qualitätsmerkmal das AOC-Siegel!“ Vier Sorten Zuckerrohr werden für den „landwirtschaftlichen Rum“ so lange durch Walzen und Pressen geschickt, bis der letzte Tropfen Saft herausgequetscht ist. Die getrockneten Fasern befeuern als „bagasse“ die Öfen, aus denen der Rum hochprozentig tropft: mit 72%. Versetzt mit Quellwasser, kommt er weiß und klar mit 50-55 % in die Flasche. Oder ins Bourbon-Fass, wo er jahrelang reift, von bernsteinfarben zu tiefbraun changiert, die typischen Vanille-Noten annimmt und dabei langsam Alkohol verliert – ein zehn Jahre alter Rum „hors age“ hat nur noch 44 Umdrehungen. In den Ti Punch, der auf Martinique als „Decollage“ zum Start in den Tag bereits vor dem Frühstück genossen wird, kommt indes nur weißer Rum: 55% stark, garniert mit zerstoßener Limette und einem Teelöffel Rohrzucker. „Nur Weichlinge trinken ihn mit Eis“ sagt mein Nachbar am Degustationstresen. Der Bananenbauer nippt nicht beim Verkosten, sondern leert jedes Probierglas bis auf den letzten Tropfen. Dann setzt sich ans Steuer und brettert mit seinem verbeulten Jeep zurück zu den zu den Cavendish-Stauden, über deren Fruchtstände er blaue Säcke stülpt. „Das hält die Parasiten ab, mildert das Sonnenlicht und sorgt für gleichmäßige Temperaturen – die Bananen reifen so besser!“

 

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